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Verheiratet mit 14 Jahren

Die schockierende Geschichte eines schwulen Roma

Katja Behrens' Roman "Nachts, wenn Schatten aus dunklen Ecken kommen" basiert auf den wahren Erlebnissen von Gianni Jovanovic.


Setzt sich für einen Wandel in den Traditionen der Roma ein: Gianni Jovanovic lebt heute mit seinem Mann in Köln, er hat weiterhin Kontakt zu seiner Familie

"Oh Mann, da musst du eigentlich ein Buch drüber schreiben!" Wie oft hat man diesen Satz schon gehört oder gesagt. Aber ein Buch ist nie draus geworden. Nicht so bei Gianni Jovanovic. Der ist seit kurzem Hauptdarsteller eines Buches. Und darin wird genau das Realität: sein Leben in Worten. Die Autorin Katja Behrens hat es aufgeschrieben und den Roman "Nachts, wenn Schatten aus dunklen Ecken kommen" daraus gemacht, der Gianni unter dem Namen Nono begleitet.

Schon Nonos erste Schritte ins Leben sind nicht wirklich gradlinig. Er kommt auf die Welt, aber so ganz mag er nicht. Er ist schwach, wird mit Medikamenten behandelt, erholt sich aber nicht wirklich. Seine Mutter wird aus dem Krankenhaus entlassen, der Kleine muss bleiben. Warum versteht kaum jemand, was an den mangelnden Sprachkenntnissen liegen kann. In der Familie wird Roma gesprochen, doch die Welt um sie herum spricht Deutsch. Nonos Zustand wird schlechter, bis die Familie beschließt, ihn "da raus zu holen".

Kleiner Mann mit großer Verantwortung

Nono wächst in einem Umfeld heran, in dem sich alles nur um die Familie dreht. Die Außenwelt ist feindlich. Der Spruch "Holt die Wäsche von der Leine, die Zigeuner kommen!" ist banalste wie übelste Realität, wo auch immer sie hinkommen. Die Stadt Darmstadt veranstaltet ein großes Festival über Roma-Musik und lädt Roma-Familien aus der ganzen Welt ein. Als einige dann aber dort sesshaft werden wollen, ist es mit der Gastfreundschaft schnell vorbei. Die Reaktionen der Nachbarn reichen vom Wechseln der Straßenseite über Wegdrehen bis hin zur Brandstiftung.

Immer wieder muss die Familie weiterziehen, und auch Nono wächst mit großer innerer Unruhe zu einem jungen Mann. Aber er besucht die Schule und kann bald Deutsch reden, verstehen und noch wichtiger: lesen. So kann er der Familie die Behördenschreiben verständlich zu machen.

Und Nono geht den ihm vorbestimmten Weg: Er heiratet, wie schon sein Vater, als Teenager mit 14 Jahren und bekommt schnell einen Sohn. Alles könnte gut sein, wäre da nicht eine andere Seite in ihm, die immer stärker von ihm Besitz ergreift. Mehr und mehr sehnt er sich nach Unabhängigkeit und Berührungen, die ganz anderer Natur sind.


Katja Behrens' Roman "Nachts, wenn Schatten aus dunklen Ecken kommen" ist im Frankfurter Verlag Edition Faust erschienen

Eine Ehrenrunde und ein Vulkan

Nono versteht irgendwann, dass er anders ist als die Männer in seiner Familie. Er ahnt, dass ein Bekennen zu seinen Vorlieben, seiner Lust, seinem Verlangen nach den Berührungen eines anderen Mannes zum Bruch mit seiner Familie führen könnte. Das wäre das Schlimmste, was einem Roma passieren kann, denn ohne deine Familie bist du nichts.

Trotzdem outet sich Nono als schwul und legt seine Zukunft in die Hand des Vaters. Der will das aber alles nicht wahrhaben und verordnet seinem Sohn das Roma-Allheilmittel: der Junge muss auf Reisen. So dreht Nono also mit inzwischen zwei Kindern und Kegel eine Ehrenrunde, die aber nicht lange anhält, denn es brodelt tief in ihm.

Der Vulkan bricht aus, als Nono eines Tages Vincent kennenlernt. Der hält ungeachtet aller Roma-Hindernisse zu ihm und will nur eines: sein Leben mit ihm teilen. Und da fangen die Probleme erst richtig an…

Eine Parallelgesellschaft, die Homosexualität negiert

"Das gibt's doch gar nicht?" So oder so ähnlich geht es einem immer wieder durch den Kopf, wenn man dieses Buch liest. Ja, es ist ein Roman, aber eine kurze Nachfrage bei Gianni Jovanovic ergibt: es ist alles wahr.

Katja Behrens beschreibt in ihrem Buch das Leben in einer Parallelgesellschaft, die komplett patriarchalisch organisiert ist und in der das Familienoberhaupt über Wohl und Wehe der einzelnen Familienmitglieder bestimmt. Eine Gesellschaft, in der Kinder oder Teenager einander heiraten und dann mit knapp Dreißig schon Großeltern werden. Wo Brautgeld in zigtausendfachen Eurobeträgen ausgehandelt wird und die Braut auch schon mal zurückgegeben wird und dann als entehrt gilt. Eine Welt, in der es keine Homosexualität geben darf.

Im Wechsel mit Roma-Liedern, Gedichten und Zitaten erzählt Katja Behrens Nonos beziehungsweise Giannis Geschichte in klaren Worten, die dann, wenn es wirklich extrem wehtun könnte, nur andeuten. Wo die geschriebenen Worte aufhören, da beginnt die eigene Fantasie, und die führt zu Ende, was die geschriebenen Worte angefangen haben.

