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Homophober Lynchmob in Istanbul

Türkei: Schwuler Designer nach Regime-Kritik von Mob angegriffen

Wegen eines Facebook-Videos wurde Barbaros Sansal aus Nordzypern ausgewiesen, am Flughafen in Istanbul attackiert und festgenommen. Kaos GL: Hassverbrechen.


Ein früheres Bild von Sansal und eines vom Angriff auf dem Rollfeld des Istanbuler Flughafens

Türkische LGBTI-Organisationen sind tief besorgt über den Angriff auf den schwulen Modemacher und Aktivisten Barbaros Sansal sowie seine Festnahme durch Behörden. Die Organisation Kaos GL spricht von einem Hassverbrechen und einem "Lynch-Versuch".

Der 59-Jährige hatte in der Silvesternacht von einem Urlaub in Nordzypern aus ein Video auf Facebook veröffentlicht, in dem er die Verhältnisse in der Türkei kritisierte. Darin fragte er unter anderem, wie man Silvester feiern könne, wenn gleichzeitig Journalisten verhaftet werden und in dem Land Korruption, Einschüchterung, "Elend und Schande" vorherrschten. Das Video endete mit den Worten "Ersticke an deiner Scheiße, Türkei."

Nach einem patriotischen Shitstorm in sozialen Netzwerken und Medienhetze gegen den Designer, angefacht auch durch den Angriff auf den Club "Reina" in jener Nacht, ließ die nur von der Türkei anerkannte Regierung Nordzyperns den Mann festnehmen und in ein Flugzeug nach Istanbul setzen. Am Flughafen Istanbul-Atatürk wurde er am Montagabend von Polizisten aus dem Flugzeug geführt und von mehreren Personen an der Rolltreppe attackiert, die von seiner Ankunft aus den Medien erfahren hatten. Es soll sich um Mitarbeiter des Flughafens handeln, die inzwischen von der Polizei verhört, aber offenbar nicht angeklagt wurden.

Direktlink | Ein Video des Angriffes

Sansal erlitt bei dem Angriff, bei denen er von den Polizisten kaum geschützt wurde, leichte Verletzungen. Er habe Kratzer am ganzen Körper und sei in den Leistenbereich, Magen und in die Brust getreten worden, teilte sein Anwalt mit. Der AKP-Bürgermeister von Ankara, Melih Gökcek, stellte als Reaktion auf die Gewalt ein Foto von Sansals blutigem Gesicht ins Internet, das von einem früheren Angriff auf den Designer stammte. Gewalt sei zwar abzulehnen, schrieb er, aber "Verräter" müssten mit "dem Volkszorn" rechnen.

Anklage wegen Volksverhetzung


Bereits 2012 war Sansal öffentlich angegriffen worden, wenige Tage nach einem TV-Interview über seine Homosexualität

Der Designer wurde vom Flughafen aus zu einem Verhör gefahren und am Dienstag von einem Gericht in Untersuchungshaft gesteckt. Ihm werden Volksverhetzung und Beleidigung vorgeworfen. In einer Stellungnahme hat er die Anschuldigungen über seinen Anwalt zurückgewiesen. Seine Äußerungen seien Satire und eine Botschaft gegen Diskriminierung gewesen. Mit einem wirren Tweet, in dem er zusätzlich die Religionszugehörigkeit der Betreiber und Mitarbeiter des "Reina" erwähnte hatte, habe er die Aufmerksamkeit auf trauernde Menschen richten wollen, die "nicht den Glauben der konservativen Mehrheit" teilen.

Die LGBTI-Organisation Kaos GL beklagte, der Angriff am Flughafen sei ein "Lynchversuch" gewesen und ein Hassverbrechen. So hätten die Männer Sanal unter den Augen der Polizei mit sexistischen und homophoben Sprüchen attackiert. Die Organisation kritisierte, dass es offenbar keine rechtlichen Konsequenzen für die Angreifer gebe – wie auch für Zeitungen wie "Sabah", die den Designer als "Abschaum" bezeichnet hatte, der die Türkei beleidigt habe.

Barbaros Sansal gehört zu den wenigen offen homosexuellen Prominenten des Landes. 2012 hatte er in einem TV-Interview ausgiebig über sein Schwulsein gesprochen und dabei unter anderem die Politik und die Polizei kritisiert, die ihn in den Achtzigern gefoltert hätte. Wenige Tage später wurde er auf offener Straße attackiert und verletzt (queer.de berichtete). In den letzten Jahren hatte er am CSD in Istanbul teilgenommen und sich immer wieder öffentlich für LGBTI-Rechte stark gemacht.

Freilassung von Aktivisten gefordert


Auch die LGBTI-Aktivisten Ugur Büber (l.) und Levent Piskin bekamen die Härte der Regierung zu spüren

Kaos GL forderte am Dienstag in einer Stellungnahme die sofortige Freilassung von Sansal – sowie von Ugur Büber. Der 23-jährige LGBTI-Aktivist war bereits am 27. Dezember festgenommen worden, nach Angaben der Organisation wegen regierungskritischer Einträge in sozialen Netzwerken. Ihm werden Verbindungen zu Terror-Organisationen zur Last gelegt, was er abstreitet.

Bereits im November war ein LGBTI-Aktivist und Politiker der Oppositionspartei HDP, Levent Piskin, wegen vermeintlicher Terror-Unterstützung festgenommen worden (queer.de berichtete). Dem auch für den Istanbuler CSD tätigen 27-Jährigen war u.a. vorgeworfen worden, dem Magazin "Der Spiegel" Unterlagen eines anderen inhaftierten Politikers aus dessen Gefängnis besorgt zu haben. Piskin kam wenige Tage später wieder frei (queer.de berichtete).

