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  • 09.10.2016, 13:29h           25      Teilen:   |

Sachbuch "Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität"

Warum schwule Sichtbarkeit nicht grundsätzlich gut ist

Artikelbild
Alles so schön schwul hier: Männerpaar in San Francisco (Bild: (cc) gazeronly / flickr)

In einem neuen Buch beschreiben Zülfukar Çetin und Heinz-Jürgen Voß, wie sich homosexuelle Männer Präsenz verschafften – und was das mit eigener Unterdrückung und der anderer zu tun hat.

Von Ulrike Kümel

Ich habe als Lesbe gern die Rezension des neuen Buchs "Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven" übernommen. Es wendet sich gegen die gängigen Ansichten (wie sie auch vom LSVD vertreten werden), und das ist auch für mich interessant.

Die Hauptthese steht bereits im Klappentext: "Vorangetrieben von 'Schwulen' selbst wurde seit dem 19. Jahrhundert das Konzept schwuler Identität durchgesetzt. Noch heute gelten 'Sichtbarkeit' und 'Identität' weithin als Schlüsselbegriffe politischer Kämpfe Homosexueller um Anerkennung und Respekt". Im Buch wird der Entstehungsgeschichte des Konzepts "Homosexualität" nachgegangen und wie es von Anfang an von den Schwulen selbst gemacht wurde und mit Rassismus und deutschem Kolonialismus verbunden ist.

Weil mir die meisten Konzepte zur schwulen Homosexualität vertraut sind und ich sie noch nie unter diesen Gesichtspunkten reflektiert habe, finde ich das Buch für mich interessant. Besonders hat mir gefallen, dass die beiden Autoren Zülfukar Çetin und Heinz-Jürgen Voß mit ausführlichen Zitaten Material zur Verfügung stellen, mit denen mensch die Deutungen überprüfen und sich eine eigene Meinung bilden kann. Auch wird von beiden immer wieder darauf verwiesen, wie unberechtigterweise Ergebnisse von Schwulen immer auf Lesben übertragen worden sind.

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Der gleichgeschlechtliche "Sex der Anderen"

Das Buch "Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven" ist Anfang Oktober im Psychosozial-Verlag erschienen
Das Buch "Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven" ist Anfang Oktober im Psychosozial-Verlag erschienen

Das Buch ist in vier Teile mit unterschiedlichen Schwerpunkten gegliedert. Das erste Kapitel ist eine Einführung für die beiden folgenden Kapiteln. Aber nicht nur das. So erläutern die Autoren, wie seit dem 19. Jahrhundert und selbst von den als "emanzipatorisch" bezeichneten Protagonisten Karl Heinrich Ulrichs und Magnus Hirschfeld das Konzept "Homosexualität" als Beschreibung für Sex in Deutschland und gegen den Sex von Männern untereinander in Süditalien und der Türkei entwickelt wurde.

Wir lernen, dass Italien und die Türkei um das Jahr 1900 Wohlfühlorte für Schwule aus Deutschland und England waren. Sie entkamen dem Strafgesetz im eigenen Land und fanden Männer, die für Sex zu haben waren. Aber während Hirschfeld die Männer aus Deutschland und England als "homosexuell" und "echt homosexuell" bezeichnet, sagt er ganz strikt, dass die Männer aus Italien und der Türkei nicht "homosexuell" seien, obwohl sie Sex mit Männern haben. Sie würden es nur für Geld oder Vorteile oder weil sie Sex machen wollten, seien aber nicht innerliche, richtige Homosexuelle.

Hier erläutern Çetin und Voß, die das Einleitungskapitel gemeinsam verfasst haben, wie sich schon in der Gründung der Homosexuellen-Bewegung zeigt, dass die Schwulen an den nationalen und kolonialen Bestrebungen ihres Landes teilnehmen. "Homosexualität" richtet sich von Anfang an gegen den gleichgeschlechtlichen "Sex der Anderen", wie die Autoren formulieren.

