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  • 29.06.2016, 05:24h           8      Teilen:   |

Kölner Szenetalk

Wer nicht sichtbar ist, wird vergessen

Artikelbild
Die dritte Pride-"Denkwerkstatt" fand im Solution Space gegenüber dem Kölner Dom statt

Bei der neuesten "Pride 2.0 Denkwerkstatt" gab der Filmemacher Wieland Speck der Community eine Warnung auf den Weg.

Von Norbert Blech

"Route wird berechnet", so lautete in diesem Jahr das lose Motto der "Pride-2.0 Denkwerkstatt" des Kölner Pride Salons am Samstag, "Community, wohin gehst Du? Und wer geht mit?" Das Talkformat war vor zwei Jahren gestartet und suchte damals bemerkenswert offen und reflektierend nach neuen Wegen für die CSD-Bewegung (queer.de berichtete).

Um den CSD ging es auch im Eröffnungsreferat, in diesem Fall in der Form eines anonym zugesandten Textes: Man sollte den CSD im Wahljahr 2017 ausfallen lassen, wird darin gefordert, um damit der Öffentlichkeit bewusst zu machen, was mit der LGBT-Community fehlen würde. Den Volltext hatten wir bereits als Debattenbeitrag veröffentlicht.

Wieland Speck, Programmleiter der Sektion Panorama der Internationalen Filmfestspiele Berlin, sollte später am Tag hingegen die Wichtigkeit von Sichtbarkeit betonen: "Wir müssen schauen, dass wir viele sind", meinte er, "jeden Tag neu gegen die Abwesenheit queerer Menschen" ankämpfen. Ansonsten werde man von der Gesellschaft, den Medien schlicht vergessen.



Der Regisseur des Kultfilms "Westler" und Mitgründer des "Teddy Awards" lobte die Verschiedenheit der Community, auch wenn ihr in Berlin manchmal die große Klammer, das Zusammengehörigkeitsgefühl fehle. Man könne viel lernen von der Diversität der Szene weltweit, von den ähnlichen und doch unterschiedlichen Diskriminierungserfahrungen zwischen den Ländern, zwischen den einzelnen Personen.

Die queeren Filme gäben ihm ein "Gefühl für den Zeitgeist" und bildeten die Community, ihre Vielfalt gut ab, meinte Speck – um dann zu beklagen, dass Medien, speziell die queeren Medien, das nicht leisten würden. Nun bekommen die freilich keine Filmförderung.

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Schicksalsmonate für die Community

Dass Sichtbarkeit, dass der Kampf für sich und andere nötig ist, machte auch der grüne Bundestagsabgeordnete Kai Gehring deutlich. Mit Orlando sei die "Community erstmals Ziel von Terror" geworden. Wie viele andere hätte er gedacht: "Das hätte genausogut das SchwuZ treffen können." Die Community sei weltweit wie in Deutschland betroffen und verängstigt gewesen und habe zusammengestanden, habe hierzulande aber keinen Trost, keine Handlung durch die Spitzen des Staates erfahren. Gerade im Vergleich zu US-Präsident Obama seien die Reaktionen "verletzend" gewesen.



Gehring war zur Mahnwache nach Berlin gereist, die sehr bewegend gewesen sei: "Der Platz war voll." Aber: "Wo waren die Heterosexuellen? Wo 'Je suis Orlando'?" Bei vielen Freunden spüre er eine zunehmende Verunsicherung angesichts neuer Feinde wie der AfD oder "'Gender'-Gegnern". Die Freiheit sei "brüchig", es drohten Rollbacks – das zeige auch die "Mitte"-Studie.

Der Abgeordnete erinnerte an den Film "Pride" über das Zusammenstehen von Bergarbeitern und Schwulen und Lesben in Großbritannien und forderte neue Bündnisse, ein "Zusammenstehen der diskriminierten Communitys". Die deutsche Politik brauche mehr Druck, etwa um national endlich einen Aktionsplan gegen Homo- und Transphobie umzusetzen, sich aber auch international mehr zu engagieren; in für LGBT unsichere Länder dürfe es keine Abschiebung geben. An Schulen müsse eine umfassende Aufklärung und ein akzeptierendes Umfeld gewährleistet sein.

