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  • 02.06.2016, 16:28h           11      Teilen:   |

Unrechtsparagraf

Justizminister fordern rasche Aufhebung der Urteile nach §175

Artikelbild
Der Kampf gegen den Unrechtsparagrafen 175 des Strafgesetzbuches war Teil der Schwulenbewegung und ist inzwischen im Schwulen Museum* Berlin ausgestellt. Der Kampf um die Aufhebung der Urteile geht weiter. (Bild: nb)

Auf ihrer Frühjahrskonferenz in Nauen forderten die Minister der Bundesländer eine Rehabilitierung der verurteilten Männer noch in dieser Legislaturperiode.

Die Justizministerkonferenz hat am Donnerstag auf ihrer Frühjahrskonferenz im brandenburgischen Nauen die Bundesregierung aufgefordert, "umgehend, d.h. noch in dieser Wahlperiode des Deutschen Bundestages", eine Rehabilitierung der Männer durchzuführen, die aufgrund des Strafrechtsparagrafens 175 in der Bundesrepublik und des Paragrafen 151 in der DDR wegen homosexueller einvernehmlicher Handlungen verurteilt wurden.

"Viele der Betroffenen sind fortgeschrittenen Alters", heißt es in dem Beschluss (PDF) der Justizminister der Länder zur Dringlichkeit des Handelns. Sie verweisen für Details auf ein Gutachten von Prof. Dr. Martin Burgi, das er für die Antidiskriminierungsstelle des Bundes angefertigt hatte. "Die Justizministerinnen und Justizminister begrüßen die Bereitschaft des Bundesministers der Justiz und für Verbraucherschutz, auf den Erkenntnissen dieses Gutachtens aufbauend einen Vorschlag für ein Rehabilitierungsgesetz vorzulegen, und erklären ihre Bereitschaft, an einem zügigen Gesetzgebungsverfahren mitzuwirken". Zu den Antragstellern gehörten auch die CDU-Ressortchefs aus Berlin und Hessen.

Bereits im letzten Jahr hatte die Justizministerkonferenz auf ihrer Frühjahrskonferenz eine "zeitnahe bundesgesetzliche Regelung" gefordert (queer.de berichtete), wenige Tage später hatte sich auch der Bundesrat für eine Rehabilitierung der Opfer des Paragrafen 175 ausgesprochen (queer.de berichtete).

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Antidiskriminierungsstelle sorgte für Druck

Bundesjustizminister Heiko Maas erklärte in Nauen, an einem "zügigen Gesetzgebungsverfahren" mitwirken zu wollen - Quelle: Stefan Mey
Bundesjustizminister Heiko Maas erklärte in Nauen, an einem "zügigen Gesetzgebungsverfahren" mitwirken zu wollen (Bild: Stefan Mey)

Passiert war danach, wie bei der am gleichen Tag beschlossenen Forderung des Bundesrats nach einer Ehe-Öffnung, nichts. Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) hatte jahrelang nur davon gesprochen, dass eine Rehabilitierung geprüft werde – erst Anfang Mai kündigte er an, dass ein Gesetzentwurf erarbeitet werde (queer.de berichtete). Der Paragraf sei "von Anfang an verfassungswidrig" gewesen, stellte er fest, "die alten Urteile sind Unrecht".

Ungefähr zeitgleich hatte die Antidiskriminierungsstelle ihr Gutachten zum Thema vorgestellt und den Druck auf den Minister erhöht. Professor Dr. Martin Burgi von der Uni München kommt darin zu dem Schluss, dass die angeblich rechtlich schwierige Rehabilitierung der Nachkriegs-Verurteilten nicht nur möglich, sondern zwingend geboten ist (queer.de berichtete). Das Gutachten (PDF) bereitet auf 111 Seiten zudem ausführlich mögliche Wege zur Rehabilitierung aus und empfiehlt eine kollektive Aufhebung der Urteile (statt einer Einzelfallprüfung) und eine kollektive Entschädigung.

Im Jahr 2000 hatte sich der Bundestag in einer einstimmig beschlossenen Resolution für die Schwulenverfolgung entschuldigt. Zwei Jahre später hob die damalige rot-grüne Bundesregierung gegen die Stimmen von Union und FDP die Urteile aus der Nazi-Zeit auf, nicht aber aus der Zeit danach. Mit dem Paragrafen 175 in der Nazi-Fassung wurden in der Budesrepublik bis zu einer Reform 1969 jährlich noch mehrere tausend Männer verurteilt; danach folgten hunderte pro Jahr bis 1994, als noch 44 Männer verurteilt wurden.

