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  • 16.09.2016, 12:28h               Teilen:   |

"Sex in Wien"

Von der "Verschwendung des Samens" und anderen Verbrechen

Artikelbild
Weder Moralpredigten noch Verbote konnten Sexualität komplett reglementieren: Diese Fotografie von Matthias Hermann ist Teil der Ausstellung im Wien Museum (Bild: Galerie Steinek, Wien)

Im Wien Museum hat die bemerkenswerte Ausstellung "Sex in Wien" eröffnet – sie überzeugt mit einem vorbildlich queeren Blick.

Nie zuvor haben sich Formen, Darstellungen und die Bewertung von Sex so stark verändert wie im Prozess der Urbanisierung. Die moderne Großstadt eröffnete Freiräume und versprach Anonymität, Auswege aus sozialer Kontrolle und die Erfüllung sexueller Wünsche. Zugleich schuf die Stadt neue Möglichkeiten der Überwachung, der Disziplinierung und der Kategorisierung von Sexualität.

Die neue Ausstellung "Sex in Wien" im Wien Museum am Karlsplatz erzählt anhand zahlreicher Beispiele vom 19. Jahrhundert bis heute, wie dieses stete Ringen um Verbot und Freiheit jeden Moment einer sexuellen Begegnung prägte und prägt – vom "ersten Blick" bis zur "Zigarette danach".

Wer durfte wen auf welche Weise anschauen? Wer wen ansprechen? Welche Arten von sexuellem Begehren konnten offen ausgelebt werden, welche nur im Verborgenen? Und welche Konsequenzen musste man fürchten, wenn man dabei erwischt wurde? Deutlich wird, dass es weder Moralpredigten, wissenschaftliche Systematisierung noch polizeiliche Kontrolle je geschafft haben, all das zu reglementieren, was in den Schlafzimmern, in geheimen Räumen und in dunklen Ecken der Stadt seinen Platz gefunden hat.

Die Idee zur Ausstellung stammte von Wien-Museum-Direktor Matti Bunzl, der als Kulturanthropologe unter anderem speziell zur Geschichte der Homosexualität in Wien geforscht hat. Umgesetzt wurde sie in Zusammenarbeit mit QWIEN, dem Zentrum für schwul-lesbische Kultur und Geschichte.

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Ein Wiener erfand den Begriff "homosexuell"

"Die Kulturgeschichte der Sexualität in der Stadt anhand des Beispiels Wiens erstmals groß angelegt darzustellen, war die enorm spannende Herausforderung bei diesem Ausstellungsprojekt", erklärte Bunzl. "Denn es ist kein Zufall, dass Sigmund Freud seine Einsichten gerade in Wien entwickelt hat. Die Stadt war ein Wegbereiter des modernen Verständnisses von Sexualität. So war der Schöpfer des Begriffs 'homosexuell', der österreichisch-ungarische Schriftsteller Karl Maria Kertbeny, ein geborener Wiener; so arbeitete der Psychiater Richard von Krafft-Ebing – Autor der bahnbrechenden Psychopathia sexualis (1886), des ersten Versuchs einer systematischen Erfassung der damals als Sexualpathologien verstandenen Spielarten menschlicher Sexualität – in der Stadt. Diese und andere Errungenschaften in Erinnerung zu rufen, ist ein Ziel der Ausstellung."

Gezeigt werden rund 550 Objekte, darunter zahlreiche Leihgaben. Zu den Highlights zählt ein bislang unveröffentlichter Brief von Sigmund Freud, in dem dieser die Tätigkeit des Sexualforschers und Mitbegründers der ersten Homosexuellenbewegung Magnus Hirschfeld würdigt. Ein weltweit einzigartiges Exponat ist der vermutlich einzige im Original erhaltene KZ-Winkel eines Rosa-Winkel-Häftlings, eine Leihgabe aus dem Holocaust Memorial Museum in New York.


