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  • 06.03.2016, 14:30h           62      Teilen:   |

Eine Argumentationshilfe

Ehe für alle: So lösen sich die "Argumente" der Gegner im Nichts auf

Artikelbild
Im deutschen Eherecht werden homosexuelle Paare noch immer diskriminiert. Unsere Gastautoren wollen zur Versachlichung der Debatte beitragen

Mit dem Hinweis, die Ehe sei auf Kinder ausgelegt, oder der Warnung vor der Vielehe wollen Konservative eine Gleichstellung von Lesben und Schwulen verhindern. Wir widerlegen die neun beliebtesten Befürchtungen.

Von Sven Beckmann und Noah Neitzel

1. "Die Ehe ist eine heterosexuelle Geschlechtergemeinschaft"

Die Ehe steht unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung. So steht es im Bonner Grundgesetz. Die Frage, wie dieser abstrakte Schutzauftrag konkret aussieht, wird durch Heranziehung der vielfältigen einfachrechtlichen Ausgestaltungen der Ehe beantwortet, die ihm Leben einhauchen. So weit so gut. Warum es aber legitim ist, gerade diese Ehe als rechtsverbindliche Partnerschaft zu privilegieren und in verfassungsrechtliche Weihen zu heben, ist eine Frage, die Schwierigkeiten birgt.

Nichtsdestotrotz haben viele Gleichstellungsgegner dafür eine dezidierte Antwort: Die Ehe verdiene den besonderen Schutz, weil in ihr besondere natürliche und kulturelle Leitbilder verwirklicht werden. Eifrig werden diese Bilder mit verschiedensten Wortschöpfungen und mystisch aufgeladenen Metaphern umschrieben: Es ist die Rede von der "Dichotomie der Geschlechter", von einem "ursprünglichen Wert der Schöpfungsordnung", einer "eindeutigen Ordnung der Evolution".

Staatliche Privilegierung wird also mit einer Mischung aus Naturrecht und kulturell bedingtem Gewohnheitsrecht legitimiert. Diesem derartig konstruierten Leitbild können gleichgeschlechtliche Paare natürlich nicht entsprechen. Platt verdichtet lässt sich dies in den USA auf so manch einem Autoaufkleber nachlesen: "It's Adam and Eve, not Adam and Steve".

Die biologistische Komponente dieser Argumentation fußt bereits in ihrem Ansatz auf zweifelhaften Prämissen, denn aus der Natur normative Aussagen abzuleiten zu wollen, ist wenig vielversprechend, wenn nicht sogar gefährlich. Nichtsdestotrotz soll auch diese Argumentationslinie näher untersucht werden, unabhängig davon ob sie grundsätzlich valide sein kann.

2. "Die Ehe ist auf Kinder ausgelegt"

Das – vorrangig biologistische – Hauptargument der Gegner einer Eheöffnung bezieht sich auf "Kinder". Die Ehe sei auf Kinder ausgelegt und müsse deshalb Mann und Frau vorbehalten bleiben. Was aber bedeutet es, wenn eine Ehe "auf Kinder ausgelegt" ist? Auch gleichgeschlechtliche Ehen können in tatsächlicher Hinsicht auf Kinder ausgelegt sein, wenn sich diese Paare entschließen, ein Kind zu adoptieren, ein Pflegekind aufzunehmen oder durch Samenspende eine Schwangerschaft einzugehen (um nur einige Möglichkeiten zu nennen) und die Ehe (bzw. "Lebenspartnerschaft") gerade zu diesem Zwecke und zur Absicherung künftiger Kinder eingegangen wird.

Dass dies nicht bloß theoretische Szenarien sind, zeigt die stetig wachsende Zahl an Kindern, die in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften aufwachsen. Tatsächlich vorhandener Kinderreichtum kann also eine Benachteiligung nicht rechtfertigen. Ist etwa die Fruchtbarkeit der an der Ehe beteiligten Einzelpersonen gemeint? Auch hier ist nicht ersichtlich, wie aus einer gleichgeschlechtlichen Orientierung die Zeugungsunfähigkeit resultiert, ansonsten gäbe es keine leiblichen homosexuellen Mütter und Väter.

