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  • 17.10.2016, 16:40h           1      Teilen:   |

"Die Nachahmung von Leben"

Schwul und obdachlos in Westberlin

Artikelbild
Im Berliner Bahnhof Zoo ist die Zeit stehengeblieben: Der schwule Obdachlose Reinhard ging hier in den Siebzigerjahren anschaffen (Bild: (cc) Ingolf / flickr)

Jens Korthals' Roman "Die Nachahmung von Leben" erzählt vom Auf und Ab in den Biografien zweier ehemaliger Schulfreunde und Außenseiter.

Von Frank Hebenstreit

Ein Buch mit Leiche und der bis fast ganz zum Schluss offenen Frage, wer denn da gestorben ist, aber es ist kein Krimi. Jens Korthals' Roman "Die Nachahmung von Leben" aus dem Berliner Querverlag ist kein Drama, auch wenn es manchmal dramatisch wird. Weder ist es eine Biografie, obwohl Lebenswege beschrieben werden, noch ist es ein Porno, obwohl es eindeutige Sexszenen gibt.

Ja, was ist es denn dann?

Ein schwieriges Buch, das man unbedingt gelesen haben sollte.

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Früher war alles besser? Nein!

Jens Korthals' Roman "Die Nachahmung von Leben" ist im Berliner Querverlag erschienen
Jens Korthals' Roman "Die Nachahmung von Leben" ist im Berliner Querverlag erschienen

Reinhard und Christian sind Schulkumpels. Wir schreiben die Siebzigerjahre und die Jungs leben in Berlin. Westberlin, um genau zu sein. Zusammen mit Sabine hängen sie ab und vertreiben sich die Zeit.

Gegensätze ziehen sich bekanntlich an, das wird auch bei den drei Freunden deutlich. Reinhard stammt aus einer kleinbürgerlichen Handwerkerfamilie. Christians Familie ist schon was "Besseres", seine Eltern kann man durchaus als wohlhabend bezeichnen. Sabines Familie ist da eher alternativ. Die Mutter lebt in "wilder Ehe" mit ihrem Freund und den Kindern zusammen, zu dieser Zeit alles andere als "normal".

Aber "normal" ist keiner der drei. Reinhard am allerwenigsten. Er outet sich als schwul und wird von seinem Handwerkervater direkt vor die Tür gesetzt. Zwar hat sich eine altbackene Lehrerin seiner angenommen, aber auch das hält ihn nicht von einem Selbstmordversuch ab.

Mit Geld geht alles besser? Auch nicht!

In dem Roman begegnen sich Reinhard und Christian im Laufe der Jahre immer wieder, auch wenn sie sich nach der Schule aus den Augen verlieren.

Reinhard endet irgendwann auf der Straße, lernt die Punkerin Brottasche kennen und schlägt sich gemeinsam mit ihr durch. Von ihr stammt dann auch die Idee, auf dem Jungenstrich am Bahnhof Zoo anschaffen zu gehen. Denn auch wenn nichts mehr geht – den eigenen Körper kann man immer verkaufen, um an Geld, Essen oder was auch immer zu kommen. So macht Reinhard die Bekanntschaft mit dem skurrilen Transvestiten "The Lady", der zügig eine Mutterrolle in seinem Leben übernimmt. Bis es knallt.

Christian wächst dagegen in sogenannten geordneten Verhältnissen auf. Sein Vater ist ein wichtiger Mann, der nur selten nach Hause kommt, aber ordentlich verdient. Diese Familie kommt ins Wanken, als der Vater bei einem nicht ganz geklärten Unfall ums Leben kommt. Natürlich hat er seine Familie abgesichert und Geld ist genug da. Christian macht seinen Abschluss und hat nie die falschen Freunde, kann aber in seiner Gesellschaftsschicht nicht wirklich Fuß fassen – bis er Janine trifft. Und schon scheint das glückliche Leben vorprogrammiert.

