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  • 25.11.2016, 10:16h           7      Teilen:   |

Starker Essay-Band

Redefreiheit muss den Hass in seine Schranken weisen

Artikelbild
Die lesbische Autorin Carolin Emcke wurde im Oktober mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet (Bild: (cc) Heike Huslage-Koch / wikipedia)

Carolin Emckes neues Buch "Gegen den Hass" zeigt den noch Denkenden auf, was in dieser Gesellschaft schief läuft.

Von Bodo Niendel

Ihre Kolumnen in der "Süddeutschen Zeitung" und ihre zahlreichen Veröffentlichungen sind politische Eingriffe, mit ihrer herausragenden Rede in der Frankfurter Paulskirche bewegte Friedenpreisträgerin Carolin Emcke im Oktober sehr viele Menschen. Parallel ist ihr aktuelles Buch "Gegen den Hass" erschienen.

Das Essay ist ein präziser Blick auf den Ist-Zustand unserer Gesellschaft. Emcke geht der Frage nach, wie Hass entsteht. Sie klagt an, denn "es würde schon helfen, […] wenn nicht mehr die, die sich leise engagieren, sich rechtfertigen müssen, sondern die, die jene verachten." Ihr Engagement als Frau, als Lesbe, aber vor allem als Demokratin trägt dieses wichtig Buch.

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Der Mob und der Bus mit den verängstigten Flüchtlingen

Carolin Emckes Essay "Gegen den Hass" ist im Frankfurter S. Fischer Verlag erschienen
Carolin Emckes Essay "Gegen den Hass" ist im Frankfurter S. Fischer Verlag erschienen

Carolin Emcke löst den Hass in seine Bestandteile auf. Mit einem präzisen Blick, der an die engagierten Essays von Susan Sontag erinnert, begibt sie sich auf die Spurensuche – unter anderem nach Clausnitz. Vor wenigen Monaten ging ein kurzes Handyvideo durch die Nachrichten. Zu sehen war ein wütender Mob, der vor einem Bus mit Flüchtlingen steht. Im Bus saßen die Flüchtlinge, verängstigt. Nach kurzer Zeit kam ein Polizeibeamter und brachte einen Jungen unter rüder Gewaltanwendung und unter dem Jubel des Mobs aus dem Bus.

Emcke schaut genauer hin. Sie beschreibt die Situation vor dem Eintreffen der Flüchtlinge. Die Bürgerversammlung, die sich gegen die Flüchtlinge wandte. Sie beschreibt die Flüchtlinge. Ihre Blicke. Ihre Angst. Sie schaut genau hin, welche Flüchtlinge kamen, welche Bürger sich da vor dem Bus versammelten und wie sich die Polizisten genau verhielten. "Ein solcher polizeilicher Einsatz […] signalisiert in seiner Ambivalenz den Blockierern, dass sie weitermachen können."

Diese Blockierer waren von Hass getrieben, der weder die Angst des geflüchteten Jungen noch die Angst der verschreckten geflüchteten Frauen im Bus sehen wollte, obwohl sie dies doch direkt vor Augen hatten.

Mit Schweinefleisch das Abendland verteidigen?

Carolin Emcke erläutert, wie dieser Hass sich aus Rassismus und Xenophobie speist, aus der Abwertung gegenüber Fremden und aus einer Weltsicht, die keine Differenzierungen, keine Vielfalt kennt. Eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit macht sich breit. Institutioneller Rassismus begünstigt diese Weltsicht. Diese Weltsicht bildet die Struktur, aus dem dieser Hass entsteht. Das Schlimme: Der Hass ist nicht allein am rechten Rand verortet. Er ist bereits in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Die Autorin wirft auch einen klaren Blick auf die Pegida-Demonstrationen. Nation und scheinbar urdeutsche kulturelle Werte werden dort hochgehalten. So trugen einige Demonstranten Schweinskopfmützen. Wahrscheinlich wollten sie den Verzehr von Schweinefleisch als etwas Überlegenes darstellen. Emcke legt die Skurrilität der Szene offen: "Nichts gegen Schweine, aber wenn der Verzehr von Schweinefleisch ein entscheidendes Merkmal abendländischer Identität sein soll, dann ist doch Sorge um das Abendland angebracht."

Die Situation von Transpersonen betrifft alle Menschen

Die scheinbar ursprüngliche Nation kommt stets daher mit einem Verweis auf die Familie als die vermeintliche Keimzelle der Gesellschaft. Selbstverständlich Mann und Frau. Natürlich. Queere Menschen werden dann notwendig abgewertet. Insbesondere auf Transpersonen richtet sich der neue Hass, da er die "Natürlichkeit" infrage stellt.

Emcke betont, dass Transpersonen weiterhin elementare Menschenrechte verwehrt werden. Sie zeigt aber auch, wie diesem Hass zu trotzen ist und wie wichtig der Kampf von Transpersonen für unsere Gesellschaft ist: "Und so ist es gerade die Verwundbarkeit von Transpersonen, ihre Suche nach Sichtbarkeit und Anerkennung, in der sich jene wechselseitige Abhängigkeit zeigt, die uns als Menschen allgemein kennzeichnet. Insofern betrifft die Situation von Transpersonen alle. Nicht nur diejenigen, die so leben und empfinden wie sie."