Gemeint ist vielmehr die Zeugungsfähigkeit innerhalb der Beziehung ohne "Hilfe von außen" (z.B. durch Samenspende). Nur Mann und Frau seien in der Lage "zusammen und auf natürliche Weise" ein Kind zu zeugen (als ob irgendjemand hieran zweifeln würde). Zwei Dinge fallen den Gegnern hierbei aber offensichtlich nicht auf: Zum einen können sie nicht erklären, wieso die Zeugungsfähigkeit für sich genommen ein förderungswürdiges Kriterium sein sollte. Wieso sollte ein "zeugungsfähiges" kinderloses Paar gegenüber einem zeugungsunfähigen kinderreichen Paar bevorzugt werden?

Konsequent zu Ende gedacht würde dies sogar dazu führen, dass einem heterosexuellen (!) unfruchtbaren Paar mit Adoptivkindern eine Eheschließung verwehrt bliebe, während ein fruchtbares heterosexuelles Paar, das gar keine Kinder haben will, aufgrund des "Zeugungspotentials" innerhalb seiner Beziehung heiraten dürfte. Des Weiteren wird übersehen, dass auch diese potentielle natürliche Zeugungsfähigkeit heterosexueller Paare nur bis zu einem bestimmten Alter vorhanden ist (Menopause). Es ist folglich nicht ersichtlich, wieso die Berechtigung zur Schließung einer "auf Kinder ausgerichteten" Ehe selbst bei im Grunde zeugungsfähigen Paaren über die Wechseljahre hinaus fortbestehen sollte. Denn spätestens mit Erreichen der Wechseljahre werden auch die letzten strukturellen Unterschiede zu gleichgeschlechtlichen Paaren beseitigt.

Um diesen Zustand zumindest definitorisch wasserdicht abzusichern, bliebe nur die folgende, wenig tragfähige Erklärung: Frau X und Herr Y dürfen im Alter auch deshalb heiraten, weil die beiden zu einem früheren Zeitpunkt ihres Lebens potentiell dazu in der Lage gewesen wären, miteinander (d.h. ohne Hilfe von außen) ein Kind zu zeugen. Der biologistische Ansatz der Gleichstellungsgegner führt sich also selbst ad absurdum.

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3. "Die Ehe ist eine Wertegemeinschaft"

Schwieriger gestaltet sich die Auseinandersetzung mit der kulturell-sozialen Dimension der Argumentation: So ziemlich alle unserer Grund- und Menschenrechte lassen sich auf eine kulturelle Praxis in Form von überlieferten Wertetraditionen zurückführen. Sie sind in gewisser Weise arbiträr (unter der Prämisse, dass sich keine "richtigen" Normen aus der Natur selbst ableiten lassen). Daher könnte es ja durchaus legitim sein, dass wie bei Art. 1 Abs. 1 GG – welchem ein bestimmtes Menschenbild zugrunde gelegt wird – auch bei Art. 6 Abs. 1 ein bestimmtes Leitbild der Partnerschaft den inneren Grund der Privilegierung stellt.

Diese Sichtweise ignoriert jedoch die (notwendige) Wandelbarkeit unserer Werteordnung und die kulturellen Errungenschaften der letzten 60 Jahre. Die bürgerliche Ehe hat sich fortschreitend von der Kirche emanzipiert und von rechtlich fixierten Leitbildern abgewandt – also privatisiert. So wurden beispielsweise rechtlich bestimmte Rollenbilder der Frau abgeschafft, und die Scheidung wird nicht mehr daran geknüpft, dass ein Ehepartner sich "schuldhaft" verhalten hat, sondern daran, dass die Ehe "zerrüttet" ist. Staatlich-erzieherische Leitbilder der Partnerschaft sind also zu recht einem System der Absicherungen und finanziellen Ausgleichsregelungen gewichen. Wie wir unser eheliches Zusammenleben ausgestalten, das geht den Staat nichts an.