Individuelle Denkanstöße

Die "Denkwerkstatt" ist ein recht offenes Forum, in der Aktivisten und Akteure aus der ganzen Republik kurze Vorträge halten und sich dann Gesprächen mit dem Publikum stellen. Eine Vernetzung ergibt sich nebenbei. Das Spektrum der Referenten war in diesem Jahr recht breit und individuell gewählt.

Ulrike Rolf stellte etwa den bei vielen in Vergessenheit geratenen Lesbenring vor, der kurz vor der Aufklösung stand, aber weiter stolz sei, den Begriff "Lesbe" im Namen zu tragen statt nur einem "L" (wie ein Magazin oder ein Festival). Man wolle sich wieder mehr engagieren, stelle aber fest, dass man etwa Junglesben kaum erreiche. Die Degenfechterin und LSVD-Vorständin Imke Duplitzer beklagte in ihrer Rede gar Anfeindungen und Ignoranz aus einer Community heraus, mit der sie teilweise fremdle.



Während die Sportlerin bei allem Verständnis für Vielfalt und Sichtbarkeit ein "LSBTTIQ-Gebrabbel" und einen Gender-Star nur halbherzig vertreten könne, knöpfte sich Marketing-Frau Fabienne Stardiau in ihrem Vortrag Begriffe wie "Toleranz" und "Diversity" vor, die keine Akzeptanz auf Augenhöhe ausdrückten. Dazu gab es nette Beamer-Illustrationen wie das Gefühl, hier niemanden mehr überzeugen zu müssen.



Der LGBT- und HIV-Aktivist Marcel Dams las aus seinem bald erscheinenden Buch eine Reflektion über den Medienbegriff und Vorwurf der "neuen Sorglosigkeit" vor. Sollten "Sorge" und Vernunft wirklich nicht nur beim Abschluss von Versicherungen, sondern auch beim Sex eine Rolle spielen? In Wirklichkeit gehe es doch beim Sex um die Abgabe von Kontrolle, eine "Sorglosigkeit", die man sich nach dem Aufwachsen im behüteten Elternhaus erst hart erkämpft habe, um Spaß haben zu können.



Andrea Krieger, Transfrau und Aktivistin bei "Schlau NRW", verlas eine unterhaltsame wie traurige Kurzgeschichte über die Prozeduren, die Menschen zur Änderung ihres offiziellen Geschlechts dank Gutachterzwang durchlaufen müssen – sie endet mit der Vorstellung, auch Cis-Menschen müssten sich dem entmündigendem Verfahren stellen und erklären, warum sie ein Mann oder eine Frau seien.

Javid Nabijew, ein LGBT-Aktivist aus Baku, der nach Deutschland geflüchtet ist, berichtete von seiner Gruppe Queer Refugees for Pride. Für diese sehe er eine Vielzahl an Aufgaben: Die Teilnahme an CSDs, um auf ihre Belange aufmerksam zu machen, der Kampf gegen eine Heteronormativität und Einfalt in Informationsmateralien für Flüchtlinge oder ein Bewusstsein zu schaffen in der Bevölkerung für die Probleme von LGBT in den jeweiligen Herkunftsländern.

Nicht jeder queere Flüchtling könne Nachweise für eine Verfolgung erbringen – hier sei Druck auf den Gesetzgeber gefragt, um die Richtlinien der Realität anzupassen. Für die deutsche Szene hatte er, wie viele Aktivisten vor ihm, einen Wunsch: "Kämpft hier für eure Rechte." Die Erfolge und Niederlagen bekämen die LGBT im Ausland ebenso mit wie die Flüchtlinge.

Youtube | Der gesamte Vortrag Nabijews auf Englisch

Während es Gedanken gibt, das Format der "Denkwerkstatt" in weitere Städte zu exportieren, gehen die regulären Veranstaltungen des ehrenamtlichen "Pride Salon"-Teams rund um Moderator Jonathan Briefs weiter. An diesem Mittwoch wird im Jot Jelunge über den Aktionsplan gegen Homo- und Transphobie der Stadt Köln diskutiert.