Anreden gegen die Raster des Hasses

Im Kapitel "Lob des Unreinen" bezieht sich Emcke auf Michel Foucault, der die Parrhesia, die Redefreiheit, hochhielt. Eine Redefreiheit, die etwas riskiert, die vom Standpunkt der Machtlosen spricht und nicht vom mächtigen Standpunkt Machtverhältnisse wie Rassismus oder Homosexuellenfeindschaft reproduziert ("Das wird man doch wohl mal sagen dürfen").

"Eine Parrhesia, die in der gegenwärtigen Öffentlichkeit verlangt ist, wendet sich gegen die machtvollen Dispositive aus Gesagtem und Ungesagtem, gegen die Raster des Hasses, die Migranten abwerten und denunzieren, gegen die Blick-Regime, die schwarze Menschen übersehen, als seien sie nicht Menschen aus Fleisch und Blut, gegen die permanenten Verdächtigungen gegen Muslime, gegen Mechanismen und Gewohnheiten, die Frauen benachteiligen, und gegen die Gesetze, die Schwulen und Lesben, Bisexuellen und Transpersonen die Möglichkeiten nehmen zu heiraten und Familien zu gründen wie andere Menschen auch."

Diese Zeiten sind stürmisch. Der Sturm kommt mit Hass und Gewalt daher. Die neuen und alten Hasser von queeren Menschen, die notorischen Rassisten und überzeugten Anhänger von AfD und/oder NPD kann dieses Buch nicht überzeugen. Aber dieses Buch zeigt den noch Denkenden auf, was in dieser Gesellschaft schief läuft.

Es liegt nun an uns, den Mut und die Empathie Carolin Emckes in den Alltag zu nehmen und den Hass in seine Schranken zu verweisen. "Gegen den Hass" ist ein starkes Essay, das sprachlich und argumentativ durch seine Klarheit überzeugt.

  Infos zum Buch
Carolin Emcke: Gegen den Hass. Hardcover. 240 Seiten. S. Fischer Verlag. Frankfurt am Main 2016. 20 €. ISBN: 978-3-10-397231-3
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit bei Amazon
» Leseprobe als PDF
» Homepage von Carolin Emcke
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Tags: carolin emcke, gegen den hass, essay, parrhesia, redefreiheit, rassismus
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Reaktionen zu "Redefreiheit muss den Hass in seine Schranken weisen"


 7 User-Kommentare
« zurück  1  vor »

Die ersten:   
#1
25.11.2016
11:26:17


(+8, 10 Votes)

Von 25rwefd


Das Problem mit dem Hass ist, dass es zu einer starken Polarisierung der Gesellschaft führt, bis hin zur tiefen Spaltung der Gesellschaft, was einen Teufelskreis, eine Spirale nach unten in Gang setzen kann.

In Deutschland war das extremstmögliche Ergebnis im letzten Jahrhundert für einige Jahre Realität. Grauen pur. Das ging soweit, dass gewissen Menschengruppen als minderwertig und als nicht lebenswert gebrandmarkt wurden (Juden, Homosexuelle, Behinderte, ...) und massenhaft und systematisch ermordet wurden.

Genau dahin wollen uns die Rechtspopulisten aber führen. Und es fängt an mit dem Sähen von Hass, dem Versuch zu spalten, indem Menschengruppen gegen andere Menschengruppen aufgehetzt werden. Oft werden dabei Lügen und Übertreibungen verwendet. Das läuft also immer nach demselben Muster ab. Wenn man das durchschaut hat, dann wirken Rechtspopulisten mickrig und lächerlich. Diejenigen aber, die die Lügen und Übertreibungen glauben, sind dumm und naiv, quasi eine manipulierbare Masse, der das Gehirn gewaschen wird und die dann wie Marionetten dumpfe Hassparolen nachblöken. Diejenigen Rechtspopulisten, die die Lügen und Übertreibungen in die Welt setzen, haben oft ein sehr gutes Gespür dafür, wie man Menschen effektiv manipulieren kann, und sie sind böse. Sie wollen aus dem In-Die-Welt-Setzen von Lügen und Übertreibungen Kapital schlagen, Macht erhalten und ein luxuriöses Leben mit einem fetten Abgeordnetengehalt führen, sich also wählen lassen. Dafür gehen sie quasi über Leichen. Ihnen ist nicht am Gemeinwohl gelegen. Ihnen ist allein an ihrem eigenen Wohl gelegen und ihnen ist daran gelgen sich an der Macht zu ergötzen und Macht über andere Menschen auszuüben. Das ist, was Rechtspopulisten in Wahrheit antreibt.


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#2
25.11.2016
14:19:24


(+3, 5 Votes)

Von hugo1970
Aus Pyrbaum (Bayern)
Mitglied seit 08.02.2015


Keine Macht, dem Unwissen!!!! Denn aus diesem Unwissen wird der Hass von einer neoliberalen klerikfaschistischen kapitalistischen Minderheit gespeist!!!


