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Tam und Phum lernen sich über ein Onlinedate kennen, Phum folgt dem Jüngeren später heimlich nach Hause (Bild: Edition Salzgeber)

Thailändisches Kino vom Feinsten: Das Drama "The Blue Hour" von Anucha Boonyawatana, das sich in keine Schublade stecken lässt, ist jetzt auf DVD erschienen.

Von Micha Schulze

Thailändische Filme schaffen es nur selten nach Deutschland, was ziemlich schade ist. Eine Ausnahme ist der Film "The Blue Hour" der queeren Regisseurin Anucha Boonyawatana, der zwar nicht im Kino läuft, aber jetzt zumindest mit deutschen Untertiteln bei der Edition Salzgeber auf DVD erschienen ist.

Das Drama, das in jeder Hinsicht überrascht, sollte man sich anschauen. Weil es ein (schwules) Thailand zeigt, das selbst der neugierige Tourist nur selten zu Gesicht bekommt. Und vor allem, weil das anfängliche Schmunzeln auf den Lippen über die süße Coming-out- und Liebesgeschichte bald einem vor Entsetzen weit geöffneten Mund weicht.

Schneller Sex in der Schwimmbad-Ruine


Die Edittioon Salzgeber hat "The Blue Hour" mit deutschen Untertiteln auf DVD veröffentlicht

Die Story beginnt mit einem typischen Onlinedate. Schüler Tam, vielleicht gerade mal 16 Jahre alt, hat sich mit dem älteren Phum in einer Schwimmbad-Ruine zum Sex verabredet. Doch der feminin wirkende schwule Teenager, der gerade erst von seinen Klassenkameraden verprügelt wurde, will in erster Linie nur Kuscheln. Phum ist da deutlich abgeklärter: "Du kannst mir auch einfach nur einen runterholen."

Auch zu Hause bei Tam scheint zunächst alles auf eine klassische Coming-out-Geschichte hinauszulaufen. "Kannst du nicht anders sein?", fragt heulend die Mutter, die beim Aufräumen die schwulen Pornohefte ihres Sohnes gefunden hat. "Hab ich dich schlecht erzogen? Hast du kein Mitleid mir mir?" Der Vater darf gar nichts wissen von Tams Vorliebe für andere Männer. Dabei wird Thailand vom Fremdenverkehrsamt in der westlichen Welt als LGBT-Paradies beworben.

Das ist einer der großen Verdienste von "The Blue Hour", endlich mal hinter die Toleranz-Kulisse zu schauen. Nicht wenige Lesben, Schwule und Transgender in Thailand glauben noch immer, ihr Anderssein sei eine Strafe für ein schlechtes Verhalten in einem früheren Leben. Auch Phum, der Tam heimlich nach Hause gefolgt ist, meint, er müsse als homosexueller Sohn seine Eltern, quasi als Wiedergutmachung, besonders großzügig unterstützen – was er als einfacher Mechaniker aber nicht kann. "Wer kein Geld hat, ist ein Arschloch", beschreibt er sehr treffend seinen gesellschaftlichen Status.

Leichen, Totschlag und erwachende Geister

Doch mit einem nächtlichen Ausflug von Phum und Tam auf eine einsame Müllkippe wandelt sich der Charakter des Films völlig. Das Land hat früher einmal Phums Familie gehört, wurde ihr aber von einflussreichen Leuten widerrechtlich weggenommen. Der große Traum des Sohnes ist es, das Grundstück eines Tages zurückzubekommen, wie auch immer, um dann, typisch Thai, für den Rest des Lebens ausgesorgt zu haben.

Doch auf der düsteren Müllkippe irgendwo am Stadtrand entdeckt Tam nicht nur eine Leiche, er wird auch noch von einem unbekannten Mann mit Pistole verfolgt, den er schließlich mit einer Eisenstange erschlägt. Wumms! Von diesem Moment an beginnt ein völlig neuer Film, der immer mysteriöser und bizarrer wird.

Immer mehr merkwürdige und blutige Dinge passieren im Umfeld der beiden jungen Schwulen, immer mehr Leichen tauchen auf und verschwinden wieder, selbst die Geister des verlassenen Schwimmbads erwachen. Als Zuschauer kann man irgendwann nicht mehr unterscheiden zwischen der realen Handlung und den Träumen von Tam. Auch das Ende des in positiver Hinsicht verstörenden Films, der in der "Panorama"-Sektion der diesjährigen Berlinale lief, lässt alle Interpretationen offen.


"The Blue Hour" zeigt Thailand aus einer ungewohnten Perspektive (Bild: Edition Salzgeber)

"The Blue Hour" steht in bester Tradition der ebenfalls sehr spirituellen und mythischen Filme des schwulen thailändischen Regisseurs Apichatpong Weerasethakul ("Tropical Malady", "Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben"), doch an der bescheidenen Spielweise der beiden Hauptdarsteller merkt man dann doch die Grenzen der Indie-Produktion. Entscheidende Szenen des Debüt-Spielfilms wie eine Wiederbelebung im Schwimmbad wirken alles andere als glaubwürdig.

Ein gespenstisch ruhiges Thailand

Im krassen Gegensatz dazu stehen die starken Kameraeinstellungen, die ein geradezu gespenstisch ruhiges Thailand zeigen ohne Staus, Glitzer-Malls und wummernden Clubs. Stattdessen sehen wir Tam und Phum beim Luftanhalten im Pool der Schwimmbadruine, beim Suppe schlürfen im einsamen Tempel, beim Kuscheln auf dem Dach eines dreistöckigen Betonklotzes oder beim Moped-Ausflug auf leeren vierspurigen Straßen.

Das Drehbuch, an dem Anucha Boonyawatana mitgeschrieben hat, hat einen guten Blick für Alltagsdetails und für Thailand durchaus mutige Themen. Das Schultzalter für Sex liegt eigentlich bei 18 Jahren, Pornografie ist per Gesetz verboten, auch die Willkür der Mächtigen, Gerechtigkeit und Homophobie werden nur selten thematisiert.

Den Namen Anucha Boonyawatana sollte man sich also auf jeden Fall merken. Auf dem Filmfestival in Cannes wurde die Regisseurin in diesem Jahr vom Kulturministerium sogar als offizielle Nachwuchshoffnung des thailändischen Films präsentiert. Beim "Thai Pitch" stellte sie ihr neuestes Projekt "Malila" vor, ein philosophisches Drama über Buddhismus und Tod aus der Perspektive eines schwulen Mönches, dem ein früherer Liebhaber in einer neuen Form begegnet. Vielleicht schafft es diese vielversprechende Geschichte ja auch mal ins deutsche Kino!

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer zum Film

Infos zur DVD

The Blue Hour. Spielfilm. Thailand 2015. Regie: Anucha Boonyawatana. Darsteller: Atthaphan Poonsawas, Oabnithi Wiwattanawarang, Djuangjai Hirunsr. Laufzeit: 100 Minuten. Sprache: thailändische Originalfassung. Untertitel: Deutsch (optional). FSK 16. Edition Salzgeber
Galerie:
The Blue Hour
10 Bilder


#1 BlasimusProfil
  • 09.12.2016, 16:10hHamburg
  • Hat der Verfasser das Kammerspiel gesehen?
    Ich bin den asiaten Filmchen durchaus angetan. Aber der Film hatte außer Langeweile nichts zu bieten.
    Am interessantesten war das Making-Of auf der DVD. Aber das ging nur ein paar Minuten.
  • Antworten » | Direktlink »