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  • 05.03.2016, 11:44h           3      Teilen:   |

"Die Kunst der Bestimmung"

Eine queere Liebe im 17. Jahrhundert

Artikelbild
Die Schriftstellerin Christine Wunnicke, Jahrgang 1966, lebt in München. Ihr Roman "Der Fuchs und Dr. Shimamura" kam 2015 auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. (Bild: privat)

Neu als E-Book aufgelegt: Christine Wunnickes Roman "Die Kunst der Bestimmung" erzählt von der Beziehung eines ordnungsliebenden Professors zu einem äußerst exzentrischen Gentleman.

Von Carsten Moll

London im Jahre 1678: Die ehrenwerten Gentlemen der Royal Society fürchten um ihren Ruf, denn die nationale Gelehrtengesellschaft zur Wissenschaftspflege befindet sich in keiner guten Verfassung.

Es mangelt nicht nur an Geld und Platz, auch der ganze Stolz der Society, die naturwissenschaftliche Sammlung, bietet bloß noch ein bizarres Kuriositätenkabinett aus Gallensteinen, angenagten Bärenhoden sowie in Terpentin eingelegten Totgeburten. Ein ausländischer Kollege, Professor Simon Chrysander von der Universität Uppsala, soll dem akademischen Chaos schließlich ein Ende bereiten und die Sammlung auf Vordermann bringen.

Chrysander, dessen ausgeprägter Ordnungssinn weit über die Grenzen Schwedens bekannt ist, stellt sich dieser Aufgabe in erster Linie, um dem strengen Protestantismus seiner Heimat zu entkommen. Dass der Wissenschaftler, der jedes Ding, das ihm begegnet, penibel kategorisiert und am liebsten die ganze Welt auf eine Formel bringen möchte, bei seinen Forschungen den lieben Gott vollkommen außen vor lässt, ist in Uppsala nämlich so manchem ein Dorn im Auge. Statt dem Schöpfer huldigt der sonst eher nüchterne Chrysander einzig und allein einem mysteriösen grauen Moos, das er im Norden Lapplands entdeckt und in aller Bescheidenheit nach sich selbst benannt hat.

Und so begibt sich der Professor gemeinsam mit seinem schweigsamen Gehilfen, dem jungen Samen Kauppi, sowie etwas von dem bedürfnislosen Chrysandria-Moos in die englische Hauptstadt. Bald nach seiner Ankunft trifft er dort allerdings auf ein Wesen, das sich nicht so leicht bestimmen lässt und Chrysanders gesamte Welt auf den Kopf stellen soll: Lucius George Elkanah Lawes, Earl of Fearnall, ist ein Mann, der seine Rollen und Kostüme mitunter im Minutentakt wechselt.

Mal tritt er als verschrobener Chemiker in Erscheinung, dann wiederum als holländischer Seemann oder armer Bauernjunge. In Gestalt der Prostituierten Lucy trifft der Earl of Fearnall schließlich auf den schwedischen Gelehrten Chrysander – und kann von diesem Augenblick an nicht mehr von ihm lassen.

Fortsetzung nach Anzeige


Skurriler Humor und lakonische Prosa

Männerschwarm hat den bereits im Jahr 2003 in gedruckter Form publizierten Roman "Die Kunst der Bestimmung" erstmals als E-Book veröffentlicht
Männerschwarm hat den bereits im Jahr 2003 in gedruckter Form publizierten Roman "Die Kunst der Bestimmung" erstmals als E-Book veröffentlicht

Nachdem Christine Wunnicke im letzten Jahr mit "Der Fuchs und Dr. Shimamura" Kritik und Leser gleichermaßen begeistern konnte, bietet der Männerschwarm-Verlag nun die Möglichkeit, ihren erstmals 2003 publizierten Roman "Die Kunst der Bestimmung" als E-Book neu- bzw- wiederzuentdecken. Und dass sich die Lektüre lohnt, beweist die Münchener Schriftstellerin bereits mit dem ersten Kapitel eindrucksvoll.

