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  • 05.10.2016, 21:35h           1      Teilen:   |

Interview mit dem Regisseur von "Jonathan"

"Das Leben ist so kurz, man muss es genießen können"

Artikelbild
Die bewegendste Szene des Films: Auf dem Krankenbett haben der an Krebs erkrankte Burghardt, der seine Homosexualität jahrzehntelang unterdrückt hat, und sein verschollener Jugendfreund Ron zärtlichen Sex (Bild: farbfilm verleih)

Im neuen Kinofilm "Jonathan" trifft ein sterbenskranker Vater auf seine schwule Jugendliebe – und blüht noch einmal auf. Ein Interview mit Regisseur Piotr J. Lewandowski.

Von Micha Schulze

queer.de: Es heißt, dein Film "Jonathan", der jetzt im Kino angelaufen ist, beruht auf einer wahren Geschichte…

Piotr J. Lewandowski: Das stimmt. Im Film sind zum einen viele autobiografische Momente erhalten. Mein Vater ist zwar nicht schwul, aber erst nach dessen schweren Unfall, bei dem er einige Minuten tot war, haben wir überhaupt eine Beziehung aufgebaut. Gefühlt bin ich ohne Vater aufgewachsen, doch dann hat er sich total verändert. Diese Vater-Sohn-Geschichte wollte ich in den Film einbauen. Eine andere Säule ist die über Jahrzehnte verheimlichte und verdrängte Homosexualität, die ich im Freundeskreis mitbekommen habe. Als ich das erfahren habe, war ich ebenfalls sehr berührt. Ich hatte mir persönlich nicht vorstellen können, dass Menschen so lange in einem Albtraum leben wollen oder müssen. Man muss darüber sprechen, und ich wollte meine Stimme dafür nutzen.

Unterdrückte Homosexualität und Vater-Sohn-Konflikt, hinzu kommen – ich nehme das hier mal vorweg – Krebs, Suizid und Alkoholsucht. Ist das nicht ein bisschen sehr dick aufgetragen für einen einzigen Film?

Ich mag komplexe und inhaltlich ausbalancierte Geschichten. Mich langweilen Filme, die zu einfach gestrickt sind, da werde ich ungeduldig und alles ist vorhersehbar – zumindest für mich als Filmemacher. Vielleicht liegt das auch an meiner polnischen Herkunft. Polnische Kritiker haben "Jonathan" lustigerweise als eher einfach eingestuft. Darüber hinaus habe ich versucht, die Komplexität des Inhalts mit Humor und Poesie auszugleichen. Spannend und ein bisschen unvorhersehbar – das ist es, was ich mag.

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Poster zum Film: "Jonathan" läuft seit 6. Oktober im Kino
Poster zum Film: "Jonathan" läuft seit 6. Oktober im Kino

Burghard lebt mit seinem Sohn Jonathan und seiner Schwester Martha auf einem Bauernhof. Kennst du denn das Landleben, von dem du im Film erzählst?

Ich bin zum Teil auf dem Land aufgewachsen und liebe alles, was damit verbunden ist. Ich fand es auch schön und befreiend, in der Natur zu arbeiten. Wir haben auf mehreren Höfen gedreht, die im Film als eine Location zu sehen sind, und somit vieles erlebt und gesehen. Spannend war dabei zum Beispiel zu beobachten, wie auf den beteiligten Biohöfen die Tiere keine Angst vor den Menschen hatten, man konnte sie berühren, füttern – eher ungewöhnliche Reaktionen.

In "Jonathan" gibt es in der Tat viele Spinnen und Käfer, außerdem viel Schlamm, Geheimnisse, Sucht und Aggression, kaum fröhlich-ausgelassene Szenen wie einmal das nackte Rennen über die Wiese. Magst du das Land wirklich?

So wie ich auch Berlin oder Frankfurt liebe. Ja. Aber ich glaube, ausgerechnet diese Geschichte konnte nur auf dem Land und nicht in einer Großstadt spielen. Dort hätte man zuviel Ablenkung gehabt, die vom Kern abgelenkt hätte. Ich wollte den Fokus auf die Natur legen, auf die Menschen und deren Konflikte, auf das Raue und Einfache – all das spiegelt das Leben wider. Bei den Dreharbeiten wurde mir auch bestätigt, dass ein offener Umgang mit der sexuellen Orientierung auf dem Land noch immer nicht selbstverständlich ist.

In deinem Film geht es um das Leben, das man möglicherweise durch falsche Entscheidungen verpasst hat. Hatte Jonathans kranker Vater Burghardt keine andere Wahl, als sein Schwulsein über 20 Jahre lang zu unterdrücken?

Zum einen verläuft im Leben nie alles nach Plan. Zum anderen war es keine einfache Einscheidung, aber wohl die einzige, die er treffen konnte. Und dadurch zerbrach er psychisch und schließlich auch körperlich. Burghardt sagt im Film, dass Jonathan seine zweite größte Liebe sei und er nach dem Suizid seiner Frau gewusst habe, wo seine Verantwortung liege. Er hatte ja seine Koffer gepackt und wollte abhauen, ist dann aber doch zurückgekehrt, um für seinen Sohn da zu sein. Um sich zu schützen, hat Burghardt eine Mauer um sich errichtet. Erst Ron, sein früherer Liebhaber, bringt sie zum Einsturz.


Piotr J. Lewandowski war auch Regisseur der ZDF-Comedyserie "Götter wie wir" (Bild: privat)


Kannst du verstehen, dass Menschen solche großen Geheimnisse über Jahrzehnte in sich tragen?

