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Gleichstellung von Schwulen und Lesben

"Ich finde es heute antiquiert, ein Problem damit zu haben"

Schleswig-Holsteins CDU-Chef Daniel Günther fordert im queer.de-Interview die Gleichstellung homosexueller Paare und kann sich dafür auch den Begriff "Ehe" vorstellen.


Kein Bauchgefühl beim Adoptionsrecht: Der schleswig-holsteinische CDU-Partei- und Fraktionsvorsitzende Daniel Günther will im Mai Nachfolger von Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) werden (Bild: CDU Schleswig-Holstein)

Für CDU-Verhältnisse war es eine kleine Sensation: Im November 2015 sprach sich der Landesparteitag der schleswig-holsteinischen CDU in Neumünster mit großer Mehrheit für die "Gleichstellung der eingetragenen Lebenspartnerschaft mit der Zivilehe" aus und stellte sich damit gegen die Position der Bundes-CDU, die nach wie vor beim Adoptionsrecht blockiert (queer.de berichtete).

Bereits zuvor warb der Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion Daniel Günther für ein Umdenken seiner Partei. "Es gibt Menschen, die sind homosexuell – und die werden aus Liebe zur CDU nicht CDU wählen und dafür heterosexuell werden", meinte der 43-jährige Katholik im August 2015 in einem Interview mit dem NDR (queer.de berichtete).

Nun ist Günther, der seit November letzten Jahres auch den CDU-Landesverband führt, designierter Spitzenkandidat seiner Partei für die Landtagswahl im Mai und hat nach aktuellen Umfragen durchaus Chancen, den SPD-Politilker Torsten Albig als Ministerpräsidenten abzulösen.

Grund genug, einmal nachzufragen, wie fortschrittlich die Union in Schleswig-Holstein wirklich ist. Kriss Rudolph hat Daniel Günther interviewt. (mize)

queer.de: Herr Günther, als sich Ihre Partei 2015 für die rechtliche Gleichstellung homosexueller Paare aussprach, war das für die CDU eine bundesweite Premiere…

Daniel Günther: Ja. Der Landesparteitag hat sich damals mit einer breiten Mehrheit für die Gleichstellung ausgesprochen. Dass unser Landesverband am weitesten vorgeprescht ist, da bin ich auch stolz drauf. Jahreslang hat man sich nicht getraut, eine Entscheidung zu treffen, also haben wir das zunächst in der Fraktion beschlossen, und der Landesparteitag ist drei Monate später gefolgt.

Ein Mitgliederentscheid wie bei der Berliner CDU war dafür nicht nötig.

Ich habe nichts gegen Mitgliederentscheide, fand es aber für uns verzichtbar. Nach dem Parteitagsbeschluss habe ich vielleicht zehn kritische Briefe von Parteimitgliedern bekommen. Ich habe mich dann mit älteren Mitgliedern getroffen und mit ihnen gesprochen. Viele hatten Verständnis für unsere Entscheidung, nicht ein einziges Mitglied reagierte negativ auf das Gespräch.

Ich bin immer ganz gut mit dem Argument durchgedrungen, dass wir ausgerechnet diejenigen, die eine dauerhafte Familie gründen wollen, mit der Ablehnung einer Gleichstellung treffen. Wir predigen doch immer das Bild der Familie. Und wer dem in einer homosexuellen Partnerschaft folgen will, dem kann man nicht sagen: Soweit wollen wir dann aber nicht gehen. Familien mit zwei schwulen Vätern sind ja genauso auf Dauer angelegt. Viele sagten dann: Hm, ja, stimmt. Das kann man heute keinem mehr vermitteln. Was das Adoptionsrecht angeht: Es kommt doch darauf an, was für Kinder gut ist. Es gibt so viele homosexuelle Partnerschaften, in denen es Kinder viel besser haben als bei heterosexuellen Familien.

Der Begriff "Eingetragene Lebenspartnerschaft" soll aber nach Ihrem Beschluss für lesbische und schwule Paare reserviert bleiben…

Wir wollten nach unserem Beschluss zur Gleichstellung einen potenziellen Streit darüber verhindern, dass auch die Verbindung von zwei Männern oder zwei Frauen Ehe heißen darf. Es kam uns auf die Sache an, auf die gleichen Rechte. Für mich persönlich ist es vorstellbar, den Begriff Ehe auch auf gleichgeschlechtliche Paare auszudehnen.

