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  • 30.05.2016, 16:39h           1      Teilen:   |

Sticks & Stones

Warum hilft ein Vortrag "Schrecklicher Durchfall" bei der Karriere?

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Messeveranstalter Stuart Cameron ließ sich geduldig von queer.de löchern. Die Frage, welche Frage man ihm niemals stellen darf, ist uns leider erst zum Schluss eingefallen. Dann musste er zurück zur Discokugel

21 launische, teils dumme und nicht immer ganz ernst gemeinte Fragen an Stuart B. Cameron, den Veranstalter der 7. queeren Karrieremesse Sticks & Stones am 3. und 4. Juni in Berlin.

Von Micha Schulze

queer.de: Jedes Jahr gibt es den Rummel um die angeblich begrenzten "Free Tickets", die man nur vorab bekommt. Ist dieser Marketing-Gag nach sieben Jahren nicht langsam mal ausgelutscht?

Stuart B. Cameron: Du hast uns durchschaut. Nur bist du ein wenig langsam. Wir haben uns dieses Jahr bereits davon verabschiedet. Es gibt Free Tickets, wenn man sich online registriert, oder man bezahlt 20 Euro an der Messekasse. Tricks are for Kids.

Ups, nächster Versuch. Ausgerechnet Gregor Gysi, der als Berliner Wirtschaftssenator hingeschmissen hat, hält die Keynote Speech. Was können junge queere Karrieristen denn von einem ollen Sozialisten lernen?

Seien wir mal ehrlich: Gysi ist einer der wenigen Politiker, denen man gerne zuhört – egal welcher Partei man nahe steht. Bei den meisten Politikern schläft man nach fünf Minuten Redezeit ein. Willst Du etwa eine Keynote von unserem Bundespräsidenten hören? Ich nicht. Für mich ist Gysi pures Entertainment. Und was kann man von ihm lernen? Auf jeden Fall Eloquenz, Schauspiel und Humor.

Langt das Geld nicht für einen wirklich herausragenden Hauptredner?

Dieses Jahr hätte ich gerne Kim Chi, Finalistin beim letzten "RuPaul's Drag Race", dabei gehabt. Was für eine kreative, starke, herzliche Persönlichkeit. Sie wäre eine weitere tolle Inspiration für unsere Besucher gewesen. Leider hat ihr Management auf meine unzähligen Nachrichten nicht reagiert.

Hier ein kleines Outing: Ich hatte früher eine Art "Drag-Phobie". Ich fand die Leute, die das gemacht haben … abstoßend. Und wollte mich unbedingt von Ihnen distanzieren, weil ich mit ihnen nicht verglichen werden wollte. Meine Devise war: Lieber straight-acting als feminin gesehen werden.

Das hat sich dank Olivia Jones und acht Staffeln "Drag Race" um 180 Grad gedreht. Ich liebe Drag Queens mittlerweile und habe großen Respekt vor ihrer Kunst und ihrem Mut, wenn Sie im Outfit auf die Straßen gehen. Die meisten von uns verurteilen andere so schnell, auch und gerade in unserer Community. Ob zu dick, zu dünn, zu hetero, zu tuntig, zu drag: wir wollen uns abgrenzen. No Fats, No Femmes, No Asians. Eine schlimme Entwicklung. Wir machen da nicht mit. Daher auch dieses Jahr das erste Mal Drag Queens auf unseren Bühnen. Neben Nina Queer kommt auch Jurassica Parker. Ein sympathisches, witziges Teufelsweib mit unglaublichem Talent.

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Schlabberlook willkommen: Auf der Sticks & Stones gilt die Regel "Come as you are"
Schlabberlook willkommen: Auf der Sticks & Stones gilt die Regel "Come as you are"

Völlig d'accord, auch wenn ich beim letzten "Drag Race" zum Team Bob the Drag Queen gehörte. Aber erklär mir: Warum um aller Welt heißt der Vortrag von Nina Queer auf der Sticks & Stones "Schrecklicher Durchfall". Muss man da 'ne Windel tragen?

