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  • 16.07.2016, 08:20h           125      Teilen:   |

Irrsinn der Kriminalisierung

Der letzte 175er

Artikelbild
Kurz vor der ersatzlosen Streichung des Paragrafen 175 wurde ein schwuler Mann 1994 zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, weil er Sex mit einem 17-Jährigen hatte (Bild: flickr / gravitat-OFF / cc by 2.0)

Knast für einvernehmlichen schwulen Sex: Erst 2004 wurde der letzte nach Paragraf 175 verurteilte Häftling nach zehnjähriger Freiheitsstrafe entlassen.

Von Manuel Izdebski

Rund 50.000 Schwule wurden in der Bundesrepublik nach Paragraf 175 des Strafgesetzbuchs wegen ihrer Homosexualität verurteilt. Erst ab 1969 wurde der einvernehmliche Sex unter erwachsenen Männern nicht mehr bestraft – erwachsen hieß damals noch: mindestens 21 Jahre alt.

Allerdings blieb der Paragraf in einer Jugendschutzversion bis 1994 erhalten und sorgte für ein unterschiedliches Schutzalter bei hetero- und homosexuellen Kontakten. Während homosexuelle Handlungen mit Minderjährigen grundsätzlich verboten waren, galt für heterosexuelle Kontakte ein absolutes Schutzalter von 14 Jahren.

Aus der Zeit von 1969 bis 1994 stammen zusätzliche 4.500 Verurteilungen. Zu den Opfern dieser Kriminalisierung gehört Frank Schneider (Name von der Redaktion geändert), der 1994 in einem spektakulären Berufungsprozess zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Sein Vergehen: Er hatte als damals Anfang 30-Jähriger mehrfach einvernehmlichen Sex mit einem 17-jährigen Jugendlichen.

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Die vorzeitige Entlassung wurde mehrfach abgelehnt

Der Historiker Alexander Wäldner stieß durch Zufall auf die Verurteilung des schwulen Hilfsarbeiters
Der Historiker Alexander Wäldner stieß durch Zufall auf die Verurteilung des schwulen Hilfsarbeiters

Vermutlich ist Schneider der letzte 175er-Häftling der Bundesrepublik. Erst 2004 wurde er nach vollständiger Verbüßung seiner Freiheitsstrafe aus der Haft entlassen. Drei Gnadengesuche und mehrere Anträge auf vorzeitige Entlassung nach Verbüßung von zwei Dritteln der Haftstrafe lehnte die Justiz ab. Dass sein Vergehen nur wenige Monate nach dem Prozess durch die Abschaffung des Paragraf 175 gar kein Straftatbestand mehr war, blieb ohne Bedeutung, denn Schneider hatte eine einschlägige Vorstrafe: Er war schon einmal wegen Sex mit einem 16-jährigen Jugendlichen verurteilt worden – für Heterosexuelle keine Straftat.

"Während wir schon auf einem CSD tanzten, haben andere von uns noch im Knast gesessen", kommentiert der Historiker Alexander Wäldner den Fall. Er forscht seit 15 Jahren zur Verfolgung der Homosexuellen. Auf das Schicksal von Frank Schneider wurde er durch einen Zufall aufmerksam: "Wir haben überhaupt nicht daran gedacht, dass noch jemand im Gefängnis sitzen könnte", sagt er.

Schneider lebt heute fern seiner Heimat zurückgezogen in einer fremden Stadt. Er ist Frührentner und muss seine kleine Rente durch Grundsicherung aufstocken. Die Verurteilung hat seine bürgerliche Existenz vernichtet. Sein gesamter Besitz wurde während der Haft aufgelöst. Als verurteilter Sexualstraftäter konnte er nie wieder Fuß fassen und eine Arbeit finden. Eine Interviewanfrage lehnte er trotz Zusicherung auf Anonymität ab. Schneider will an das dunkle Kapitel seiner Lebensgeschichte nicht erinnert werden.

Staatliche Verfolgung mit aller Härte

Über einen Dritten hält Alexander Wäldner zu ihm Kontakt. Er beschreibt ihn als Mann aus einfachen Verhältnissen, der vor seiner Haftstrafe als Hilfsarbeiter seinen Lebensunterhalt verdiente und nie eine schwule Identität entwickelt habe. Auch habe sich seine einfache Bildung im Prozess als Nachteil erwiesen. "Andere hätten sich besser vor Gericht darstellen können", erklärt Wäldner.

Schneiders Schicksal zeugt vom Irrsinn der Kriminalisierung. An ihm vollzog die deutsche Justiz noch einmal mit aller Härte die staatliche Verfolgung der Homosexuellen, nur wenige Monate vor dem endgültigen Aus des berüchtigten Paragrafen.

Schneider gehört zu den Fallgruppen, die laut Eckpunktepapier von Bundesjustizminister Heiko Maas einen Anspruch auf Entschädigung als Opfer des Paragrafen 175 erheben können. Dafür muss der Bundestag nun ein entsprechendes Gesetz verabschieden, das die verurteilten Männer auch rehabilitiert.