LSVD fordert rasches Handeln und individuelle Entschädigung

Der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) begrüßte am Donnerstag in einer Pressemitteilung den "politischen Rückenwind" und sieht die Bundesregierung und den Bundestag in der Pflicht, die Betroffenen schnell zu rehabilitieren. "Die Beseitigung dieses Unrechts, das im Namen der Bundesrepublik Deutschland erfolgte, muss noch in dieser Legislatur-Periode geschehen", so der LSVD, der auch eine individuelle Entschädigung für das erlittene Unricht fordert. "Die Zeit drängt, damit Opfer der Homosexuellenverfolgung noch die Aufhebung der Unrechtsurteile und die Wiederherstellung ihrer Würde erleben." Der Verband verweist auf ein entsprechendes Forderungs- und Positionspapier, das er zusammen mit der Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren (BISS) und der Deutschen AIDS-Hilfe verabschiedet hat.

Bereits am Mittwoch war die Rehabilitierung kurz Thema im nicht-öffentlichen Teil einer Sitzung des Rechtsausschusses. Die Regierungsmehrheit vertagte dort zunächst eine nähere Befassung (wie sie seit Monaten auch vorliegende Gesetzentwürfe zur Ehe-Öffnung der Opposition vertagt). Während der Linkenabgeordnete Harald Petzold darauf bei Facebook vermutete, "dass bis heute keinerlei Arbeitskraft in einen Gesetzentwurf von Seiten des BMJV investiert worden ist", beklagte der zuständige SPD-Berichterstatter Karl-Heinz Brunner einen "Stimmenfang" der Linken, die so täten, als hätte die SPD die Rehabilitierung abgelehnt. Diese komme, so Brunner: "Die Verurteilungen wegen § 175 StGB werden aufgehoben, Entschädigungsansprüche werden geprüft."

Der Druck auf Maas und die Regierung nimmt jedenfalls weiter zu. Der Berliner Bundestagsabgeordnete Dr. Jan-Marco Luczak (CDU), stellvertretender Vorsitzender des Rechtsausschusses, begrüßte am Donnerstag den "Rückenwind" der Justizminister: "Angesichts des hohen Alters vieler Opfer dieses unsäglichen Paragrafen, sollten wir die Rehabilitierung noch in dieser Wahlperiode umsetzen." Luczak signalisierte in einer Pressemitteilung seine "volle Unterstützung" für das Vorhaben: Er werde auch in den Reihen der Union für ein solches Gesetz werben. (nb)

ergänzt um Zitate von Karl-Heinz Brunner

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Tags: paragraf 175, rehabilitierung, justizministerkonferenz, heiko maas
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Reaktionen zu "Justizminister fordern rasche Aufhebung der Urteile nach §175"


 11 User-Kommentare
« zurück  12  vor »

Die ersten:   
#1
02.06.2016
16:37:47
Via Handy


(+11, 11 Votes)

Von TheDude


Längst überfällig


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#2
02.06.2016
16:41:48


(+7, 9 Votes)

Von Gerrit


Mal sehen, ob Heiko Maas und die Bundes-SPD wenigstens diesmal zu ihrem Wort stehen...


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#3
02.06.2016
16:45:36


(-4, 14 Votes)

Von Johannes45


Wir werden sehen, wie Ernst es die SPD bei diesem Thema meint und was die Äußerungen von Heiko Maas wert sind.

Wenigstens hier könnte doch die SPD einmal in dieser Legislaturperiode zeigen, dass sie "Eier in der Hose" hat und sich nicht immer von der "CDU durch die Manege ziehen läßt".

Es hat der SPD sehr in den vergangenen Jahren geschadet, dass sie sich hat derart von Merkel und CDU hat vorführen lassen.

Bestes Beispiel des Versagens der SPD in dieser Legislaturperiode ist, dass es die SPD nicht einmal schafft, eine Abstimmung zur Eheöffnung im Bundestag FREI zur Abstimmung zu geben; das wäre das Mindeste gewesen, wenn man an den letzten Wahlkampf der SPD im Jahre 2013 zurückdenkt.

----------
Bleibt also nunmehr für die SPD das Thema "Rehabilitierung" der 175er, das werde ich mir dann genau anschauen, was dort letztlich dann im Gesetzentwurf der SPD drinsteht.

