Service   Gewinne   Jobs   Newsletter   Bild des Tages   Presseschau   Partner   Gay Hotels
Queer.de - das schwul-lesbische Magazin
 Community | CSD-Termine
Suche:  (News-Übersicht)
 
Login (Nick / Passw.):  (Registrieren)
  Autologin  
 Home || Politik | Szene | Boulevard | Blog | Meinung | Glaube | Lifestyle | Reise | Kultur | Buch | CD | DVD | Liebe | TV-Tipps || Galerie
  • 01.09.2016, 07:13h           4      Teilen:   |

"Umsteigen in Babylon"

In achtzig schwulen Betten um die Welt

Artikelbild
Der Morgen danach (Bild: flickr / Chris Marchant / cc by 2.0)

Marko Martin wagt mit seinem Erzählband "Umsteigen in Babylon" den Versuch einer zeitgemäßen Cruising-Literatur und schweift dabei immer wieder auf großartige Weise ab.

Von Carsten Moll

"Die postmoderne Haltung erscheint mir wie die eines Mannes, der eine kluge und sehr belesene Frau liebt und daher weiß, dass er ihr nicht sagen kann: 'Ich liebe dich inniglich', weil er weiß, dass genau diese Worte schon, sagen wir, von Liala geschrieben worden sind. Es gibt jedoch eine Lösung. Er kann ihr sagen: 'Wie jetzt Liala sagen würde: Ich liebe dich inniglich.'", formulierte einst Umberto Eco. Und beschrieb damit ganz treffend den nach wie vor aktuellen Zwiespalt zwischen dem Wunsch nach authentischer Äußerung und dem hemmenden Wissen darum, dass das alles doch schon längst gesagt wurde.

Nicht an einem heterosexuellen "Ich liebe dich" versucht sich nun der Schriftsteller Marko Martin mit seinem Erzählband "Umsteigen in Babylon", sondern an schwulen Sexgeschichten. Beinahe 50 Jahre nach Felix Rexhausens "Berührungen" und in Zeiten einer schwer überschaubaren Masse an Cruising-Literatur sowie homoerotischer Fan-Fiction erfindet Martin das Rad keineswegs neu. Aber seine Geschichten um den Protagonisten Daniel, der bei seinen Reisen um den Globus in immer neuen Betten (und Pools und Schaukeln und Kabinen) landet, entziehen sich dem Altbekannten und zum Klischee Erstarrten, indem Martin sie in sein ganz persönliches Referenzsystem einbettet.

Fortsetzung nach Anzeige


Romantische Romanfiguren für eine Nacht

"Umsteigen in Babylon" ist im August 2016 im Hamburger Männerschwarm Verlag erschienen
"Umsteigen in Babylon" ist im August 2016 im Hamburger Männerschwarm Verlag erschienen

Ecos Vorschlag folgend, spiegeln sich Daniels Begegnungen auf schimmernde Weise in den literarischen und popkulturellen Vorlieben des Erzählers: Der Typ aus dem Imbiss erinnert da an den jungen Hanif Kureishi (und liest und liebt zudem dessen Werke), während ein Doppelgänger von Antonio Banderas Daniel in eine Episode wie aus einem Almodóvar-Film verstrickt.

Im Zwiegespräch des Helden mit seinem Freund Florent kommentiert Martin selbst mit einem Augenzwinkern sein Vorgehen: "In der gemeinsam geteilten Illusion, wenigstens für die Dauer einer Nacht zu so etwas wie romantischen Romanfiguren geworden zu sein, pochend heißes Herz und wehender Mantel? – So ließe es sich womöglich sagen. Falls du den Mantel weglässt."

Doch "Umsteigen in Babylon" hat weit mehr zu bieten als bloß ein ironisches Spiel mit Verweisen und Referenzen. Die meist kurzen Geschichten, die zwischen 2007 und 2011 entstanden sind, verweben und verwickeln sich mit jeder Episode mehr zu einem faszinierenden Sprachkunstwerk: Wo durch Martins Worte die Welt einerseits auf ein ewig Gleiches zu schrumpfen scheint, eine Welt, in der sich Leben und Kunst ebenso spiegeln wie Vergangenheit und Gegenwart und Tel Aviv plötzlich in Guatemala zu finden ist, da erzeugt die Prosa doch auch immer wieder ein wunderbares Befremden. Störrisch ziehen sich die langen Sätze über die Seiten, schweifen ab in Klammern und Gedankenstriche, listen auf und katalogisieren übereifrig die Beobachtungen und Gedanken des Helden.

Das ist mitunter mehr als ein Erzählfluss, das ist ein wahrer Ozean an Worten, in dem man als Leser leicht verloren gehen kann, ähnlich wie Daniel in den Straßen von Laos: "Inmitten des Festplatz-Getümmels der Garküchen, Hühnerkäfige, iPods, DVDs, Seidentücher, aufblasbaren Mickymäuse und ölverschmierten Motorradersatzteile, der Bastkörbe, Lampenschirme, Brieftaschen, gegrillten Zikaden, Netbooks und Laptops sowie der ausgeweideten Frösche und Fledermäuse, der nachgemachten Armani-T-Shirts und Parfums, immer wieder: die Patrouillen der Uniformierten, ihre Schlagstöcke und Walkie-Talkies, wachsame Blicke hinweg über den sich in der Hitze wellenden Asphalt des einstigen Aufmarsch-Areals in provokativer Tempelnähe, nun aber offensichtliche Insel einer mit den Jahren zugestandenen Konsumfreiheit, Tohuwabohu der Käufer und Verkäufer (smogumrandete Ruhe der Gebetshäuser und ihrer orange gekleideten, kahlrasierten Bewohner)."


