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Eine einfühlsame Reaktion aus Deutschland kam von Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth: "Der Regenbogen trägt Trauerflor. Mit unseren Tränen bei Euch in Orlando!", schrieb die Grünen-Politikerin zu diesem Bild auf Facebook

Schwule und Lesben werden in Deutschland selbst als Anschlagsopfer teilweise mit spitzen Fingern angefasst.

Von Micha Schulze

Ich bin noch immer fassungslos. Über das schreckliche Blutbad in Orlando, aber auch über manche Reaktion. Trauer und Solidarität sollten nach diesem Terrorakt im Vordergrund stehen, nicht die eigene politische Agenda oder gar neuer Hass auf eine ganze Bevölkerungsgruppe. Kein Präsident, kein Gesetz kann solch ein Attentat eines mutmaßlichen Einzeltäters verhindern. Leider.

Der Angriff auf das "Pulse" ist nicht der erste, aber der bislang blutigste Terroranschlag, der direkt auf Schwule und Lesben zielte. Noch sind nicht alle Hintergründe geklärt. Dennoch hat US-Präsident Barack Obama am Sonntag die richtigen Worte gefunden. Er sprach von einem "Akt des Terrors" und einem "Akt des Hasses" und nannte den Tag "besonders herzbrechend für die LGBT-Community". Was er in der Tat ist.

Angriff auf einen Schutzraum

Von deutschen Spitzenpolitikern vermisse ich solche einfühlsamen Reaktionen, die unseren besonderen Schmerz, unsere realen Ängste ernst nehmen. Ein Massaker in einem Gay-Club ist nicht nur ein Angriff auf einen Ort zum Trinken und Tanzen, sondern auch auf einen Schutzraum, in dem wir frei von Homophobie wir selbst sein können. Nicht einmal dort, so scheint es nun, sind wir noch sicher.

Lesben und Schwulen, die für ihre Rechte und gegen Diskriminierung kämpfen, wird oft vorgeworfen, die Opferrolle einzunehmen. Doch wenn sie dann fünfzigfach erschossen werden, werden sie als Opfer kaum wahrgenommen. In den Beileidsbekundungen von Bundespräsident, Bundeskanzlerin und Außenminister sucht man die Worte "Lesben", "Schwule" oder "Homophobie" vergeblich.

Deutschland sei entschlossen, das "offene und tolerante Leben" fortzusetzen, heißt es etwa verquast bei Merkel – als ob eine Schließung schwul-lesbischer Clubs je zur Diskussion stand. Wären stattdessen bei einer Bar-Mitzwa-Feier in einer Synagoge 50 Menschen ermordet worden, hätte jeder Politiker sofort die antisemitische Tat verurteilt und seine – richtige wie selbstverständliche – Solidarität mit allen Juden bekundet.

Doch Schwule und Lesben, so scheint's, werden von manchen selbst als Opfer eines Hassverbrechens mit spitzen Fingern angefasst. In mehreren Onlineberichten über das Attentat war gestern zunächst nur von einem nicht näher spezifizierten "Nachtclub" in Orlando die Rede. Einigen Portalen, darunter welt.de, war die Fußball-EM als Aufmacher wichtiger als der Massenmord im Gay-Club. Später wurde im Fernsehen diskutiert, ob die Tat aus Homophobie begangen worden sei oder einen islamistischen Hintergrund habe – als ob sich beides ausschließen würde oder das eine schlimmer sei als das andere.

Nach dem Angriff auf das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" war auf meiner Facebook-Timeline überall "Je suis Charlie" zu lesen – "I'm gay" fand ich gestern kein einziges Mal. Erstrahlte das Brandenburger Tor nach den Bomben von Brüssel in den belgischen Nationalfarben, fiel eine Regenbogenbeleuchtung am Sonntagabend aus.

Ich fürchte, es liegt nicht nur daran, dass wir uns an den Terror schon allzu sehr gewöhnt haben.

Wöchentliche Umfrage

» Nach dem Massaker in Orlando: Hast du Angst, in die Szene oder auf den CSD zu gehen?
    Ergebnis der Umfrage vom 13.06.2016 bis 20.06.2016


#1 Pascal GoskerAnonym
  • 13.06.2016, 12:31h
  • Volle Zustimmung für diesen Kommentar von Micha Schulze.

    Nach dem Terroranschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo haben sich die Politiker überschlagen, eine Verteidigung der Pressefreiheit und Kunstfreiheit zu fordern.