Wie nehmen Sie das Stimmungsbild zum Thema Ehe für alle in den anderen Landesverbänden der CDU und auf Bundesebene wahr?

In der Bundes-CDU sind die Widerstände immer noch recht groß. Bei einem Treffen mit anderen Landesverbänden gab es keinen einzigen, der uns unterstützt hat. Da frage ich mich, in welchem Zeitalter leben wir eigentlich? Viele Kollegen haben verschämt zu Boden geguckt. Einige kamen hinterher zu mir und sagten, dass sie unseren Schritt gut fanden, aber das konnten sie nicht offen sagen.

Man muss berücksichtigen: Wir haben in anderen Bundesländern noch konservative Regionen, in denen das Thema mit großer Zurückhaltung betrachtet wird. Beispielsweise In Teilen Niedersachsens, Bayerns oder Baden-Württembergs, auch gebietswiese in Nordrhein-Westfalen.


Daniel Günther ist seit 2009 Abgeordneter im Landtag von Schleswig-Holstein, seit Oktober 2014 Fraktionsvorsitzender und seit November 2016 Landesvorsitzender der CDU (Bild: CDU Schleswig-Holstein)

Beim Mitgliederentscheid in Berlin hat sich im vergangenen Jahr gezeigt, dass es in der Altersgruppe bis 29 große Zustimmung zur Ehe für alle gab – je älter die Befragten, umso größer war die Ablehnung.

Bei uns in der Jungen Union wurde die Gleichstellung schon vor einem Jahrzehnt gefordert. Nach meiner Wahrnehmung wird man von Unter-35-Jährigen erstaunt angeguckt, wenn man sagt, die CDU hat ein Problem mit dem Thema. Es gibt auch Menschen über 70, die mir nach unserem Beschluss gesagt haben, sie fänden ihn absolut richtig.

Die Pro- und Contra-Stimmen teilen sich auch weniger nach Stadt und Land auf. In Großstädten konzentriert sich die CDU auf eine eher konservative Klientel. Auch bei der Abstimmung auf unserem Parteitag kamen die Gegenstimmen eher aus den Städten. In den Kommunen erlebe ich eine größere Offenheit. Sobald jemand in der eigenen Familie oder im engen Umfeld jemanden hat, der schwul oder lesbisch ist, ändert sich die Einstellung von heute auf morgen. Im ländlichen Raum kennen sich die Menschen untereinander, da gibt es größere Bindungen. In den Städten gibt es häufiger noch Berührungsängste. Das erklärt vielleicht auch die Abstimmung in Berlin.

Woher, glauben Sie, kommt Ihre Offenheit?

Ich bin selber 1991 in die Junge Union eingetreten. Damals war ich selber noch ein Hardliner. Ich hatte bis dato überhaupt keine Berührungspunkte, kannte persönlich niemanden gut, der homosexuell war. In der Jungen Union habe ich dann einige kennengelernt, habe heute schwule und lesbische Freunde. Meine Position hat sich vor zehn Jahren geändert. Ich finde es heute antiquiert, ein Problem damit zu haben.

Sie haben selber eine kleine Tochter, die noch kein Jahr alt ist. Dass Eltern zwingend aus Vater und Mutter bestehen müssen, finden Sie nicht?

Nein, überhaupt nicht. Ich kenne homosexuelle Eltern, die so liebevoll mit ihren Kindern umgehen. Klar brauchen Kinder männliche und weibliche Bezugspersonen, aber die finden sie beispielsweise auch in der Schule.

Wie halten Sie es mit dem Thema Vielfalt im Unterricht?

Es spielt bei uns im Landtagswahlkampf keine große Rolle, wie es etwa in Baden-Württemberg der Fall war. Auch bei uns standen einzelne Titel der Aufklärungsliteratur für den Unterricht in der Kritik, waren aber nicht Gegenstand einer harten Auseinandersetzung. Meiner Ansicht nach sollte Sexualaufklärung nicht zu früh stattfinden, aber ich finde es wichtig, dass Kindern vermittelt wird, dass es homosexuell liebende Menschen gibt, und dass sie damit aufwachsen.