Präzise, ohne in Pedanterie zu verfallen, erweckt die Autorin hier das London des Barocks zum Leben und lässt ihre Leser an einer Versammlung der Royal Society teilhaben. Mehr als ein halbes Dutzend eigenwilliger Figuren kommt dabei in geschliffenen Dialogen zu Wort: Die Gelehrten streiten leidenschaftlich über Aalschleim, füllen die eigenen Wissenslücken mit Aberglauben und Esoterik und demonstrieren zugleich Wunnickes Sinn für skurrilen Humor.

Der Eindruck, es mit einem typischen Historienroman zu tun zu haben, verfliegt schnell, zu kunstvoll ist die Sprache, zu pointiert das Geschehen. Anders als so manche Kollegen walzt Wunnicke ihren historischen Stoff nämlich nicht stumpf ins Epische aus und vermeidet es zudem, ihr gesammeltes Wissen selbstgefällig vor sich herzutreiben. Die recherchierten Fakten dienen immer der Fiktion und bilden lediglich ein Fundament, von dem aus Wunnickes lakonische Prosa zu ganz anderen literarischen Gefilden als denen des stereotypen Genreromans aufbricht.

Bisweilen schrill, aber stets aufrichtig

Überhaupt entpuppt sich "Die Kunst der Bestimmung" im weiteren Verlauf als viel mehr als bloß ein besserer Historienschinken und erweist sich stilistisch als breit gefächert. Die Annäherung der beiden gegensätzlichen, auf ihre Weise exzentrischen Hauptfiguren etwa ähnelt der überdrehten Dynamik einer Screwball-Komödie, während der Roman in der zweiten Hälfte schließlich zur Ruhe kommt: Geistergeschichten, Märchen und nordische Mythen bilden hier einen melancholischen Resonanzraum für das Gefühlschaos der Protagonisten.

"Die Kunst der Bestimmung" lässt so allerlei Genres anklingen und tönt dabei doch immer auf seine eigene, bisweilen schrille Weise. Von den zahlreichen wissenschaftlichen Fachbegriffen, lateinischen Phrasen und historischen Anspielungen sollte man sich als Leser keinesfalls abschrecken lassen, denn man muss kein Gelehrter sein, um Vergnügen an Wunnickes queerer Liebesgeschichte zu finden. Diese ist trotz aller intellektuellen und ironischen Volten, die der Roman lustvoll schlägt, nämlich in Grunde von einer tiefen, betörenden Aufrichtigkeit geprägt.

  Infos zum Buch
Christine Wunnicke: Die Kunst der Bestimmung. Roman. Ebook. 264 Seiten. Männerschwarm Verlag. Hamburg 2016. 9,99 €. ISBN 9783863002138
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Tags: christine wunnecke, die kunst der bestimmung, männerschwarm, historienroman
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Reaktionen zu "Eine queere Liebe im 17. Jahrhundert"


 3 User-Kommentare
« zurück  1  vor »

Die ersten:   
#1
05.03.2016
18:48:12
Via Handy


(-2, 4 Votes)

Von Perplex


Warum schreibt eine Frau über schwule Liebe und schwulen Sex?


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#2
06.03.2016
13:07:48


(+3, 5 Votes)

Von ollinaie
Aus Seligenstadt (Hessen)
Mitglied seit 23.08.2012
Antwort zu Kommentar #1 von Perplex


"Warum schreibt eine Frau ..."
Weil sie's kann!


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#3
06.03.2016
22:20:44


(+4, 4 Votes)

Von Willie
Antwort zu Kommentar #1 von Perplex


Massenhaft Schwule haben über Frauen geschrieben, Frauen bekleidet, Frauen auf Bühnen bejubelt.

Das Buch ist übrigens ziemlich gut und wahrscheinlich hätte es damals mehr literarische Aufmerksamkeit bekommen, wenn es kein schwules Thema hätte.


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