Der Streit um das Maneo-Kiss-In Kreuzberg

Neben dem historischen Punkt wird in der Einleitung auch eine aktuelle Perspektive vorgeschlagen. So stellen sich die Autoren hinter die Kritik des Vereins Gays and Lesbians aus der Türkei (GLADT) an einem Kiss-In des von weißen Männern betriebenen Projekts Maneo in Berlin-Kreuzberg. Sie nehmen einen Kommentar von Elmar Kraushaar, der sich gegen die Kritik von GLADT gewendet hatte, auseinander und fragen ihn, ob ihm nicht auffalle, dass es etwas anderes sei, wenn einmal Aktivist_innen 1973 sich öffentlich treffen und küssen, um auf sich aufmerksam zu machen, als wenn 2015 ein staatlich finanziertes Projekt aus ganz anderen Gründen küssen lässt. Einmal ging es gerade gegen Staatlichkeit, das andere Mal arbeitet ein staatliches Projekt gegen Migrant_innen.

Diese Fragen werden später im dritten Kapitel, das von Zülfukar Çetin geschrieben ist, sehr gründlich verfolgt. Er erklärt, wo Rassismus unter Schwulen der weißen Dominanzkultur zu finden ist und wie Schwule sich an staatlichem Rassismus und Nationalismus – also "Homonationalismus" – beteiligen. Er geht auch auf zwei Beispiele ein – Daniel Krause und Jan Feddersen.

Homosexualität mal aus der Perspektive der Physik

Auch in der Einleitung wird schon kurz auf das zweite Kapitel des Buches verwiesen. Es ist von Heinz-Jürgen Voß geschrieben und geht der Entstehung des Konzepts "Homosexualität" auf andere Weise nach. So hätte ich nicht gedacht, dass frau beim Blick auf Homosexualität auch die Relativitätstheorie sinnvoll nutzen kann. Voß macht das. Er erklärt für die moderne Naturwissenschaft, dass die ganze Physik immer mehr prozesshaft denkt. Mit der Relativitätstheorie wurde bekannt, dass "Materie" und Energie äquivalent sind, dass es also nicht einfach einen festen Stoff gibt. Es geht um das berühmte "E=MC²" von Albert Einstein.

Während aber Physik immer mehr Bewegung und Prozess beschrieben habe, war es bei "Homosexualität" anders. Hier wurde alles immer fester und immer mehr als Identität gedacht. Kein Prozess, keine Entwicklung, nichts. Und dann können wir in diesem Kapitel lesen, wie die Naturwissenschaft versucht hat, das zu sehen, was eigentlich unsichtbar ist – "Homosexualität". Wir lesen von Untersuchungen am After auf nicht vorhandene Falten bis hin zu Untersuchungen unter dem Mikroskop und in Laboren – nach Genen, Hormonen, Proben aus dem Gehirn.

Es ist teilweise ganz gruselig, das zu lesen. Dann kann man sagen: Böse Wissenschaft! Aber nichts da! Heinz-Jürgen Voß zeigt, dass die Schwulen selbst damit begonnen haben, sich genau zu klassifizieren, abzubilden und "wie Insekten aufzureihen".

Die Sichbarkeit der einen macht andere unsichtbar

Jetzt sind wir schon durch die drei Kapitel durch. Wichtig ist noch zu sagen, dass wir auch viel über Michel Foucault lernen und über Eve Kosofsky Sedgwick. Auch viele andere wichtige Personen aus Geschlechter- und Queer-Theorie werden jeweils erläutert. Als besonders wichtig sehen die Autoren Andrea Mubi Brighenti an, der dazu gearbeitet hat, wann Sichtbarkeit gut ist und wann sie problematisch ist.

Im Moment sind zum Beispiel Leute, die geflüchtet sind, in Deutschland sehr sichtbar. Sie sind so sichtbar, dass es ihnen nicht hilft, sich selbst noch sichtbarer zu machen, um damit auf ungerechte Behandlung aufmerksam zu machen. Durch ihre Sichtbarkeit sind sie sogar körperlich bedroht, denken wir an die vielen Übergriffe in Bautzen und anderen Städten.

