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Unstatistik des Monats

Können Facebook-Likes jemanden outen?

Der Algorithmus des sozialen Netzwerks soll mit einer Wahrscheinlichkeit von 88 Prozent die sexuelle Orientierung eines Users erkennen, bestärkt in Wahrheit jedoch vor allem Vorurteile.


Entwickler behaupten, dass man anhand des Facebook-Profils und "Gefällt mir"-Angaben einer Person genaue Aussagen über dessen Persönlichkeit treffen könne (Bild: FACEBOOK(LET) / flickr)

Von Katharina Schüller

"Zeige mir deine Facebook-Likes, und ich sage dir, wer du bist." Wie ein Lauffeuer verbreitete sich Anfang Dezember die Botschaft, dass ein derartiger Facebook-Algorithmus Donald Trump zum Wahlsieg verholfen haben soll. Viele renommierte Medien stellen diese Behauptung in Frage, denn bewiesen hat der auslösende Artikel im Schweizer "Das Magazin" den Zusammenhang keinesfalls.

Doch warum wird nicht auch der Algorithmus selbst hinterfragt? Grund dazu gibt es, schließlich behauptet dessen Entwickler, dass er aufgrund von "Gefällt-mir"-Angaben, psychometrischer Tests und dem Facebook-Profil einer Person genaue Aussagen über ihre Persönlichkeit treffen könne. So könne, wie der Artikel im Magazin behauptet, mit einer Genauigkeit von 88 Prozent vorhergesagt werden, was für eine sexuelle Orientierung ein Mann hat. "Facebook knackt Ihre Psyche", verriet uns denn auch chip.de.

Eine Treffsicherheit von nur etwa 45 Prozent

Dabei ist diese Zahl gar nicht die Genauigkeit der Prognose. Tatsächlich bedeutet das Ergebnis: Nimmt man je eine Person pro Gruppe, also einen homosexuellen und einen heterosexuellen Mann, so kann man diese mit einer Wahrscheinlichkeit von 88 Prozent ihren richtigen Gruppen zuordnen. Die Prozentzahl bemisst die so genannte "Area under the Curve" und bezieht sich auf den Vergleich zwischen den Gruppen, nicht auf die Prognosegüte an sich.

Doch auch eine echte Wahrscheinlichkeitsaussage wäre mit Vorsicht zu genießen. Es reicht für unsere Zwecke aus, von einer groben Schätzung von rund zehn Prozent Homosexuellen in der Gesamtbevölkerung auszugehen. In einer Gruppe von 10.000 Personen wären dann 9.000 hetero- und 1.000 homosexuell. Wer alle Menschen als heterosexuell klassifizierte, überträfe den Algorithmus schon um zwei Prozentpunkte, läge aber bei den Homosexuellen sicher falsch.

Ein etwas komplexerer Algorithmus, der in beiden Gruppen eine Korrektheit von 88 Prozent besäße, würde in der ersten Gruppe 7.920 Personen als hetero- und 1.080 fälschlicherweise als homosexuell einschätzen. In der zweiten Gruppe werden 880 Personen korrekt eingeschätzt, 120 falsch. Aufaddiert wird also für 1.960 Personen die Aussage getroffen, dass sie homosexuell sind. Davon sind aber tatsächlich nur 880 homosexuell, was zu einer Treffsicherheit von nur etwa 45 Prozent führt. Das ist eine ziemlich enttäuschende Leistung, die sich unmittelbar aus dem Satz von Bayes ergibt.

Algorithmus formalisiert Alltags-Klischees und liegt oft daneben

Bei Frauen, so wird berichtet, könne man die sexuelle Orientierung nur mit 75 Prozent Sicherheit vorhersagen. Mit der gleichen Analyse wie oben ergibt sich daraus, dass nur 25 Prozent von allen als homosexuell erkannten Frauen tatsächlich homosexuell sind. Die meisten sind Fehldiagnosen.

Also, wenn Sie wissen, ob sie homosexuell sind, dann sagt Ihnen der Algorithmus nichts Neues. Wenn Sie sich nicht sicher sind und Sie die Diagnose "homosexuell" erhalten, dann ist dies wahrscheinlich ein Irrtum.

Selbst wenn alle Daten korrekt wären, ist der Algorithmus kaum mehr als eine Formalisierung von Alltags-Klischees. Wenn ein Mann freimütig erzählt, dass er sich brennend für Make-Up und Mode interessiert, müssen wir uns selbstkritisch fragen, wie gefeit wir vor unwillkürlichen Einschätzungen sind. So folgert auch der Algorithmus: Männer, die die Kosmetikmarke MAC mögen, sind mit höherer Wahrscheinlichkeit homosexuell. Eher sollten wir uns also darüber Sorgen machen, wie sehr Facebooks Algorithmus die in unseren Köpfen verankerten Vorurteile bestärkt.

