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| Eurovision Song Contest
  • 07.05.2016, 14:23h           1      Teilen:   |

Neuerscheinungen nicht nur für Fans

Die Bücher zur neuen ESC-Saison

Artikelbild
In einer Woche wird in Stockholm die Trophäe des diesjährigen Eurovision Song Contest vergeben. Bleiben noch einige Tage, um sich einzulesen. (Bild: Anna Velikova (EBU))

Kurz vor dem Finale des Musikwettbewerbs geben Irving Wolther und Matthias Breitinger neue und unterhaltsame Einblicke in ein Kult-Phänomen.

Von Martin Schmidtner

Bücher über den Eurovision Song Contest werden vornehmlich von Fans gekauft. Aber auch verzweifelte Angehörige, Freunde oder Kolleginnen kommen als Zielgruppe in Frage, wenn sie jenes Störungsbild verstehen wollen, wonach Menschen, die man gut kennt, jedes Jahr im Mai in eine gewisse nur schwer nachvollziehbare Euphorie verfallen lässt, die sonst nur Sportfans und Mitgliedern radikaler christlicher Gruppierungen zu eigen ist.

Pünktlich zum Höhepunkt der neuen ESC-Saison, dem Finale des bereits 61. Wettbewerbs am nächsten Samstag in Stockholm, liegen nun zwei neue Bücher vor.

Buch Nummer eins: "Europe 12 Points"

Der Untertitel des einen, "Europe – 12 Points. Die Geschichte des Eurovision Song Contest" von Matthias Breitinger, suggeriert viel: Er legt mit dem handlichen Taschenbuch eine kulturgeschichtliche Abhandlung zur Erfolgsgeschichte der TV-Show vor, die das Europa der letzten sechs Jahrzehnte durch die Brille eines Events zu verstehen sucht.

Dem Zeit-Online-Redakteur ist ein wunderbares Lesebuch gelungen. In nettem Plauderton führt er uns zwar an der 60-jährigen Zeitlinie entlang, durchbricht und erweitert sie sie aber immer wieder durch Exkurse zu verschiedene Themen, die ihre Wirkung über einzelne Jahre hinaus entfalten: die Bedeutung von Showelementen bei den Auftritten etwa, oder die Frage, ob gewichtige Songtexte sich auf die Punktevergabe auswirken.

Die thematischen Kapitel behandeln den Stellenwert der Fans ebenso wie die Durchschlagkraft der so genannten Diaspora-Stimmen, das Erfolgsmodell ABBA ebenso wie den Einfluss politischer Botschaften. Oft versucht Breitinger, durch die Jahre gültige "Regeln" zu formulieren – zum Beispiel "erfolgsversprechende Kategorien" verschiedener Songtitel (in mehreren Sprachen geläufige Wörter, Namen berühmter Persönlichkeiten, Eigennamen, Orte und Ländernamen sowie Lautmalerei).

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Blättern im Familienalbum

Matthias Breitinger im ESC-Pressezentrum in Stockholm - Quelle: Martin Schmidtner
Matthias Breitinger im ESC-Pressezentrum in Stockholm (Bild: Martin Schmidtner)

Das Leseerlebnis wechselt zwischen Erkenntnisgewinn und Erinnerung – etwa so, als würde man mit den Großeltern ein Fotoalbum durchblättern und dabei von ihnen sowohl bekannte Anekdoten als auch neue Geschichten hören. Für ESC-Neulinge gibt es genug Basisinformationen, um in die Welt des Contests einzutauchen, doch das Versprechen des Verlages, dass das Buch "alles Wissenswerte um den ESC – mit all den Sensationen, Skandalen und natürlich jeder Menge Glamour" versammelt, kann mit 256 Seiten natürlich nicht eingehalten werden.

Das ist aber kein Manko, weil es Spaß macht, sich von Matthias Breitinger auf ausgefallenen und verschlungenen Pfaden durch den ESC-Dschungel führen zu lassen. Nur zu gerne hätte ich eine Online-Version zur Hand gehabt, die mir mit einem Klick die jeweils erwähnten Film- und Musikschnipsel präsentieren könnte.