Schwule haben sich selbst sehr sichtbar gemacht – gegen Strafverfolgung half es teilweise, im Moment machen aber weiße Schwule andere Schwule unsichtbar oder wollen auch für diese sprechen. Sichtbarkeit hat also auch was mit Klasse zu tun, mit Rassismus. Wer kann wo reden?

Also: Sichtbarkeit ist nicht prinzipiell gut. Sichtbarkeit ist nicht immer die gleiche – eine Aktion im Jahr 1973 ist eine andere als eine im Jahr 2015. Sichtbarkeit führt nicht immer zu mehr Akzeptanz und zu Anerkennung – sie kann auch zum Gegenteil führen, zu Verfolgung und Verachtung.

Ganz am Ende des Buches ist ein Fazit, das wieder von beiden Autoren gemeinsam geschrieben wurde. Sie sagen dort, wie die Kapitel zuvor in aktuelle politische Diskussionen einzuordnen sind und warum es sinnvoll ist, ein Buch zu schreiben, obwohl frau eigentlich draußen ständig gegen Rechtsradikale demonstrieren müsste…

Wem nützt eine Ansicht, wem schadet sie?

Mein persönliches Fazit: Ich finde das Buch wichtig. Nach dem Lesen wissen wir, dass schwule Emanzipation viel mit der Unterdrückung anderer zu tun hat. "Homosexualität" als Konzept und Identität hat viel mit Rassismus und Kolonialismus zu tun – und damit auch Anteil an Gewalt gegen Menschen. Das ist wichtig zu wissen, damit heute sensibel gestritten werden kann.

Es geht nicht um unsere Geschichte mit ein wenig Kritik und einer Prise Marxismus. Nein, es werden umfassende soziologische Zusammenhänge vermittelt und nicht nur Geschichtliches mit einem kleinen Bezug zu heute. Und das Buch ist dabei gut lesbar. Besonders lesefreundlich ist das sehr gut verständliche Einleitungskapitel. Es ermöglicht uns, den großen Zusammenhang zu sehen und nicht nur, uns durch das Buch zu navigieren.

Ich habe viel über Foucault, Sedgwick und Brighenti gelernt, was ich eigentlich immer schon wissen wollte. Aber mensch kann das Buch auch ganz anders sehen: Am wichtigsten ist, immer zu überlegen, wem eine Ansicht nützt und wem sie schadet. Egal ob sie sich als emanzipatorisch bezeichnet oder nicht.

  Infos zum Buch
Zülfukar Çetin, Heinz-Jürgen Voß: Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven. Sachbuch. 146 Seiten. Psychosozial-Verlag. Gießen 2016. 19,90 €. ISBN-13: 978-3837925494
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Tags: sichtbarkeit, homonationalismus, identität, psychosozial-verlag, zülfukar çetin, heinz-jürgen voß
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Reaktionen zu "Warum schwule Sichtbarkeit nicht grundsätzlich gut ist"


 25 User-Kommentare
« zurück  123  vor »

Die ersten:   
#1
09.10.2016
15:34:56


(+2, 10 Votes)

Von Niedergemeiert


Gay Rights are Human Rights? Chauvinismus ist kein Menschenrecht!


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#2
09.10.2016
15:51:05


(+4, 6 Votes)

Von Wag the Dog
Antwort zu Kommentar #1 von Niedergemeiert


"Chauvinismus ist kein Menschenrecht!"

Für Donald Trump dagegen schon:

Link zu www.t-online.de

Darum darf er auch niemals US-Präsident werden!


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#3
09.10.2016
16:11:04


(+4, 10 Votes)

Von Robin


"wo Rassismus unter Schwulen der weißen Dominanzkultur zu finden ist und wie Schwule sich an staatlichem Rassismus und Nationalismus"

"So stellen sich die Autoren hinter die Kritik des Vereins Gays and Lesbians aus der Türkei (GLADT) an einem Kiss-In des von weißen Männern betriebenen Projekts Maneo in Berlin-Kreuzberg."

