Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse Tagesbild TV Termine
© Queer Communications GmbH
http://queer.de/?27966

Coming-of-Age-Drama

Der Dummkopf, die Schlampe und die Schwuchtel

Ab Donnerstag im Kino: Ivan Cotroneo erzählt in "Ein Kuss" von drei jugendlichen Außenseitern und ihrer zerbrechlichen Freundschaft.


Beste Freunde in der Not: Auf dem Provinzgymnasium wehren sich Antonio, Blu und der schwule Lorenzo gemeinsam gegen das Mobbing durch ihre Schulkameraden (Bild: Pro-Fun Media)

Als der 16-jährige Lorenzo zum ersten Mal seine neue Schule irgendwo in der italienischen Provinz betritt, weiß der Teenager genau, was sich abspielen wird. Denn natürlich zieht ein Neuling die Blicke auf sich, vor allem wenn er schwul ist und gerne mit bunten Schmetterlingen bedruckte Hemden trägt.

Lorenzo muss sich auf dem Weg über den Pausenhof sicherlich auch nicht zum ersten Mal in seinem Leben ein gehässiges "Schwuchtel!" hinterherrufen lassen – doch genau weil der Jugendliche diese Demütigungen nur zu gut kennt, erlaubt er es sich, die Realität einfach zu ignorieren und sich in leuchtenden Farben eine bessere auszumalen.

Zu fetziger Musik tanzt Lorenzo in seinem Tagtraum daher durch die begeistert jubelnde Menge seiner Mitschüler, während der Boden unter seinen Schritten wie in Michael Jacksons Clip zu "Billie Jean" aufleuchtet und animierte Schmetterlinge in den blauen Himmel fliegen. Die Wirklichkeit ist hart und grausam, scheint diese Szene zu Beginn von "Ein Kuss" zu sagen, doch mit dem Stolz sowie der Fantasie eines pubertierenden Lady-Gaga-Fans kann sie es nicht aufnehmen.

Teenagernöte als knallbunte Videoclips


Poster zum Film: "Ein Kuss" startet am 12. Januar 2017 in deutschen Kinos

Es sind durchaus ernste Themen, die der italienische Filmemacher Ivan Cotroneo (Drehbuchautor von "Ich bin die Liebe" sowie "Männer al dente") in seinem zweiten Spielfilm behandelt. Während Lorenzo die Homophobie der Klassenkameraden immer wieder am eigenen Leib zu spüren bekommt, ergeht es den beiden anderen Protagonisten auch nicht viel besser: Die literarisch begabte Blu gilt als Schlampe, und Antonio, der Star des Basketballteams, wird auf dem Spielfeld zwar gefeiert, aber sonst als Dummkopf belächelt. Ihr Außenseiter-Dasein führt die drei unterschiedlichen Helden letztlich zueinander.

Hinzu kommen noch einige familiäre Spannungen, und trotzdem möchte Cotroneo seine konfliktreiche Geschichte nicht im Modus eines Problemfilms erzählen. Vor allem in der ersten Hälfte stellt sich der Regisseur mit schnippisch-selbstbewussten Dialogen, einem munter vorantreibenden Soundtrack sowie surrealen Ideen der im Grunde finsteren Substanz seines Stoffs entgegen.

Die jugendliche Energie, die "Ein Kuss" verströmt, und die knallbunte Clipästhetik erinnern dabei an Coming-of-Age-Filme wie Ziska Riemanns "Lollipop Monster" oder Stephen Dunns "Closet Monster". Im direkten Vergleich erweist sich Cotroneos Drama jedoch als zahmer als seine ungeheuerlichen Artgenossen – von blankem Trash und Körperhorror hält er sich fern und setzt stattdessen zu oft auf gediegene Melodramatik und narrative Klischees.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer zum Film

Posen statt Einfühlungsvermögen

Daher mag der Wechsel im Tonfall, den "Ein Kuss" zum dramatischen Finale hin anschlägt, auch nicht ganz überzeugen. Zu sehr ist Cotroneo damit beschäftigt, seine Inszenierung besonders über visuelle Einfälle zu gestalten, und vernachlässigt dabei seine Figuren. Diese verharren lange in ihren virtuos in Szene gesetzten Posen, die Selbstbewusstsein und Abgeklärtheit demonstrieren. Wenn es schließlich aber darum geht, in die Seele seiner Helden zu blicken oder den Dynamiken zwischen ihnen nachzuspüren, versagt der Regisseur.

Ein schlechter Film ist "Ein Kuss" deshalb noch lange nicht. Lediglich die Erschütterung, die er auslösen möchte, versandet ein wenig gemeinsam mit dem gutgemeinten Plädoyer für ein besseres Miteinander. Am Ende betrauert Blu, dass die Freunde nicht stark genug gewesen sind, um ein großes Unglück abzuwenden. Doch hier gilt auch wie für den Film selber, dass Menschlichkeit besonders dort zu finden ist, wo Ängste eingestanden und Schmerz zugelassen wird – ein Gedanke, den "Ein Kuss" mit all seiner Schlagfertigkeit leider zu sehr an den Rand drängt.

Direktlink | Für den starken Soundtrack von "Ein Kuss" sorgte MIKA

Infos zum Film

Ein Kuss. Originaltitel: Un bacio. Drama. Italien 2016. Regie: Ivan Cotroneo. Darsteller: Rimau Grillo Ritzberger, Valentina Romani, Leonardo Pazzagli, Thomas Trabacchi, Susy Laude, Giorgio Marchesi, Simonetta Solder, Sergio Romano, Laura Mazzi. Laufzeit: 108 Minuten. Sprache: italienische Originalfassung. Untertitel: Deutsch. FSK 12. Verleih: Pro-Fun. Kinostart: 12. Januar 2017
Galerie:
Ein Kuss
10 Bilder