KZ-Winkel eines Rosa-Winkel-Häftlings (Bild: United States Holocaust Memorial Museum Collection, Gift of Wilhelm A. Kroepfl)


Zahlreiche Fotografien und rare Filmdokumente – wie etwa "Ekstase" (Regie: Gustav Machatý) mit Hedy Kiesler und "Mysterium des Geschlechtes" (beide 1933) – erzählen von Wien als wichtigem europäischen Zentrum der erotischen Bildproduktion im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Die Bandbreite der gezeigten Objekte reicht von Dokumenten aus Polizeiarchiven über historische Verhütungsmittel bis hin zu einem Käfig aus einem S/M-Lokal und der Arbeitstasche einer Sexarbeiterin.

Auch einige Auftragswerke sind zu sehen. So hat der Fotograf Klaus Pichler für die Ausstellung eine Fotoserie über "Sexorte" im gegenwärtigen Wien (Laufhäuser, Bordelle, Studios, Nachtclubs, Stundenhotels etc.) angefertigt.


Zimmer im Bordell "Kontaktzone" (Bild: Klaus Pichler / Wien Museum)


"Vor dem Sex", "Beim Sex" und "Nach dem Sex"

Die Ausstellung teilt sich in drei Abschnitte: "Vor dem Sex", "Beim Sex" und "Nach dem Sex". Am Beginn steht der Blickkontakt, denn er entscheidet oft schon darüber, ob eine Annäherung überhaupt erwünscht ist oder nicht – je nachdem, ob der Blick auffordernd, begehrlich, ablehnend oder desinteressiert ist. "Aktiv schauen" durften lange Zeit ausschließlich Männer, Frauen hatten den Blick sittsam zu senken und sich betrachten zu lassen (außer ihnen eilte der Ruf eines "moralisch verwerflichen" Lebenswandels voraus, wie es etwa bei Prostituierten der Fall war).

Auf erste Tuchfühlung geht es oft beim Tanz, weshalb das "richtige" Benehmen bei Tanzveranstaltungen in der Vergangenheit streng reglementiert war. Bälle dienten vornehmlich der Eheanbahnung. Vor dem Zweiten Weltkrieg war die "Unschuldsfarbe" Weiß bei Ballkleidern ausschließlich den Debütantinnen vorbehalten; ab der zweiten Saison mussten die jungen Frauen, die keinen Bräutigam gefunden hatten, auf Himmelblau oder Rosarot umsteigen. Immer wieder sorgten "skandalöse" Tänze für Erregung, so etwa der eng getanzte "Wiener Walzer" Anfang des 19. Jahrhunderts oder 150 Jahre später der Boogie und der Rock 'n' Roll.


Anschlagtafel aus dem Esterhazy-Bad in den Zwanzigerjahren (Bild: Wien Museum)


Aus "Sündern" wurden "Verbrecher"

Im zweiten Abschnitt der Ausstellung ("Beim Sex") geht es zunächst um normative Vorgaben von Instanzen wie Kirche, Staat und Wissenschaft. Sex war lange Zeit nur zwischen Mann und Frau und nur innerhalb der Ehe gestattet und hatte der Reproduktion zu dienen. Einen wesentlichen Anteil an der Normierung sexueller Praktiken hatten Erziehungs- und Eheratgeber. Sie definierten bis ins letzte Detail, unter welchen Umständen Sex erlaubt war und in welchen Stellungen Mann und Frau den ehelichen Geschlechtsverkehr zu vollziehen hatten.

Über Jahrhunderte verboten und bestraft waren "abnorme" oder "widernatürliche" Sexualpraktiken wie etwa Sex außerhalb der Ehe oder Onanie (diese "Verschwendung des Samens" wurde in Österreich erstmals in der Constitutio Criminalis Theresiana (1768) unter Strafe gestellt). In der Frühen Neuzeit entstanden die ersten einschlägigen, in Gesetzesform gegossenen weltlichen Strafrechtsbestimmungen, die ihrerseits auf religiösen Wertvorstellungen beruhten. Nach der Aufklärung wurde abweichendes Sexualverhalten zunehmend wissenschaftlich pathologisiert, vormalige "Sünder" wurden nun plötzlich zu "Verbrechern". Vor allem die Medizin und die neu entstehende Sexualwissenschaft beschrieben nicht nur die Tat der Abweichung als verwerflich, sondern verliehen den "Tätern" auch eine "schädliche" Persönlichkeit.