Marko Martin, Jahrgang 1970, lebt, sofern nicht auf Reisen, als Schriftsteller in Berlin


Ein Flaneur des 21. Jahrhunderts

Dieses Nicht-auf-den-Punkt-Kommen verlangt bei der Lektüre zwar manches Mal etwas Geduld ab, macht aber zugleich den großen Reiz von "Umsteigen in Babylon" aus. "Das Fragment als das Eigentliche, und mein Respekt als Chronist, die Episoden nicht in Epik umzulügen", lässt Martin an einer Stelle seinen Protagonisten Daniel formulieren und beschreibt damit wohl sein eigenes schriftstellerisches Ethos.

Das Cruising rund um die Welt, dessen pornografisch-erregendes Potenzial Martin mit seinen Erzählungen übrigens weitgehend ungenutzt lässt, wird somit zu einer Kulturtechnik und Daniel zu einem Flaneur des 21. Jahrhunderts, einem von Assoziationen getriebenen Beobachter. Das ist mal absurd, mal witzig, mal tieftraurig – oft auch alles zugleich und bisweilen ein wenig erschlagend.

Aber hier zeigt sich das Feingefühl von Martin, wenn er – passenderweise in einer Erzählung, in der auch Edmund White eine tragende Rolle spielt – weiß, wann es gut ist, und Daniels unbändige Redelust von Florent unterbrechen lässt: "Die Erinnerung ist auf unserer Netzhaut gespeichert, da müssen nicht zusätzlich die Wörter tanzen, verstehst du?"

  Infos zum Buch
Marko Martin: Umsteigen in Babylon. Erzählungen. Taschenbuch. 340 Seiten. Männerschwarm Verlag. Hamburg 2016. 20 € (E-Book 11,99 €). ISBN 9783863002183
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit bei Amazon
» Online-Leseprobe
Kommentare: Selbst kommentieren | Bisher 4 Kommentare | FB-Debatte
Teilen: 44       2       1     
Service: | pdf | mailen
Tags: marko martin, männerschwarm, umsteigen in babylon, cruisingliteratur
Unterstützen:
  |   Überweisung / Abo / weitere Infos

loading...

Reaktionen zu "In achtzig schwulen Betten um die Welt"


 4 User-Kommentare
« zurück  1  vor »

Die ersten:   
#1
01.09.2016
08:56:00


(-4, 6 Votes)

Von Joey


Achtzig?? In war in über 500 oder so


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#2
01.09.2016
09:14:38


(+1, 3 Votes)

Von Rhetorik


In heißt aber "in 80 Tagen..." und nicht in "500 Tagen um die Welt"!


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#3
01.09.2016
09:15:21


(-1, 3 Votes)

Von Matratzensport


Der neueste Schrei sind Boxspringbetten! Aber da ist auch nicht alles Gold, was glänzt:

Link zu www.boxspring-welt.de

Auf diesen Betten Sex zu haben, kann ich mir sehr gut vorstellen, Schlafen eher nicht, da würde ich ein "konventionelles" Bett vorziehen.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#4
01.09.2016
10:57:08
Via Handy


(+3, 3 Votes)

Von Kurt
Antwort zu Kommentar #3 von Matratzensport


Leider bieten Boxspringbetten nur selten die Gelegenheit irgendwo Fesseln zu befestigen. Also klarer Minuspunkt für Sex und zum Schlafen.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 

Registrier Dich!
Als Mitglied der Gay Community von Queer.de hast Du viele Vorteile:
- Anonyme Kommentare weiterhin möglich
- Bewertung anderer User-Meinungen
- Andere Ansichten und Sortierung für Kommentare
- Schnellübersicht: Deine, neue Kommentare
- Bild, Profil, gesicherter Username
- Alle anderen Vorteile unserer schwul-lesbischen Community
Melde Dich jetzt an! Natürlich kostenlos.


 BUCH - LITERATUR

Top-Links (Werbung)

TV-Tipps für Schwule und Lesben
  • TV Teaserbild22:45h, Das Erste:
    Dallas Buyers Club
    Der großspurige White-Trash-Cowboy Ron Woodroof und der Transvestit Rayon gründen den Beschaffungsring "Dallas Buyers Club", der unbegrenzt HIV-Präparate beschafft.
    Spielfilm, USA 2013
  • 11 weitere TV-Tipps »



Queer.de Terminkalender


 BUCH


DAMALS: 27.09. auf Queer.de
    • 2015




    Anderswo
    Bild des Tages
    Aktuell auf queer.de
    Will & Grace vor Reunion? Hirschfeld-Briefmarke: Schäuble hat das letzte Wort Hessen: AfD sorgt sich um "Relativierung" der Heterosexualität im Unterricht Uganda: Polizei verhindert CSD
     © Queer Communications GmbH 2016   Unternehmen | Team | Mediadaten | Logos | Impressum / AGB | Spenden | Kontakt