Aus diesem Grund ist es auch nicht schlimm, dass die einzelnen Kapitel immer nur Schlaglichter auf Nonos Leben oder das seiner Familie werfen, ohne groß miteinander verbunden zu sein. So setzt sich schnell das eine Puzzleteilchen neben das nächste und ein Gesamtbild entsteht, das einfach nicht in diese aufgeklärte Zeit passen will.

Zwischen Spannung, Abscheu, Mitleid und Bewunderung

Teils mit Spannung, teils mit Abscheu oder einfach nur Mitleid, dann aber auch wieder mit Bewunderung für Nonos Mut verfolgt man als Leser eine berührende Biografie mitten in Deutschland. Immer wieder wird einem bewusst, dass hier der Autorin nicht die Fantasie durchgegangen ist, sondern dass sich zwischen diesen Buchseiten nur eines abspielt: das wahre Leben.

Jeder, der sich in dieser Gesellschaft irgendwann mal durch ein Coming-out seinen Platz suchen und erkämpfen musste, sollte einen Blick auf diese Geschichte werfen. Der große Kampf um gleiche Rechte, Anerkennung und Respekt der Gesellschaft findet nicht nur auf dem großen politischen Parkett statt. Die Schauplätze liegen immer wieder auch so blutig und verheerend im Kleinen, wie in diesem Buch beschrieben.

Und doch gibt es auch in Katja Behrens' Roman die Hoffnung auf ein Happy End. "Nachts, wenn Schatten aus dunklen Ecken kommen" ist ein Buch, das man gelesen haben muss.

Direktlink | Gianni Jovanovic erzählt aus seinem Leben

Infos zum Buch

Katja Behrens: Nachts, wenn Schatten aus dunklen Ecken kommen. Ein Roma-Leben zwischen Tradition und Aufbruch. Roman. Gebunden mit Schutzumschlag. 254 Seiten. Edition Faust. Frankfurt am Main 2016. 24 €. ISBN 978-3-945400-28-9


#1 UrsaMajorEhemaliges Profil
  • 07.01.2017, 11:27h
  • Sehr bewegend - da öffnet sich mein Herz ganz weit <3

    Herzlichen Dank für dieses Feature!
  • Antworten » | Direktlink »
#2 Stevie2Anonym
  • 07.01.2017, 11:44h
  • Ich kann jedem nur raten, sich das YouTube Video anzusehen. Habe es gerade gemacht und finde, er hat einen tollen menschlichen Vortrag gehalten. Ganz toll!
  • Antworten » | Direktlink »
#3 hugo1970Profil
#4 Crikkie
  • 07.01.2017, 12:20h
  • Antwort auf #3 von hugo1970
  • Nicht nur die Scheinheiligkeit der Gesellschaft außenrum -sogar die LGBTIQ*-Community in sich ist in Sachen Diskriminierung und Rassismus ganz weit vorne. Wie oft sehe ich in Online-Portalen Aussagen wie "Keine Schwarzen, Türken, Zigeuner, Araber, Muslime, o.ä." -teilweise sogar deutlich rassistischer ausgedrückt.

    Das halte ich für unwürdiges Verhalten in einer Minderheit, die für volle Anerkennung und Akzeptanz kämpft...
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#5 hugo1970Profil
#6 Crikkie
  • 07.01.2017, 15:53h
  • Antwort auf #5 von hugo1970
  • Schon. Aber sind wir eigentlich ein Teil, der wissen müsste, wie es ist, aufgrund von unbeeinflussbaren Eigenschaften diskriminiert zu werden und es deshalb unterlassen -stattdessen wird es immer üblicher, Menschen innerhalb der Community auszugrenzen...
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#7 hugo1970Profil
  • 07.01.2017, 16:46hPyrbaum
  • Antwort auf #6 von Crikkie
  • Eben, wir sind teil der Gesellschaft, wo es leider Arschlöcher und Gute gibt, egal in was für einer Mehrheit oder Minderheit.
    Die Aufgabe einer Gesellschaft muß doch sein, das sich jeder (der was auch bereit ist, nicht gegen die Gesellschaft, oder einem Einzelnen dieser Gesellschaft vorzugehen), in dieser Gesellschaft wohlfühlt und vor allem SICH GUT AUFGEHOBEN FÜHLT!!!
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#8 schwarzerkater
  • 08.01.2017, 09:54h
  • jede " ... Parallelgesellschaft, die Homosexualität negiert ..." braucht die kraft und die überzeugungsarbeit der eigenen gesellschaftsmitglieder, damit dieses stigmata überwunden wird. und diesen schmerzhaften weg müssen alle gesellschaften gehen, ob die roma oder die muslimisch geprägte gesellschaften. ohne kampf, schmerz und tränen wird es nicht gehen. :-)
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#9 RobinAnonym
  • 08.01.2017, 10:09h
  • Viel zu lange hat es in Deutschland einen Kulturrelativismus gegeben, wo man bei Zwangsehen, Kinderehen, etc. immer weggesehen hat und das mit anderen kulturellen Werten und einer anderen Geschichte entschuldigt hat.

    Solch ein Kulturrelativismus ist der direkte Weg in Parallelgesellschaften, die dann früher oder später Probleme machen werden.

    Es darf nur für alle verbindliche, demokratisch beschlossene Regeln geben, an die sich dann jeder zu halten hat und die alle Menschen gleich behandeln. Alles andere ist demokratiefeindlich und Mühlen auf die Gegner der Demokratie.
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#10 schwarzerkater