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  • 11.11.2016, 05:46h               Teilen:   |

Sexpositiver Feminismus

Die "Schwanzfrau" ist zurück

Artikelbild
Im Schwulen Museum* wurde am Mittwoch die Ausstellung "Krista Beinstein: Bio Porno Foto Grafien" eröffnet -als Kontrapunkt zur parallelen Erika-und-Klaus-Mann-Schau, die viel Bildungsbürgertum anlockt (Bild: Krista Beinstein, aus der Serie "Tittendominanz")

Das Schwule Museum* Berlin ehrt die lesbische Künstlerin und Sex-Wars-Protagonistin Krista Beinstein mit einer großen Soloschau – ein Gespräch mit Kuratorin Claudia Reiche.

Von Katya Sumina

Eine Frauenausstellung mit Krista-Beinstein-Fotos im "schwulen" Museum: Ist das ein Widerspruch?

Apropos "Frauenausstellung": Ich weiß gerade nicht, ob damit eine von zwei Frauen kuratierte Ausstellung gemeint ist oder die als weiblich wahrgenommenen Performerinnen und Porträtierten? Ja, ich bezeichne mich üblicherweise als Frau, bei Krista Beinstein ist das womöglich variabler. Sie sagt über sich beispielsweise, dass sie "alles" sei. Mein erstes Interview mit ihr hatte einen ihrer hübschen Sätze zum Titel: "Ich kann in fünf Minuten nicht erklären, warum ich einen Penis habe."

In dem Text kann man anhand meiner interessierten Nachfragen erkunden, wie sich Krista Beinstein als "Schwanzfrau" beschreibt. In der Ausstellung hängen mehrere Bilder ihrer Serie "Schwule Ladies" aus den Achtzigerjahren, was die Möglichkeiten queerer Bezugnahmen multipliziert. Wer weiß, wie andere als sie selbst die "Schwulen Ladies" sehen?

Eine weitere Serie aus dem Buch "Isaac & Pascal" von 2002 zeigt Krista Beinstein immer in vergleichender Korrespondenz zu Darstellungen und Sensibilitäten des "Schwulseins". Kurzum: Sogar wenn der Ausstellungsort ein Museum exklusiv von und für Schwule wäre, mit dem Ziel schwule Sujets zu zeigen, stünde von Seiten Krista Beinsteins nichts dagegen. Doch wir stellen ja nicht in einem Museum des Schwulseins aus, sondern in einem lebendigen Schwulen Museum*, das den Genderstern im Logo hat aufgehen lassen!

Was ist auf den Arbeiten von Beinstein zu sehen, die du gemeinsam mit Birgit Bosold ausgesucht hast?

Es gibt fotografische und Videoarbeiten von Krista Beinstein von den Anfängen bis heute zu sehen. Aus dieser langen Zeit sind exemplarische Arbeiten ausgewählt, die die fotografische Handschrift herausarbeiten und einen Eindruck über die weiten Themen und Fragen gibt, die Krista Beinstein beschäftigen. Zwei ihrer Videoarbeiten von 1989 und 1991 sind zu sehen, die ähnliche Sujets wie die Fotos behandeln, in einzelnen Einstellungen mit unbewegter Kamera verschiedene Räume wie in bewegten Fotosituationen zeigen.

Beide Medienformate schärfen die Wahrnehmung für einander, so ist ein Gedanke dieser Ausstellung. Zudem wird die Performerin Beinstein in einem Film von Ulrike Zimmermann gezeigt, der eine ihrer Skandal-Performances von 1985 aus der Hamburger Frauenkneipe dokumentiert.

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Kuratorin Claudia Reiche ist Medientheoretikerin und Künstlerin. Sie lehrt an den Universitäten Basel und Oldenburg, ist Gastprofessorin an der Berliner Universität der Künste und betreibt das "Frauen.Kultur.Labor. thealit" in Bremen
Kuratorin Claudia Reiche ist Medientheoretikerin und Künstlerin. Sie lehrt an den Universitäten Basel und Oldenburg, ist Gastprofessorin an der Berliner Universität der Künste und betreibt das "Frauen.Kultur.Labor. thealit" in Bremen

Die queere und/oder feministische Szene hat sich in den letzten Jahren sehr verändert – manche sagen: weiterentwickelt. Wo stehen die Beinstein-Bilder, historisch betrachtet, in diesem Prozess? Und wofür stehen sie?