Natürlich, das habe ich auch erlebt – besonders wenn es um Menschen geht, die auf dem Land leben und einen Hof betreiben. Meine Großeltern waren Bauern, und die sind schon ein bisschen stur gewesen. Und man darf nicht vergessen: Du stehst auf dem Hof um vier Uhr morgens auf und gehst um 23 Uhr ins Bett, in der Zwischenzeit arbeitest du nur. Da wird viel weniger miteinander gesprochen. Und damit alles reibungslos funktioniert, wird Unangenehmes gerne unter den Teppich gekehrt.

Hast du eine Lieblingsszene im Film?

Das darfst du mich nicht fragen! Ich liebe alle Szenen im Film, alle Figuren und alle Bilder. Aus den Zuschauerreaktionen vermute ich, dass die Liebesszene zwischen Burghard und Ron auf dem Krankenbett zu den wichtigsten und bewegendsten Momente des Films gehört – das war auch die allererste Szene, die ich geschrieben habe. Ich selbst habe mal einen Menschen verloren, den ich sehr geliebt habe, doch Sexualität bei schwer Erkrankten wird von vielen Leuten tabuisiert.

In dieser Szene ist Burghardts ausgemergelter Körper mit Schläuchen bedeckt…

Liebesszenen sind generell nicht einfach zu filmen, wir haben diese Einstellung intensiv und lange geprobt. Beide Schauspieler hatten großen Respekt vor der Szene, aber letztlich keine Hemmungen, weil sie wussten, dass sie mir vertrauen können. Es stand ja auch nicht der sexuelle Akt im Vordergrund, sondern die Liebe, die Zuneigung und der Mut der beiden älteren Männer, die ihre Liebe nicht ausgekostet haben. Beide Figuren wussten, dass der Moment gekommen ist und sie wussten auch, wie kostbar die Zeit ist, die ihnen noch geblieben ist. Die Schauspieler haben sich nicht nur körperlich entblößt, vor allem emotional – wofür ich ihnen unendlich dankbar bin. Die Zuschauer merken das und durchleben diese Momente ebenfalls emotional mit, weil es so ehrlich und aufrichtig ist.

Direktlink | Offizieller Trailer zu "Jonathan"


Willst du jungen Schwulen mit deinem Film Mut machen, sich nicht zu verstellen?

Ich glaube, das habe ich schon, und ich hoffe, der Film erreicht noch mehr Menschen. Denn was ich bis jetzt erlebt habe, macht mich sehr glücklich. Ich wollte eigentlich schon mit dem eher undankbaren Filmemachen aufhören, doch die Reaktionen von Menschen, die "Jonathan" auf Festivals in Deutschland und auf der Welt gesehen haben, geben mir den Mut, weiterzumachen. Bei Vorführungen gab es zum Teil Standing Ovations, fremde Menschen haben mich umarmt, geküsst, sich bei mir ausgeweint, sich bei mir bedankt, viele kamen einfach auf mich zu oder haben mir Briefe geschrieben, dass sie sehr ähnliche Geschichten tatsächlich erlebt haben. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich Leuten helfen kann, bestimmte Entscheidungen in ihrem Leben zu treffen oder zumindest weniger Angst davor zu haben. Das Leben ist so kurz, man muss es genießen können.

Als Regisseur der satirischen ZDF-Comedyserie "Götter wie wir" hattest du dagegen böse Protestbriefe konservativer Christen bekommen. Was verbindet die so völlig unterschiedlichen Projekte miteinander?

Ganz einfach: Ich mag Drama und Komödie. Und ich möchte als Filmemacher vielseitig bleiben und mich nicht nur auf ein Genre festlegen. Allerdings habe ich ja auch bei "Jonathan" versucht, Humor unterzubringen – natürlich nur soviel wie der Film vertragen konnte.

Was ist dein nächstes Projekt?

Ich bereite gerade für einen Sender eine erneut sehr politische Geschichte vor, darf aber leider noch nicht Titel und Inhalt verraten. Nur soviel: Es geht um eine Minderheit in Deutschland, die sehr wichtig ist, über die man nicht spricht, deren Geheimnisse man nicht kennt und die auch ein bisschen ausgeschlossen ist – obwohl sie inzwischen ein Teil der deutschen Gesellschaft ist. Es wird viel Humor, Tragik, Poesie und auch Liebe auf verschiedenen Ebenen geben. Ich hoffe, wir können bald mit den Drehvorbereitungen beginnen.

  Infos zum Film
Jonathan. Drama. Deutschland 2016. Regie: Piotr J. Lewandowski. Darsteller: Barbara Auer, André M. Hennicke, Julia Koschitz, Jannis Niewöhner, Thomas Sarbacher. Laufzeit: 99 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 12. Verleih: farbfilm. Kinostart: 6. Oktober 2016
Links zum Thema:
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Mehr zum Thema:
» Filmkritik von Carsten Moll: Heißer Jungbauer mit heimlich schwulem Daddy (04.10.2016)
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Jonathan

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Tags: jonathan, piotr j. lewandowski, kino, film
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Reaktionen zu ""Das Leben ist so kurz, man muss es genießen können""


 1 User-Kommentar
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Die ersten:   
#1
06.10.2016
12:50:09


(+3, 3 Votes)

Von Julian S


Vielen Dank für dieses interessante Interview.

Nach dem ersten Bericht über den Film, war ich mir nicht ganz sicher, ob ich den sehen will, aber jetzt nach dem Interview denke ich, dass ich den sehen muss.


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