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  • 11.09.2016, 13:13h               Teilen:   |

"Rückkehr nach Reims"

Warum wählt Mutti die Rechtsextremen?

Artikelbild
Didier Eribon, Jahrgang 1953, unterrichtet als Professor für Soziologie an der Universität Amiens. In Frankreich erschien "Retour à Reims" bereits 2009 (Bild: Editions Flammarion)

Vom Arbeiterkind zum schwulen Intellektuellen: In seinem Buch "Rückkehr nach Reims" begibt sich Didier Eribon auf eine persönliche und hochspannende Spurensuche.

Von Bodo Niendel

Um es gleich vorweg zu sagen, dieses Buch ist für mich das Buch des Jahres. Hier erzählt ein Professor für Soziologie, ein schwuler Intellektueller aus Frankreich, aus seinem Leben. Aber erzählt nicht vom hohen Elfenbeinturm der Wissenschaft herab, sondern im Stil großer erzählerischer Literatur.

"Rückkehr nach Reims" ist ein Buch, welches sich auf die Spurensuche und die verschlungenen Pfade der französischen Gesellschaft begibt. Autor Didier Eribon war zu deren Lebzeiten befreundet mit den Meisterdenkern seines Landes: Piere Bourdieu und Michel Foucault.

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Die typische schwule Flucht in die Großstadt

Schwule Lebensgeschichten lesen sich meist im "Run away"-Modus von Bronski Beat: Coming-out in der Kleinstadt, keiner versteht mich, Lehrer doof, Mitschüler doof, Eltern doof, der schönste Tag im Leben ist der, an dem man in die Großstadt zieht. So ähnlich verlief auch Eribons Leben. Doch der Autor, der ebenfalls mit seinen Eltern brach, insbesondere mit seinem Vater, weil dieser seine Homosexualität verachtete, möchte verstehen, was und wie seine Eltern waren. Es geht um den Alltagsverstand der sogenannten einfachen Leute.

Didier Eribon wird sich seiner Herkunft aus der Arbeiterklasse von Reims bewusst, in die er mit diesem Buch zurückkehrt. "Ich [nahm] meine Geschichte als Schwuler zum Ausgangspunkt […], dabei ignorierte ich all das, was an mir selbst und in meiner Geschichte auf Machtverhältnisse zwischen Klassen verwies." Eribon möchte die Verhältnisse und die Haltungen der Arbeiterklasse Frankreichs nachspüren. Einer Arbeiterklasse, die früher – ohne darüber nachzudenken – die Kommunisten wählte und zunächst verschämt, aber nun deutlich offener, die Rechtsextremisten wählt.

Aufsteiger werden in ihre Grenzen verwiesen

Eribon schaffte es, sich mit seiner Lernbegeisterung und dem Weg über das Gymnasium und die Universität seiner Klasse zu entheben. Erst mit der Spurensuche wird ihm bewusst, dass seine Eltern so manche Extraschicht in der Fabrik einlegten, damit er die Uni überhaupt besuchen konnte. Trotzdem hatte es Eribon schwer. Die besseren Kreise verstehen es, sich im sozialen Raum so zu bewegen, dass sie mit Andeutungen und Gesten, die sie zumeist nicht bewusst vollziehen, Aufsteiger in ihre Grenzen verweisen.

Eribon flechtet geschickt in seine Erzählung theoretische Verweise zu Bourdieu und Foucault ein. Er erklärt ebenfalls, wie Sartre ihn in seiner intellektuellen Entwicklung beeinflusste und warum ihm manche Theoretiker der Kommunistischen Partei fremd blieben. Sein sozialer Aufstieg geriet ins Stocken, auch weil er anders als die reichen Kinder ständig jobben musste.

Da seine universitäre Karriere stoppte, landete er im Journalismus. Er interviewte die bedeutenden Intellektuellen Frankreichs, freundete sich mit einigen ab, wie mit Bourdieu und Foucault. Nach Foucaults Tod verfasste er eine glänzende Biografie über ihn. Dem folgten weitere Bücher, auch zu schwulen Lebenswelten. Diese wiederum verschafften ihm dann doch den Durchbruch, und er wurde als Professor für Soziologie berufen – schwul und Arbeiterklassekind, das sich erst spät seiner Klasse bewusst wird. "Das 'Proletariat' war für mich eine Idee aus Büchern, eine abstrakte Vorstellung. Meine Eltern gehörten nicht in diese Kategorie."

