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  • 23.10.2016, 13:36h           49      Teilen:   |

Rede von Carolin Emcke

"Wir dürfen Reden halten in der Paulskirche, aber heiraten oder Kinder adoptieren dürfen wir nicht?"

Artikelbild
Carolin Emcke veröffentlichte 2013 das autobiografische Buch "Wie wir begehren". Im Januar 2014 führte die lesbische Publizistin für "Die Zeit" das erste Interview mit Thomas Hitzlsperger über dessen Coming-out (Bild: (cc) Ot / wikipedia)

Die Publizistin Carolin Emcke wurde am Sonntag mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Wir dokumentieren Auszüge ihrer herausragenden Dankesrede.

Zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse ist die lesbische Publizistin Carolin Emcke am Sonntag in der Paulskirche mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. In ihrer bemerkenswerten und inspirierenden Dankesrede rief die 49-jährige Philosophin, Journalistin und Schriftstellerin dazu auf, sich gemeinsam für eine freiheitliche und demokratische Gesellschaft einzusetzen.

"Freiheit ist nichts, das man besitzt, sondern etwas, das man tut", sagte Emcke in Anwesenheit unter anderem von Bundespräsident Joachim Gauck. "Demokratie ist keine statische Gewissheit, sondern eine dynamische Übung im Umgang mit Ungewissheiten und Kritik."

Ausführlich ging die Preisträgerin auf die rechtliche Diskriminierung von Lesben und Schwulen in der Bundesrepublik ein: "Wir dürfen Reden halten in der Paulskirche, aber heiraten oder Kinder adoptieren dürfen wir nicht?", fragte Emcke in ihrer Rede. Menschenrechte seien "kein Nullsummenspiel", ermahnte sie das Publikum: "Niemand verliert seine Rechte, wenn sie allen zugesichert werden. Menschenrechte sind voraussetzungslos."

Der Friedenspreis ist der bedeutendste Kulturpreis der Bundesrepublik. Er wird seit 1950 vergeben und ist mit 25.000 Euro dotiert.

Im Folgenden dokumentieren wir die Passagen aus der Rede von Carolin Emcke, in denen sie über ihre eigene Homosexualität sowie Ausgrenzung und Homophobie spricht. (mize)

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Auszüge aus Carolin Emckes Dankesrede

Ich bin homosexuell und wenn ich hier heute spreche, dann kann ich das nur, indem ich auch aus der Perspektive jener Erfahrung heraus spreche: also nicht nur, aber eben auch als jemand, für die es relevant ist, schwul, lesbisch, bisexuell, inter*, trans* oder queer zu sein. Das ist nichts, das man sich aussucht, aber es ist, hätte ich die Wahl, das, was ich mir wieder aussuchte zu sein. Nicht, weil es besser wäre, sondern schlicht, weil es mich glücklich gemacht hat.

Als ich mich das erste Mal in eine Frau verliebte, ahnte ich – ehrlich gesagt – nicht, dass damit eine Zugehörigkeit verbunden wäre. Ich glaubte noch, wie und wen ich liebe, sei eine individuelle Frage, eine, die vor allem mein Leben auszeichnete und für andere, Fremde oder gar den Staat, nicht von Belang. Jemanden zu lieben und zu begehren, das schien mir vornehmlich eine Handlung oder Praxis zu sein, keine Identität.

Es ist eine ausgesprochen merkwürdige Erfahrung, dass etwas so Persönliches für andere so wichtig sein soll, dass sie für sich beanspruchen, in unsere Leben einzugreifen und uns Rechte oder Würde absprechen wollen. Als sei die Art wie wir lieben für andere bedeutungsvoller als für uns selbst, als gehörten unsere Liebe und unsere Körper nicht uns, sondern denen, die sie ablehnen oder pathologisieren. Das birgt eine gewisse Ironie: Als definierte unsere Sexualität weniger unsere Zugehörigkeit als ihre. Manchmal scheint mir das bei der Beschäftigung der Islamfeinde mit dem Kopftuch ganz ähnlich. Als bedeutete ihnen das Kopftuch mehr als denen, die es tatsächlich selbstbestimmt und selbstverständlich tragen.