Auf dieser Grundlage zerfällt jedoch gleichzeitig die Legitimation des ehelichen Privilegs, die darauf aufbaut, dass ein "richtiges", tradiertes Partnerschaftsszenario gelebt wird. Wenn alle die Ehe so leben können wie sie möchten, bleibt vom pathetischen Eheleitbild in rechtlicher Sicht wenig übrig.

Als innerer Grund für die Privilegierung der bürgerlichen Ehe bietet sich aber ein anderer, weniger anachronistischer Grund: die Ehe – egal ob reich an Kindern oder nicht – bildet eine rechtsverbindliche Verantwortungsgemeinschaft. Im Privaten wird Fürsorge übernommen, Pflege geleistet, und auch wenn der Bund fürs Leben zerbricht, wird im Regelfall weiterhin Solidarität von den ehemaligen Eheleuten verlangt. Wer aus seiner Beziehung in diese verbindliche Statusgemeinschaft übergehen möchte, der entlastet mit seiner Fürsorge(verpflichtung) die Gesamtgesellschaft. Staatliche Versorgung verlagert sich also ins Private. Auf dieser Grundlage kippt die Differenzierung nach Geschlechtern jedoch ins Absurde, denn gleichgeschlechtliche Paare entlasten mit ihrer gegenseitigen partnerschaftlichen (und insofern potentiell ehelichen) Verpflichtung genauso den Staat wie verschiedengeschlechtliche Paare.

Gleiches ist gleich zu behandeln, und diese Gleichheit an Leistung gebietet die Öffnung der Ehe. Traditions- oder naturbegründete Ungleichheit kann dem gerade angesichts der Emanzipierung der bürgerlichen Ehe von der Kirche nicht ernsthaft entgegenstehen.

4. "Die Familie muss geschützt werden"

Des Weiteren wird vorgetragen, der Ausschluss gleichgeschlechtlicher Paare von der Ehe diene letztlich dem "Schutz der Familie". Man könnte nun anfangen darüber zu diskutieren, weshalb unser Grundgesetz in Artikel 6 sechs überhaupt Ehe und Familie nebeneinander auflistet, wenn die beiden doch quasi deckungsgleich sind.

Der dahinterstehende Grundgedanke zum Familienbegriff ist jedoch noch zynischer, weshalb es auf diese Diskussion gar nicht ankommt: Zwei Müttern oder zwei Vätern mit Kindern wird die Familieneigenschaft en passant abgesprochen. Eine Begründung für diese Sichtweise bleibt man jedoch schuldig. Diskriminiert werden mit dieser Definition nicht nur gleichgeschlechtliche Eltern, sondern auch die Kinder solcher Paare. Indes sei nebenbei angemerkt, dass das Bundesverfassungsgericht die Familieneigenschaft gleichgeschlechtlicher Paare mit Kindern bereits positiv festgestellt hat.

Eng verbunden mit dem Argument des "Schutzes der Familie" ist der Standpunkt, dass das mit der Eheöffnung einhergehende gemeinsame Adoptionsrecht gleichgeschlechtlicher Paare dem Kindeswohl widerspreche. Es seien einfach noch nicht genügend Erfahrungen im Umgang gleichgeschlechtlicher Paare mit Kindern gesammelt worden.

Aber entspricht dieses "Bauchgefühl" von Frau Merkel auch der Realität? Die Wissenschaft kann in dieser Frage inzwischen auf eine Vielzahl von Studien zurückgreifen. Diese Studien stammen aus einer Reihe von Ländern (u.a. USA, Norwegen, Niederlande und Australien) und erstrecken sich mittlerweile auf einen Zeitraum von über 30 Jahren (inklusive Langzeitstudien). Sie alle aufzuzählen würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Aus einer Literaturübersicht der Forschungsergebnisse von der Bowling Green State University: "Wir kommen zu dem Ergebnis, dass sich in der Wissenschaftsliteratur ein klarer Konsens hinsichtlich des Wohlergehens von amerikanischen Kindern abzeichnet, welche bei gleichgeschlechtlichen Paaren aufwachsen. Über eine Vielzahl von gemessenen Kriterien schnitten diese Kinder genauso gut ab wie Kinder, die bei verschiedengeschlechtlichen Eltern aufwuchsen: Akademische Leistung, kognitive Entwicklung, soziale Entwicklung, psychische Gesundheit, frühe sexuelle Aktivität und Drogenmissbrauch. Unsere Überprüfung der Literatur beruht auf methodisch ausgereiften Studien."

