Service   Gewinne   Jobs   Newsletter   Bild des Tages   Presseschau   Partner   Gay Hotels
Queer.de - das schwul-lesbische Magazin
 Community | CSD-Termine
Suche:  (News-Übersicht)
 
Login (Nick / Passw.):  (Registrieren)
  Autologin  
 Home || Politik | Szene | Boulevard | Blog | Meinung | Glaube | Lifestyle | Reise | Kultur | Buch | CD | DVD | Liebe | TV-Tipps || Galerie
  • 11.10.2016, 15:43h           3      Teilen:   |

Kundgebung gegen Unterdrückung unterdrückt

St. Petersburg: Zwei Festnahmen bei queerem Protest

Artikelbild

Zum Internationalen Coming-out-Tag trugen Aktivisten einen Sarg durch die Innenstadt. Derweil zieht das Regime die Daumenschrauben gegen "Kinder 404" an.

Von Norbert Blech

Die russische Polizei hat am Dienstag zwei St. Petersburger LGBT-Aktivisten während eines Protests zum Internationalen Coming-out-Tag festgenommen. Mehrere Aktivisten waren mit einem mit Regenbogenflaggen verzierten Sarg durch die Innenstadt gezogen, um auf die Unterdrückung von LGBT-Rechten und auf die Lebenswirklichkeit der Minderheit in dem Land aufmerksam zu machen. Auf Zetteln im Sarg standen Begriffe wie "Gleichgültigkeit", "Schikane" und "Angst".

Direktlink | Ein Video der Festnahme


Laut der vorab auf Russisch veröffentlichten Ansprache meinte der später festgenommene Aktivist, man habe sich versammelt, um einer Person zu gedenken, "die ihr alle kennt. Es ist euer Verwandter, euer Kollege, Freund, euer Kind, eine Person, die euch nahe steht. Eine Person, von der ihr nicht wusstet, dass sie mit euch euer größtes Geheimnis teilen wollte". Doch die Person habe niemanden gefunden, sich anzuvertrauen, den Mut vielleicht aufgrund eines homophoben Spruchs oder politischer Stimmungsmache verloren.

In Russland gebe es sieben bis acht Millionen LGBT, so die Ansprache weiter, die aber größtenteils als "Geister" unsichtbar blieben und bleiben müssten. Das versaue ihnen das Leben und führe in einem Teufelskreis zu noch mehr Vorurteilen und dadurch zu noch mehr Unsichtbarkeit. Der Protest ziele auf "den Verstand und das Gewissen der heterosexuellen Mehrheit", um das Schweigen und die Unterdrückung zu durchbrechen. Das sei notwendig angesichts zahlreicher Selbstmorde von LGBT-Jugendlichen, über deren Hintergründe oft nicht berichtet werde.

Ein junger Mann, der sich im Rahmen des Protests in den Sarg legen sollte, wurde von der Polizei mit einem Verweis auf Einwanderungsregeln festgenommen, später auch der Organisator des Protests unter einem bislang unbekannten Grund. Festnahmen sind auch bei friedlichen LGBT-Protesten in Russland üblich, mit allen erdenkbaren Begründungen; in der Regel werden die Betroffenen nach einigen Stunden auf der Wache wieder freigelassen.

Fortsetzung nach Anzeige


Höchstgericht bestätigt: "Kinder 404" ist "Propaganda"

In den Profilseiten von "Kinder 404" (Deti 404) berichten queere Kids zumeist anonym von ihren Erfahrungen, oft neben von ihnen angefertigten Plakaten
In den Profilseiten von "Kinder 404" (Deti 404) berichten queere Kids zumeist anonym von ihren Erfahrungen, oft neben von ihnen angefertigten Plakaten

Bereits einen Tag vor dem internationalen Coming-out-Tag machten Schlagzeilen die Runde, die die Luft für queere Teenager in Russland erneut dünner erscheinen lassen. Am Montag ging bei dem wichtigsten landesweiten Online-Projekt für LGBTI-Jugendliche, "Kinder 404", ein Brief der Medienbehörde ein, der zu dessen Sperrung führen könnte. Am selben Tag bestätigte zudem das Höchstgericht des Landes eine Geldstrafe gegen die Projektgründerin.

Die Journalistin Elena Klimowa hatte das Projekt 2013 ins Leben gerufen, nachdem sie sich in mehreren Artikeln gegen das zu dem Zeitpunkt noch geplante Gesetz gegen Homo-"Propaganda" gewandt hatte und zahlreiche E-Mails von Jugendlichen erhielt, die sich für ihre Unterstützung bedankten, die ihnen Mut gemacht hätte. Der Name "Kinder 404" spielt auf die Fehlermeldung für von Servern nicht gefundene Webseiten an und soll die fehlende Sichtbarkeit queerer Kids deutlich machen.

Dem setzte Klimowa das Projekt entgegen, das vor allem im russischen sozialen Netzwerk VK, aber auch auf Facebook und einer Webseite die Jugendlichen größtenteils anonym über ihre Erfahrungen berichten lässt und den Kids eine Möglichkeit zum Austausch bietet.

