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  • 19.06.2016, 11:32h           12      Teilen:   |

Interview mit Janis McDavid

Schwul mit Handicap: "Mir fehlen nur Arme und Beine"

Artikelbild
Früher zeigte Janis McDavid auf Gayromeo nur sein Gesicht, mittlerweile hat er auch Ganzkörperfotos hochgeladen

Im Interview mit queer.de spricht der 24-jährige Bochumer Janis McDavid über sein Coming-out und das Leben mit Handicap in der Szene.

Von Falk Steinborn

Behinderung und Sexualität sind in unserer Gesellschaft ein Tabu. Oft wird Menschen mit Handicap abgesprochen, dass sie ein Sex- und Liebesleben besitzen. Dass dem nicht so ist, beweist Janis McDavid.

Mit seiner Autobiografie "Dein bestes Leben" tingelt der 24-jährige Bochumer, der ohne Arme und Beine geboren wurde, derzeit durch die Schlagzeilen. Ein Kapitel seines Buches, welches dabei aber oft untergeht: Janis ist schwul.

Im Interview mit queer.de spricht er über sein Coming-out, Akzeptanz in der Community und warum er sehr wohl auch Sex hat.

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Ein ganz normales schwules Leben: Janis McDavid beim Urlaub in Rio der Janeiro
Ein ganz normales schwules Leben: Janis McDavid beim Urlaub in Rio der Janeiro

Wann hast du denn gemerkt, dass du schwul bist?

Da bin ich gerade 15 Jahre alt geworden und war mit meinen Eltern in Holland im Urlaub. Ich habe mich dabei erwischt, dass ich einen Typen einen Moment zu lang hinterher geschaut habe.

Wie war das: Handicap und jetzt noch Schwulsein als "doppelte Strafe"?

Am Anfang habe ich das gedacht und mir gesagt: Jetzt nicht noch das! Da gibt es ja nicht so viele. Zweitens ist es bestimmt einfacher, eine Frau statt eines Mannes zu finden in deiner Situation.' Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass das nicht erschwerend dazu kam. Es macht das Leben nochmal ein stückweit spannender.

Da hört man deinen Kampfgeist raus.

Klar. Ich hatte dadurch auch die Chance, mich noch einmal auf eine andere Art und Weise und auch intensiver mit mir selbst und Sexualität auseinanderzusetzen.

Du hast den Nachteil gehabt, dass du dich als Jugendlicher nur mit Hilfe von Eltern oder einer Assistenz frei bewegen konntest. Das heißt vor dem Besuch einer queeren Jugendgruppe musste das Coming-out erfolgen. Ein leichter Schritt?

Für mich bestand schon immer die Schwierigkeit, abhängig zu sein. Das wäre superkompliziert gewesen, dort alleine hinzufahren. Das Coming-out war dann ein schwieriger Schritt, weil ich mir extrem viele Ängste gemacht habe. Aber dann hatte meine Mutter sich nach meinem Coming-out total gefreut und mich das erste Mal in eine Jugendgruppe gebracht.

Jugendgruppen sind ein Teil der Szene, und die ist verschrien für ihre Schönheitsideale. Wie war es für dich, sich dort zu bewegen?

Die zwei Stunden, bevor ich losgefahren bin, waren immer extrem anstrengend. Denn ich musste gucken, dass meine Haare auch richtig liegen, weil ich schon sehr auf mich achte. Man geht ja auch mit dem Ziel dahin, seinen Traummann kennenzulernen. Das heißt der Druck, der da auf einem lastet, ist natürlich höher als wenn ich morgens zur Schule gegangen bin. Aber große Angst war da nicht, da ich meinen Körper schon so angenommen hatte wie er ist. Früher war das anders. Da wollte ich tunlichst nicht behindert aussehen.



Wie war denn die Hemmschwelle der Anderen in Bezug auf dich?

Tatsächlich hatte ich das Gefühl, dass die Hemmschwelle nicht so hoch war. Ich habe mich dort relativ schnell eingefunden in die Gruppe. An anderen Stellen in der Szene ist das nochmal ein bisschen anderes.

Wo denn?

