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  • 27.09.2016, 10:45h               Teilen:   |

Interview mit Pierre Niney

Kinostart "Frantz": Die Homoerotik der Lüge

Artikelbild
Am Grab ihres Verlobten lernt Anna (Paula Beer) den mysteriösen Franzosen Adrien (Pierre Niney) kennen (Bild: X Verleih)

In François Ozons geheimnisvollem Kinofilm "Frantz" spielt Pierre Niney einen jungen Franzosen, der Blumen auf das Grab eines im Ersten Weltkrieg gefallenen deutschen Soldaten niederlegt.

Der neue Spielfilm "Frantz" des schwulen Regisseurs François Ozon, der drei Wochen nach dem französischen Kinostart am Donnerstag auch in den deutschen Kinos anläuft, ist angesiedelt kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. In einer deutschen Kleinstadt geht Anna (Paula Beer) jeden Tag zum Grab ihres Verlobten Frantz, der in Frankreich gefallen ist.

Eines Tages beobachtet sie, wie Adrien (Pierre Niney), ein junger Franzose, ebenfalls Blumen auf das Grab von Frantz niederlegt. Das Geheimnis um Adriens Anwesenheit im Ort nach der deutschen Niederlage entfacht unvorhersehbare Reaktionen.

War der Franzose der heimliche Geliebte des toten Deutschen? So einfach macht es François Ozon seinen Zuschauern nicht – auch wenn "Frantz" sinnlich wie spannend von dem Recht erzählt, aus Liebe zu lügen. Im Interview gibt Schauspieler Pierre Niney mehr Einblicke in einen außergewöhnlichen Film und seine Rolle als mysteriöser und vom Krieg traumatisierter junger Mann. (cw)

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Poster zum Film: "Frantz" startet am 29. September 2016 in den deutschen Kinos
Poster zum Film: "Frantz" startet am 29. September 2016 in den deutschen Kinos

Wie war Ihre Reaktion, als Sie das Drehbuch von "Frantz" gelesen haben?

Ich war von der Geschichte gefesselt und habe mich von der scheinbaren Wahrheit täuschen lassen. Das Drehbuch belügt uns wie die Figuren im Film, die fortwährend lügen. Ich war wirklich sehr überrascht, zumal ich keine derartige Geschichte von François Ozon erwartet hatte. Ich finde diese Thematik der Lüge, die Gutes oder Böses bewirken kann, sehr spannend. Adriens Figur gefiel mir auf Anhieb, wie auch die unmögliche Liebesgeschichte und der klassische Stil des Films, der mit dem latenten Nationalismus der Nachkriegszeit ein ganz aktuelles Phänomen aufgreift.

Wie ist die Begegnung mit François Ozon verlaufen?

Ganz unkompliziert. Wir haben das Drehbuch gelesen und sofort mit der Arbeit begonnen. François hat seine sehr persönliche Welt und erkennt sofort, was funktioniert und was nicht. Diese erste Begegnung war sehr positiv, denn ich habe gemerkt, dass das Drehbuch, das zwar klar strukturiert war, dennoch ein lebendiger, wandelbarer Stoff blieb, den wir entsprechend unserer Eindrücke und Wünsche verändern konnten.

Wie haben Sie sich auf Ihre Rolle vorbereitet?

In meinen Augen ist Adrien ein sensibler Mensch, der vom Krieg zerstört wurde. Es war wichtig, dass das Geheimnis dieses Menschen, seine innere Qual und Labilität, äußerlich zum Ausdruck kommen, aber es war eine heikle Gratwanderung für mich als Darsteller: Im ersten Teil des Films durfte nicht zu viel gezeigt werden, gleichzeitig musste man das erschütternde Trauma, das dieser junge Mann erlitten hatte, spüren. Vor und während der Dreharbeiten habe ich mir oft die Bilder von Egon Schiele angesehen. Diese Porträts von jungen Männern zeigen eine Wunde, die ich in Adrien wiederfand.

Wie war es, in deutscher Sprache zu spielen?

Auf Deutsch zu spielen, war auch eine große Herausforderung. Paula Beer hat mir sehr geholfen. Vor "Frantz" spielte ich in einem anderen Film. Am Set hörte ich auf meinem iPod die Aufnahmen meiner Dialoge, die Paula mir jeden Tag schickte. Das war der beste Unterricht, denn sie hat eine sehr sanfte Stimme und ist eine hervorragende Schauspielerin. Sie hat mich inspiriert, zumal ich eine Sprache entdeckte, die nicht als besonders sanft oder melodiös gilt. Letztlich habe ich sehr gern auf Deutsch gespielt. Die Szene, in der Adrien den Louvre-Besuch mit Frantz erfindet, war eine meiner Lieblingsszenen. Sie etabliert eine starke Verbindung zwischen dem Franzosen und dem Deutschen, was auch eines der Themen des Films ist.

