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Standortbestimmung in Erfurt

Plädoyer für "sexuelle Talentförderung"


Penis-Figuren aus dem schwedischen Aufklärungsclip "Snoppen och Snippan"

Für Marco Kammholz bedeutet eine Sexualpädagogik der Vielfalt die konsequente Gleichberechtigung von Lebens- und Liebesformen. Im Rahmen der Hirschfeld-Tage referierte er in Erfurt.

Von Michael Kummer

Im Rahmen der Hirschfeld-Tage fand am vergangenen Freitag ein Workshop des Referenten Marco Kammholz statt, in welchem er eine Standortbestimmung der Sexualpädagogik versuchte. Der Wahl-Kölner ist neben seiner Tätigkeit als Jugend- und Heimerzieher auch als Sexualpädagoge unterwegs und findet den Begriff "sexuelle Talentförderung" treffender als "Sexualpädagogik".

Der Einladung in die Räumlichkeiten der GEW Erfurt waren zehn Teilnehmer gefolgt, darunter Matthias Gothe und Marcus Felix als aktive Mitglieder des GEW-Landesausschusses Diversity, Jörg Litwinschuh als geschäftsführender Vorstand der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld sowie der Landtagsabgeordnete Christian Schaft, wissenschafts- und hochschulpolitischer Sprecher der Thüringer Linksfraktion.

"Besorgte Eltern" gegen "neosexuelle Weltordnung"

In seinem einführenden Vortrag ging Marco Kammholz zunächst auf die Vorgeschichte zu den Angriffen rechtsextremer und rechtspopulistischer Akteure der letzten Jahre gegen sexuelle Bildungsangebote ein. In Frankreich wurde schon vor einigen Jahren auf Großdemonstrationen wiederholt gefordert, dass alle Kinder eine Mama und einen Papa benötigten. Damit wurde lautstark grundlegende Kritik an allen anderen Formen des Zusammenlebens geäußert, insbesondere am Aufwachsen von Kindern in Regenbogenfamilien.

Diesen Vorbemerkungen schloss sich der konkrete Blick auf zwei Entwicklungen in Deutschland an: die "Besorgten Eltern" in Köln und die "Demos für alle" in Stuttgart. In Köln kam es unter dem Motto "Stoppt den Sexualzwang an Grundschulen" ab Januar 2014 zu Vorwürfen von Eltern. Kritisiert wurden die "totale Ideologisierung des Sexuellen", die Kinder "von der ersten bis zur letzten Stunde mit Intimität bedrängen", eine "neosexuelle Weltordnung" sowie eine "Frühsexualisierung". In Stuttgart wurden diese Kampfbegriffe dann zum Teil übernommen, auf weiteren Demonstrationen ab März 2014 wurde außerdem geäußert: "Wir wollen keinen Pornounterricht für unsere Kinder!"

Kammholz sieht vor allem vier Öffentlichkeitsstrategien der Gegner sexueller Bildung: Erstens die Meinungsmache in den Feuilletons wichtiger Medien, zweitens die Beeinflussung wichtiger Entscheidungsträger mittels massenhafter E-Mail-Sendungen, drittens die Instrumentalisierung des Themas durch die AfD in allen Landtagswahlkämpfen sowie viertens die "Mobilmachung des Mobs inklusive der Androhung von Gewalt".

"Sexuelle Bildung" als lebenslanger Prozess

Der Referent fuhr danach mit einem kurzen Überblick über die Entwicklung der Sexualpädagogik fort und arbeitete dabei drei wichtige Phasen heraus. Vom liberalen Diskurs einer Sexualaufklärung der Sechziger- und Siebzigerjahre über den sexualpädagogischen Selbstbestimmungsdiskurs der Achtzigerjahre bis hin zur heutigen "Sexuellen Bildung", die von Kammholz als lebenslanger Prozess und als Wert an sich deklariert wurde. Eine Sexualpädagogik der Vielfalt bedeute die konsequente Gleichberechtigung von Lebens- und Liebesformen.

Nach diesem knapp einstündigen, sehr detaillierten Vortrag kam der angestrebte Workshop-Charakter zum Tragen. In drei Kleingruppen wurden prägnante Statements von Gegnern der Sexualpädagogik wie Birgit Kelle oder Alexander Kissler dechiffriert, Gegenargumente gefunden und diese zum Abschluss im Plenum vorgestellt und diskutiert.

Auch wenn der Workshop noch mehr Teilnehmer gut vertragen hätte, war es ein Gewinn, dem Dozenten Marco Kammholz zuzuhören, in das Thema eingeführt zu werden und gemeinsam ins Gespräch zu kommen. Eine insgesamt gelungene Veranstaltung der Hirschfeld-Tage 2016.

Hirschfeld-Tage 2016

Unter dem Motto "L(i)ebe die Vielfalt" stehen bis zum 19. Dezember bei den dritten Hirschfeld-Tagen 115 Veranstaltungen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen auf dem Programm. Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld als Veranstalterin kooperiert dabei mit neun regionalen Partnern aus der Community. Weitere Infos zum Programm auf hirschfeld-tage.de.


#1 JadugharProfil
  • 28.11.2016, 16:09hHamburg
  • Ich kann mich noch sehr gut an die Zeiten Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre erinnern, wo Ärzte forderten, daß Eltern ihre Kinder aufklären! Damals tat man dieses überhaupt nicht. Zeitgleich kamen viele Aufklärungsbücher in den Umlauf. Einige davon bekam ich in die Hand und zwar auch besonders die von Oswald Kolle. Seine Bücher waren tabulos und alles wurde da abgehandelt. Sex bei Kindern, bei Jugendlichen, bei Erwachsenen und sehr alten Leuten. Alles war mittels Photos dokumentiert. Auch Homosexualität war ein Thema! Heute würde man wahrscheinlich Oswald Kolle verklagen, weil Kindersex und entsprechende Darstellungen in seinen Büchern vorhanden waren, wo Kinder miteinander kopulierten. Denn heute wird ja schon der Besitz von Bildern nackter Kinderkörper strafrechtlich verfolgt. Demnach würde ich heute, sofern ich Oswald Kolles Aufklärungsbuch besitze, eine Straftat begehen. Für Jugendliche wäre dann dieses Aufklärungsbuch erst frei verfügbar nach Vollendung des 18. Lebensjahres. Nach Oswald Kolle gehörten all die in seinen Buch aufgeführten Themen zu einer gesunden Entwicklung für die Kinder. Ich war damals von diesen Büchern sehr begeistert, weil ich asexuell erzogen wurde und Sexualität ein Tabu war. Dadurch wurde mir meine rigorose Unterdrückung nur noch bewußter und verstand dann, warum man leidet. Besorgte Eltern, Demos für alle usw. sind ein Versuch, diese Errungenschaften sexueller Befreiung wieder aufzuheben und den Zustand der vierziger Jahre wieder herbeizuführen. Zum Teil ist es schon wieder gelungen, als die Bildzeitung anfing, gegen sexuelle Minderheiten, besonders bei Pädophilie zu hetzen. Sie bejubelte die Hinrichtung zweier homosexueller Jugendliche im Iran!
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