Im Internet und in manchen Diskotheken. Es gibt Locations, wo jeder von oben bis unten gemustert wird und der Hemdkragen sehr weit oben steht. Glücklicherweise kann man, wenn man in Berlin eine Auswahl hat, dem ja ausweichen.

Wenn du in der Disco unterwegs bist, kommst du dann als potenzieller Partner in Frage oder wirst du angesehen als der Janis mit dem Handicap?

Es gibt Leute, die mir in der Disco erklären, wie viel Mitleid sie doch mit mir hätten und wie leid ich ihnen tun würde. Mit solchen Unterhaltungen kann ich wenig anfangen. Ich versuche schnell klarzumachen, dass eine Disco nicht der richtige Ort ist, um über Mitleid zu sprechen. Dann gibt es aber auch die andere Seite, wo ich durchaus als möglicher Partner in Frage komme. Ich werde durchaus auch von süßen Typen angequatscht.

Jetzt fragen sich vielleicht manche, die dieses Interview lesen: Kannst du auch Sex haben?

(lacht)

Da lacht er.

Ich sag mal so: Mir fehlen nur Arme und Beine. (lacht ausgiebiger) Reicht das als Antwort?

Ich lasse das gelten. Ist denn Sex komplizierter für dich?

Was heißt komplizierter? Ich brauche in jeder Lebenssituation mehr Kreativität. Ich kann nie abgucken. Alles, was ich gelernt habe, kann ich, weil ich selbst kreativ war. Ich konnte nie kopieren wie andere trinken oder die Treppe hochlaufen. Das ist natürlich hier auch so. Da muss man anders zusammen finden. Das hat mehr mit Absprachen zu tun. Aber das ist kein Hinderungsgrund.

Janis McDavids Autobiografie "Dein bestes Leben" ist im Herder Verlag erschienen
Janis McDavids Autobiografie "Dein bestes Leben" ist im Herder Verlag erschienen

Das ist eine total wichtige Botschaft, weil bei Menschen mit Handicap immer angenommen wird: Sie haben keine Sexualität und auch kein Sexualleben.

Das ist ein riesengroßes Tabuthema und schade.

Auf Dating-Plattformen gingst du dem früher aus dem Weg, indem du nur dein Gesicht gezeigt hast.

Ich wollte erst einmal, dass die Leute mich unvoreingenommen kennenlernen und nicht als der Rollstuhlfahrer ohne Arme und Beine. Aber die meisten Leute, mit denen ich mich vorher sehr gut im Chat unterhalten habe, haben sich dann extrem stark zurückgezogen, wenn ich sagte, was los ist. Manche hatten dann wenigstens noch den Anstand, interessiert nachzufragen und haben gesagt, sie könnten sich das nicht wirklich vorstellen für eine Beziehung. Aber ich sei total nett und ob man sich nicht doch mal auf einen Kaffee trifft. Aber ich hatte dann auch die Erfahrung gemacht, dass Leute dann auch ausfallend wurden und mich auf das Wüsteste beschimpft haben.

Heute ist das anders. Du zeigst dich und deinen Körper. Hat sich seitdem was verändert?

Ja, es schreiben mich weniger Leute an. Es ist weniger konkret. Gayromeo ist ein Portal, da bekommt man Sexangebote noch und nöcher. Das ist weniger geworden. Ich habe aber das Gefühl, das ist seitdem inhaltsvoller.

Gibt es Leute, die mit dir Sex haben wollen, nur um es mal mit einem "Behinderten" getan zu haben?

Ja. Wie das bei Menschen mit Migrationshintergrund ist, gibt es das auch in Bezug auf Menschen mit Behinderung. Und es gibt da auch eine ganze Community, die das als Beuteschema hat.

Wie geht es dir damit, wenn du solche Anfragen bekommst?

Ich finde das schwierig, weil ich mich nicht über meine "Behinderung" definiere. Ich benutze das Wort ziemlich selten. Für mich ist immer das Ziel gewesen, meiner "Behinderung" keine Hauptrolle zu geben, sondern das eigentlich in den Hintergrund treten zu lassen, um dann der sein zu können, der ich sein will.

Mittlerweile bist du Aktivist für Menschen mit Behinderung einerseits und für queere Jugendliche im Bundesnetzwerk Lambda andererseits. Was müssten wir in der Community ändern, damit es Queers mit Handicap leichter haben?