Denn die Detailverliebtheit des Autors, der auch beim Prinz ESC Blog mitarbeitet, ist ebenso mitreißend wie seine Sachkunde, mit der er längst vergessene Titel zurückholt. Zitat zum Thema "Orchesterbegleitung beim ESC": "Wer wahrscheinlich nicht zu den Orchester-Verfechtern gehört, ist die Griechin Sofia Vossou: Ihr raffiniert komponiertes 'I anixi verlor' 1991 vermutlich ein paar Plätze im Ranking, weil der Saxophonist im Orchester sein Solo in der Liedmitte komplett versemmelte."

Politik und Erfolgsformeln

In einem Punkt sind wir dann aber doch irritiert: Für den politisch denkenden ESC-Fan thematisiert der Band natürlich auch das Phänomen Conchita Wurst. Zu Recht wird die Siegerin von 2014 als eindeutig politische Botschafterin eingeordnet und jener Skandal thematisiert, mit dem die schlechten Jury-Wertungen in Russland, Polen und Weißrussland gezielt zu einer Abwertung des Gesamtergebnisses der österreichischen Kunstfigur führten. Leider vergisst Breitinger an dieser Stelle zu erwähnen, dass das gleiche Phänomen auch in Deutschland zu beobachten war: Die vom NDR ausgewählte Jury setzte Conchita im Semifinale auf Platz 13 und im Finale auf Platz 11, während die Zuschauer sie auf Platz 1 setzten. Ein wenig mehr Kritik an den eigenen Reihen wäre hier vonnöten gewesen.

Gut jedoch, dass der Autor als bekennender Fan keine Wertungen scheut und sich am Ende sogar an eine Vermutung für eine Eurovisions-Erfolgsformel heranwagt: "Mit Gimmicks tendenziell sparsam sein; ein Lied aus einem gängigen Genre komponieren, das in Aufbau den Erwartungen der Massen entspricht; den Wettbewerb ernst nehmen, aber als Interpret in den entscheidenden drei Minuten sich Nervosität bloß nicht anmerken lassen."

Insofern ist das Buch ein absolutes Lesevergnügen für die Fans sowie ein nützlicher Einstieg für interessierte Nicht- oder Noch-Nicht-Fans, aber glücklicherweise kein historisches Grundlagenwerk. Bei einem Fortsetzungsband sollte er aber der Bedeutung der schwulen Fans für den Contest ein Kapitel widmen.

Buch Nummer zwei: "Die ganze Welt des Song Contests"

Auch Irving Wolther ist mit neuem Buch im Gepäck nach Stockholm gereist
Auch Irving Wolther ist mit neuem Buch im Gepäck nach Stockholm gereist (Bild: Martin Schmidtner)

Mit 1,5 Kilogramm kommt das zweite neue Buch, "Die ganze Welt des Song Contests", von Dr. Irving Wolther wesentlich schwerer und gewichtiger daher. Es ist ein klassischer Bildband mit unzähligen wunderbaren Bildern aus 60 Jahren, die zum Glück noch nicht aus jedem TV-Schnellrückblick bekannt sind. Anders jedoch als die klassischen Eurovisions-Nachschlagewerke wählt Wolther, der im letzten Jahr ein Buch zum Aufstieg Conchita Wursts vorlegte (queer.de berichtete), hier nicht die chronologische Herangehensweise, sondern breitet in 51 Kapiteln aller bisher beteiligten Länder die Geschichte des ESC seit 1956 aus. Zu jedem Land liefert er ein Datenblatt, das Infos zum erfolgreichsten und erfolglosesten Beitrag enthält, auf eine landestypische Besonderheit hinweist, aber auch offenbart, aus welchem anderen Land und zu welchem anderen Land Punkte am ehesten und am wenigsten vergeben werden…eine Art Wählerwanderung!

Ein Länderlexikon

Herzstück des Jubiläumbandes sind jedoch die Texte, die auf jeweils drei Seiten die Besonderheiten der Musik in den einzelnen Ländern darstellen. Denn trotz aller häufig festgestellten und zunehmenden Eintönigkeit der Titel eines ESC-Jahrgangs blitzen bei fast allen Liedern typische Elemente der nationalen Musiktraditionen durch.