Eine Studie der Tufts University aus dem Jahr 2013 kommt zu dem gleichen Ergebnis und fügt an: "Die fehlende Heiratsmöglichkeit für gleichgeschlechtliche Paare erhöht familiären Stress und wirkt sich negativ auf Gesundheit und Wohlergehen der Haushaltsmitglieder aus." Es erscheint somit naheliegend, dass der Schutz der Familie die Gleichstellung eher gebietet als verbietet.

5. "Das Kindeswohl muss im Vordergrund stehen"

Angesichts der Kindeswohldebatte, sollte auch ein anderes Kindeswohl nicht vergessen werden: Viele tausende Kinder und Jugendliche, die in Deutschland aufwachsen, müssen immer vor Augen haben, dass ihre natürliche Veranlagung daran schuld ist, dass sie später rechtlich nur eine Partnerschaft zweiter Klasse eingehen können. Gesellschaftliche Akzeptanz und damit einhergehende seelische Entlastung wird über Gleichstellung vermittelt. Wer das ignoriert, gefährdet das Wohl von Menschen die nicht heterosexuell veranlagt sind.

Ein aktuelles Beispiel für die psychosomatischen Auswirkungen der Ehe-Öffnung bietet Massachusetts, wo zehn Jahre nach der Gleichstellung die Rate an stressbedingten Erkrankungen (Bluthochdruck, Depressionen, Anpassungsstörungen) unter Homosexuellen signifikant gesunken ist.

6. "Schwule sind häufiger pädophil"

Zu den absurden, aber leider dennoch in Teilen der Bevölkerung verbreiteten "Argumenten" gegen ein Adoptionsrecht gleichgeschlechtlicher Paare zählt auch das folgende: "Wenn homosexuelle Männer bloß fünf Prozent der Bevölkerung stellen, wieso sind dann 50 Prozent aller missbrauchten Kinder Jungen? Schwule Männer sind häufiger pädophil!"

Wie man diese These am einfachsten überprüfen kann, zeigt eine kanadische Studie (Freund et al., 1989). Man zeigte schwulen und heterosexuellen Männern Bilder von nackten Menschen des jeweils bevorzugten Geschlechts in verschiedenen Alterskategorien und maß dabei objektiv ihre Erregung. Ergebnis dieser Studie: Homosexuelle Männer werden von Jungen nicht stärker angezogen als heterosexuelle Männer von Mädchen.

Wieso werden dann aber gleichviele Jungen Opfer sexueller Gewalt wie Mädchen? Ohne zu sehr in Details gehen zu wollen, lässt sich sagen, dass die Fixierung auf präpubertäre Körper kein Unterphänomen der sexuellen Orientierung unter Erwachsenen ist. Man kann die meisten pädophilen Sexualstraftäter nicht in sinnvoller Weise als heterosexuell, homosexuell oder bisexuell bezeichnen, da sie Männer oder Frauen gar nicht anziehend finden. Es käme wohl auch niemand auf die Idee, einen Zoophilen als "heterosexuell" zu bezeichnen, weil dieser lediglich "weibliche" Schafe anregend findet.

Isoliert man hingegen den Anteil pädophil veranlagter Menschen, die neben ihrer pädophilen Neigung auch noch sexuelles Interesse an Erwachsenen zeigen, so ist der Anteil homosexueller Männer nicht größer als es ihrem Normalanteil an der Bevölkerung entspricht (vgl. nur Groth und Birnbaum, 1978; Jenny et al., 1994).