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#3
25.11.2016
15:23:36


(-3, 9 Votes)

Von wiking77
Profil nur für angemeldete User sichtbar


meine Güte ... sind das mal wieder Agit-Prop-Formeln. Erinnert mich an das Gefasel der kommunistischen Politkommitees über "Planerfüllung", "multilateral entwickelte sozialistische Gesellschaft", "Bestarbeiterin im Traktorenkombinat". Dieses auf die Goldwaage legen von Begrifflichkeiten ist ja kaum auszuhalten - unglaublich, dass wir uns - zum Glück - noch in einer freien westlichen Demokratie wähnen.


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#4
25.11.2016
22:57:03
Via Handy


(0, 6 Votes)

Von Rosa
Antwort zu Kommentar #3 von wiking77


Ja, auch ich sage meine Güte bezogen auf deinen Beitrag!
Deinem Intellekt scheint sich die Aussage der C. Ehmcke nicht zu erschließen, deshalb gibts von dir nur Diffamierung durch konstruierte Gleichsetzung mit SED-sozialitischen Äußerungen. Oder sollte hier Absicht dahinterstecken!!!
Ich bemerke zwar daß sich hier Posts selten inhaltich mit dem Artikel auseinandersetzen, aber dumm zieht man/frau sich hier doch sonst eher über einander her.


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#5
26.11.2016
01:06:01


(-1, 5 Votes)

Von LasseJ
Aus Berlin
Mitglied seit 08.10.2015


Für mich ist die Besprechung von Carlin Enckes Essay und das, was ich bisher als Leseprobe davon gelesen habe, nicht sehr erhellend. Hass wird da ausschließlich als ein Phänomen beschrieben und analysiert, das die Anderen betrifft - und nicht das eigene Milieu oder einen selber. Das ist einseitig - denn Hass ist nunmal leider eine menschliche Eigenschaft und wer über Hass schreibt, als habe er selber nie gehasst und dabei die Kontrolle über das eigene Denken oder die eigene Fägigkeit zur Differenzierung verloren, dem oder der traue ich nicht. Nie habe ich mehr über meinen eigenen Hass aber auch über den der Anderen erfahren als beim Posten und Diskutieren in den Kommentaren bei queer.de (und im Wechsel beim Posten und Diskutieren in christlich orientierten Portalen, wo ich als schwuler atheistischer Aktivist verteufelt wurde).


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#6
26.11.2016
13:45:38


(0, 4 Votes)

Von Lebenskuenstler
Aus Berlin
Mitglied seit 10.10.2014


Es hat aber wenig mit dem demokratischen Grundrecht auf Redefreiheit zu tun, wenn diese Freiheit peu à peu durch rein linke Vorstellungen von Politik und Gesellschaft eingeschränkt wird.
Und das können wir heute schon deutlich sehen.
Denn als "Hass" wird ja mittlerweile schon sehr viel mehr bezeichnet als der eigentliche Begriff beinhaltet.
Ein Beispiel ist die (berechtigte!) Kritik an Religionen, wie z.B. dem Islam sofort mit dem Etikett Islamophobie zu versehen.
Von "Katholophobie" oder allgemein "Christenphobie" habe ich noch nichts gehört.
Es sollte uns allen zu denken geben, wenn allein linke Moral- und Sittenwächter die Demokratie kapern und sie mit linker Einstellung gleichsetzen.


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#7
26.11.2016
14:06:14


(-1, 3 Votes)

Von Lebenskuenstler
Aus Berlin
Mitglied seit 10.10.2014
Antwort zu Kommentar #1 von 25rwefd


Hi 25rwefd,

Du schreibst:

"Genau dahin wollen uns die Rechtspopulisten aber führen. Und es fängt an mit dem Sähen von Hass, dem Versuch zu spalten, indem Menschengruppen gegen andere Menschengruppen aufgehetzt werden."

Ich möchte darauf aufmerksam machen

a) dass der Begriff "Hass" leicht gebraucht werden kann um Menschen mit einer anderen politischen Meinung mundtot zu machen

b) dass Hass ja gerade auch in linken und linksextremen Kreisen zu finden ist

Man kann doch nicht so tun, als wären erst die Rechtspopulisten dagewesen und dann der Hass gekommen.

Rechts- und LinksEXTREME geben sich beim Thema Hass nicht viel. Die Hassobjekte sind nur unterschiedlich.

Und sehr viel Hass gegenüber Menschen die gegen bestimmte Missstände demonstrieren, sich die Freiheit nehmen eine ganz eigene Meinung zu haben, gibt es auch direkt aus unserer sogenannten politischen Mitte.

Da werden Bürger die ihre Rechte wahrnehmen wahlweise als Mob oder Pöbel bezeichnet...... usw.

Trifft es einen dann aber selbst, dann wird eine größtmögliche Empörung von den etablierten Kräften inszeniert.

Wir sollten darauf nicht reinfallen. Egal ob der Hass rechts, links, mittig, religiös oder sonstwie daherkommt.


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