Sie zu entdecken und zu verstehen regt das 372 Seiten starke Buch des Sprach- und Kulturwissenschaftlers Irving Wolther an, der 1987 den ersten Fanclub Deutschlands gründete, später dann zum Thema Eurovision Song Contest promoviert hat und vielen als Autor und Experte der NDR-Website eurovision.de bekannt ist. Wie dort auch zeugen seine Texte vor allem von Sensibilität und Respekt für alle Kulturen, was ihn dennoch nicht von kleinen Spitzen und humorvollen Anspielungen abhält.

So liest man begeistert über die "quäkende[n] Klänge" aus Armenien, "Hirtenflöten und Lieder auf Bestellung" in der Slowakei, "Katakomben-Jazz" aus Slowenien, den österreichischen "Schnulzenerlass" und "mystische Stabreimdichtung aus Estland". Bei der kulturgeschichtlichen Einordnung des Song Contests geht Irving Wolther dabei bis in die Antike zurück, benennt Traditionen und Instrumente und vor allem auch die politischen Einflüsse und Bewegungen.

Statistiken und Eye-Catcher

Mit Wolthers statistischer Größe "Prozent der erreichbaren Höchstpunktzahlen" werden in seinem Länderlexikon alle Titel aus den sechs Jahrzehnten miteinander vergleichbar, denn durch die häufigen Veränderungen des Wertungssystems und die unterschiedliche Anzahl teilnehmender Nationen haben die absoluten Punktezahlen nur eine geringe Aussagekraft. "Dr. Eurovision", wie Wolther sich in den sozialen Medien nennt, würzt das Länderlexikon mit statistischen Daten und Grafiken wie zum Geschlechterproporz unter den Jurysprechern, zu von Jurys "hochgewerteten" Titel oder zur Sprachenverteilung aller ESC-Beiträge.

Mit seiner exzellenten Auswahl an Bildern (wunderbar: der Russe Filipp Kirkorow, der jetzt 21 Jahre später den diesjährigen russischen Beitrag mitgeschrieben und -produziert hat, auf einem Foto von 1995 oder das Bild eines mit der unvorteilhaften Karikatur einer Sängerin bekritzelten Juroren-Wertungszettel aus dem Jahr 1963) ist das Buch ein Muss für jeden Hardcore-Fan und ein tolles Nice-To-Have für den Standard-Fan.

Martin Schmidtner berichtet zur Zeit für das ESC-Blog des Vorwärts von den Proben aus Stockholm.

  Infos zu den Büchern
Matthias Breitinger: Europe – 12 Points! Die Geschichte des Eurovision Song Contest. Taschenbuch. 256 Seiten. Atlantik Verlag. Hamburg 2015. 13 Euro, ISBN 978-3455750171

Irving Wolther: Die ganze Welt des Song Contests. Bildband. Broschiert. 372 Seiten. phonos-Journalistenbüro. Hannover 2015. 29,99 Euro, ISBN 978-3000519208
Links zum Thema:
» Mehr Infos zu "Europe - 12 Points!" bei Amazon
» Webseite zu "Die ganze Welt des Song Contests" mit Bestellmöglichkeit und Probekapitel
Wochen-Umfrage: Am 14. Mai ist das Finale des diesjährigen Eurovision Song Contest. Schaltest du ein? (Ergebnis)

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Tags: eurovision, irving wolther, matthias breitinger
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Reaktionen zu "Die Bücher zur neuen ESC-Saison"


 1 User-Kommentar
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Die ersten:   
#1
07.05.2016
14:50:00


(+3, 3 Votes)

Von ESC-Maniac


Beide Bücher werde ich mir auf jeden Fall zulegen! Seit 60 Jahren gibt es den ESC schon und ich bin ja mal gespannt, wer dieses Jahr gewinnt. Momentan sieht es nach einem Dreikampf zwischen Rußland, Frankreich und der Ukraine aus.


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