7. "Als nächstes kommen dann inzestuöse Ehen"

CDU-Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer hat dieses Argument wieder aus der Mottenkiste geholt: Die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehen führe dazu, dass man auch Inzest-Ehen anerkennen müsse. Anstatt die übliche Empörungsmaschinerie anzuwerfen, sollten wir uns lieber fragen: Hat sie recht? Hierzu sollte man zunächst ermitteln, welche Gründe gegen die Legalisierung inzestuöser Ehen angeführt werden. Das wohl häufigste Argument zielt auf die Gesundheit des Nachwuchses: Leibliche Kinder naher Blutsverwandter tragen ein hohes Risiko, schwere genetische Defekte aufzuweisen. Ob dieses Argument nun gut oder schlecht ist, sei dahingestellt. Die entscheidende Frage lautet jedoch, ob dieses Argument durch gleichgeschlechtliche Ehen in irgendeiner Form entkräftet wird. Bei gleichgeschlechtlichen Paaren besteht keine Gefahr, dass diese schwer behinderten leiblichen Nachwuchs hervorbringen.

Als weiteres Argument gegen inzestuöse Beziehungen wird angeführt, dass diese häufig auf asymmetrischen Machtverhältnissen beruhen und diese ausnutzen (beispielsweise in einer Beziehung zwischen Vater und Tochter). Auch dieses Argument (wie man dazu auch stehen mag) wird durch gleichgeschlechtliche Paare in keiner Weise kompromittiert. Wenn überhaupt dürften gleichgeschlechtliche Beziehungen im Durchschnitt aufgrund gleicher körperlicher "Kräfteverhältnisse" noch egalitärer strukturiert sein.

Anders ausgedrückt: Wenn die Zulassung verschiedengeschlechtlicher Ehen nicht von uns abverlangt, die Inzest-Ehe zu legalisieren, dann tun dies auch gleichgeschlechtliche Ehen nicht. Wenn jedoch gleichgeschlechtliche Ehen von uns abverlangen, dass wir auch die Inzest-Ehe legalisieren, dann müsste man auch aus der Zulassung der verschiedengeschlechtlichen Ehe diesen Schluss ziehen können.

Um logische Schlussfolgerung scheint es bei diesem Argument also nicht zu gehen. Vielmehr soll ein "Dammbruchszenario" erstellt werden, nach dem das Eine zwingend aus dem Anderen folge, ohne hierbei eine logische Querverbindung herstellen zu können. Einen bitteren Beigeschmack erhält dieses Argument dadurch, dass es auch schon bei der Debatte um die Straflosigkeit von Homosexualität im Verhältnis zu Inzest angewandt wurde. Umgekehrt wird also ein Schuh daraus.

Man sollte Frau Karrenbauer vielleicht einmal fragen, ob sie auch die Straflosigkeit homosexueller Handlungen in Abrede stellen möchte. Schließlich ist nicht ersichtlich wieso der "Dammbruch" der Zulassung gleichgeschlechtlicher Ehen zur Zulassung inzestuöser Ehen führen sollte, der "Dammbruch" der Straflosigkeit von Homosexualität jedoch nicht zur Straflosigkeit des Inzests.

Schließlich verkennt das Argument auch, dass der Eingriff in das Leben homosexuell veranlagter Menschen durch ein gleichgeschlechtliches Eheverbot ein viel gravierenderer ist. Durch das Verbot inzestuöser Ehen wird die Freiheit, einen Menschen zu heiraten um nur wenige Personen reduziert. Der Heiratspool heterosexuell veranlagter Menschen besteht also weiterhin aus allen andersgeschlechtlichen Personen dieser Welt, reduziert um einige wenige enge Blutsverwandte. Durch das Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen wird der Heiratspool homosexuell empfindender Menschen hingegen auf null gesetzt: Es bleibt niemand mehr übrig, der nach der romantischen Veranlagung für eine Heirat noch in Frage käme.