Keine Ahnung, aber man sollte sich wirklich gut überlegen, ob man sich den Vortrag anhören will. Das ist nichts für Leute mit schwachen Nerven. Erst letzte Woche hat mich Nina angeschrieben und gefragt, wo ich denn bitte war – ich war einmal nicht im "Irrenhouse" – und im Anschluss habe ich ein Video von ihr erhalten, wo sie gerade einem Typen einen bläst mit den Worten "Finished". Sie ist eine krasse Persönlichkeit mit Ecken und spitzen Kanten. Das liebe ich aber an ihr. Mehr Realness geht nicht. Und, das darf man nicht vergessen: sie ist eine der erfolgreichsten Partyveranstalterinnen in Berlin und das über Jahre. Ein Partner von McKinsey verdient weniger als sie. Von dem alten Zirkuspferd kann man viel lernen.

Auf der anderen Seite gibt's auf der Sticks & Stone einen "Origami Workshop". Wäre das nicht eher was für gelangweilte Beamte?

Ich finde den Workshop mega. Wann lernt man so was heute noch? Im Kindergarten? Wir hocken doch alle nur noch am Laptop und am Telefon und haben die kleinsten handwerklichen Fähigkeiten verloren. Wer etwas schafft, ist glücklich, und mit so einem Workshop bist Du nach 60 Minuten im absoluten Flow.

Zu den eher serviceorientierten Messeangeboten gehört, dass man kostenlose Bewerbungsfotos schießen lassen kann. Sag mal, wie muss ich denn in die Kamera gucken, um endlich den Traumjob zu bekommen?

Ich finde das eines der langweiligsten Angebote unserer Messe, aber unsere Besucher sind scharf drauf. Da beuge ich mich auch gerne mal für unsere Kunden. Ansonsten empfehle ich Photoshop bis zum Get-No. Mit attraktivem Bewerbungsfoto hat man nachweislich bessere Chancen im Bewerbungsprozess. Daher empfehle ich auch lieber kein Bewerbungsbild zu verwenden, wenn man mit Papptüte überm Kopf besser aussieht.



Experten checken auf der Sticks & Stones auch den persönlichen Lebenslauf. Was sollte man darin unbedingt verschweigen?

Alles, was dich in ein schlechtes Licht stellt. Die wenigsten Leute verstehen, dass Lebensläufe nichts anderes sind als eine Werbeverpackung – wie beim iPhone. Und die muss glänzen, gut aussehen und alles versprechen, was man sich wünscht. Du würdest doch auch kein iPhone kaufen, wenn die Verpackung eine Delle hat. Du würdest sofort davon ausgehen, dass das Gerät nicht funktioniert oder beschädigt ist. So ist das auch mit Lebensläufen: Wenn Du Fehler eingestehst oder nur die Wahrheit schreibst, kann das nicht gut ausgehen. Auf der iPhone-Packung steht ja auch nicht "Hergestellt von Menschen, die wir zu Hungerlöhnen schuften lassen". Mach aus Deinem CV eine iPhone-Verpackung und du kommst wahrscheinlich in die nächste Runde!

Muss ich mich für die Messe eigentlich rasieren und in einen Anzug zwängen?

Seit Jahren gilt bei uns die Regel "Come as you are". Und wir sind die einzige Jobmesse auf diesem Planeten, wo das auch so stimmt. Zu uns kommen die Leute im "Fuck You"-T-Shirt oder mit Turban. Aber auch hier ein Tipp: Wenn du der Übernerd bist, nur Einsen auf deinem Zeugnis zu finden sind, du sechs Fremdsprachen sprichst und zu den Top1% deines Jahrgangs gehörst – dann kannst du im Müllsack kommen. Wenn dem nicht so ist, empfehle ich: Dress for your Job. An unseren Stand kannst Du übrigens gern als Müllsack kommen. Bei uns zählt nur der Inhalt. Wir haben das Spiel durchschaut…

Warum ist die Bundeswehr als Aussteller dabei? Wollen die Heteros ihren Kopf nicht mehr in Afghanistan oder Mali hinhalten?