Eigentlich eine Schande für die SPD, die von den letzten 18 Jahren nur vier Jahre nicht im Bund mitregiert hat, dass sie dieses Thema erst jetzt "angehen" will. Von der CDU/CSU will ich da erst überhaupt nicht anfangen, denn deren Verhalten bei diesem Thema ist derart indiskutabel und unterhalb aller "Kanone", um es noch milde zu formulieren, das mir beim Verhalten der CDU/CSU einfach die Worte fehlen, um es entsprechend zu formulieren.


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#4
02.06.2016
17:08:49


(+10, 12 Votes)

Von Rosa Soli
Antwort zu Kommentar #3 von Johannes45


Und was ist mit Deiner FDP? Die saß bis 2013 in der Regierung und stellte mit Sabine Leutheuser-Schnarrenberger sogar die Justizministerin. Schon vergessen?


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#5
02.06.2016
17:16:17


(+7, 9 Votes)

Von 23rgjzhe


"Passiert war danach, wie bei der am gleichen Tag beschlossenen Forderung des Bundesrats nach einer Ehe-Öffnung, nichts. "

Es wird auch nix passieren, denn in der Regierung sitzen die Arschlöcher von Union und SPD.

Die SPD kündigt ja immer Dinge an, und stellt sich als unheimlich homofreundlich dar, doch wenn es darum geht das Angekündigte umzusetzen, dann passiert NICHTS.

Die Fakten sind eindeutig. Die SPD hilft der Union beim Blockieren der Eheöffnung in den Ausschüssen und im Plenum des Bundestages. Die SPD hilft mit beim Blockieren der Rehabilitierung der Opfer des § 175.

Die Fakten sprechen für sich. Da kann die SPD sich noch so homofreundlich darstellen, die SPD ist faktisch homofeindlich. Fakten!

Und der dicke Sigmar Gabriel hat auf dem SPD-Parteitag gesagt, dass sich die SPD um die Mehrheit kümmern soll, und nicht um Minderheiten.


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#6
02.06.2016
17:19:39


(+10, 12 Votes)

Von 78r8iufzugzu
Antwort zu Kommentar #3 von Johannes45


Johannes45, du scheinst anscheinend nicht zu begreifen, dass die FDP-Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger 2009 - 2013 nichts für uns getan hat. Die FDP hat nichts für uns getan. Die FDP hat bewiesen, dass sie in Regierungsverantwortng nichts für uns tut, genau wie die SPD in Regierungsverantwortng nichts für uns tut.

Wir wissen ja mittlerweile, dass du in FDP-Bettwäsche schläfst, aber bitte verschone uns mit diesem Pickel der Politik namens FDP. Dankeschön!


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#7
02.06.2016
17:19:59


(+6, 6 Votes)

Von michael008
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#8
02.06.2016
17:29:45
Via Handy


(+8, 10 Votes)

Von FDP2001
Antwort zu Kommentar #3 von Johannes45


Das ist allemal mehr als die FDP in der Hinsicht getan hat!!!!! Oder wie hat sich die FDP dafür eingesetzt die 175er aus der Nazizeit zu ihr rehabilitieren???? sie hat dagegen gestimmt!!!! Keiner hatte sie dazu gezwungen und das ist noch weniger als gar nichts machen!! WARUM hatte sie sich da geweigert??? Kannst du oder willst du die Frage nicht beantworten????


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#9
02.06.2016
18:31:39


(+7, 11 Votes)

Von goddamn liberal
Antwort zu Kommentar #8 von FDP2001


Die FDP-Zentrale ist immer noch nach dem fanatisch homophoben furchtbaren Juristen Thomas Dehler benannte, dem der Nazi-Paragraf 175 nicht weit genug ging.

Das sagt wohl alles!


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#10
02.06.2016
19:28:33


(+4, 8 Votes)

Von Fennek
Antwort zu Kommentar #2 von Gerrit


Da Heiko Maas das erst vor ca. 2 Wochen nochmal zugesichert hat (nachdem er schon mal über 2 Jahre "geprügt" hat), muss er das eigentlich, wenn er glaubwürdig sein will.

Aber wir kennen ja die SPD: die reden ja viel und was die Menschen denken, wenn sie wieder mal betrogen werden, ist denen ziemlich egal.

Aber daran wird die SPD (und insbesondere auch Heiko Maas) sich messen lassen müssen...


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