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Bewusst wurde der Paragraf 175 auf den neuen Stolpersteinen genannt: Stefan Ferdinand Schminghoff kam 1940 im Alter von 52 Jahren im KZ Sachsenhausen ums Leben

Sowohl Stefan Ferdinand Schminghoff als auch Werner Großheide wurden von den Nationalsozialisten aufgrund des Paragrafen 175 verfolgt und ermordet.

In Dortmund wurden am Freitag zwei Stolpersteine verlegt, die an das Schicksal von Stefan Ferdinand Schminghoff und Werner Großheide erinnern. Beide Männer wurden von den Nationalsozialisten aufgrund des Paragrafen 175 verfolgt und im KZ ermordet.

Stefan Ferdinand Schminghoff wurde am 20. Februar 1888 in Brambauer im heutigen Kreis Unna geboren. Er war Sohn einer Bergarbeiterfamilie und wurde später selbst Hauer. Die männlichen Mitglieder der Familie Schminghoff gehörten zu den Bergbaupionieren der Zeche Minister Achenbach, die zu dieser Zeit im Ort entstand. Um 1916 zog Schminghoff nach Dortmund.

Über seine Verfolgungsgeschichte ist wenig bekannt. Im Landesarchiv NRW finden sich Justizunterlagen, wonach Schminghoff bereits 1928/29 eine Haftstrafe in Münster absitzen musste. Der Grund ist nicht überliefert. Womöglich war er bereits in der Zeit der Weimarer Republik mit dem Paragrafen 175 in Konflikt gekommen.

Als "Wiederholungstäter" besonders gekennzeichnet

Ins KZ Sachsenhausen wurde er am 12. Juni 1940 eingeliefert. Er trug dort die Häftlingsnummer 25536 mit dem Zusatzkürzel "BV175", das ihn als Wiederholungstäter auswies, der mehr als einen Mann "verführt" hatte. Am 19. Juli 1940 kam Schminghoff in Sachsenhausen ums Leben. Im Totenschein wurde eine chronische Nierenentzündung als Todesursache angegeben. Doch das ist mutmaßlich nicht die Wahrheit.

Emil Büge, der in Sachsenhausen als Funktionshäftling in der Schreibstube arbeiten musste, führte heimlich eine Liste mit den Namen zahlreicher 175er-Häftlinge, die dort ermordet wurden. In der Liste wird auch Stefan Ferdinand Schminghoff aufgeführt. Die Büge-Liste befindet sich heute im Archiv der sozialen Demokratie in der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Schminghoff wurde 52 Jahre alt, seine Urne wurde in einem Sammelgrab in Berlin-Altglienicke bestattet. In der Kurfürstenstraße 32 in der Dortmunder Nordstadt, dem letzten Wohnsitz von Stefan Ferdinand Schminghoff, erinnert nun ein Stolperstein an sein Schicksal. An der Verlegung nahmen auch Mitglieder der Familie Schminghoff teil, die erst durch die Forschung auf ihren Vorfahren aufmerksam wurden.

Werner Großheide wurde zur "Vorbeugung" inhaftiert


Werner Großheide starb 1943 im KZ Neuengamme im Alter von nur 34 Jahren

Ein weiterer Stolperstein in der Nordstadt ist Werner Großheide gewidmet. Er wurde am 9. Dezember 1908 in Dortmund geboren und war von Beruf kaufmännischer Angestellter. Großheide findet sich dreimal in den Haftbüchern des früheren Polizeigefängnisses Steinwache in Dortmund wieder. Demnach wurde er am 11. August 1937, am 5. September 1938 und am 25. September 1942 aufgrund des Paragrafen 175 verhaftet. Die Haftbücher hat der Dortmunder Historiker Dr. Frank Ahland systematisch nach den Opfern der Homosexuellenverfolgung während der NS-Zeit erforscht.

Die dritte Verhaftung von Großheide erfolgte zur "Vorbeugung". Mit dem Mittel der Vorbeugehaft konnte die Polizei Personen, die sie als gefährliche Sittlichkeits- oder Berufsverbrecher einstufte, ohne weitere Begründung in Haft nehmen. Ein Runderlass des Berliner Reichssicherheitshauptamtes vom 12. Juli 1940 bestimmte, "alle Homosexuellen, die mehr als einen Partner verführt haben, nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis in polizeiliche Vorbeugehaft zu nehmen". Vieles spricht dafür, dass Werner Großheide aufgrund dieser Bestimmung verhaftet wurde, aber auch dafür, dass er vor seiner letzten Verhaftung zu wenigstens drei Haftstrafen verurteilt worden war.