"Haben Sie keine Angst, uns glücklich zu machen", sagt Frantz' Mutter zu Adrien, bevor er Geige spielt. Wie interpretieren Sie diesen Satz?

Er ist für mich einer der Gründe, der Adrien zum Lügen bewegt. Die Hoffmeisters und Anna haben ein klares Bedürfnis nach Liebe und Leben zu diesem schmerzlichen Zeitpunkt der Trauer. Das bringt Adrien dazu, die Freundschaft mit seinem Opfer zu erfinden. Er verspürt das Bedürfnis, ihnen dieses Geschenk zu machen, sie wieder glücklich zu machen, sie zu belügen, damit sie wieder aufleben, wenn auch nur einen Augenblick lang. Ich finde diesen heilsamen Aspekt des Lügens sehr aufschlussreich.

Frantz verkörpert Adriens Schuldgefühl, aber vielleicht ist er es auch, der eine Art homosexuelles Begehren in Adrien erweckt. Wie haben Sie diese Zweideutigkeit Ihrer Figur umgesetzt?

Diese Zweideutigkeit gefiel mir sehr, und ich wollte den Weg meiner Figur mit Details versehen, die den Zuschauer auf diesen Punkt lenken, damit er Adriens Begehren nach Frantz als mögliche Hypothese wahrnimmt. Ich glaube, er leidet an einem echten Trauma und hat Frantz liebgewonnen. Aber ist es brüderliche Liebe? Oder ist es ein Spiegeleffekt, da er seine eigene Verzweiflung in Frantz' Augen erkennt? Oder ist es ein Ausbruch von Leidenschaft? Eine der großen Stärken des Films ist es, einen Rahmen von klassischer Schönheit zu schaffen, in dem Adrien ein Rätsel bleibt. Das gilt auch für seine Mutter und seine Verlobte am Ende des Films. Was sind ihre Absichten? Was hat es mit der möglicherweise bösen Absicht der Mutter gegenüber ihrem Sohn auf sich?

Haben Sie den Ersten Weltkrieg für Ihre Rolle recherchiert? Insbesondere die Jugend, die auf den Schlachtfeldern geopfert wurde?

Um Adriens Trauma besser zu begreifen, habe ich mich intensiv mit diesem grauenhaften Krieg auseinandergesetzt. Die Archive bezeugen mit entsetzlicher Kraft die menschlichen Verluste und psychischen Schäden, die die Soldaten des Ersten Weltkriegs erlitten haben. Deutsche wie Franzosen. Wie Adrien wurden sehr viele sehr junge Männer als Soldaten in diesen unglaublich brutalen Krieg katapultiert. Erschütternd ist auch zu sehen, dass die Absurdität und das Grauen dieses Krieges zeitweise so offenkundig wurden, dass in den Schützengräben plötzliche Waffenpausen ausgerufen wurden. Der Film erzählt, wie eine Nation ihre pazifistischen Söhne in den Tod schickte.

Adrien hat etwas Gespenstisches. Er ist nicht im Krieg gefallen, aber in ihm ist etwas gestorben. Vor allem vielleicht seine Fähigkeit zu lieben?

Ich glaube, er hat diese Fähigkeit immer noch in sich. Das sagt er auch in der Beicht-Szene auf dem Friedhof: Dadurch dass er Frantz' Verlobte, seine Familie und ihr Leben kennengelernt hat, hat er Frantz sehr liebgewonnen. Und auch Anna, indirekt und unbeholfen, wie es ihr erster und letzter Kuss auf dem Bahnsteig am Ende bezeugt. Er fühlt sich von ihr angezogen, er erkennt, dass sie möglicherweise zueinander finden könnten. Aber er ist gebrochen, ist sich seiner Schuld bewusst und wird sie nie überwinden. Er empfindet Liebe, wird sich aber nie erlauben, sie auszuleben. Die Rückkehr zu seiner Mutter und seine Ehe mit der Jugendfreundin kann man als Wiedergutmachung verstehen. Als Strafe, die er sich selbst aufbürdet. Mir gefällt, dass die wahren Beweggründe der Figuren in diesem Film, auch die der kleinsten Nebenrollen, nie eindeutig sind.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer zum Film

  Infos zum Film
Frantz. Drama. Frankreich, Deutschland 2016. Regie: François Ozon. Darsteller: Paula Beer, Pierre Niney, Ernst Stötzner, Marie Gruber, Johann von Bülow. Laufzeit: 144 Minuten. Sprache: Deutsch und Französisch mit deutschen Untertiteln. FSK 12. Verleih: X Verleih. Kinostart: 29. September 2016
Links zum Thema:
» Deutsche Homepage zum Film
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Frantz

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Tags: frantz, françois ozon, pierre niney, erster weltkrieg, kino
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