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  • 05.10.2016, 08:37h           16      Teilen:   |

Realsatire

Russland: Kulturkampf um "schwulen" Ikea-Wettbewerbsbeitrag

Artikelbild
Bei einem Wettbewerb des Möbelkonzerns Ikea in Russland haben diese beiden händchenhaltenden jungen Männer aus Moskau bislang die meisten Stimmen bekommen

Zwei händchenhaltende Männer liegen bei einem Titelbild-Contest weit vorne. Dann verschwindet das Motiv für einige Stunden – war Ikea eingeknickt?

Von Norbert Blech

Am Dienstagabend war das Erwartete vermeintlich eingetreten: Von einer "unverschämten Zensur" sprach die Gruppe "Straight Alliance for LGBT Equality", nachdem aus einem Online-Wettbewerb beim russischen Ikea plötzlich der Beitrag verschwunden war, der seit Tagen mit Abstand führte. Er zeigte zwei händchenhaltende Jungs – war das zuviel im Land der Homo-"Propaganda"?

Für den Wettbewerb konnten sich Familien, Paare, Freunde und Einzelpersonen in verschiedenen Filialen des Möbelhauses in der nachgebauten Einrichtung des aktuellen Katalogtitelbildes fotografieren lassen. Teilnehmer von "Werde das Titel-Gesicht" bekommen einen individuellen Katalog, die Gewinner der Online-Abstimmung Einkaufsgutscheine; ihr Bild soll vom Konzern zu Werbezwecken, aber nicht für den eigentlichen Katalog verwendet werden.

Nachdem die beiden Jungs aus Moskau leicht in Führung lagen, hatte es einen ersten Pressebericht gegeben, danach hatte jene "Straight Alliance" am Samstag ihre über 20.000 Follower im sozialen Netzwerk vk dazu aufgerufen, für die "sich liebenden Jungs" zu stimmen – auch um sehen, "wie Ikea in Russland seine Corporate Standards einhält". Der Konzern war vor drei Jahren bereits durch vorauseilende Zensur bei einem Interview mit einem lesbischen Paar in einem Kundenmagazin aufgefallen.

Am Sonntag berichtete queer.de als erstes internationales Medium über den Cover-Contest und vermutete ein sich anbahnendes "Politikum" – am Montag folgten etliche Berichte in russischen Medien, die ersten internationalen Medien wandten sich an Ikea. Dann verschwand am Dienstag das Bild plötzlich aus dem Wettbewerb. War Ikea eingeknickt? Der Konzern reagierte nicht auf Anfragen, löschte zunächst auch Diskussionen darüber auf seiner vk-Seite.

Ebenso kommentarlos war das Bild am späten Abend plötzlich wieder da, an der gleichen Adresse, die zuvor die Serverantwort "404 – Nicht gefunden" zurückgegeben hatte. Ein (vom Staat heftig bekämpftes) russisches Online-Netzwerk zur Unterstützung von LGBTI-Jugendlichen heißt übrigens in Anspielung auf die Meldung und auf die fehlende Sichtbarkeit der queeren Kids in der Öffentlichkeit "Kinder 404".

Fortsetzung nach Anzeige


Ikea: Toleranz ja, Zensur ja

Der Witz an dem Ikea-Titel-Streit: Niemand weiß so recht, ob es sich bei den abgebildeten Jungs überhaupt um ein schwules Paar handelt. Gegenüber dem Portal life.ru hatte einer der Abgebildeten, Leo, gesagt, er gehöre "nicht der LGBT-Community an" und habe "kein Interesse, die Aufmerksamkeit von ihren Unterstützern oder von ihren Gegnern (zu) erlangen". Das Foto sei reiner Spaß gewesen.

Das kann stimmen, muss aber nicht. Als das Titelbild am Dienstag vorübergehend verschwunden war, kam die Idee auf, die Jungs könnten selbst drum gebeten haben. Der Gedanke war durch das Wiederauftauchen wenig später hinfällig.