Keine Ahnung. Da musst du sie selber fragen. Bei der Bundeswehr gibt es allerdings viele Schwule und Lesben. Sie will wahrscheinlich ein Zeichen setzen und zeigen, dass sie auf dem richtigen Weg dahin ist, ein bunter Arbeitgeber zu werden. Ich selbst habe den Dienst an der Waffe verweigert. Auch wenn ich Soldaten sexy finde, bekommst Du mich in 1.000 Jahren nicht nach Afghanistan.

Schnäppchen solange Vorrat reicht: Auch in diesem Jahr gibt es für die Besucher wieder schicke Beutel
Schnäppchen solange Vorrat reicht: Auch in diesem Jahr gibt es für die Besucher wieder schicke Beutel

Nachwuchs auf der Sticks & Stones sucht auch die Axel Springer SE. Wie glaubwürdig ist das denn, wenn ich in den Springer-Blättern "Bild" und "B.Z." noch immer viel zu häufig homophobe Texte lesen muss?

Ich habe in meinem Leben die "Bild" gefühlte dreimal in der Hand gehabt und jedes Mal meinen Würgreflex unterdrückt. Für mich das Rotzblatt der Nation. Aber, und das ist das einzige Kriterium, um bei uns dabei zu sein: Sie setzen sich für Vielfalt und die Wertschätzung ihrer LGBTI-Mitarbeiter_innen ein. Seit der ersten Messe vor sieben Jahren ist Axel Springer dabei. Und da war es noch lange nicht "cool", bei uns dabei zu sein.

Ein Kumpel von mir wollte schon immer mal den ersten schwulen Schnaps brauen. Wäre das was für den Unicorn Pitch?

Keine Ahnung – schmeckt er denn? Ich bin Schotte. Da steh ich mehr auf Whiskey. Gut für ihn, dass ich nicht in der Jury bin.

Sitzen in der Runde denn wirklich echte Investoren, also Leute mit Kohle, oder wollen die nur die Geschäftsideen klauen?

Ja und keine Angst. Wir haben Oliver Samwer und seine Rocket-Leute nicht eingeladen.

Was ich schon immer wissen wollte: Kann man vom Veranstalten einer queeren Karrieremesse eigentlich das ganze Jahr leben?

Klar doch. Dank der vielen Homos, die zu uns auf die Messen kommen, sind wir stinkreich geworden. Wir bereichern uns seit sieben Jahren an der Community. Nein. Nicht wirklich. Aber viele Leute glauben das wirklich und halten uns das regelmäßig vor. Wenn wir als Karrieremesse für Heteros gestartet wären und hätten dann eine tolle Homo-Werbung gemacht, wie es gerade Nike oder Oreo machen, dann hätte uns die Community gefeiert. Aber so gibt es leider viele Schwule und Lesben, die uns "Ausbeutung" vorwerfen. Aber um auf Deine Frage zurückzukommen: Wir hungern nicht, aber für einen Gucci-Gürtel langt es noch nicht… Aber wer braucht schon so unnützes Zeug. Wir sind happy.

Auf der Messe gibt's auch eine Lounge Area mit DJ. Kann man sich da Songs wünschen?

Alles. Nur keine Helene Fischer. Ich töte den DJ, wenn er das spielt.

Wäre "Ich bin faul" von der Punkband Die Kassierer denn okay?

Kenn ich nicht. Hört sich aber nicht nach Helene an. Also okay. Hier ein Insider: Seit Jahren spielen wir am Eingang der Messe eine meiner Lieblingsbands, Deichkind, und abwechselnd spielen wir hier "Bück Dich hoch" und "Arbeit nervt".

Interessant klingt der Programmpunkt "Glimpse of Tomorrow", wo man neue Technologien ausprobieren kann. Geht's da auch um Teledildonics, also interaktive Sextoys?

