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  • 29. April 2005, noch kein Kommentar

Ein lebensfroher Bisexueller im 17. Jahrhundert: Die Satiren, Lieder und Briefe des Earl of Rochester sind jetzt als Buch erschienen.

Von Christian Scheuß

Mit Verlaub, Sir John Wilmot ist alles andere als ein tugendhafter Verfechter guter Sitten gewesen. Ganz im Gegenteil, der Earl of Rochester hat während seines kurzen Lebens aus dem Vollen geschöpft, hat lustvoll gevöllert und geliebt, und damit einem Hedonismus gefrönt, wie er heutzutage très chic ist. Nur: John Wilmot hat im 17. Jahrhundert gelebt.

Es gibt einige schriftliche Hinterlassenschaften dieses ungewöhnlichen Mannes,
Satiren, Lieder und Briefe, die in dem Band "Der beschädigte Wüstling" erstmals
in dieser Zusammenstellung einem deutschen Publikum zugänglich gemacht werden.

"Wir wollen ihn nicht eingemeinden", wehrt man beim schwulen Verlag MännerschwarmSkript zu Recht ab, schließlich war das britische Enfant terrible nicht schwul. Eher bisexuell. Aber trotzdem habe er etwas, das aus schwuler Sicht "besonders reizvoll" sei. Eben seine kraftvolle Lebenslust, die sich jenseits gesellschaftlich konformer Regeln ihren Weg bahnte.

Die Zeiten, einen solchen Weg zu gehen, waren für den 1647 geborenen John Wilmot günstig. Die nach dem Bürgerkrieg eingerichtete englische Republik, die zu einer puritanischen Militärdiktatur verkommen war, wurde 1660 hinweg gefegt, die Monarchie mit Charles II. wieder hergestellt. Der radikale Puritanismus hatte vielen Briten nicht geschmeckt, sie holten ihr Vergnügen nach.

Auch der junge Wilmot, der eigentlich an der Universität Oxford studieren sollte, soll jahrelang keinen Tag nüchtern gewesen sein. Lord Rochester verkehrte in den Kreisen des Hofes und war dort überaus beliebt: "Die natürliche Hitze seiner Fantasie, zumal wenn sie durch Wein angefacht wurde, machte ihn so unerhört vergnüglich", so ein Zeitzeuge. Er heiratete, ließ sich aber wenig daheim blicken, lieber vergnügte er sich in Bordellen und feierte Partys auf dem Land. Die weit verbreitete Syphilis machte jedoch auch vor ihm nicht halt, die damals für heilsam gehaltenen Quecksilberdampfbäder brachten keine Linderung der in Schüben fortschreitenden Erkrankung. 33-Jährig stirbt der Earl im Beisein seiner Frau, seiner Mutter und seines heimlichen Geliebten, dem Pagen Jean Baptiste de Belle-Fasse.

Christine Wunnicke, Herausgeberin dieses Buches, bringt uns die Geschichte des Earls in sehr vergnüglicher Weise nahe. So eingestimmt macht es große Freude, die von ihr übersetzte Textauswahl von Satiren, Liedern und Briefen anzugehen. Ob er seinen Förderer, König Charles II., veralbert, oder aber sich über das Liebesleben des Adels bei Hofe lustig macht, ob es deftige Beschreibungen der Welt der Bordelle sind oder einfach nur freche Briefe an Frau und Freunde: John Wilmot ist der respektloseste Literat, den diese Zeit hatte, was ihn bis heute im Gedächtnis der Briten gehalten hat.

2004 ist die Geschichte des Wüstlings übrigens in Großbritannien unter dem Titel "The Libertine" mit Johnny Depp in der Hauptrolle verfilmt worden. Leider gibt es noch keinen Termin für einen Filmstart in Deutschland. Bei einer Preview auf dem Internationalem Filmfestival in Toronto soll die Verfilmung zwiespältig aufgenommen worden sein. Von den Zuschauern gelobt wurde aber auf jeden Fall Depp, der dem Earl eine besonders "düstere Note" gegeben habe.

John Wilmot: Earl of Rochester – Der beschädigte Wüstling, hrsg. von Christine Wunnicke, MännerschwarmSkript Verlag, Hamburg 2005, ISBN 3935596707, 192 Seiten, 18 Euro

29. April 2005