Gegen dieses (lebens-)wichtige Projekt regte sich schnell Widerstand der Homo-Hasser. So verfasste der Autor des St. Petersburger Originals des "Propaganda"-Gesetzes, der vor wenigen Wochen in die Staats-Duma gewählte Politiker Witali Milonow, mehrere Strafanzeigen gegen seine Gründerin. Elena Klimowa stand in Folge mehrfach wegen der Bewerbung "nicht-traditioneller sexueller Beziehungen" vor Gericht.

Zunächst war Klimowa mehrfach in erster oder zweiter Instanz freigesprochen worden, ein Verfahren hat jetzt aber erstmals Rechtskraft erlangt: Im Sommer war die Journalistin zu einer Geldstrafe in Höhe von 50.000 Rubel (rund 720 Euro) verurteilt worden, was im März von der zweiten Instanz und am Montag vom Höchstgericht bestätigt wurde. Sie wolle weiter kämpfen, schrieb Klimowa auf VK, notfalls vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und vielleicht auch vor dem russischen Verfassungsgericht. Das hatte 2014 das neue Gesetz gebilligt, aber bereits in einigen Bereichen in seiner Wirkung eingeschränkt (queer.de berichtete).

Roskomnadsor will "Kinder 404" auf den Index setzen

Neben dem strafrechtlichen Vorgehen ist "Kinder 404" auch konstant durch die Medienaufsicht Roskomnadsor bedroht. Diese hatte bereits im letzten Jahr eine Sperrung der Seite im sozialen Netzwerk VK verfügt – die Community entging der Zensur, indem sie dort zunächst einfach eine neue Seite aufmachte, mit mehr Unterstützern als zuvor (queer.de berichtete).

Wie Klimowa mitteilte, habe sie am Montag ein neues Schreiben von Roskomnadsor erhalten, in dem sie aufgefordert wird, alle illegalen Inhalte zu entfernen. Ansonsten werde man das Projekt auf die Liste illegaler Webseiten setzen, deren Zugang für die Bevölkerung durch Provider zu sperren ist. Die Medienanstalt beruft sich dabei auf eine entsprechende Gerichtsentscheidung aus dem April – und definiert laut Klimowa die vermeintlich illegalen Inhalte nicht näher. Ein Ministeriumssprecher sagte am Dienstag gegenüber gazeta.ru, dass im Prinzip alle Inhalte von "Kinder 404" illegal seien.

Sie gehe davon aus, dass das Projekt wohl in Kürze nicht mehr in Russland abrufbar sei, seufzte Klimowa bei VK. Und gab weiter nicht auf: Spiegelseiten sind von der Sperrung wohl zunächst nicht betroffen.

aktualisiert mit Anzahl und Details der Festnahmen

Kommentare: Selbst kommentieren | Bisher 3 Kommentare | FB-Debatte
Teilen: 182       9       2     
Service: | pdf | mailen
Tags: russland, st. petersburg, homo-propaganda, kinder 404
Schwerpunkt:
Unterstützen:
  |   Überweisung / Abo / weitere Infos

loading...

Reaktionen zu "St. Petersburg: Zwei Festnahmen bei queerem Protest"


 3 User-Kommentare
« zurück  1  vor »

Die ersten:   
#1
11.10.2016
19:24:36


(+6, 6 Votes)

Von hugo1970
Aus Pyrbaum (Bayern)
Mitglied seit 08.02.2015


Russische gesellschaft, SCHÄM dich ABGRUNDTIEF, was für eine gesellschaft bist du?, geht es dir nicht schlecht genug unter putin?
Russische Geselschaft wach endlich auf und zeig es den ewig gestrigen machthabern, das sie kein recht haben, Dich zu unterjochen, Du hast das selbe recht wie alle gesellschaften auch um dich vom religösen Joch zu befreien.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#2
11.10.2016
19:58:56


(+5, 5 Votes)

Von TheDad
Profil nur für angemeldete User sichtbar


Wann endlich wir "Kinder 404" unter den Schutz der UNO gestellt ?

Wann werden diese mutigen Menschen und ihre Organisation als NGO in die Riege der beratenden Organisationen aufgenommen ?


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 
#3
12.10.2016
08:10:45
Via Handy


(+3, 3 Votes)

Von markusbln11


Im der berliner zeitung "der tagesspiegel" war empfohlen worten, beim thema "endlich schluss mit bomben in syrien" mehr auf den altkanzler und gazprom-manager gerd schröder zu setzen.

Als guter duzfreund von putin hätte er einen priviligierten zugang zum kreml. Er könne dort themen setzen, rat geben.

Ich meine, für lgbti-anliegen wäre das auch ein guter ansatz.


Antworten | Kommentar schreiben | Direktlink zu diesem Kommentar
 


 POLITIK - INTERNATIONAL

Top-Links (Werbung)

 POLITIK



Anderswo
Bild des Tages
Aktuell auf queer.de
Wieder homophobe Fangesänge gegen Cristiano Ronaldo Stuttgart: Laura rüffelt schwule Cruiser MV: Fast alle LGBT-Schüler beklagen Diskriminierung Regenbogenfahnen gestohlen und verbrannt
 © Queer Communications GmbH 2016   Unternehmen | Team | Mediadaten | Logos | Impressum / AGB | Spenden | Kontakt