-----------------------

Sorry, aber ich habe selten etwas rassistischeres gelesen als die Thesen aus diesem Buch.

Alleine schon, dass man bei einem Kiss-In darauf hinweist, es sei ein Protest "weißer Männer" unterstellt allen, die sich an Kiss-Ins beteiligen implizit Rassismus. Ich glaube kaum, dass irgendein Teilnehmer etwas dagegen gehabt hätte, wenn z.B. auch schwule Türken, schwule Araber, o.ä. daran teilgenommen hätten. Wenn sie das nicht wollen, ist das auch deren gutes Recht, aber deren Fehlen dann den anderen anzukreiden, ist absurd. Muss jetzt bei jeder Demo ein Alibi-Dunkelhäutiger dabei sein, damit man der selbsternannten Sittenpolizei nicht negativ auffällt?

Und ich lasse mich auch nicht als "weißen Mann" zum Buhmann der Nation machen und würde das auch beim "schwarzen Mann" oder wem auch immer nicht zulassen.

Natürlich gibt es auch unter Schwulen Rechte und Linke, Gemäßigtere und Radikalere. Aber generell von einem "Rassismus unter Schwulen", der sich aus einer angeblichen "weißen Dominanzkultur" entwickelt, zu philosophieren, entbehrt nicht nur jeder faktischen Grundlage, sondern ist ein Schlag ins Gesicht all jener Menschen (auch heterosexuellen), die sich für Flüchtlinge und für Vielfalt der ethnischen Herkunft einsetzen.

Natürlich: wenn in einer muslimischen Gemeinde irgendwas homophobes stattfindet, kritisieren wir das auch. Aber genauso kritisieren wir z.B. auch die Katholische Kirche oder nicht-religiöse Homophobie. Aber dabei generalisieren wir ja nicht und wo z.B. Moslems oder Katholiken sich für uns einsetzen, loben wir das ja auch.

Dass man Homophobie nicht kritisieren darf, sobald sie z.B. von Moslems kommt, finde ich nicht minder rassistisch als wenn man etwas nur kritisiert, WEIL es von Moslems kommt.

Und eine generelle Skepsis allen Religionen gegenüber ist sachlich begründet und hat nun wirklich nichts mit Rassismus zu tun.

Wenn ich also z.B. zu einem Kiss-In will, dann gehe ich da auch hin. Egal, ob da nur "weiße Männer" sind oder ob ich da der einzige "weiße Mann" bin. Das ist MEIN RECHT in einer Demokratie und ob ich das wahrnehme oder nicht, entscheide ich selbst und niemand sonst. Und wem das nicht passt, der braucht es sich ja nicht anzugucken. Aber ich lasse mir garantiert nicht in vorauseilendem Gehorsam vor der Toleranzpolizei Zülfukar Çetin und Heinz-Jürgen Voß meine Rechte absprechen.


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#4
09.10.2016
16:23:58
Via Handy


(+5, 9 Votes)

Von EHka


Never hide! Sichtbarkeit ist das A und O. Nur so werden Vorurteile abgebaut!

Und es gibt keine Land ohne CSD, aber mit gleichen Rechten!!!


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#5
09.10.2016
21:19:15


(+3, 9 Votes)

Von Albrecht


Der Tenor des Buches ist:
Seid nicht überall sichtbar, um Konservative (egal ob religiös oder sonstwie motiviert) nicht zu überfordern.

Wie in den muffigen, biederen Zeiten, als wir uns schön versteckt haben und bei Fragen nach der Frau diese gerade in Kur oder sonstwie immer verhindert war. Anpassung bis zur Selbstaufgabe.

Hallo? Geht es noch?

Wenn jemand ein Problem mit der Existenz anderer Menschen hat, ist das sein/ihr Problem - nicht unseres.

Wir werden uns ganz sicher nicht verstecken / verstellen, nur damit manche Ewiggestrige und irgendwelchen Fanatiker ungestört in ihrer Fantasie-Welt leben können und nicht mit unserem Anblick belästigt werden.