"Wiedergutmachen kann man das nicht", sagt der Historiker Wäldner, "aber man kann ein Zeichen setzen!"

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Tags: paragraf 175, homosexuellenverfolgung, schwulenparagraf
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Reaktionen zu "Der letzte 175er"


 125 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
16.07.2016
08:38:57
Via Handy


(+11, 13 Votes)

Von Alex


Es ist noch gar nicht so lange her, dass man in Deutschland, Land des rosa Winkels, für einvernehmlichen Sex in den Knast kam.

Die verlorene Zeit und die seelischen, familiären und beruflichen Folgen dieses Unrechts durch den deutschen Staat wird man nicht wiedergutmachen können.

Aber jetzt muss zumindest als Zeichen die schnellstmögliche Rehabilitierung aller Opfer des.§175 bis einschließlich 1994 kommen. Und eine Entschädigung, die zumindest den Verdienstausfall für die Zeit der Freiheitsberaubung und danach (falls man nicht mehr in seinern Beruf arbeiten konnte) inkl. damals üblicher Verzinsung abdeckt.


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#2
16.07.2016
09:11:34


(+16, 16 Votes)

Von Danny387
Aus Mannheim (Baden-Württemberg)
Mitglied seit 06.07.2014


Bei so einer Geschichte könnte ich echt heulen!!


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#3
16.07.2016
09:12:20


(+12, 12 Votes)

Von stromboli
Aus berlin (Berlin)
Mitglied seit 01.05.2008


""Wir haben überhaupt nicht daran gedacht, dass noch jemand im Gefängnis sitzen könnte""

DAs trifft mich nun doch noch mal tief im inneren..
auch ich hab von langzeitverurteilten und deren schicksal nichts gewusst oder nur geahnt..
Wie beschämend für mich!


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#4
16.07.2016
09:37:57


(+16, 16 Votes)

Von JarJar
Aus Kiel (Schleswig-Holstein)
Mitglied seit 30.10.2015


Furchtbar, das hätte damals schon gleich bekannt werden müssen. Da hätte Amnesty sich dann einschalten können.
Das ist so eine Frechheit den Mann 10 Jahre wegzusperren und dann nicht mal Gnadengesuche zuzulassen. Der hat niemanden vergewaltigt, der hatte Sex mit nem 17 Jährigen. Das immer mit zweierlei Maß gemessen wird ist so zum kotzen.


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#5
16.07.2016
10:10:10
Via Handy


(+10, 12 Votes)

Von falken42
Profil nur für angemeldete User sichtbar


Ich hoffe alle die sich auch hier immer wieder mit ihrer "alles ist doch gut" Mentalität melden, lesen diese Geschichte.


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#6
16.07.2016
10:29:48


(+8, 12 Votes)

Von hugo1970
Aus Pyrbaum (Bayern)
Mitglied seit 08.02.2015


All diejenigen, die am diesem Urteil mitgewirkt haben (ua. Richter, Staatsanwaltschaft) müßen genau die gleiche Zeit auch absitzen.


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#7
16.07.2016
10:31:52


(+10, 12 Votes)

Von hugo1970
Aus Pyrbaum (Bayern)
Mitglied seit 08.02.2015


".....
.....für Heterosexuelle keine Straftat."

Ein besseres Beispiel gibt es gar nicht, was zeigt, wie unsere Staatsmacht und Justiz denkt und agiert!!!!


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#8
16.07.2016
10:35:04


(+8, 10 Votes)

Von hugo1970
Aus Pyrbaum (Bayern)
Mitglied seit 08.02.2015


"Schneider will an das dunkle Kapitel seiner Lebensgeschichte nicht erinnert werden."

Kann ich verstehen!!!

Wie ich diese Zeilen lese, packt mich die blanke Wut aufs neue, zum zweiten male heute, ich könnt sämtliche Wände, mit bloßen Händen einreißen, wegen diesen scheiß verdammten verfluchten menschlicher Ungerechtigkeiten.


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#9
16.07.2016
10:37:22


(+11, 13 Votes)

Von hugo1970
Aus Pyrbaum (Bayern)
Mitglied seit 08.02.2015


"Wiedergutmachen kann man das nicht", sagt der Historiker Wäldner, "aber man kann ein Zeichen setzen!"

Doch, ein bißchen kann man schon gut machen, in dem der Staat alle vergangenen und zukünftigen sämtliche Kosten zum Lebensunterhalt übernimmt!!!!


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#10
16.07.2016
10:41:05


(+5, 9 Votes)

Von hugo1970
Aus Pyrbaum (Bayern)
Mitglied seit 08.02.2015
Antwort zu Kommentar #4 von JarJar


Die vermeintliche Gerechtigkeit war meine einzige Illusion, die ich hatte, als ich nach Deutschland kam. Es hat kein Monat gedauert das ich zur Erkenntnis kam, das auch hier es keine Gerechtigkeit gibt.


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