War es ein technischer Fehler, wie ein paar sehr wenige glaubten? Oder lag es an Ikea? Der Konzern hatte sich am Montag dem zunehmenden Mediensturm gegenüber sehr gemischt geäußert. Man wisse nicht, ob die Jungs schwul seien, meinte ein Pressesprecher. "Vielleicht sind das Brüder?" Ikea mache keinen Unterschied zwischen Personen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Religion, des Alters, des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung, so der Sprecher weiter, das Foto verstoße nicht gegen die Wettbewerbsregeln und die Gesetzgebung. Er sagte aber auch: "Wenn nötig, werden wir eine unabhängige Prüfung veranlassen. Im Falle einer Bestätigung, dass es sich dabei um Propaganda für nicht-traditionelle sexuelle Beziehungen handelt, werden wir das Foto aus dem Wettbewerb entfernen."

Dass das Foto Homo-"Propaganda" darstellen könnte, davon waren einige russischen Medien überzeugt. Life.ru fand sogar einen "Sexologen", der das behauptete. Dieser meinte auch, Schwule hätten nicht so viel Rückhalt in der Bevölkerung wie es der Abstimmungsstand zeigen würde – während für teilnehmende Familien nur deren Angehörige und Freunde abstimmten, vote bei den zwei Jungs die halbe Gay Community.

Der absurdeste Beitrag kam natürlich von der staatlichen Propagandaschleuder RT (Russia Today), die ausgerechnet den ersten queer.de-Bericht zum Thema zusammenfasste – nicht ganz korrekt unter der Überschrift "Queer.de: LGBT-Community nutzt Ikea, um sich am Kreml zu rächen".



In den Threads der "Straight Alliance" bemerkte jemand in der Zwischenzeit, dass ein anderer Wettbewerbsbeitrag doch zwei sich offenbar liebende Frauen mit Kleinkind zeige: Diese Regenbogenfamilie sollte man doch auch unterstützen. Auch hier spielt wohl das Auge des Betrachters eine Rolle – wie bei ein, zwei Bildern mehr, die Schwule zeigen könnten, es aber nicht müssen. Zusammen ergeben alle Bilder durchaus eine Alltags-Vielfalt, zumindest noch. Der Wettbewerb läuft bis zum 23. Oktober.

Neues Homo-Motiv in den USA

Das russische Ikea hatte 2013 schon einmal für Empörung gesorgt, als es in seiner Version des mehrsprachigen internationalen Kundenmagazins auf ein Interview mit einem lesbischen Paar verzichtete und das mit dem Gesetz gegen Homo-"Propaganda" begründete (queer.de berichtete). Man halte sich als internationaler Konzern an nationale Gesetze, hieß es damals aus der Konzernzentrale.

Die Entscheidung hatte zu Kritik aus dem In- und Ausland geführt, zumal das bis heute kaum und wenn dann vor allem vorab gegen Demonstrationen angewandte Gesetz gegen Homo-"Propaganda" äußerst schwammig formuliert ist und Ikea, von einer öffentlichen Debatte abgesehen, kaum ein Risiko eingegangen wäre. Medien selbst entgingen bislang größtenteils der Wirkung des Gesetzes, in dem sie sich online als "ab 18" einstuften. Ein Schritt, den man bei Ikea wohl nicht gehen wollte – mit Verweis auf das "Propaganda"-Gesetz schaffte man das russische Kundenmagazin im letzten Jahr stattdessen gleich ganz ab (queer.de berichtete).

2012 hatte Ikea bereits für einen internationalen Aufschrei gesorgt, als man aus dem Katalog für Saudi-Arabien die Frauen entfernte. Zugleich hatte der Konzern in Ländern, in denes das problemlos möglich ist, bei den Mitarbeitern und in Kampagnen immer Diversity unterstützt: Bereits 1994 warb man etwa im US-Fernsehen mit einem schwulen Paar.