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#6
09.10.2016
21:41:32
Via Handy


(+5, 9 Votes)

Von Komischer Vogel


was ist denn mit der Sichtbarkeit von Lesben die etwa 10x weniger in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden?
Und was ist mit der Sichtbarkeit von Bisexuellen die garnicht oder einfach als Hetero- oder Homosexuel wahrgenommen werden?

Oder mit der Sichtbarkeit von so schrägen Vögeln wie mir selbst wo Queer wenn überhaupt noch am besten passt? (wobei mir Schubladen zu klein sind... da währ ich besser im Schrank geblieben)

---

Die Entscheidung über Eigene sichtbarkeit sollte das Privileg jedes einzelnen bleiben.
Kein Drang oder auch kein Verbot von oder zu irgendwelchen Zugehörikeits bekundungen.
Ich find sichtbarkeit gut, aber noch wichtiger das recht sich selbst auszuleben, neu zu erfinden oder zu verbergen.


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#7
09.10.2016
22:07:48


(+3, 7 Votes)

Von Felix


Sichtbarkeit ist das Wichtigste überhaupt.

Dazu genügt schon der Blick in die Realität, an dem sich alle theoretischen Überlegungen messen lassen müssen:

Dort, wo wir unsichtbar gemacht werden (eine der fünf Herrschaftstechniken) oder uns gar selbst unsichtbar machen, tut sich gar nichts. Auch nicht auf lange Zeit gesehen. Es wird sogar eher schlimmer.

Aber da wo wir sichtbar sind (auf der Straße, in der Nachbarschaft, in der Uni, am Arbeitsplatz, in den Medien, etc.) und ganz offen und selbstverständlich damit umgehen (wie es für Heteros ja auch völlig alltäglich und selbstverständlich ist) verbessern sich die Dinge zum Guten.

Es gab z.B. mal eine Studie, wie sehr sich in den USA die öffentliche Meinung über GLBTI innerhalb weniger Jahre komplett geändert hat (von mehrheitlicher Ablehnung zu mehrheitlicher Zustimmung), nur schon weil GLBTI in den Medien sichtbarer wurden.


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#8
10.10.2016
00:04:44


(+6, 6 Votes)

Von Jadughar
Aus Hamburg
Mitglied seit 19.04.2011


Ich habe Sichtbarkeit völlig anders verstanden, als was jenes Buch ausdrückt. Sichtbarkeit bedeutet, daß man etwas sieht, etwas wahrnimmt und schließlich der gesehenen Sache bewußt wird, worüber man reflektieren kann. Aus der Sichtbarkeit und Bewußtwerdung der Dinge folgen auch Erkenntnisse.
Als die Homosexuellen grausam verfolgt wurden, war man sich über die Existenz dieser Menschen bewußt und nutzte dieses Wissen zur Verfolgung aus. Was aber nicht bewußt war und man nicht sehen wollte, daß Homosexuelle so sind wie jeder Mensch auch.
Stattdessen glaubte man lieber den Lügen. Homosexuelle gehen nur mit jemanden ins Bett, die gleichen Geschlechts sind. Nur darin besteht der Unterschied. Den Rest zu sehen, daß wir normale Menschen sind, das bedeutet Sichtbarkeit, was den Nichthomosexuellen bewußt gemacht werden muß, die papageiartig irgendwelche Lügen nachplappern. Zu sehen, was man uns antut, nur weil wir uns in einer Sache leicht unterscheiden. Der Rassismus hat die gleichen Wurzeln wie Homohass. Hier wird auch einfach übersehen, daß ein Mensch anderer Hautfarbe auch nur ein Mensch ist wie jeder andere und nicht das, was einige glauben zu wissen.
Gerade neulich wurde ich selbst in eine falsche Schublade gesteckt. Ich habe schwarze Haare und einen Vollbart und bräunliche Haut. Als einige Leute an mir vorbeigingen, hörte ich, wie sie mich als Bombenleger bezeichneten! Ich wurde oft als Orientale angepöbelt, obwohl ich ein waschechter Deutscher bin!


