Service   Gewinne   Jobs   Newsletter   Bild des Tages   Presseschau   Partner   Gay Hotels
Queer.de - das schwul-lesbische Magazin
 Community | CSD-Termine
Suche:  (News-Übersicht)
 
Login (Nick / Passw.):  (Registrieren)
  Autologin  
 Home || Politik | Szene | Boulevard | Blog | Meinung | Glaube | Lifestyle | Reise | Kultur | Buch | CD | DVD | Liebe | TV-Tipps || Galerie
  • 06.05.2016, 10:03h               Teilen:   |

Ausstellung "Ken. To be destroyed"

Transsexualität als Familiengeheimnis

Artikelbild
Mit handkolorierten Bildern zeigt Sara Davidmann ihre Fiktion, wie sich der Mensch, den ihre Familie als Onkel Ken kannte, auch außerhalb der eigenen vier Wände als Frau bewegt (Bild: Sara Davidmann)

Sara Davidmann fand heraus, dass der Mensch, den sie als Onkel Ken kannte, transgender war – und machte aus ihrer Familiengeschichte ein Kunstprojekt.

Von Joe G.

Im März wurde im Schwulen Museum* Berlin die Ausstellung "Ken. To be destroyed" der britischen Künstlerin und Fotografin Sara Davidmann eröffnet (queer.de berichtete). Der ungewöhnliche Titel ist die Beschriftung eines Umschlags, den Davidmann in der Garage im Haus ihrer verstorbenen Mutter fand. Darin Fotos und Briefe, die belegen, dass der Mensch, den sie selbst als Onkel Ken kannte, transgender war. Für die Öffentlichkeit war Ken ein Mann, nur in der Geborgenheit seines Zuhauses mit Ehefrau Hazel konnte er als Frau leben.

Als Reaktion auf die Briefe und Familienbilder aus den 1950er und 1960er Jahren hat Sara Davidmann eine eigene Serie von Fotografien geschaffen, unter Verwendung von analogen, alternativen und digitalen Techniken. In späteren Arbeiten versuchte sie sich vorzustellen, wie Ken als Frau in der Öffentlichkeit ausgesehen haben könnte.

Im Interview mit queer.de erzählt Sara Davidmann, warum sie das Familiengeheimnis öffentlich gemacht hat, wie die Reaktionen auf ihr Kunstprojekt waren und was sie als nächstes vorhat.

Fortsetzung nach Anzeige


Die Künstlerin und Fotografin Sara Davidmann zeichnet seit 15 Jahre die Oral History von Trans*- und Queer-Communitys in Großbritannien auf - Quelle: privat
Die Künstlerin und Fotografin Sara Davidmann zeichnet seit 15 Jahre die Oral History von Trans*- und Queer-Communitys in Großbritannien auf (Bild: privat)

Noch bevor Sie die Familiendokumente zu Ken und Hazel gefunden haben, hatte Ihre Mutter Sie "eingeweiht" und gebeten, dieses Geheimnis zu wahren. Warum haben Sie sich dagegen entschieden?

Zuerst bin ich mit dieser Information nicht publik gegangen, sondern erzählte sie nur meinen Geschwistern und meinen Transgender-Freunden. Aber ich hatte das Gefühl, dass dies etwas war, dass nicht geheim gehalten werden sollte. Einige meiner Transgender-Freunde haben aufgrund der Reaktionen von Menschen auf der Straße sehr schwere Zeiten erlebt. Sie sind so mutig, dass sie offen zeigen, wer sie sind. Manche dieser Menschen haben fast täglich Misshandlungen erfahren.

Darüber zu schweigen, dass ich ein Familienmitglied hatte, das transgender war, erschien mir falsch. Ich hatte das Gefühl, dass darüber zu schweigen bedeuten würde, zu der Idee beizutragen, dass etwas am Transgendersein falsch sei. Und das glaube ich nicht.