Birgit Bosold und ich denken, dass die Ausstellung Krista Beinsteins künstlerische und politische Haltung als sexpositiven Feminismus zu denken gibt, der weit vor der Zeit sehr exponiert und glaubwürdig entwickelt wurde. Sie war und ist ihrer Zeit voraus: Als Alice Schwarzer Ende der Achtzigerjahre meinte, jemand der sagt, von Pornos erregt zu werden, "kann keine Frau sein", hat Krista Beinstein klar gemacht, wie anders sie die ohnehin engen Gendergrenzen auffasst. Weiterhin aktuell ist die Grundannahme der Arbeiten: dass eine radikale Erforschung eigenen sexuellen Begehrens den Frauen (den so bezeichneten und sich identifizierenden) eine Möglichkeit zur Freiheit und Widerstand gibt.

Die Ausstellung selbst hat ein kuratorisches Statement, in Form eines Videos, das diese Frage zur Diskussion stellt und anhand verschiedener Positionen diskutiert, insbesondere in der Entwicklungen der Feminismen in ihren Haltungen zur Darstellung sexuell expliziter Inhalte: Es ist eine historisch politische Verortung der Arbeiten von Beinstein aus verschiedenen Blickwinkeln. Ein Denkanstoß. Und last but not least gibt es eine Art Grußadresse anderer Performer*innen von der Gruppe "Ärzte ohne Ängste": Prof. Dr. Panda und Dr. Dyko analysieren als Gesundheitsexpert*innen Bildwerke der Künstlerin. Dies ist auch ein Video.

Was ist an diesen Arbeiten für junge Frauen heute interessant?

Zum einen wird vielleicht erkennbar, wie lebendig und mutig die Position von Beinstein schon in den frühen Zeiten war und dass es feministische und genderqueere Anknüpfungen geben kann. Nicht alle der Achtzigerjahre-Generation trugen selbstgestrickte Wollpullover, wie sich herausstellen wird. Und, was mich an der Reaktion junger Besucherinnen interessieren wird: Sind die Arbeiten, als Vorläufer heutiger Positionen und künstlerischen Strömungen wiederzuentdecken, oder stehen sie weiterhin skandalisierend und unverdaulich im besten Sinne in der Zeit?

Etwas Abstoßendes, Erregendes oder Begeisterndes aus einer anderen Zeit – etwa anhand der Frühwerke der Ausstellung – zu sehen und unter heutigen Bedingungen zu testen, ist in einem Austausch über sogenannte Generationengrenzen hinweg spannend. Wer weiß, vielleicht verursachen die Arbeiten der "anarchistischen Aristokratin" Beinstein (so beschreibt sie sich selbst) ja andere Einteilungen als die zwischen Jugend und Alter?


Aufnahme aus der Serie "Schwule Ladies" aus dem Jahr 1985 (Bild: Krista Beinstein)


Warum ist es wichtig, diese "Bio Porno Foto Grafien" 2016 in einem Museum auszustellen? Gehört Porno überhaupt ins Museum? Und was ist "Bio Porno"?

Zum Titel: "Bio Porno Foto Grafien" erklärt sich als eine Zusammenziehung der Begriffe Biografien, Pornografien und Fotografien. Der Plural ist hier wichtig und markiert in der Zusammenziehung die Verwischungen und das Nichtrespektieren von Grenzen zwischen Leben, Kunst und Sexualität in den Verfahren von Krista Beinstein. Ich denke Pornografie ist eine der Bezeichnungen, die historisch immer wieder restriktiv auf Krita Beinstein zukamen und, man mag es in angeblich permissiven Zeiten erstaunlich finden, immer wieder zu Verboten, bilderstürmerischen Zerstörungsakten und Einschränkungen führten. Pornos im Museum wären prima, man würde sie dann anders schauen. Es sind in der Beinstein-Ausstellung aber sowieso schon Bildwelten, die Porno kritisch und eigenwillig be- und verarbeitet haben. Da heißt es hinzuschauen wagen, um etwas Kostbares über sich selbst erfahren zu können.

Viele Menschen aus der jüngeren Generation haben heute ein Problem mit dem offenen und ungehemmten Umgang mit Sex in der Öffentlichkeit. Ganz anders als Beinstein. Wie erklärst du dir diesen Wandel?