    Und jetzt?
    Verlautbarungen, auch die Vielfalt sexueller Orientierungen zu verteidigen gibt es fast nur von Grünen und Linkspartei.

    Ansonsten nur eine Pflicht-Beileidsbekundung von Merkel in schwammigen Worten und ohne auf den Homohass als Ursache der Tat einzugehen. Und der Rest der Union und die SPD schweigen...

    Alle die bei Je suis Charlie noch die Gelegenheit nutzten, sich als Kämpfer für Freiheit und Demokratie hinzustellen, sind jetzt komplett abgetaucht.
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#2 goddamn liberalAnonym
  • 13.06.2016, 13:08h
  • Volle Zustimmung zu dem sensiblen Kommentar!

    An den Reaktionen der deutschen Regierung zeigt sich:

    Wer an der Entrechtung von Menschen mitarbeitet (siehe 'sichere' Maghreb-Staaten, siehe Eherecht), der kann auch ihre Vernichtung nicht angemessen betrauern.
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#3 ursus
  • 13.06.2016, 13:35h
  • danke für den kommentar, der einen wichtigen aspekt in die diskussion einbringt.

    >"Von deutschen Spitzenpolitikern vermisse ich solche einfühlsamen Reaktionen, die unseren besonderen Schmerz, unsere realen Ängste ernst nehmen."

    ich auch. der kontrast beispielsweise zu den äußerungen obamas oder dilek kolats ist überdeutlich. und er schmerzt.

    aber mal ehrlich: wenn sich da jetzt all diejenigen einen abheucheln würden, die unsere ängste noch nie ernst genommen haben und deren sonstiges verhalten ja gerade teil dieser ängste ist, dann hülfe mir das auch nicht. ist doch wenigstens ehrlich.
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#4 nataliaAnonym
#5 UrsaMajorEhemaliges Profil
#6 AlexAnonym
  • 13.06.2016, 14:21h

  • Es hat mich gestern schon sehr berührt, die Angehörigen zu sehen. Z.B. diese verzweifelte Mutter, die stundenlang draußen stand und die unter Tränen sagte, sie wisse nicht, ob ihr lieber Sohn noch lebe.

    Oder der heterosexuelle Mann, dessen bester Freund schwul ist und in dem Club starb. Erst während er ein Interview gab, realisierte er das richtig und brach plötzlich unter Tränen zusammen.

    Oder die SMS an eine Mutter: "I'm dying. I love you."

    Etc. Etc. Etc.

    Aber heute wo Fotos der Opfer aus glücklichen Tagen gezeigt werden um an sie zu erinnern, steigen meine Trauer meine Wut nochmal ins Unermessliche.
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#7 chrisProfil
  • 13.06.2016, 14:27h Dortmund

  • Ich weiß langsam nicht mehr, wie oder an wem ich meinen Frust noch ablassen soll. Auf der einen Seite wird von mir jeden Tag gefordert, dass ich Heteros so behandle wie ich auch behandelt werden möchte, auf der anderen Seite zeigen sie aber andauernd wie scheißegal wir ihnen sind, wenn wir mal Unterstützung brauchen. Ich habe ohnehin schon eine latent-stressige Abbeigung gegen die Heterogesellschaft. Hier sehen wir mal wieder deutlich, das Gay ein Label ist, das mal eben jeden von uns derartig abwertet, dass wir nicht mehr sind als eine politisierte, unbedeutende Randerscheinung, deren Existenzberechtigung und Lebensleistung bloß möglichst zu marginalisieren ist. Ich wünschte nur wir würden mal alle so zusammenstehen wie die Queers as mal konnten. Leider können wir ja nur noch CSD, Pride und Mardi Gras, welche von den Heteros schon längst nicht mehr als Demo verstanden wird.
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#8 goddamn liberalAnonym
#9 AlbrechtAnonym
  • 13.06.2016, 14:58h
  • Statt Moscheen, Kirchen und Synagogen zu bauen, sollten wir lieber Bildungszentren zur Aufklärung gegen Religiotie bauen.
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#10 Marius FAnonym
  • 13.06.2016, 15:05h
  • Hass kann man nur mit mehr Bildung und Aufklärung bekämpfen.

    Jetzt wird es auch in Deutschland Zeit, endlich die Bildungspläne umzusetzen und jegliche Verzögerung oder Abschwächung unterbleiben zu lassen.

    Jede Partei und jeder Politiker, die da auch nur noch einen Tag verzögern, macht sich mitschuldig an solchen Anschlägen.
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