Mehr zum Thema:
» Pride 2.0 – Wie weiter mit der (CSD-)Bewegung? (01.07.2014)
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Tags: pride 2.0, denkwerkstatt, köln, wieland speck, kai gehring
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Reaktionen zu "Wer nicht sichtbar ist, wird vergessen"


 8 User-Kommentare
« zurück  1  vor »

Die ersten:   
#1
29.06.2016
08:48:13


(+5, 5 Votes)
 
#2
29.06.2016
10:21:19


(+2, 6 Votes)

Von Lars


Mir fehlt die Sichtbarkeit derjenigen, deren Stimmen und Erfahrungen ich oft vermisse: Die Heten ( Freunde, Eltern, Familien queerer Menschen), die Regenbogenfamilien, hier in diesem Forum die Frauen - und die Interaktion dieser Gruppen. Eine Denkwerkstatt ist aber ein schöner Rahmen und guter Ansatz für eine soclhe Sichtbarkeit in Vielfalt.

Sichtbarkeit losgelöst von gesellschaftlichen Zusammenhängen und Realitäten bleibt ein Kuriosum, ein Ausstellungsstück, bedient nur eine Art Voyeurismus. Die Frage, die sich aber im Alltg stellt ist, eher: Wie gehen Menschen, die ganz unetrscheidliche Lebensentwürfe, Verhaltensweisen und Gewohnheiten haben, miteinander um, ohne sich ständig zu irritieren? Kann man diesen Umgang trainieren und lernen, ohne sich oder den anderen in Frage zu stellen? Und wie?


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#3
29.06.2016
10:57:08


(+6, 6 Votes)

Von UrsaMajor
Antwort zu Kommentar #2 von Lars


"Wie gehen Menschen, die ganz unetrscheidliche Lebensentwürfe, Verhaltensweisen und Gewohnheiten haben, miteinander um, ohne sich ständig zu irritieren? Kann man diesen Umgang trainieren und lernen, ohne sich oder den anderen in Frage zu stellen? Und wie?"

Ich hatte beruflich gut 25 Jahre lang - in 4 sehr verschiedenen Tätigkeitsfeldern - mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun. Außerdem in privaten Zusammenhängen mit verschiedenen Menschengruppen, die eher dem Bereich Minderheiten zuzuordnen sind (naturgemäß ist eine davon die queere Community, wobei ich mit "queer" auch tatsächlich wiederum vielfältigste Ausprägungen meine).

Von schwerst geistig behindert über unterschiedlichste Ausprägungen des "Mainstreams", Künstler_innen, bis hin zu aktivistischen Kämpfer_innen für soziale Belange, Freiheit und Gerechtigkeit.

Auch wenn ich an manchen Stellen angeeckt bin, so z.B. an einem Arbeitsplatz u.a. wegen meiner Homosexualität 8 Jahre lang massivem Mobbing ausgesetzt, weiß ich es doch sehr zu schätzen, so vielen so extrem unterschiedlichen Menschen begegnet zu sein. Und ich spreche nicht nur von Begegnung, sondern von zusammen arbeiten, zusammen diskutieren, zusammen lachen, zusammen essen und feiern, zusammen leben.

Ich denke, man kann "diesen Umgang trainieren und lernen", indem man offen ist und bleibt für neue Menschen, neue Begegnungen, neue Erfahrungen. Das heißt nicht, dass man alles hinnehmen muss (z.B. nehme ich, wie hier inzwischen einige wissen, diverseste Ausprägungen der Menschenfeindlichkeit keineswegs hin, sondern setze mich massiv dagegen ein). Aber es heißt, dass man versuchen sollte, sich selbst nicht als Maßstab aller Dinge zu setzen, andere Menschen in ihrem einzigartigen Sosein wertzuschätzen und zu versuchen (durch Übung kann das gelingen), so gut wie möglich auf andere Menschen einzugehen (ohne jedoch die Grenze zur Selbstverleugnung zu überschreiten).

Und so hat es sich ergeben, dass ich sowohl mit "hochwohlgeborenen, stinkreichen" Leuten reden kann, als auch mit aus unterschiedlichsten Gründen marginalisierten Menschen, sowohl mit schwer geistig Behinderten als auch mit Menschen, die intellektuell weit über mir stehen, sowohl mit Menschen, die meine Lebensansichten teilen, als auch mit solchen, die sie gar nicht teilen.

Natürlich geht das nicht immer ohne Reibung ab. Aber an dieser Reibung kann man wachsen.