Erst später – im Jahr 2011 – als ich die Sammlung von Briefen und Papieren, die meine Mutter zusammensuchte, ausfindig gemacht hatte, entschied ich mich dazu, mit fotografischen Werken die Geschichte aufzuarbeiten. Ich bevorzuge es dabei, K anstatt Ken zu sagen. Ich habe mich für K entschieden, weil es geschlechtlich uneindeutig ist und wie der weibliche Name Kay klingt, wenn es ausgesprochen wird.

Trans*-Themen standen in den letzten Jahren vermehrt im Fokus der Mainstream-Medien, etwa durch Laverne Cox aus der Serie "Orange is the New Black" oder dem Coming-out von Caitlyn Jenner. Sehen Sie Ihre Arbeit in diesem Medienkontext? Sehen Sie Ihre Kunst als politisch?

Meine Kunst ist politisch und persönlich. Sie handelt von Beziehungen zwischen Menschen und sie handelt von Familie. Es ist wichtig, dass Transgender als Teile von Familien wahrgenommen werden und dass sie bedeutende Beziehungen haben.

Glauben Sie, dass Ihre Mutter, vielleicht sogar Ken und Hazel, die Situation im heutigen Großbritannien anders gehandhabt hätten? Hätten Sie nach wie vor gewollt, dass die Dokumente für die Nachwelt zerstört werden?

Ich bin mir sicher, dass alle Betroffenen heute anders reagieren würden. Es war damals in den 1950er und 1960er Jahren sehr anders – man wusste so wenig über Transsexualität. In den letzten zwölf bis 18 Monaten habe ich eine bemerkenswerte Veränderung der Medienerstattung gesehen und eine größere Akzeptanz in Großbritannien. Wir haben Glück, dass wir durch das Internet einen Zugang zu Informationen haben.

Aber es gibt nach wie vor so viele Veränderungen, die gemacht werden müssen und so viel mehr Bewusstsein und Verständnis für Transgender-Menschen. Nicht nur in Großbritannien – in vielen Teilen der Welt ist die Situation unglaublich schwierig.

Ich brauchte eine Weile, um zu verstehen, dass trotz des Vermerks "To be destroyed" auf den Umschlägen, meine Mutter die Briefe und Papiere aufbewahrt hatte. Sie hatte alle Briefe von Hazel an K aus den 1950er und 1960er Jahren sowie Kopien ihrer Briefe an Hazel aufgehoben. 2003, als Hazel starb, fand meine Mutter eine Sammlung von Briefen und Karten, die K an Hazel geschrieben hatte. Sie fand zudem Papiere von K aus den 1950er und 1960er Jahren, als K Nachforschungen anstellte, was es bedeutete, trans* zu sein, und Notierungen aus den 1970er Jahren, welche Effekte die Einnahme von Östrogen auf K hatte.

Meine Mutter brachte diese Briefe und Papiere aus Edinburgh – wo K und Hazel gelebt hatten – und verstaute sie in ihrer eigenen Sammlung. Warum behielt meine Mutter all dies Material, nur um dann "zu vernichten" auf die Umschläge zu schreiben? Die Antwort darauf werde ich nie erfahren.

Parallel zur Ausstellung ist das Buch "Ken. To be destroyed" beim Schilt Verlag erschienen, herausgegeben von Val Williams.
Parallel zur Ausstellung ist das Buch "Ken. To be destroyed" beim Schilt Verlag erschienen, herausgegeben von Val Williams.

Wie waren die Reaktionen der Trans*-Community auf Ihre Arbeit?

Die Reaktionen waren bisher sehr positiv.

Ihre Ausstellung war schon an anderer Stelle zu sehen, aber nun ist sie im Schwulen Museum* Berlin angekommen. Unterscheidet sich die Berliner Ausstellung?

Die Ausstellung im Schwulen Museum* hat drei neue Bilderserien, die bisher noch nicht ausgestellt wurden, und ist demnach die größte Ausstellung des Projektes bis jetzt. Co-kuratiert wurde die Ausstellung übrigens von der Fotografie-Historikerin und Kuratorin Val Williams und von Robin Christian.