Also bitte. Auch wenn Nina dabei ist, sind wir nach wie vor eine Karrieremesse. Die Sextoys gibt's da also nicht… aber vielleicht auf unserer After-Show-Party im Ritter Butzke.



Beim Unicorn Award werden fünf Besucher in fünf Kategorien zu "Super-Einhörnern" gekürt. Kommt es da auf die Zentimeter an?

Nur darauf. Und ich persönlich werde da nachmessen und küre den Gewinner.

Auf der Homepage werden "tolle Preise von unseren Ausstellern/Partnern" angekündigt. Also einen Kalender von der Allianz und einen Wasserball von TUI?

Viel schlimmer. Es gibt einen feuchten Händedruck und (wenn Du ein heißer Typ bist) vielleicht noch ein Date mit mir. Mehr Preise gibt's leider nicht. Kein Budget. Das restliche Geld haben wir queer.de gegeben, damit ihr dieses "witzige" Interview machen und vielleicht nach 20 Jahren endlich euer "modernes" Webseitendesign überarbeiten könnt…

Ähhm [wird rot]. Wir sind dran [schluckt]. Wirklich [grinst verlegen]. Aber noch habt ihr ja leider nichts überwiesen. Kann ich mir den Eintritt und das Bier auf der Official Closing Party trotzdem leisten?

Das kommt wieder auf deine Verpackung an. Wenn die gut ist, bring ich dich auf die Gästeliste und lade dich auf ein, zwei Cocktails ein.

Recycelst du eigentlich die ganzen Visitenkarten, die du auf der Messe einsammelst?

Die landen bei mir umgehend im Papierkorb. Wer mir eine Visitenkarte gibt, überschätzt mein Erinnerungsvermögen. Ich habe am nächsten Tag keine Ahnung mehr, von wem ich welche Karte bekommen habe. Wenn es wichtig war, wird sich die Person schon bei mir melden. I'm CEO, Bitch … aber eigentlich nur zu doof, um mir Gesichter zu merken.

Welche Frage sollte ein Journalist dem Veranstalter der Sticks & Stones niemals stellen?

Bist du top oder bottom?

  Infos zu Messe
Sticks & Stones Karrieremesse. Edition #7. Freitag und Samstag, 3. und 4. Juni 2016. Ort: Postbahnhof am Ostbahnhof Berlin. Zeit: jeweils 10-18 Uhr. Nina Queer wird am Samtag um 17 Uhr reden. Online sind mit Registrierung vorab Freikarten erhältlich. An der Kasse kostet ein Ticket 20 Euro.
Links zum Thema:
» Homepage der Sticks & Stones
» Fanpage auf Facebook
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» Deshalb spricht Gregor Gysi auf der queeren Karrieremesse (28.05.2016)
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Tags: sticks & stones, karrieremesse, stuart cameron, nina queer
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 1 User-Kommentar
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#1
30.05.2016
17:10:45


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Von ursus


>"Du würdest doch auch kein iPhone kaufen, wenn die Verpackung eine Delle hat. Du würdest sofort davon ausgehen, dass das Gerät nicht funktioniert oder beschädigt ist. So ist das auch mit Lebensläufen: Wenn Du Fehler eingestehst oder nur die Wahrheit schreibst, kann das nicht gut ausgehen."

wow. habe ich die ironie nicht mitbekommen, oder werden da wirklich ohne jede spur von skrupel menschen zu produkten erklärt und erfahrungen von scheitern, die nun mal zu jedem leben gehören, zu "beschädigungen", die diese produkte entwerten?

hurra, endlich werden schwule das schwule stigma los und können aus vollem herzen andere abwertungs- und entmenschlichungs-logiken mit vorantreiben!

davon abgesehen waren meine erfahrungen bei bewerbungsverfahren durchaus andere als die beschriebenen. ehrlichkeit und persönlichkeit punkten auch im job oft mehr als stromlinie.


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