***

Zur Sichtbarkeit generell möchte ich noch sagen, dass ich es für extrem wichtig halte, dass wir als queere Menschen in allen Lebensbereichen sichtbar sind und uns weder verstecken noch assimilieren lassen.

Eine Gesellschaft sollte davon leben, eine möglichst große Vielfalt hervorzubringen und zu beherbergen. Und nicht von Gleichschritt, Gleichschaltung und Nivellierung.

Jedes Blümchen, das es geschafft hat, mitten in einer Betonwüste zu wachsen, kann uns zeigen, wieviel Kraft ein Individuum haben kann (aber auch braucht), und wieviel Schönheit dadurch entstehen kann.


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#4
29.06.2016
11:30:43


(+3, 5 Votes)

Von TheDad
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Antwort zu Kommentar #2 von Lars


""Alltg stellt ist, eher: Wie gehen Menschen, die ganz unetrscheidliche Lebensentwürfe, Verhaltensweisen und Gewohnheiten haben, miteinander um, ohne sich ständig zu irritieren?""..

Aus meiner Erfahrung heraus lösen sich mindestens 95 % der eigenen Irritation in Luft auf, sobald man die zutiefst irritierende "Religionsgemeinschaft" verlassen hat..


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#5
29.06.2016
11:44:19


(+7, 7 Votes)

Von Felix


Sehe ich genauso. Deswegen konnte ich auch nicht ganz verstehen, weshalb vor ein paar Tagen ein Kommentar auf queer.de war, im Wahljahr die CSDs ausfallen zu lassen.

Wir brauchen diese Sichtbarkeit, denn sonst wirkt es echt, als wäre alles erreicht und ein CSD nicht mehr nötig.


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#6
29.06.2016
11:59:00


(+6, 6 Votes)

Von Carsten AC
Antwort zu Kommentar #5 von Felix


Das betrifft aber nicht nur CSDs.

Ja, Sichtbarkeit ist der Schlüssel zu allem. Aber da kann jeder einzelne von uns zu beitragen.

Indem man (genau wie Heteros) mit seinem Partner händchenhaltend und Arm in Arm durch die Öffentlichkeit geht, sich in der Öffentlichkeit küsst, bei anderen ganz selbstverständlich vom Partner spricht, das Foto auf dem Schreibtisch hat, etc.

All das, was bei Heteros auch selbstverständlich ist.

Wenn wir selbst Homo-, Bi- und Transsexualität nicht als selbstverständlich und alltäglich behandeln und dies vorleben, wie sollen dann Heteros das so sehen können?

Und als angenehmer Nebeneffekt sehen die dann auch, wie viele wir sind.

Und je selbstverständlicher und alltäglicher der Anblick wird, desto mehr machen mit, desto weniger Leute drehen sich noch um und desto schneller kommt die volle Gleichstellung!


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#7
29.06.2016
12:06:40


(+7, 7 Votes)

Von Carsten AC
Antwort zu Kommentar #1 von UrsaMajor


Panti Bliss ist nicht nur als Drag-Queen Kult, sondern sie ist eine politische Aktivistin, die ganz massiv für die Eheöffnung in Irland gekämpft hat.

Es gibt auch einen guten Doku-Film, der letztes Jahr nach der Eheöffnung in Irland über sie gedreht wurde: "The Queen of Ireland" von Conor Horgan.

Kann ich nur sehr empfehlen.

Und auch das Video zeigt ihre Klasse und ihr Engagement von tiefstem Herzen...

Panti we love you.


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#8
30.06.2016
01:10:26


(+4, 4 Votes)

Von Loren
Aus Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern)
Mitglied seit 02.11.2013
Antwort zu Kommentar #2 von Lars


"Kann man diesen Umgang trainieren und lernen, ohne sich oder den anderen in Frage zu stellen? Und wie?"

Ich habe das im Elternhaus gelernt. Die unterschiedlichen Persönlichkeiten in der Familie zu respektieren und "auszugleichen", aber auch die verschiedenen Facetten der eigenen Persönlichkeit wahrzunehmen, auch die eigenen Widersprüche.
Das war für mich ein gutes Fundament um im Umgang mit anderen nicht wie ein Fundamentalist zu handeln.


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