Die Entfremdung von der eigenen Herkunft

Didier Eribons Buch ist vor einigen Wochen auf Deutsch in der edition suhrkamp erschienen
Didier Eribons Buch ist vor einigen Wochen auf Deutsch in der edition suhrkamp erschienen

Eribon wurde Trotzkist, entwickelte später ein linkes undogmatisches Bewusstsein. Er genoss das freie Leben und die schwule Subkultur in Paris. Er wurde ein Intellektueller, der mit seiner Herkunft fremdelte und die ihn nicht verstand. "Du redest, wie gedruckt", wurde ihm auf Familienfesten gesagt. Fast seine ganze Familie wählte mindestens einmal den Front National. Selbstverständlich. Diesem "selbstverständlich" geht er nach. Er möchte verstehen, warum seine Mutter, die selbst einmal abtrieb, den Rechtsextremen ihre Stimme gab, obwohl diese sich explizit gegen das Recht von Abtreibung aussprechen. "Aber ich habe sie doch nicht deswegen gewählt."

Die Arbeiterklasse habe keinen Bezugspunkt mehr zu linker Politik, schreibt Eribon, denn: "Ein Gutteil der Linken schrieb sich nun plötzlich das alte Projekt des Sozialabbaus auf die Fahnen, das zuvor ausschließlich von rechten Parteien vertreten […] worden war. Die linken Partei- und Staatsintellektuellen dachten und sprachen fortan nicht mehr die Sprache der Regierten […] und wiesen den Standpunkt der Regierten verächtlich von sich, und zwar mit einer verbalen Gewalt, die von den Betroffenen durchaus als solche erkannt wurde."

Und weiter: "Mit der Wahl für den Front National verteidigte man still und heimlich, was von dieser Identität [der Arbeiterklasse; B.N.] noch geblieben war, welche die Machtpolitiker der institutionellen Linken […] ignorierten oder sogar verachteten."

Der Ausdruck Reform wurde zu einer Floskel, bei der das einfache Volk wusste, jetzt kommt die nächste Kürzung, bringt es Eribon auf den Punkt. Die Unterschicht und die Arbeiterklasse wurden abgehängt. Während die Jobs immer unsicherer wurden, wurde ihnen erklärt, dass all dies notwendig sei. Aber selbst bei einem wirtschaftlichen Aufschwung kam unten nichts an. So verschob sich auch ihre Ansicht von Teilhabe, und der Front National spielt geschickt die Protestklaviatur, die sich gegen "die da oben" wendet.

Von diesem Buch können wir lernen

Eribon fasst seinen Lebensweg wie folgt zusammen: "Ich komme nicht umhin, meine Selbsterschaffung als 'Intellektueller' und die Distanz, die sich zwischen mir und meinem sozialen Milieu auftat […], als meinen Weg anzusehen" – einem Weg, bei dem er wie durch ein Wunder gerettet worden sei. "Gut möglich, dass in meinem Fall die Homosexualität dieses Wunder ermöglicht hat."

Dieses Buch hat mich berührt. Als Arbeiterklassekind aus dem Ruhrgebiet kann ich nur allzugut verstehen, worüber Eribon spricht. Von diesem Buch können wir lernen. Auch wir sind mit dem Aufstieg des Rechtsextremismus konfrontiert, und wir müssen verstehen und zuhören, warum und wieso Menschen bereit sind, ihre Stimme einer rechtsextremen Partei zu geben, die objektiv ihren Interessen entgegensteht.

Mit dem Erfolg dieses Buches ist zu wünschen, dass auch Didier Eribons frühere Werke endlich ins Deutsche übersetzt werden.

  Infos zum Buch
Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn. Taschenbuch. 240 Seiten. Edition Suhrkamp. Berlin 2016. 18 Euro. ISBN: 978-3-518-07252-3
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Tags: didier eribon, rückkehr nach reims, edition suhrkamp, arbeiterklasse, front national
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