Als Ikea 2008 in Polen und 2011 in Italien mit schwulen Motiven auf Kritik von Homo-Hassern stieß, zeigte sich der Konzern davon unbeeindruckt. In den USA stellte er erst am Dienstag neue Motive für eine Zeitungsanzeigen-Kampagne vor, bei der es auch ein schwules Paar zu sehen gibt.


Mit diesem Motiv wirbt Ikea jetzt in den USA

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Tags: ikea, russland, homopropaganda
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Reaktionen zu "Russland: Kulturkampf um "schwulen" Ikea-Wettbewerbsbeitrag"


 16 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
05.10.2016
09:57:21
Via Handy


(+6, 6 Votes)

Von markusbln11


Russland geht wohl auf dem zahnfleisch. Fotografieverbot für zwei männer oder zwei frauen auf einem foto. Könnten ja lgbt sein. Krude denkweise.

Daraus sollte auch Putin seine lehre ziehen. Kein foto mehr zusammen mit seinem premier. Sind doch ein nettes pärchen so vor der kamera die beiden. Oder?

Fragt sich nur, wo er die frauen hernimmt. Gibt ja keine in führungspositionen.

Quintessenz: Vielleicht däte herrn putin und dem ganzen apparat in moskau etwas mehr weiblichkeit auf leitungsebene gut. Nicht nur melkerinnen und krankenschwestern. Dann wäre die politik bestimmt weniger aggressiv und testosteron-gesteuert verwegen.


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#2
05.10.2016
10:28:21


(+5, 5 Votes)

Von UrsaMajor


"Der Witz an dem Ikea-Titel-Streit: Niemand weiß so recht, ob es sich bei den abgebildeten Jungs überhaupt um ein schwules Paar handelt."

Ja, nee, is' klar. Vielmehr handelt es sich um eine völlig übliche und weit verbreitete Heten-Kuschelszene. Endlich wird mal das wahre Verhalten von Hetero-Männern gezeigt - wir bekommen das sonst nur nicht so mit, da sie sich normalerweise bei Erscheinen Anderer panikartig aus ihrer Kuschel- und Händchenhalt-Position reißen und sofort in aufrechte Position bringen, natürlich mit genügend Abstand voneinander, um möglichst straight zu acten und bloß nicht aufzufallen.

Schließlich muss man nicht ständig alle mit seiner (Hetero-)Sexualität behelligen.


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#3
05.10.2016
11:21:40


(+1, 3 Votes)

Von Yannick


Ich fürchte, dass IKEA am Ende der Geldbeutel doch näher ist als das Gewissen und dass sie letztlich einknicken werden....


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#4
05.10.2016
11:22:56


(-1, 3 Votes)

Von Lars


Zärtlichkeit und körperliche Nähe ist eindeutig uneindeutig, subversiv, das ist es ja, was Homophobiker immer so verwirrt. Was für ein prüdes Bedürfnis nach Homo-Hetero Geschlechtertrennung. Das wird nie funktionieren, auch in Russland nicht, dazu sind die Grenzen zu fließend. Je mehr Heteronormativität, desto mehr Bedürnis nach Bromance. Wer möchte, kann ja mal unter dem Begriff "Bromance" nach Bildern stöbern. Je nach eigener Orientierung wird man da manches unterschiedlich interpretierbare entdecken - und das ist gut so.


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#5
05.10.2016
11:27:47


(+4, 4 Votes)

Von Nabljudatel


Danke an Norbert Blech für die korrekte Bennenung von RTV als "Propagandaschleuder"!

Die russische Überschrift lautet allerdings ganz korrekt nicht "sich rächen", sondern "abrechnen", was dem ganzen einen etwas anderen Zungenschlag gibt: "rächen" würde eine offensive Aktion seitens des Kremls voraussetzen, "abrechnen" hingegen lässt den Kreml harmloser erscheinen, als Opfer:

"Queer.de: LGBT-Community (be)nutzt IKEA, um mit dem Kreml abzurechnen".