8. "Im nächsten Schritt wird auch die Vielehe erlaubt"

"Wenn man gleichgeschlechtliche Ehen zulässt, dann muss man auch die Vielehe zulassen." Wie die Zulassung der Vielehe logisch aus der der gleichgeschlechtlichen Ehe folgen soll, bleibt ebenso wie bei der Inzest-Ehe ungeklärt.

Dieses Argument ist zunächst einmal extrem inkonsequent. Wenn man auf die "Fruchtbarkeit" als Kriterium für eine Ehe abstellt (siehe oben bei "Ehe ist auf Kinder ausgelegt"), dann macht es keinen Sinn, Vielehen hiervon auszuschließen. Polygamie ist nämlich potentiell noch viel fruchtbarer als Monogamie, da der "Reproduktionsausfall" eines Partners (z.B. bei dauerhafter Unfruchtbarkeit) durch mindestens einen weiteren Partner kompensiert werden kann. Zudem ist ein mit mehreren Frauen verheirateter Mann auch in der Lage, mehrere Kinder gleichzeitig (im Sinne von parallel) zu zeugen, das Potential für zusätzlichen Nachwuchs steigt also in quasi jeder Hinsicht.

Auch hier lässt sich wieder die Frage stellen, ob die Argumente gegen die Vielehe durch die Befürwortung der gleichgeschlechtlichen Ehe diskreditiert werden. Insofern kann zum Teil wieder auf die Ausführungen zur Inzest-Ehe verwiesen werden. Historisch gesehen beruhte Polygamie meist auf ungleichen Machtverhältnissen. Meist heiratete ein Mann hierbei mehrere Frauen (Polygynie). Der umgekehrte Fall (Polyandrie) war hingegen nur äußerst selten anzutreffen. Nun sind freilich auch gleichberechtigt strukturierte polyamouröse Beziehungen denkbar. Der entscheidende Punkt ist ein anderer: Welche Argumente man auch gegen die Vielehe anführen mag, die Zulassung gleichgeschlechtlicher Ehen berührt diese Argumentationslinien in keiner Weise.

Schlussendlich verkennt dieses Argument auch den Gleichheitsgedanken, der hinter der Forderung zur Öffnung der Ehe steckt. Hier wird ein einzelnes qualitatives Merkmal zur Begrenzung der Ehe herausgegriffen (nämlich "Verschiedengeschlechtlichkeit") und in Bezug zu einer quantitativen Begrenzung ("Vielehe") gesetzt, obwohl keinerlei Abhängigkeitsverhältnis zwischen beiden ersichtlich ist. Dabei spricht viel dafür, qualitative Merkmale der Gleichgeschlechtlichkeit ("gleichgeschlechtliche Ehe") genauso zu behandeln wie andere qualitative Merkmale, aufgrund derer Eheschließungen in der Vergangenheit bereits verboten waren (z.B. Kastenzugehörigkeit, unterschiedliche Hautfarbe ("interrassische Ehe") oder Glaube/religiöse Weltanschauung ("interkonfessionelle Ehe").

Der Grund für diese Gleichsetzung besteht darin, dass die qualitativen Merkmale persönliche unabänderliche Eigenschaften betreffen, die zum Kern der persönlichen Identität zählen. Die Frage, ob man Menschen aufgrund der Zugehörigkeit zu einer dieser Kategorien eine Teilhabe am Rechtsinstitut der Ehe grundsätzlich verwehren darf, ist fundamental unterschiedlich zu der Frage, ob man die Anzahl der Personen einer Ehegemeinschaft quantitativ begrenzt. Das Verbot der Vielehe mag einige Menschen aufgrund persönlicher Lebensumstände stärker betreffen als andere. Den Kern der persönlichen Identität eines jeden Menschen lässt solch ein Verbot jedoch unberührt.