Am 22. Oktober 1942 wurde Werner Großheide ins KZ Neuengamme verschleppt. Er trug dort die Häftlingsnummer 10938 mit dem Kürzel "BV175", das auch ihn als "Mehrfachtäter" auswies. Über das Martyrium von Großheide im KZ Neuengamme ist nichts bekannt. Er starb dort am 6. März 1943 im Alter von nur 34 Jahren. Der Stolperstein für Werner Großheide wurde in der Nordstraße 57 verlegt, wo er seinen letzten Wohnsitz hatte.

Eine Initiative von Dr. Frank Ahland und Manuel Izdebski

Die Verfolgungsgeschichte der beiden Männer haben Dr. Frank Ahland und Manuel Izdebski erforscht. Auf ihre Initiative geht auch die Verlegung zurück. Beide Stolpersteine tragen den Hinweis, dass es sich um Opfer der Homosexuellenverfolgung handelt. "Wir finden es wichtig, dass der Paragraf 175 auf dem Stolperstein erwähnt wird. Damit machen wir die Verfolgung der Schwulen sichtbar, die auch in Dortmund mit Eifer betrieben wurde", erklärt Frank Ahland, "Lange genug wurden schwule Männer als Opfergruppe der NS-Diktatur totgeschwiegen." Dem stimmt auch der Stolperstein-Künstler Gunter Demnig zu: "Der Verfolgungsgrund muss erkennbar sein. Ohne den Hinweis auf Paragraf 175 verlege ich keine Steine mehr für die Opfer der Schwulenverfolgung."

Die Herstellung der Stolpersteine für Werner Großheide und Stefan Ferdinand Schminghoff wurde durch private Spenden finanziert. In Dortmund finden sich nun vier Stolpersteine für verfolgte schwule Männer. Außerdem wurde eine Straße am "Dortmunder U" nach einem der Opfer benannt.

Zur Geschichte der Schwulen und Lesben im Ruhrgebiet hat Dr. Frank Ahland als Herausgeber vor wenigen Wochen einen Sammelband veröffentlicht, der überall im Buchhandel erhältlich ist: "Zwischen Verfolgung und Selbstbehauptung. Schwul-lesbische Lebenswelten an Ruhr und Emscher im 20. Jahrhundert" (queer.de berichtete). (cw)



#1 g_kreis_adventProfil
  • 17.12.2016, 10:46hBerlin-Prenzlauer Berg
  • Meinen Dank an alle Beteiligten die sich für die Verlegung der Stolpersteine für Werner Großheide und Stefan Ferdinand Schminghoff engagiert haben. Es bleibt immer aktuell an die schwulen Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern. Unser Gesprächskreis wird am 13. Mai 2017 seine traditionelle Kranzniederlegung in der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen durchführen und an die schwulen Opfer erinnern und mahnen.
    Eine Liste der schwulen Opfer des KZ Sachsenhausen und des Männerlagers des KZ Ravensbrück findet ihr auf:

    raunitz.de/sh_tote_opfer/
    und zu unserer Erinnerungskultur auf:
    www.advent-zachaeus.de/gemeindeleben/gespraechskreis-homosex
    ualitaet.html


    Diese Liste wurde gestern aktualisiert und veröffentlicht. Hinweise auf noch nicht bekannte Opfer und Stolper-steine werden gern entgegengenommen.
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#2 nrwnrwnrwnrwAnonym
#3 stromboliProfil
  • 17.01.2017, 10:31hberlin
  • begrüssenswert und den opfern gerecht werden!
    Auch und gerade das hervorheben der gründe macht die abgründe hinter der verfolgung und deren täter deutlich.

    Hierzu ist allerdings zu bemerken, dass an der weiter bestehenden un/sichtbarkeit der opfer in nicht geringen maße die eigenen familien schuld sind, die eine nachträgliche aufarbeitung des schicksals wegen "persönlichkeitsschutzes" zu verhindern wissen. Das andenken "nicht beschmutzt" werden soll oder völlig verdrängt , in "vergessenheit geraten ist.

    Wie wärs in anlehnung an die "stasiaktenforschung" mal mit einer akteneinsicht mit namensnennung der täter!
    Sollen deren familien-nachkommen sich auch mal mit den verbrechen ihrer ahnen beschäftigen...
    Kein verzeihen, kein vergessen!
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