Viele dieser Pathologisierungen wurden von den Emanzipationsbewegungen des 20. Jahrhunderts radikal infrage gestellt; ihre Wirkmacht ist in vielen Bereichen aber bis heute ungebrochen.


Aids-Hilfe-Plakat "Abwechslung? Aber sicher! aus dem Jahr 1998 (Bild: Aids-Hilfe Wien)


Homosexualität wurde zunächst als "sodomitische Sünde" bezeichnet und mit der Todesstrafe bedroht. Im 19. Jahrhundert betrachtete man gleichgeschlechtlichen Sex zwar zunehmend nicht mehr als Sünde, jedoch als kriminellen Akt oder Krankheit, die es zu "heilen" galt – eine Ansicht, die sogar Sigmund Freud zu Beginn seiner Karriere vertrat. Was sich sexuell "gehört", wurde allerdings im 20. Jahrhundert zusehends nicht mehr als "gottgegeben" hingenommen. Die seit den 1990er-Jahren einflussreiche Queer Theory stellt die als "natürlich" angenommene Geschlechterordnung endgültig infrage: Biologisches und soziales Geschlecht werden hier als soziale Konstruktion verstanden und nicht mehr als angeborene Kategorie.


"Schwule Ladys" heißt diese Fotografie aus dem Jahr 1986 (Bild: Krista Beinstein / Konkursbuch Verlag)


Aus heutiger Sicht befremdlich erscheint der historische Umgang mit Pädophilie, ebenso wie die Verharmlosung von nicht einvernehmlichem Sex. Die minderjährige "Kindfrau" galt in Wien um 1900 als Ideal (und im Bedarfsfall als "verkommenes Geschöpf"), Vergewaltigung innerhalb der Ehe ist erst seit 1989 ein strafrechtliches Delikt.

Von Schuldgefühlen und "Lustseuchen"

"Nach dem Sex" nennt sich der dritte und letzte Abschnitt der Ausstellung. Für die Frau bedeutete das Danach lange Zeit mehr Stress als Entspannung: Scheidenspülungen sollten ein unerwünschtes Einnisten des Samens verhindern – eine Methode, die höchst unzuverlässig war. Freilich waren es oft auch moralische Schuldgefühle, die die Freude am Sex post coitum schnell abklingen ließen.

Nicht zuletzt geht es in diesem Bereich der Ausstellung auch um folgenschwere Krankheitsinfektionen – von der "Lustseuche" Syphilis, die erst ab 1928 mit Penicillin behandelt werden konnte (und in den vergangenen Jahren wieder verstärkt auftritt), bis hin zum HI-Virus, der den Umgang mit Sex seit den Achtzigerjahren radikal geprägt hat.


Kampagne "Syphilis – lass dir nichts anhängen" aus dem Jahr 2006 (Bild: Initiative Homed)


Zu der in jeder Hinsicht bemerkenswerten und rundum gelungenen Ausstellung ist im Metroverlag ein rund 450 Seiten starker Katalog erschienen, der den Fokus auf das Thema mit über 50 Beiträgen und wissenschaftlichen Aufsätzen weit über die Ausstellung hinaus öffnet. (cw/pm

  Infos zur Ausstellung
Sex in Wien – Lust. Kontrolle. Ungehorsam. Noch bis 22. Januar 2017 im Wien Museum, Karlsplatz 8. 1040 Wien. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag und am Feiertag von 10 bis 18 Uhr, am 24. und 31. Dezember von 10 bis 14 Uhr, am 25. Dezember und 1. Januar geschlossen. Eintritt: 10 Euro (ermäßigt 7 Euro). Zutritt erst ab 18 Jahren
Links zum Thema:
» Mehr Infos zur Ausstellung auf der Homepage des Wien Museums
» Katalog zur Ausstellung
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Tags: wien museum, sex in wien, qwien, ausstellung, sexualität
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