In der schleswig-holsteinischen SPD gab es Streit über die Einstufung der Maghreb-Staaten als sichere Herkunftsländer. Von dort werden immer wieder Übergriffe auf Homosexuelle gemeldet. Wie lautet Ihre Position?

Ich bin für die Einstufung als sichere Herkunftsländer. Ich weiß, es gibt vereinzelt Probleme. Wer verfolgt wird, könnte trotz der Einstufung bei uns Schutz bekommen. Aber es ist ja nicht so, dass aus diesen Ländern nur Homosexuelle zu uns kommen.

Nach aktuellen Umfragen muss die derzeitige Regierungskoalition von SPD, Grünen und SSW um ihre Mehrheit fürchten, für CDU und Grüne würde es jedoch reichen. Wäre das eine Option für Sie?

Ich finde Schwarz-Grün vorstellbar. Das Verhältnis zwischen beiden Parteien ist in Schleswig-Holstein sehr entspannt. Bisher war ich sehr offen für eine Jamaika-Koalition [Schwarz-Grün-Gelb; Anmerkung d. Red], aber jetzt kämpfe ich für eine starke CDU und dann werden wir sehen, was mit dem Ergebnis möglich ist.



#1 Patroklos
  • 21.01.2017, 10:17h
  • Solche Aussagen wären in einem Interview mit der Ex-CDU-Hexe Erika Steinbach unmöglich!
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#2 RobinAnonym
  • 21.01.2017, 11:49h
  • "[...] und kann sich dafür auch den Begriff "Ehe" vorstellen."

    1.
    Es geht nicht dafür, ob er sich das evtl. vorstellen kann, sondern ob er sich auch dafür einsetzt.

    2.
    Die Formulierung zeugt davon, dass er das eigentlich als separates Rechtsinstitut ansieht, das mit der heterosexuellen Ehe nichts zu tun hat, das man dann aber vielleicht doch Ehe nennt. Aber wir wollen eine einzige Ehe für alle - egal ob heterosexuell oder homosexuell. So dass auch jede Gesetzesänderung automatisch für alle gilt.
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#3 Tommy0607Profil
  • 21.01.2017, 11:57hEtzbach
  • Es sollten mehr so denken in seiner Partei wie er es macht .
    Dann würde auch die Partei mal menschlicher und weltoffener sein .
    Leider sind zu viele in diesen christlichen Parteien zu konservativ und intolerant . Irgendwie sind einige in der Zeit stehen geblieben anno Mittelalter .
    Hoffen wir mal das Beste!
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#4 JustusAnonym
  • 21.01.2017, 12:19h
  • >> Es kommt doch darauf an, was für Kinder gut ist. Es gibt so viele homosexuelle Partnerschaften, in denen es Kinder viel besser haben als bei heterosexuellen Familien. <<

    Sehr richtig! Das haben ja auch schon viele Studien bewiesen. Denn gleichgeschlechtliche Paare, die ein Kind wollen, haben oft sehr viel Aufwand auf sich genommen, wurden sorgfältig geprüft, etc. um ein Kind zu bekommen. Bei Heteros kann das auch ein Unfall sein, und das Kind ist gar nicht gewollt und bekommt das auch zu spüren.

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    >> In der Bundes-CDU sind die Widerstände immer noch recht groß. Bei einem Treffen mit anderen Landesverbänden gab es keinen einzigen, der uns unterstützt hat. Da frage ich mich, in welchem Zeitalter leben wir eigentlich? <<

    Genau das frage ich mich auch.

    Es ist ja schön, dass die schleswig-holsteinische CDU weiter ist als der Rest der Partei. Aber da die meisten homopolitischen Themen eben Bundesthemen sind, bringt das herzlich wenig, solange die Mehrheit der CDU weiterhin blockiert.