So wird ein Kreis geformt, in den werden wir eingeschlossen, wir, die wir etwas anders lieben oder etwas anders aussehen, dem gehören wir an, ganz gleich, in oder zwischen welchen Kreisen wir uns sonst bewegen, ganz gleich, was uns sonst noch auszeichnet oder unterscheidet, ganz gleich, welche Fähigkeiten oder Unfähigkeiten, welche Bedürfnisse oder Eigenschaften uns vielleicht viel mehr bedeuten. So verbindet sich etwas, das uns glücklich macht, etwas, das uns schön oder auch angemessen erscheint, mit etwas, das uns verletzt und wund zurücklässt. Weil wir immer noch, jeden Tag, Gründe liefern sollen dafür, dass wir nicht nur halb, sondern ganz dazugehören. Als gäbe es eine Obergrenze für Menschlichkeit.

Es ist eine merkwürdige Erfahrung:

Wir dürfen Bücher schreiben, die in Schulen unterrichtet werden, aber unsere Liebe soll nach der Vorstellung mancher Eltern in Schulbüchern maximal "geduldet" und auf gar keinen Fall "respektiert" werden?

Wir dürfen Reden halten in der Paulskirche, aber heiraten oder Kinder adoptieren dürfen wir nicht?

Manchmal frage ich mich, wessen Würde da beschädigt wird: unsere, die wir als nicht zugehörig erklärt werden, oder die Würde jener, die uns die Rechte, die zu uns gehören, absprechen wollen?

Menschenrechte sind kein Nullsummenspiel. Niemand verliert seine Rechte, wenn sie allen zugesichert werden. Menschenrechte sind voraussetzungslos. Sie können und müssen nicht verdient werden. Es gibt keine Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit jemand als Mensch anerkannt und geschützt wird. Zuneigung oder Abneigung, Zustimmung oder Abscheu zu individuellen Lebensentwürfen, sozialen Praktiken oder religiösen Überzeugungen dürfen keine Rolle spielen. Das ist der Kern einer liberalen, offenen, säkularen Gesellschaft.

Verschiedenheit ist kein Grund für Ausgrenzung.

Ähnlichkeit keine Voraussetzung für Grundrechte.

Das ist großartig, denn es bedeutet, dass wir uns nicht mögen müssen. Wir müssen einander nicht einmal verstehen in unseren Vorstellungen vom guten Leben. Wir können einander merkwürdig, sonderbar, altmodisch, neumodisch, spießig oder schrill finden.

Um es für Paulskirchen-Verhältnisse mal etwas salopp zu formulieren: ich bin Borussia Dortmund Fan. Ich habe, nun ja, etwas weniger Verständnis dafür, wie man Schalke Fan sein kann. Und doch käme ich nie auf die Idee, Schalke Fans das Recht auf Versammlungsfreiheit zu nehmen.

"Die Verschiedenheit verkommt zur Ungleichheit," hat Tzvetan Todorow einmal geschrieben, "die Gleichheit zur Identität." Das ist die soziale Pathologie unserer Zeit: dass sie uns einteilt und aufteilt, in Identität und Differenz sortiert, nach Begriffen und Hautfarben, nach Herkunft und Glauben, nach Sexualität und Körperlichkeiten spaltet, um damit Ausgrenzung und Gewalt zu rechtfertigen.

Deswegen haben die, die vor mir hier standen und wie ich von einer besonderen Perspektive gesprochen haben, doch beides betont: die individuelle Vielfalt und die normative Gleichheit.

Die Freiheit, etwas anders zu glauben, etwas anders auszusehen, etwas anders zu lieben, die Trauer, aus einer bedrohten oder versehrten Gegend oder Gemeinschaft zu stammen, den Schmerz der bitteren Gewalterfahrung eines bestimmten Wirs – und die Sehnsucht, schreibend eben all diese Zugehörigkeiten zu überschreiten, die Codes und Kreise in Frage zu stellen und zu öffnen, die Perspektiven zu vervielfältigen und immer wieder ein universales Wir zu verteidigen.

Links zum Thema:
» Die komplette Rede von Carolin Emcke
» Die gesamte Preisverleihung samt Rede als Video
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Tags: carolin emcke, friedenspreis, frankfurter buchmesse, paulskirche
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Reaktionen zu ""Wir dürfen Reden halten in der Paulskirche, aber heiraten oder Kinder adoptieren dürfen wir nicht?""


 49 User-Kommentare
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Die ersten:   
#1
23.10.2016
15:07:04


(+10, 10 Votes)

Von hugo1970
Aus Pyrbaum (Bayern)
Mitglied seit 08.02.2015


Danke, liebe Carolin, das sie sich für Menschenrechte und Minderheiten einsetzen, man kann sollchen großartigen Menschen, wie Sie sind, nicht genug danken, noch mal vielen vielen lieben dank!!!!!