Hintergrund

Der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Bochumer Ökonom Thomas Bauer und der Dortmunder Statistiker Walter Krämer haben im Jahr 2012 die Aktion "Unstatistik des Monats" ins Leben gerufen. Sie hinterfragen jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Die Aktion will so dazu beitragen, mit Daten und Fakten vernünftig umzugehen, in Zahlen gefasste Abbilder der Wirklichkeit korrekt zu interpretieren und eine immer komplexere Welt und Umwelt sinnvoller zu beschreiben.


#1 NickAnonym
  • 21.12.2016, 05:39h

  • Facebook ist seit langem Nazibook. Daher bin ich bereits vor mehr als einem Jahr ausgestiegen.

    Hauptgrund war, das die nie - trotz gegenteiliger Versprechen - gegen rechte Hetze, Lügen und Gewaltaufrufe vorgegangen sind...
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#2 Tommy0607Profil
  • 21.12.2016, 08:29hEtzbach
  • Bei einigen schon .
    Denn wenn man denkt , wie viele "Like-Geil" sind , hehe ...
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#3 venice-89Anonym
#4 NigoAnonym
  • 21.12.2016, 10:10h

  • Was mich an der ganzen ( teils berechtigten) Anti- Facebook Berichterstattung nervt ist das dem besonders stark Leute beipflichten die jahrelang und aktiv bei Facebook sind. Ich bin dort schon lange nicht mehr und frage mich warum dort nicht viel mehr Leute ihren Account löschen, statt sich immer wieder aufs neue aufzuregen.
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#5 Berlin_Profil
  • 21.12.2016, 10:54h Berlin
  • Antwort auf #4 von Nigo

  • Siehe dazu die Antwort von venice-89 direkt vor deinem Post.

    Ich bin auch bei Facebook obwohl ich mich Anfangs dagegen versucht hatte zu wehren. Es ist eine gute Möglichkeit mit Menschen weltweit in Verbindung zu bleiben. Außerdem kann man seine Likes so verteilen, dass man von dem bösen Teil von Facebook fasst komplett verschont bleibt und z.B. über queere Themen gut auf dem laufenden bleibt. Auch gerade für zentrale und schnelle Infos zu Veranstaltungen finde ich Facebook mittlerweile richtig praktisch.
    Um ehrlich zu sein, hilft mir Facebook auch ein bisschen beim Outing, da Freunde auf Facebook doch relativ deutlich meine Interessen sehen können.
    Vielleicht noch als kurzer Hinweis, ich habe nur Freunde bei Facebook, die ich auch im realen Leben kenne.
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#6 tobiasProfil
  • 21.12.2016, 11:33hbremerhaven
  • also ich oute mich mal:
    JA ich bin bei facebook ;)
    ..und ja, fb kann leute outen!!
    ich bin in einigen schwulengruppen unterwegs, und obwohl einige dieser gruppen als geschlossen eingestuft sind, kommt es immer wieder vor, dass freunden diese gruppen vorgeschlagen werden.

    mir egal, leb´ ja offen schwul. meine "heten"-freunde haben sich dran gewöhnt, dass ihnen von fb ständig schwulengruppen vorgeschlagen werden.

    problematisch wird es bei den usern, die ungeoutet sind! ..da bekommen familie, freunde, kollegen etc. (mit denen man auf fb befreundet ist) dann auch eine einladung in diese schwulengruppen.
    und aufgrund der klar-namens-pflicht is mit anonymität ja auch nicht mehr so viel :o
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#7 seb1983
  • 21.12.2016, 11:55h
  • Man sollte sich da keine großen Illusionen machen:

    Facebook und Google dürften ziemlich genau darüber Bescheid wissen was man wo, wann und mit wem treibt.

    Standortdienste abschalten bei Android sodass nichts mehr an Google geht? Ist klar...
    Die Chatverläufe und Bilder werden vermutlich gescannt, dazu allerlei weitere Daten miteinander vernetzt.
    Schon dürfte sich ein ziemlich genaues Bild ergeben bei dem die Frage ob schwul oder hetero Pillepalle ist.
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#8 GrünerdaumenAnonym
  • 21.12.2016, 19:14h

  • Zum Glück bin ich nicht mehr bei FB.Es ist sowas von Nervig. Freunde kennenlernen Hin oder her....es gibt Wichtigeres als sich mit Facebook zu Beschäftigen. Z.b. sich mit "Echte" Freunde zu Treffen...Raus in die Natur zu Gehen. Ich ziehe Lieber das Echte Leben vor als bei Facebook zu sein. Lieber mach ich mich im Heimischen Garten meine Finger Schmutzig als bei Facebook zu surfen. Schade das Heutzutage Leute so Abhängig davon sind.
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