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    >> Ich bin für die Einstufung als sichere Herkunftsländer. Ich weiß, es gibt vereinzelt Probleme. Wer verfolgt wird, könnte trotz der Einstufung bei uns Schutz bekommen <<

    Dann muss das aber auch passieren. Denn es wird zwar immer gesagt, dass man das ja vielleicht so handhaben könne. Aber solange das nicht gesetzlich festgelegt ist, gilt es halt de facto nicht. Und dann werden eben weiterhin LGBTI in Staaten abgeschoben, die vielleicht für Heteros sicher sein mögen, aber für LGBTI eben nicht.
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#5 JoonasAnonym
  • 21.01.2017, 13:09h
  • "Meiner Ansicht nach sollte Sexualaufklärung nicht zu früh stattfinden, aber ich finde es wichtig, dass Kindern vermittelt wird, dass es homosexuell liebende Menschen gibt, und dass sie damit aufwachsen. "

    Um nichts anderes geht es...

    Im Gegensatz zu den erlogenen Horror-Szenarien, die sich irgendwelche Homohasser in ihren kranken Phantasien zusammenspinnen, geht es eben nicht darum, dass schon kleinste Kinder etwas über Sexualpraktiken erfahren, o.ä.

    Es geht erstmal nur darum, dass Schüler erfahren, dass es auch noch mehr als Heterosexualität gibt und dass das alles ganz normal ist und es viele Leute gibt.

    Was die Frage der konkreten Sexualaufklärung betrifft: da bleibt es natürlich bei den Jahrgangsstufen, wo das auch jetzt startet. Nur dass da halt auch LGBTI-Themen thematisiert wird.

    Das alles hat das Ziel, dass alle Schüler über die gesamte Bandbreite bescheid wissen, sich frei entscheiden können und dann auch wissen, wie man sich schützt, etc. Und dass es kein Mobbing mehr gibt.
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#6 Carsten ACAnonym
  • 21.01.2017, 13:15h
  • ""Sobald jemand in der eigenen Familie oder im engen Umfeld jemanden hat, der schwul oder lesbisch ist, ändert sich die Einstellung von heute auf morgen.""

    Genau das ist ein entscheidender Punkt. Deswegen ist nicht nur mediale Präsenz so wichtig. Sondern auch jeder einzelne von uns kann dazu beitragen.

    Je mehr LGBTI ganz offen leben und selbstverständlich mit dem Thema umgehen, desto mehr geht auch der Rest der Gesellschaft ganz selbstverständlich damit um.

    Und desto mehr Menschen sehen auch, wie viele wir sind und wie vielfältig wir sind.
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#7 Paulus45Anonym
  • 21.01.2017, 15:37h
  • Es ist schon beschämend und skandalös für unser Land, das immer noch nicht die Eheöffnung für gleichgeschlechtliche Paare erfolgt ist.

    Mittlerweile haben 21 westliche Industriestaaten die Eheöffnung für homosexuelle Paare gesetzlich umgesetzt.

    Hier in Deutschland blockiert bisher die CDU und die SPD "lässt sich diese Blockade gefallen" und verrät hier ihre eigene Parteiforderung.

    Es ist erfreulich, wenn der CDU-Chef von Schleswig-Holstein die Eheöffnung inhaltlich unterstützt. Aber wenn die CDU hier nicht endlich nachgibt, dann darf es nicht wundern, wenn homosexuelle Menschen nicht die CDU wählen.
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#8 JarJarProfil
  • 21.01.2017, 15:46hKiel
  • Hört sich ganz gut an was der Herr sagt, Albig halte ich für einen Schaumschläger, ich werde mir das Parteiprogramm der CDU mal genauer ansehen müssen.
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#9 gastigastAnonym
  • 21.01.2017, 16:54h
  • na da kann man ja gespannt sein. Die Worte klingen ganz schmeichlerisch. Und irgendwann wird der Punkt der Anbiederung überschritten. Mal sehen, was am Ende nach den Worten bleibt. Taten wären schön.
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#10 FelixAnonym
  • 21.01.2017, 17:11h
  • Die CDU muss sich jetzt entscheiden:

    Steht sie auf der Seite von Fortschritt, Gerechtigkeit, Bürgerrechten, Demokratie und Rechtsstaat?

    Oder steht sie auf der Seite von Diskriminierung, Unterdrückung, Hass, Fanatismus und Ausgrenzung? Stramm auf einer Linie mit AfD und NPD...

    Die CDU muss sich JETZT entscheiden. Und zwar schnell.

    Denn wie sagte schon Gorbatschow so treffend:
    "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben."
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