Das ist also noch ein klein wenig hinterhältiger formuliert von RTV.


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#6
05.10.2016
11:47:10


(+7, 7 Votes)

Von Carsten AC


Sichtbarkeit, Selbstverständlichkeit und Alltäglichkeit sind enorm wichtig für volle Gleichstellung. Deshalb sind solche Motive so wertvoll.

Aber das darf dann natürlich nicht reines Feigenblatt-Marketing sein, wo man mal ein solches Motiv kolportiert, um sich bei GLBTI einzuschmeicheln und sie als Käufer zu gewinnen, aber letztendlich nimmt man dann doch ein Hetero-Motiv.

Denn wenn man das macht, beweist man damit, dass es einem nicht um die Sache ging, sondern nur darum zusätzliche Käuferschichten zu generieren. Und wenn man das dann doch zensiert, macht man es sogar noch schlimmer als vorher, weil man damit zeigt, dass die Homophoben Recht haben und solche Motive wirklich zensurwürdig sind.

Jetzt muss Ikea zeigen, ob es Ihnen wirklich um echte Vielfalt und Offenheit geht, oder ob sie nur an unser Geld wollen, aber letztlich doch vor den Homohassern klein beigeben.

Das zeigt sich nicht in Ländern, wo so ein Motiv eh kein Problem ist, sondern das zeigt sich gerade dort, wo so ein Motiv ein deutliches Zeichen ist. Wir werden das im Auge behalten...


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#7
05.10.2016
12:05:12
Via Handy


(+1, 3 Votes)

Von Komischer Vogel


* vorsicht Zynismus *

Die beiden Jungs kuscheln doch gar nicht. die kauern sich nur ängstlich zusammen weil hinter der Kammera ein echtes LGBT Paar turtelt..

:-P


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#8
05.10.2016
12:51:04


(-6, 8 Votes)

Von LoreleyTV
Antwort zu Kommentar #6 von Carsten AC


schwule Russen sind sehr ideenreich.Sie binden Luftballons in den Regenbogenfarben zusammen und zeigen sich damit auf den Schaukeln des Majakowskaja Platz und in der Twerskaja Str..Somit umgehen sie dem Verbot der Regenbogenfahne.Sie brauchen keinen Rat eines Volker Beck aus Deutschland.


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#9
05.10.2016
13:15:28


(+2, 6 Votes)

Von Carsten AC
Antwort zu Kommentar #8 von LoreleyTV


Und wo genau findest Du in meinem Beitrag einen Bezug zu Volker Beck?

Du kannst mir glauben: spätestens seitdem Volker Beck Zwangsbeschneidungen von Kindern aus religiösen Gründen befürwortet hat und auch nichts gegen Schächten hat, ist der für mich keinerlei moralische oder sonstige Instanz.


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#10
05.10.2016
13:19:29


(-1, 3 Votes)

Von Peer
Antwort zu Kommentar #6 von Carsten AC


Ich denke, dass genau das der Grund ist:

Ikea will bei Schwulen und Lesben eine Stimmung erzeugen wie "Boah, schau mal, was Ikea sich im repressiven, homophoben Russland traut. Das müssen wir unterstützen, lass uns bei Ikea kaufen."

Und wenn sich das dann in den Köpfen festgesetzt hat, kann Ikea ruhig einknicken. Viele werden das dann nach dem ganzen Hin-und-Her gar nicht mehr mitkriegen, wie das letztendlich ausgegangen ist. Oder selbst wenn, werden sie sagen: "Naja, die haben es wenigstens versucht und sind leider gescheietert." Aber ich fürchte, dass das von Anfang an so geplant ist. Denn was Marketing betrifft, macht Ikea so schnell keiner was vor und die werden von Anfang an wissen, dass dieses Motiv niemals in Russland auf einem Katalog zu sehen sein wird.


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