Es kommt ja immer auf den Kontext an: Im globalen neoliberalen Orkan ist kaum ein richtiges Leben im Falschen möglich, einschließlich Sexualität. Heute kommerzialisierte, medialisierte Sexualität hat einen völlig anderen Stellenwert als im einstigen politischen, freiheitlichen und sexuellen Aufbruch, sagen wir mal im Deutschland der Siebzigerjahre. Eine Gegenreaktion zu jeweils herrschenden Ideologien und der sogenannten Normalität sieht dann teilweise anders aus. Denn eine Pornografisierung der Gesellschaft und neue Prüderie: das läuft doch vielschichtig, gleichzeitig…

Die meisten Bilder aus der Ausstellung könnte man nicht auf Facebook posten; man würde sofort abgestraft werden. Ist das der konservative Rollback, von dem viele sprechen? Erklärt das die neue "Prüderie", die sich ausgebreitet hat?

Soweit ich weiß – ich nutze nämlich Facebook nicht – hat Krista Beinstein einen florierenden Facebook-Account.

Krista Beinstein, Jahrgang 1955, im Selbstporträt aus der diesjährigen Serie "Die Zeit gehört mir"
Krista Beinstein, Jahrgang 1955, im Selbstporträt aus der diesjährigen Serie "Die Zeit gehört mir" (Bild: Krista Beinstein)

Alle Welt redet zur Zeit von Flüchtlingen und davon, dass sie sich an unsere Werte anpassen sollen. Für welche Werte stehen die Beinstein-Arbeiten? Sollten sich Flüchtlinge das anschauen? Wenn ja, was hätten sie davon, gerade wenn sie aus einem vom Islam geprägten Land kommen?

Nun ja, die Beinstein-Arbeiten stehen, so denke ich, fürs Infragestellen von üblichen ideologischen Vermaskierungen von Freiheit, Glück, sexueller Erfüllung. "Soll" sich jemand das anschauen? Es sind ja keine Re-Education-Filme, wie sie die Deutschen nach der Befreiung der Konzentrationslager teilweise schauen mussten, die Kenntnis von Beinsteins Oeuvre auch keine Voraussetzung, Einbürgerung zu erhalten…

"Sollen" impliziert Erziehungsanspruch, das geht hier gar nicht. Jeder/jede, die Interesse an Kunst und Sexualität hat, kann die Ausstellung mit Gewinn anschauen. Egal, ob vom Religion geprägt (christlich, muslimisch, hinduistisch etc.) oder nicht.

Auf den Bildern und Videos sieht man Frauen und weibliche Geschlechtsteile. Sollten sich schwule Männer das auch anschauen?

Wie gesagt, auch hier: wenn sie wollen. Zum Beispiel zur Erweiterung des künstlerischen und sexuellen Horizonts.

Glaubst du, die Trans*community kann mit dieser Art von Fotografie/Bildwelt auch etwas anfangen?

"Communities" funktionieren nicht wie Institutionen, denke ich. Mich würde es nicht wundern, wenn nicht auch in diesem Fall die Arbeiten von Krista Beinstein unterschiedliche Wahrnehmungen und Erfahrungen ermöglichen und zu engagierten Diskussionen führen können. Das hoffen wir jedenfalls.

Was ist deine persönliche Beziehung zu Beinstein und dem Themenkomplex?

Meine persönliche Beziehung zu Krista Beinstein ist eine wunderbare Freundschaft, wir beide sind vielleicht so etwas wie Komplizinnen.

Was kommt für dich als nächstes?

Unter anderem kommt für mich eine eigene Ausstellung im Schwulen Museum*, allerdings erst 2018. Meine Ausstellung wird "Hijra Fanstatik" heißen und von meinen Foto- und Filmarbeiten in Südindien ausgehen, mit und zu Hijras, dem jetzt meist so genannten dritten Geschlecht. Allein die kursierenden logischen Verwerfungen der Übersetzungen sind atemberaubend "hijra: (Hindi) Eunuch, Trans-Frau, drittes Geschlecht, entlehnt, aus semitischer Wurzel 'hjr' mit den Bedeutungen: mit jemandem brechen, verlassen, aufgeben, emigrieren, fliehen." Eine audiovisuelle Installation einer fantastischen Narration wird es geben, vorab schon ein Buch in diesem Jahr als Starter.

  Infos zur Ausstellung
Krista Beinstein: Bio Porno Foto Grafien. Ausstellung noch bis zum 16. Januar 2017 im Schwulen Museum*, Lützowstraße 73, 10785 Berlin. Öffnungszeiten: So, Mo, Mi, Fr 14-18 Uhr, Do 14-20 Uhr, Sa 14-19 Uhr, Di geschlossen.
Links zum Thema:
» Homepage des Schwulen Museums*
» Homepage von Krista Beinstein
» Krista Beinstein auf Facebook
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Tags: krista beinstein, schwules museum, sexpositiver feminismus, sex wars, fotografie, schwanzfrau, claudia reiche
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