Das erste, was verändert werden muss, sind physische Barrieren. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie viele Kneipen, Bars, Discos und Anlaufstellen nicht barrierefrei sind. Zweitens gibt es viele Leute, die sich nicht einfach alleine fortbewegen können, aber trotzdem selbstbestimmt ihre Freizeit genießen wollen. Das heißt es muss politisch eine Lösung dafür geben, dass Assistenz auch für Freizeitaktivitäten gezahlt wird. Und drittens, da ist die Community nicht anders als der Rest Gesellschaft, muss sie an ihrer eigenen Toleranz arbeiten. Barrieren in den Köpfen sind nicht so leicht abzubauen. Und da ist es einfach ganz wichtig, Begegnung stattfinden zu lassen.

Youtube | Janis McDavid stellt sich in einem kurzen Video vor: "Ich kann viel mehr, wenn ihr mich nicht behindert"
  Nächste Lesungen von Janis McDavid
23.06. – Köln (Jugendzentrum anyway, 19 Uhr, Eintritt frei)
27.06. – Mannheim (Franziskussaal, 19 Uhr)
02.08. – Hamburg (CVJM an der Alster, 19:30 Uhr)
12.09. – Meppen (Volkshochschule, 19 Uhr)
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit bei Amazon
» Homepage von Janis McDavid
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Reaktionen zu "Schwul mit Handicap: "Mir fehlen nur Arme und Beine""


 12 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
19.06.2016
12:31:54


(+7, 13 Votes)

Von TheDad
Profil nur für angemeldete User sichtbar


""Ich kann viel mehr, wenn ihr mich nicht behindert""..

Richtiger Satz..

Tolles Interview..
Und ein offensichtlich "geerdeter" Mensch, der mit sich und seinem Leben sicher und vor allem offen umgeht..


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#2
19.06.2016
13:40:20


(+9, 11 Votes)

Von Ralf


Dachte mir schon, dass Janis schwul ist, warum auch nicht. Schade, dass ich ihn nicht direkt anschreiben kann. Bin auch gerade dabei sein Buch zu lesen, parallel dazu baue ich aber noch und daher komme ich mit dem Lesen nicht so richtig weiter. Spätestens bei meinem nächsten Urlaub lese ich sein Buch. Vielleicht kann ich den Janis irgendwann mal persönlich kennen lernen. Ist ein interessanter Typ. Mit seiner Behinderung habe ich keine Probleme. Es zählt doch der Mensch, nicht sein Äußeres oder seine Behinderung. Gruß aus Karlsruhe Ralf


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#3
19.06.2016
14:00:43


(+10, 10 Votes)

Von Lars


"Und drittens, da ist die Community nicht anders als der Rest Gesellschaft, muss sie an ihrer eigenen Toleranz arbeiten. Barrieren in den Köpfen sind nicht so leicht abzubauen. Und da ist es einfach ganz wichtig, Begegnung stattfinden zu lassen."

Ein wichtiger Satz. Wirkliche Begegnung halte ich nach wie vor für das beste Mittel gegen Intoleranz und Angst vor dem Fremden.

Zwei weitere Punkte, die ich aus dem Blickwinkel des "andersseins" für bedenkenswert halte, ist erstens das Bewusstsein, mit den besonderen Umständen des eigenen Lebens kreativ und ungewöhnlich umgehen zu dürfen, um selbständig zu sein. Es wäre in der Aufklärung über Homosexualität sehr wichtig, die weniger sichtbaren Mechanismen, die zu "ungewöhnlichem" Verhalten führen, nachvollziehbar zu machen, auch innerhalb der Commuity, die viele verscheidene Verhaltensweisen und kreative Lösungen der Lebensgestaltung kennt. Maßstab kann nicht sein, ob ein Verhalten ungewöhnlich ist, sondern, ob es funktioniert.

Zweitens: zu akzeptieren, dass man in der Eigenschaft als Mitgleid einer Minderheit auf die Hilfe, Unterstützung und Einsicht der Gemeinschaft angewiesen ist, wenn es um die Überwindung von Barrieren geht - und diese dennoch ruhig und selbstbewusst als Pflicht und soziale Handlung einzufordern.