9. "Es gibt doch schon die Lebenspartnerschaft"

Ein weiteres häufig genanntes Argument gegen die Ehe-Öffnung ist, dass mit der Möglichkeit der eingetragenen Lebenspartnerschaft doch die Ungleichbehandlung aus der Welt geschaffen sei. Die rechtliche Anerkennung der Beziehung in Form der "Verpartnerung" sei doch ausreichend. Was gebe es denn da noch zu meckern?

Diese "Seperate but equal"-Rhetorik geht im Kern an der Diskriminierung vorbei, welche gleichgeschlechtliche Paare erfahren. Wenn jemand in einem Restaurant aufgrund seiner Hautfarbe abgewiesen wird, dann ist es egal; ob es direkt nebenan ein gleichwertiges, verfügbares Lokal gibt. Es geht darum, dass die diskriminierte Person eben dieses Restaurant nicht besuchen kann. In anderen Worten: Diskriminierungsschutz soll nicht sozialstaatlich die Versorgung von Bedürfnissen sichern, sondern rechtsstaatlich die Ungleichbehandlung von Menschen aufgrund persönlicher Merkmale unterbinden. Daher kann auch die vollständige Gleichstellung von eingetragener Lebenspartnerschaft und Ehe die Diskriminierung nicht beseitigen.

Wiegt man nun das Für und Wider im Streit um die Ehe-Öffnung gegeneinander auf, dann ergibt sich ein eindeutiges Bild: Es mangelt den Gleichstellungsgegnern an rationalen, stichhaltigen Gründen, um gleichgeschlechtlichen Paaren die Ehe zu versagen. Es wird vielmehr klar: Die Gleichstellung wäre ein Sieg der Vernunft, der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit.

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Tags: ehe für alle, eheöffnung, argumentationshilfe
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Reaktionen zu "Ehe für alle: So lösen sich die "Argumente" der Gegner im Nichts auf"


 62 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
06.03.2016
14:41:11


(+3, 11 Votes)

Von m123


Ohne Massendemos und ohne Verfassungsklage keine Eheöffnung in den nächsten sechs Jahren.

Ich frag mich was ihr erwartet was passiert, wenn wir nix tun.


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#2
06.03.2016
15:01:07


(+5, 13 Votes)

Von ursus
Antwort zu Kommentar #1 von m123


wir wollen ja gern. wir warten alle nur auf einen charismatischen, freundlichen, optimistischen, begeisterungsfähigen anführer, der es versteht, die herzen zu gewinnen. jemanden wie dich. bussi.


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#3
06.03.2016
15:03:21


(+8, 8 Votes)

Von PFriedrich
Aus Trier (Rheinland-Pfalz)
Mitglied seit 19.02.2015


Zu Punkt 9: Ich habe mal irgendwo gelesen, daß die Eintragung der Lebenspartnerschaft (statt der Ehe) bei Auslandsreisen in diskriminierende Länder gefährlich werden könnte, weil die Behörden dort durch den Begriff der Lebenspartnerschaft von der Homosexualität des Einreisenden Wind bekämen. Weiß jemand, ob da was dran ist?


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#4
06.03.2016
15:20:02


(+3, 9 Votes)
 
#5
06.03.2016
15:20:03


(-4, 12 Votes)

Von m123
Antwort zu Kommentar #2 von ursus


um auf eheöffnung zu klagen brauch man keinen anführer.

und wenn ihr alle auf die straße gehen wollt, warum seid ihr dann in der vergangenheit überwältigend der straße fern geblieben? gelegenheiten zum demonstrieren gab es einige.

tja, da hat dein hasskommentar gegen mich mal wieder ins leere gezielt. ziemlich dumm dein Kommentar.

Ich wiederhol mich seit mehreren Jahren und die verstrichene Zeit, in der sich nichts tut, gibt mir recht.


