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  • 05.07.2016, 03:25h           2      Teilen:   |

Filmstart

"Tangerine L.A." im Kino: Wutschnaubende Lokomotive auf Highheels

Artikelbild
Keine Unschuld vom Lande: Hauptdarstellerin Sin-Dee Rella verdient ihr Geld auf dem Transgender-Straßenstrich (Bild: Kool Filmdistribution)

Sean Baker inszeniert den Liebeskummer einer transsexuellen Prostituierten als hochenergetische Tour de Force durch Hollywoods Seitengassen.

Von Carsten Moll

Nach 28 Tagen im Knast kann Sin-Dee Rella es kaum erwarten, endlich ihren festen Freund und Zuhälter Chester wiederzusehen. Doch statt ihrem Geliebten in die Arme zu fallen, erwartet die Transfrau of Color erst einmal ihre Kollegin Alexandra mit schlechten Neuigkeiten.

Bei einem geteilten Donut erfährt Sin-Dee von ihrer Freundin, dass Chester während ihres Gefängnisaufenthalts fremdgegangen ist – und das mit einer weißen Cis-Frau! Von diesem Augenblick an ist die Betrogene nicht mehr zu bremsen und bahnt sich lauthals schimpfend ihren Weg durch die Straßen Hollywoods, immer auf der Suche nach denen, die sie hintergangen haben.

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Humorvoller Blick auf Abgründe

Poster zum Film: "Tangerine L.A." läuft ab 7. Juli 2016 in deutschen Kinos
Poster zum Film: "Tangerine L.A." läuft ab 7. Juli 2016 in deutschen Kinos

Von der Idee, dass es einen unbedarften, meist weißen und ziemlich straight wirkenden Protagonisten aus der Mitte der Gesellschaft braucht, um das Kinopublikum in queere Welten zu locken, scheint der Filmemacher Sean Baker nicht viel zu halten. In "Tangerine L.A." gibt es keinen Vorzeigeschwulen wie zuletzt in Emmerichs "Stonewall" (2015) oder im britischen "Pride" (2014) und erst recht keine naive Mary Ann, wie sie die Leser in Armistead Maupins "Stadtgeschichten"-Kosmos einführte.

Eine solche Unschuld vom Lande könnte in der Welt von Sin-Dee wohl auch nicht lange bestehen. Denn der Umgangston auf dem Transgender-Straßenstrich ist ein rauer, daran lässt Bakers Komödie bei allem Humor keinen Zweifel: Drogenkonsum, Gewalt sowie Armut gehören für die Sexarbeiterinnen zum Tagesgeschäft und prägen ihren Alltag.

Die Polizei spielt in diesem abgründigen Mikrokosmos bloß eine Nebenrolle und tritt dann auch nicht als Freund und Helfer, sondern vielmehr als ein weiterer Unterdrücker auf. Die Rolle der angry black woman, die Sin-Dee hier über weite Strecken annimmt, ist vor diesem Hintergrund kein ärgerlicher Stereotyp, sondern vielmehr eine notwendige Überlebensstrategie.

Ein Kinofilm wie ein überhitzter Videoclip

Das alles ist für Baker und seinen Ko-Drebuchautoren Chris Bergoch allerdings kein Grund, im mitleidigen Sozialdrama zu versumpfen. Stattdessen schicken sie Sin-Dee als wutschnaubende Lokomotive auf Highheels auf eine filmische Tour de Force. In ihrer überhitzten Kompromisslosigkeit erinnert diese mitunter an Spike Lees "Do the Right Thing" (1989).

Mit Lees Klassiker teilt "Tangerine L.A." dabei nicht nur die episodische Struktur, die neben Sin-Dee auch immer wieder deren Freundin Alexandra sowie den armenischen Taxifahrer Razmik in den Fokus rückt, sondern auch die Nähe zum Musikvideo. Vor allem zu Beginn verknüpfen Baker und sein Bildgestalter Radium Cheung schnelle Schnitte, dynamische Kamerafahrten sowie grelle Farben mit pulsierenden Elektrobeats zu einer mitreißenden Clip-Ästhetik.