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#4
19.06.2016
14:30:26
Via Handy


(0, 10 Votes)

Von hans-bambel


Er hat seinen Humor auf jede Fall nicht verloren...


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#5
19.06.2016
16:10:52


(+13, 15 Votes)

Von Finn


Er ist ein hübscher Mann, der eben zufällig keine Arme und Beine hat. Wenn er lieb ist, gibt es keinen Grund, sich nicht in ihn zu verlieben...


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#6
19.06.2016
17:57:22


(+11, 11 Votes)

Von Linus


Häufig wird viel zu sehr auf Äußerlichkeiten geschaut. Deswegen finde ich gut, dass er so offen ist und damit auch anderen Mut macht.


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#7
19.06.2016
19:55:25


(+9, 9 Votes)

Von LoveWins


Ein junger Mann, der sich was traut und akzeptiert sich so, wie er ist! Das Interview finde ich ebenfalls gut und hoffe, daß er bald einen Mann findet, der ihn aufrichtig liebt, respektiert und immer zu ihm steht!

Hier noch ein gerade gefundenes Video und eine Seite, die zum Thema passen:

Youtube-Video:


Link zu www.queerhandicap.de

LOVE WINS: ALWAYS!!!


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#8
19.06.2016
21:09:43


(+10, 10 Votes)

Von Tolles Interview


>>> Aber dann hatte meine Mutter sich nach meinem Coming-out total gefreut und mich das erste Mal in eine Jugendgruppe gebracht. <<<

Toll. Solche Eltern kann man nur jedem GLBTI wünschen.

>>> Es gibt Locations, wo jeder von oben bis unten gemustert wird und der Hemdkragen sehr weit oben steht. <<<

Ja, leider. Gerade wir sollten eigentlich alle besonders solidarisch zueinander sein, aber für viele gibt es halt bestimmte Körperideale und jeder, der dem nicht entspricht, wird verachtet oder sogar belacht und bequatscht.

Das finde ich total schade. Es muss ja nicht jeder mit jedem ins Bett wollen, aber kann man denn nicht auch mal mit jemandem befreundet sein, ohne gleich mit demjenigen ins Bett zu wollen?!

>>> Das ist ein riesengroßes Tabuthema und schade. <<<

Ja, auch Behinderung ist kein Grund, keinen Sex zu haben. Sexualität ist ein ganz normaler Bestandteil des Lebens, wieso sollten "behinderte" Menschen nicht auch dieses Bedürfnis haben und das nicht auch befriedigen dürfen.

>>> Und es gibt da auch eine ganze Community, die das als Beuteschema hat. <<<

Ja, das ist zweischneidig. Ich weiß z.B. als korpulenter Schwuler auch nie, ob mich die Leute wirklich wegen meiner selbst lieben oder ob die nur auf meine Figur stehen (manche stehen halt auf mollige Männer, was ich auch nicht schlimm finde, aber es ist auch mal schön, wenn man nicht nur auf seine Figur reduziert wird).

Ansonsten kann ich nur sagen:
Danke für dieses tolle Interview. Es gibt sicher viele Menschen, denen Janis ein Vorbild sein kann.

Und ansonsten kann ich mich nur anschließen: unsere "Community" sollte toleranter werden und eine echte Community sein. Und gerade bzgl. Barrierefreiheit oder auch staatlicher Unterstützung bei Behinderungen muss sich noch sehr viel tun.


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#9
19.06.2016
23:15:44
Via Handy


(+12, 12 Votes)
 
#10
19.06.2016
23:30:41


(+10, 12 Votes)

Von TheDad
Profil nur für angemeldete User sichtbar


Je mehr ich darüber nachdenke..
Ich denke ich bin ihm mal in Berlin begegnet..
Auf der Abschluß-Party des CSD-Berlin im Jahre 2011 im Keller des alten "Schwuz"..

Und schon damals habe ich mich gleichzeitig gefragt, wie er mit seinem Rolli eigentlich in diesen Keller runter kam, und eben gleichzeitig gedacht : wie geil das er sich dieses Erlebnis nicht nehmen läßt..


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