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#9
10.10.2016
01:57:49


(+5, 7 Votes)

Von Dylan


Meine Schulzeit ist lange her. Das meiste, was ich gelernt habe, habe ich vergessen. Eines aber habe ich als Lehre fürs Leben mitgenommen, und damit sogar, ausgerechnet im Fach Religion, in meiner Abi-Klausur 15 Punkte bekommen, weil ich mich getraut habe, einer These, zu der ich mich äußern sollte, zu widersprechen: nicht alles, was in Büchern steht, ist automatisch wahr. Ich zitiere mal die Autorin dieser Buchzensur: "Im Moment sind zum Beispiel Leute, die geflüchtet sind, in Deutschland sehr sichtbar. Sie sind so sichtbar, dass es ihnen nicht hilft, sich selbst noch sichtbarer zu machen, um damit auf ungerechte Behandlung aufmerksam zu machen." Entschuldigung: ich lebe in Köln, der Stadt, in der die besagte Silvesternacht stattgefunden hat. Ich sehe täglich Menschen, die nicht aus Deutschland zu stammen scheinen. Dieses Bild ist allerdings nicht neu, denn auch vor der "Flüchtlingskrise" kamen Touristen hierher, auch aus dem arabischen Raum. Welcher von denen, die ich nun sehe, Flüchtling ist und welcher Tourist, vermag ich nicht zu sagen, es sind aber gefühlt nicht wesentlich mehr geworden. Im Gegensatz dazu formierte sich in Dresden schon 2014 PEGIDA- ausgerechnet in Sachsen, einem Bundesland, das, ebenso wie die übrigen "neuen" Bundesländer, einen verschwindend geringen Anteil an Ausländern hat. Die angebliche "Sichtbarkeit" der Flüchtlinge kann meines Erachtens nicht der Grund sein, warum es Gewalttaten gegen sie gibt, und ich finde es auch nicht richtig, diese Menschen zu verstecken: im Gegenteil! Integration bedeutet doch genau das: sichtbar machen, nicht verstecken und ignorieren! Eine zweiter Satz, der mir ungemein sauer aufstößt: "Nach dem Lesen wissen wir, dass schwule Emanzipation viel mit der Unterdrückung anderer zu tun hat. "Homosexualität" als Konzept und Identität hat viel mit Rassismus und Kolonialismus zu tun und damit auch Anteil an Gewalt gegen Menschen." BITTE???!!! Das ist so wie eine "White Power"-Bewegung als Reaktion auf die "Black Power"-Bewegung: eine absolute Unnötigkeit und ein Schlag ins Gesicht derer, die tatsächlich unterdrückt werden: kein Weißer in den USA ist je mit den Ressentiments konfrontiert worden, denen Schwarze täglich gegenüber stehen. Kein Schwarzer hat je gefordert, besser gestellt zu werden als ein Weißer. Die Forderung nach Gleichberechtigung ist so lange notwendig und MUSS eingefordert werden, solange diese nicht erfüllt wird. Ich fühle mich doch auch nicht davon provoziert, dass ich täglich mit Heterosexualität konfrontiert werde- warum kommt ein Hetero darauf, sich durch meine sichtbare Homo- oder whatever- Sexualität provoziert zu fühlen?! Und es gibt sicher Dinge, die ich auch nicht immer schön finde, zu sehen- das hat aber wenig mit einer sexuellen Ausrichtung, sondern mit meinem persönlichem, ästhetischen Empfinden zu tun. Solange sich das aber im Rahmen der Legalität bewegt: non of my business, dann muss ich halt wegschauen.


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#10
10.10.2016
07:28:56


(+3, 3 Votes)

Von krakala
Antwort zu Kommentar #9 von Dylan


Ein guter Kommentar. Ich möchte einen sehr wichtigen Punkt deshalb nochmal unterstreichen:

Der Hass auf Migranten ist da am höchsten, wo sie am wenigsten sichtbar sind.


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