Dass die visuell berauschende Komödie ausschließlich mit Smartphones gedreht wurde, ist dem Film indes nicht wirklich anzumerken. Dank technischer Hilfsmittel und einer aufwendigen Postproduktion hat "Tangerine L.A." das Hosentaschenformat weit hinter sich gelassen und ist mit seiner Wucht wie gemacht für die große Leinwand.

Großartige Schauspielerinnen und verdrehte Klischees

Seine größte Kraft bezieht der Film allerdings nicht aus seinen begrenzten und doch äußerst effektiv eingesetzten Produktionsmitteln, sondern aus dem Spiel der Hauptdarstellerinnen. Kitana Kiki Rodriguez und Mya Taylor begeistern als Sin-Dee und Alexandra und können für ihre Performance sowohl auf autobiografische Erfahrungen als auch auch auf großes darstellerisches Talent zurückgreifen. Im Zusammenspiel der beiden Trans-Frauen entdeckt diese rasende, lautstark fluchende Komödie letztlich auch ihre zärtlich Seite und findet im Finale zu einem stummen Liebesschwur, der lange nachhallt.

Die Selbstverständlichkeit, mit der "Tangerine L.A." seinen Schauspielerinnen erlaubt, ihre Figuren zu entwickeln, ohne sie dabei in narrative Klischees des Transgender-Films zu zwängen, ist bemerkenswert und wird an einer Szene besonders deutlich: Denn den allzu oft gesehenen Moment, in denen die Genitalien von Trans-Menschen als Schockeffekt für das Publikum entblößt werden (man denke etwa an "The Crying Game" oder "Der Staat gegen Fritz Bauer"), verdreht Baker auf lustvolle Weise und setzt dem heteronormativen Blick queeres Begehren entgegen. Bei ihm besteht die Überraschung darin, dass der Freier an der Dame seiner Wahl eben keinen Penis vorfindet und versehentlich eine Cis-Frau erwischt hat.

Youtube | Offizieller deutscher Trailer zum Film
  Infos zum Film
Tangerine L.A. Dramödie. USA 2015. Regie: Sean Baker. Darsteller: Kitana Kiki Rodriguez, Mya Taylor, Karren Karagulian, Mickey O'Hagan. James Ransone, Alla Tumanian. Laufzeit: 88 Minuten. Sprache: englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: Kool Filmdistribution. Deutscher Kinostart: 7. Juli 2016
Links zum Thema:
» Deutsche Homepage zum Film
Galerie
Tangerine L.A.

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Tags: tangerine l.a., sean baker, hollywood, kitana kiki rodriguez, mya taylor, kino
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Reaktionen zu ""Tangerine L.A." im Kino: Wutschnaubende Lokomotive auf Highheels"


 2 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
05.07.2016
06:52:47


(+4, 4 Votes)

Von trans_alliance
Mitglied seit 22.10.2016


Der Film war dieses Jahr, bereits auch auf dem Transgender Filmfestival zu sehen.

Und hat dort, fuer Toyland von Mya Taylor in TANGERINE, eine ehrung fuer den Besten Song erhalten.

Wir wuenschen viele Freunde an dem Film.

.

Link:
transallianceproject.wordpress.com/2016/01/29/tran
sgender-film-festival-2016/


Link:
transallianceproject.files.wordpress.com/2016/01/4
_transgender_film_festival_2016__germany_kiel__v1-
042.pdf


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#2
05.07.2016
18:04:12


(+3, 3 Votes)

Von Janana
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Ein großartiger Film!

Unkonventiell und eine tolle schauspielerische Leistung. Und sehr authentisch.

Ich fand die Filmrezension sehr gut, denn es ist eigentlich ein tragischer Film. Die vermeintlich "lustige" Verpackung ist vielleicht im überzeichneten Humor über sich selbst zu verorten.

Aber queer.de hat ja leider bereits eine der lustigsten Stellen im Film gespoilert. ;)

Unbedingt anschauen!


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