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#2
23.10.2016
15:08:29


(+7, 9 Votes)

Von 35gdggd


Sehr gut, damit rückt sie das Thema der rechtlichen Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Paare ins medial-politische Scheinwerferlicht.

Die SPD ist der Union behilflich bei der Blockade gleicher Rechte für gleichgesclechtliche Paare. Never forget!


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#3
23.10.2016
15:17:50
Via Handy


(+5, 9 Votes)

Von Niedergemeiert


Es ist schon erstaunlich, dass wir Queeriban mittlerweile die Konservativen vor den Rechten schützen müssen.
Link:
causa.tagesspiegel.de/kolumnen/das-konservative-mu
ss-vor-den-rechten-geschuetzt-werden.html


Danke für die große Dankesrede an Carolin Emcke.


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#4
23.10.2016
15:39:08


(+11, 11 Votes)

Von Yannick


Tausend Dank an Frau Emcke, dass sie dieses Forum genutzt hat, um unsere Rechte einzufordern und gegen Hass und Diskriminierung einzutreten.

Gerade der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ist etwas, was Gewicht hat und die Preisträger und ihre Reden werden gehört.

Da kann ich gar nicht oft genug DANKE sagen.


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#5
23.10.2016
16:13:48


(+4, 8 Votes)

Von Vorbilder


von denen es gerade in diesem sich schon wieder faschisierenden Land, wo eine NSDAP 2.0 als "demokratisch legitimierte Partei" verkauft wird (Originalton "Tagesschau") in Medien und Alltag viel zu wenige gibt - da sie gezielt unsichtbar gemacht werden bzw. sich selbst unsichtbar machen!


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#6
23.10.2016
16:20:13


(+6, 10 Votes)

Von Paulus47


DANKE für diese großartige Rede


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#7
23.10.2016
17:12:18


(+10, 10 Votes)

Von Jadughar
Aus Hamburg
Mitglied seit 19.04.2011


Carolin Emcke bringt es auf den Punkt, was Diskriminierung der Andersartigen bedeutet und daß diese Art Diskriminierung sowohl in unserem Grundgesetz als auch in den Menschenrechten keinen Platz hat.


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#8
23.10.2016
17:30:23


(+9, 9 Votes)

Von Linus


Es ist wichtig, sich immer und immer wieder für Menschenrechte einzusetzen. Weil es eben genug Kräfte gibt, die ein Interesse daran haben, das zu verhindern.

Und wenn Promis sich einsetzen und ihre Bekanntheit nutzen, um viele Menschen zu erreichen, ist das aufgrund ihrer Multiplikator-Wirkung Gold wert.

Da kann man gar nicht genug danken.


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#9
23.10.2016
17:50:25


(+8, 10 Votes)

Von Peer


Was für eine starke Rede. Und das in diesem Rahmen.

Wollen wir hoffen, dass auch die deutschen Politiker zugehört haben und auch mal darüber nachdenken.

Denn das Volk ist mehrheitlich längst viel weiter als die politische Klasse, die lieber auf eine schrille, ewiggestrige Minderheit hört und Deutschland zum Schaden aller im muffigen Mittelalter gefangen hält.

Mit ihrer Politik der Ausgrenzung und Diskriminierung schadet die Politik Deutschland auch wirtschaftlich.


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#10
23.10.2016
17:52:59


(-4, 12 Votes)

Von Miro


Sicherlich hat keiner der üblichen queer.de-Leser die Verleihung im TV gesehen.

Vermutlich hat sie auch von den normalen Bundesbürgern kaum jemand gesehen.

Aber wenn die Kamera über's Publikum fuhr, konnte man daraus einige Erkenntnis ziehen.

Da saßen z.B. Heiko Maas, Jürgen Trittin und noch so manches mehr an rotem und grünem Gemüse aus Politik, Medien, Wirtschaft.

Ein geschlossener Zirkel von Gleichgesinnten. Man bleibt unter sich. Man gibt Preise an die, die schreiben und sagen und denken, was man auch selbst schreibt und sagt und denkt.

Andauernde Selbstbestätigung, indem man nur immer sich selbst in tausend Spiegeln widerspiegelt und ja niemanden von außen ins Spiegelkabinett lässt, der das eigene, so schön in "gut" und "schlecht" eingeteilte Weltbild durcheinanderwirbeln könnte.


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