Mein Vater wurde in Berlin geboren und hat hier gelebt, bis er kurz vor dem Zweiten Weltkrieg mit einem Kindertransport nach Großbritannien evakuiert wurde. So ist es aufgrund dieser zwei unterschiedlichen Aspekte meiner Familie sehr interessant für mich, in Berlin zu sein.

Sehen Sie Ken und Hazel eigentlich als ein lesbisches Paar?

Im Archiv findet sich kein Anhaltspunkt, wie K und Hazel ihre Beziehung beschrieben haben könnten. Aber ganz klar war sie geprägt von Liebe und Zuneigung. Sie haben bis Ks Tod 1979 zusammengelebt. Seit Hazel 2003 starb, sind sie Seite an Seite beerdigt.

Zuhause war K eine Frau, auf der Arbeit und in der Öffentlichkeit präsentierte sich K als Mann. Aus Hazels Briefen geht hervor, dass sich K mit dieser Maskerade unwohl fühlte und sich mehr und mehr aus dem öffentlichen Leben zurückzog. So blieb Ks Trans*-Sein ein gut behütetes Geheimnis.

Die Ausstellung wurde vor kurzem auch als Buch veröffentlicht und Sie sagten, dass es nun ein Eigenleben annehmen wird…

Es gibt unterschiedliche Aspekte in dem Buch. Es enthält Briefe und Materialien aus dem Archiv. Außerdem gibt es einige Dokumente, beispielsweise einen Brief und ein Bewerbungsschreiben von der Beaumont Society, welche auf Grund ihrer Entstehungszeit bemerkenswert sind. Die Schriften geben ein Gefühl davon, wie es in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren gewesen sein muss, wie schwierig es war an Informationen und Unterstützung zu gelangen. Und dann ist da meine Arbeit, die das Material aus dem Archiv nutzt, um neue Bildnisse zu erschaffen und so die Geschichte erzählt, die in den Familienfotoalben fehlt.

Arbeiten Sie derzeit an neuen Projekten?

"Ken. To be destroyed" wird weitergeführt, momentan produziere ich neue Arbeiten für das Projekt und benutze dabei den traditionellen Druckvorgang mit Kollodium und Nassplatten sowie große gemalte Drucke. Mein nächstes Projekt wird sein, die jüdische Geschichte meines Vaters zu erforschen. Es wird einige der bei "Ken. To be destroyed" entwickelten Methoden zur Arbeit mit Archivmaterial aufnehmen.

  Infos zur Ausstellung
Ken. To be destroyed. Ausstellung noch bis 30. Juni 2016 im Schwulen Museum*, Lützowstraße 73, 10785 Berlin. Öffnungszeiten: So, Mo, Mi, Fr 14-18 Uhr, Do 14-20 Uhr, Sa 14-19 Uhr, Di geschlossen
Links zum Thema:
» Mehr Infos zur Ausstellung im Schwulen Museum*
» Das Buch zur Ausstellung bei Amazon
» Homepage von Sara Davidmann
Mehr zum Thema:
» Transgender in den 1950er-Jahren (16.03.2016)
Kommentare: Selbst kommentieren | Bisher keine Reaktionen | FB-Debatte
Teilen: 74             3     
Service: | pdf | mailen
Tags: sara davidmann, ken. to be destroyed, schwules museum
Schwerpunkte:
 Schwules Museum*
Unterstützen:
  |   Überweisung / Abo / weitere Infos

loading...

Reaktionen zu "Transsexualität als Familiengeheimnis"


 Bisher keine User-Kommentare


 KULTUR - AUSSTELLUNGEN

Top-Links (Werbung)

 KULTUR



Anderswo
Bild des Tages
Aktuell auf queer.de
Volker Beck: Nicht vor Homophobie von Muslimen zurückweichen Gericht: Schwule Flüchtlinge aus Marokko haben Anrecht auf Asyl "Star Trek"-Crew vereint gegen Trump Lady Gaga tritt beim Super Bowl auf
 © Queer Communications GmbH 2016   Unternehmen | Team | Mediadaten | Logos | Impressum / AGB | Spenden | Kontakt