Das Vorgehen gegen die drei Männer reiht sich ein in eine Welle der Unterdrückung von Oppositionspolitikern, politischen Aktivisten und Journalisten nach dem gescheiterten Militärputsch. Repressionen gegen die LGBTI-Bewegung hatten zugleich bereits davor begonnen: Im letzten und in diesem Jahr wurden mehrere CSDs verboten und teilweise gewaltsam niedergeschlagen. In Istanbul setzten Beamte gegen LGBTI-Aktivisten unter anderem Tränengas und Gummigeschosse ein und nahmen dutzende Aktivisten vorläufig fest (queer.de berichtete).

Die Antwort auf freie Meinungsäußerung dürfe in einem Rechtsstaat nicht sein, dass man zur Zielscheibe von Zeitungen, deportiert, festgenommen und zum Opfer eines Lynchmobs wird, kommentierte Kaos GL. "Meinungsfreiheit ist ein Recht, Lynchen ist ein Hassverbrechen."



#1 AlbrechtAnonym
  • 04.01.2017, 14:51h
  • "Ersticke an Deiner Scheiße, Türkei."

    Dem kann ich mich nur in vollem Umfang anschließen.

    Alleine schon aus Solidarität und um freie Rede gegen Nationalismus, Faschismus und religiösen Fanatismus zu verteidigen.

    Aber auch, da die Türkei immer mehr in eine Diktatur und einen totalitären Gottesstaat abgleitet, was auch nicht nur Sache des Sultans Erdogan ist, sondern da die Mehrheit diese Politik wählt und hinter ihr steht. Sogar so sehr, dass sie sogar auf Kritiker losgehen und der wütende Mob Kritiker lynchen will.
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#2 Diego BAnonym
#3 seb1983
  • 04.01.2017, 18:27h
  • Zum Glück ist Homosexualität anders als im Land des Rosa Winkels in der Türkei schon seit Hundert Jahren legal...
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#4 TheDad
  • 04.01.2017, 21:54h
  • Antwort auf #3 von seb1983
  • ""Zum Glück ist Homosexualität anders als im Land des Rosa Winkels in der Türkei schon seit Hundert Jahren legal...""..

    Was an der realen Verfolgung von LGBTTIQ* in der Türkei allerdings rein gar nichts ändert !
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#5 seb1983
#6 Homonklin44Profil
  • 04.01.2017, 22:23hTauroa Point
  • Da überlegt man es sich gründlich, ob man dort noch mal Bekannte besuchen will, wenn man mitkriegt was da abläuft. Bei dem eitel größenwahnsinnigen Staatschef und den Verhältnissen, die kritischen Stimmen zugemutet werden, frage ich mich auch, wie es da noch EU-Beitritts-Ideen geben kann.

    Der Mut von Herr Sansal und anderen LGBT-AktivisInnen, nach einem solchem Umgang standhaft zu bleiben, ist zu bewundern.
    Wer würde hier nicht schon bei kleineren Konfrontationen den Schwanz einziehen?

    Meinungsfreiheit scheint in der Türkei Geschichte zu sein, LGBTIQ-Personen stellen eine von vielen Gruppen dar, denen der Mund zusehends verboten, und wenn sie nicht schweigen wollen, blutig geschlagen wird.

    :o(
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#7 SebiAnonym
  • 05.01.2017, 10:56h
  • Antwort auf #3 von seb1983
  • Ich finde es reichlich zynisch, wenn gerade ein Schwuler vom Mob gelyncht wurde, zu schreiben, dass Homosexualität "zum Glück in der Türkei seit 100 Jahren legal" ist und das sogar noch als besser als Deutschland zu loben.

    Was auf dem Papier steht, ist egal - die Realität ist es, was zählt.

    Auf dem Papier ist auch in Russland Homosexualität egal und die Verantwortlichen würden bestreiten, dass LGBT verfolgt werden. Dennoch ist das die Realität.
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#8 RaffaelAnonym
  • 05.01.2017, 11:21h
  • Antwort auf #6 von Homonklin44
  • "frage ich mich auch, wie es da noch EU-Beitritts-Ideen geben kann."

    Das frage ich mich eh.

    Diese EU-Beitrittsverhandlungen hätte es niemals geben dürfen. Denn die Türkei war immer schon politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich, kulturell und vom Justizsystem her nicht mit der EU kompatibel.

    Das mag für andere Staaten (Rumänien, Bulgarien, u.ä.) auch gelten, aber deswegen hat die EU ja jetzt so rieisige Probleme und laviert nur noch von Krise zu Krise. Da muss man die Probleme nicht noch größer machen, als sie eh schon sind.

    Im übrigen:
    die Türkei gehört auch geographisch nicht zur EU, denn weniger als 3% der Staatsfläche liegen auf europäischem Boden, während über 97% in Asien liegen.
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#9 JustusAnonym
#10 seb1983
  • 05.01.2017, 14:02h
  • Antwort auf #7 von Sebi
  • Erstmal lesen!
    Niemand wurde gelyncht, er wurde angegriffen.

    Dann sollte man Ironie auch erkennen können.
    Ich habe schon mehrfach betont dass hier einige den Deutschen Michel raushängen lassen und stur auf Gesetze blicken.

    Das in der Türkei Homosexualität schon lange legal ist hilft Schwulen in der Realität wenig.
    Ebenso ist eine Eheöffnung in Brasilien erfreulich, gleichzeitig finden aber massenhaft gezielte Morde auf Schwule statt.

    Beide Länder stehen damit auf dem Papier besser da als Deutschland, aber leider auch nur da.
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