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#6
06.03.2016
15:22:41


(+4, 8 Votes)

Von raganello
Profil nur für angemeldete User sichtbar


Ich habe den Artikel noch nicht gelesen, werde es allerdings auch gleich tun.
Möchte allerdings hier nur anmerken:

Für die "Ehe für alle" ist eine Debatte notwendig.
Sicher, ich bin für die "Ehe für alle". Ich bin dafür, dass Homosexuelle nicht diskriminiert werden. Dass das Wort "schwul" nicht als Beschimpfung genutzt wird. Ich möchte, dass zwei Männer oder zwei Frauen in aller Ruhe Händchen halten dürfen, sich küssen dürfen, ohne gleich zu risikieren geschlagen zu werden. Ohne, dass gaffende Männer oder Frauen den Kopf schütteln oder sogar ihren Kindern sagen "Komm, schnell weg".

Sicher, ich möchte, dass ein Outing nicht notwendig ist. Wo es egal ist, wen man liebt, wichtig ist doch, dass man liebt. Wo "ich bin lesbisch" nicht als Scherz verstanden wird und dann gesagt "Nö, das geht doch nicht."

Und die "Ehe für Alle" ist ein Grundsatz der Gleichheit. Eine Gruppe hat das Recht, eine andere nicht. Wieso eigentlich nicht und ist das nicht gerecht?

Was kommt als Nächstes:
Parkverbot für Schwule und Parkgelegenheit für Heterosexuelle?

Aber, die Ehe für Alle muss eine Debatte zulassen. Eine Debatte, wo alle Vorurteile genannt werden können und diese im selben Atemzug abgebaut werden können.

Konservative Parteien wie die CDU möchte solch eine Debatte nicht zu lassen.
Rechtspopulistische Parteien wie die AfD führen hingegen andere - gegen "Genderwahnsinn" - Debatten.
Mit solchen Parteien wird es Gleichtberechtigung und Gerechtigkeit in diesem Sinne nie geben.

Die CDU hat Angst, dass der Begriff der Familien verloren geht. Wohlgemerkt, dass die Familien sich seit vielen Jahren geändert haben.

Die AfD möchte von Homosexualität nichts wissen und haltet nichts von "Gender Studies" (ein Fach mit viel Potenzial).

Mit diesen Parteien kann man keine Gerechtigkeit erreichen.


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#7
06.03.2016
15:25:42


(-2, 12 Votes)

Von m123
Antwort zu Kommentar #2 von ursus


So wie ihr hier kommentiert zeigt es die völlige Kapitulation von uns gegenüber den Diskriminierern. ihr seid der Grund warum die Diskriminierer leichtes Spiel haben. Ich weiß ja, dass es weh tut, wenn man immer wieder Salz in die Wunde der Demonstrations- und Klagefaulheit streut, aber ein Sprichwort sagt, dass nur getroffene Hunde bellen.

In diesem Sinne fröhliches Weiterbellen euch allen.


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#8
06.03.2016
15:29:15


(+1, 9 Votes)

Von m123
Antwort zu Kommentar #2 von ursus


achja, und wenn man für gleiche rechte kämpft, dann ist das gerechtigkeitsgefühl normalerweise der einzige und beste anführer.

es braucht keinen menschen als anführer. euch müsste eigentlich das gefühl es satt zu haben diskriminiert zu werden auf die straße treiben. aber offensichtlich habt ihr es nicht satt.

Fröhliches Weiterrumheulen hier auf queer.de. denn das hats ja voll gebracht in all den jahren. buhuuu


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#9
06.03.2016
15:30:42


(+1, 7 Votes)

Von m123
Antwort zu Kommentar #1 von m123


die italiener können es besser als wir. traurig...


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#10
06.03.2016
15:43:36


(+7, 7 Votes)

Von UrsaMajor
Antwort zu Kommentar #6 von raganello


Verstehe jetzt nicht ganz.
Ist die riesige Debatte aus Frühjahr und Sommer 2015 komplett an Dir vorbeigegangen?

Falls ja, google doch mal. Du wirst hunderte, wahrscheinlich sogar tausende von Resultaten auf queer.de, Facebook und in den meisten Mainstream-Medien finden.

Wie oft sollen wir diese Debatte denn noch führen? Eigentlich sind doch längst alle Argumente ausgetauscht.


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