Eine Freundschaft ohne Nähe

Jens Korthals, geboren 1962 in Westberlin, arbeitet in der Berliner Literaturwerkstatt. "Die Nachahmung von Leben" ist sein erster Roman
Jens Korthals, geboren 1962 in Westberlin, arbeitet in der Berliner Literaturwerkstatt. "Die Nachahmung von Leben" ist sein erster Roman (Bild: Gezett)

Es könnte alles so schön sein, aber das wird es nie, auch wenn es immer wieder mal danach aussieht: Christian, mittlerweile verheiratet, erwischt seine Frau mit einer anderen Frau im Bett und wird so mit der Nase auf seine Lebenslüge gestoßen, dass man als Leser den Schmerz körperlich zu spüren meint. Aber auch bei Reinhard scheint die HIV-Infektion nur eine logische Konsequenz zu sein, und doch bricht nicht nur eine Welt dadurch zusammen.

Oberflächlich kann man die beiden grundverschiedenen Männer wohl als Freunde bezeichnen, aber eine wirkliche Nähe zwischen beiden kommt nicht auf. Das ist umso verwunderlicher, als beide sich immer wieder in irgendwie entscheidenden Situationen ihres Lebens begegnen. Obwohl beide so unterschiedlich sind, ist ihnen doch eines gemein: Sie stehen irgendwie immer außerhalb der Gesellschaft. So ziehen die Achziger ins Land bis, Anfang der Neunziger, ihre letzte Begegnung stattfindet. Mit fatalen Folgen.

Faszinierend, verstörend, schwierig

Eines kann man Jens Korthals sicher nicht vorwerfen: mangelnden Tiefgang. Einfühlsam und ruhig legt er die verletzlichen Seiten seiner beiden Hauptfiguren nach und nach offen. Manchmal sogar auf Umwegen, so dass man erst mitten in der beschriebenen Szene merkt, was hier so gerade vor sich geht. Ob gutbürgerliche Fassade oder menschliche Katastrophe, bitterste Armut oder schwerreicher Tagesausflug, alles hat im jeweiligen Leben seine Berechtigung.

Ohne zu verurteilen oder Antipathien aufzubauen, schildert der Autor die durchaus bewegten Geschichten der beiden jungen Männer. Wobei Reinhard wie Christian nicht glücklich scheinen. Sie folgen einem Pfad, der nicht das eigene, sondern eher eine "Nachahmung von Leben" darstellt.

Dieses Buch ist kein Spaßbuch, hat keinen Glamourfaktor, aber darf auch auf gar keinen Fall als erhobener Zeigefinger verstanden werden. Durch seine einfühlsame und doch schonungslos offene Erzählweise hat der Leser Anteil an zwei durchaus verstörenden Leben, von deren Katastrophen man die Augen nicht abwenden kann, auch wenn man möchte.

Aber auf dieses Buch muss man sich einlassen. Das liest sich nicht einfach so weg, sondern braucht seinen Moment. In einer Zeit, wo Spaß und Entertainment ja immer so hochgejubelt werden, verdient der Querverlag absoluten Respekt für die Entscheidung, ein solches Buch an den Start zu bringen.

  Infos zum Buch
Jens Korthals: Die Nachahmung von Leben. Roman. 290 Seiten. Taschenbuch. Querverlag. Berlin 2016. 16,90 € (Ebook 9,99 €). ISBN: 978-3-89656-240-1
Links zum Thema:
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Tags: die nachahmung von leben, querverlag, roman, westberlin
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Reaktionen zu "Schwul und obdachlos in Westberlin"


 1 User-Kommentar
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Die ersten:   
#1
17.10.2016
19:41:13


(+5, 5 Votes)

Von hugo1970
Aus Pyrbaum (Bayern)
Mitglied seit 08.02.2015


Danke, liebe queer.de redaktion, das Ihr über alle queeren Lebensformen und Queerekultrur berichtet, da ist jeder Cent gut angelegtes Geld, noch mals vielen, vielen Dank!!!!!!


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