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Umfassende Sofortmaßnahmen vorgestellt

Philadelphia geht gegen Rassismus in der queeren Szene vor

Diskriminierung von Nicht-Weißen, Frauen und Transpersonen sei im Gayborhood seit Jahrzehnten ein Problem, beklagt eine Untersuchung der Stadt.


Das Gayborhood, das Szeneviertel Philadelphias, braucht Nachhilfe in der Vielfalt, die seine Regenbogenfarben zu repräsentieren scheinen, meint die Stadt

Die Szene gilt für Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transpersonen nicht nur als Möglichkeit, Personen kennenzulernen, sondern auch als sicherer Rückzugsort, in dem jeder offen seine sexuelle Orientierung oder Identität ausleben kann. Auch deswegen waren Menschen weltweit erschüttert über den Anschlag auf das "Pulse" im letzten Jahr.

Doch ist die Szene wirklich ein sicherer, akzeptierender Rückzugsort für jeden? Der demokratische Bürgermeister von Philadelphia, Jim Kenney, hat am Montag eine Untersuchung über Rassismus und Diskriminierung im "Gayborhood" vorgestellt – samt einem Maßnahmenpaket, das die Einrichtungen des Viertels in die Pflicht nimmt.

"Das Gayborhood ist ein Gebiet, das Unternehmen, Non-Profit-Organisationen und öffentliche Einrichtungen verbindet. Auch wenn die Erwartung ist, dass es sich dabei um einen 'sicheren Ort' für alle LGBTQ-Menschen handelt, erfahren viele People of Color, Frauen und Transpersonen Rassismus, Vorurteile und Diskriminierung in diesen Orten", heißt es in dem Bericht, der von der städtischen Kommission für Diskriminierungsfragen erstellt wurde.

Beschwerden seit über 30 Jahren


Bereits der Titel des Kommissionsberichts verlangt eine Durchsetzung von Maßnahmen gegen Diskriminierung

Das Gayborhood war als queeres Viertel im Laufe von Jahrzehnten durch Zuzug von LGBTI aus dem ganzen Land im Viertel Washington West der Innenstadt von Philadelphia entstanden, analog zu Greenwich Village in New York, Dupont Circle in Washington, Castro in San Francisco oder West Hollywood. 2007 erkannte die Stadt die Bedeutung des Viertels an, in dem sie 36 Straßenschilder mit einem Regenbogen versah, inzwischen sind es um die 70 Schilder.

Wie die städtische Kommission berichtet, hatten mehrere LGBTI-Gruppen der Stadt bereits 1986 einen kritischen Bericht über die Behandlung von nicht-weißen Gästen und Mitarbeitern des Viertels verfasst, dessen Empfehlungen aber offenbar auf taube Ohren stießen. Fast 30 Jahre später, im Mai 2015, verfasste ein Journalist einen Artikel über die anhaltende Diskriminierung von People of Color in der Szene. Wenig später berichteten mehrere schwarze Männer, ihnen sei unabhängig voneinander Einlass in die Bar "Woody's" und den Club "ICandy" verwehrt worden, was zu Debatten in sozialen Netzwerken führte.

Die Gruppen Philadelphia Black Pride und Black and Brown Workers Collective führten Befragungen ihrer Mitglieder durch und veranstalteten erste Proteste vor Unternehmen. Das Fass zum Überlaufen – und nationale Schlagzeilen – brachte dann im letzten September ein neu aufgetauchtes drei Jahre altes Video, in dem sich der Besitzer des Clubs "ICandy" über farbige Besucher ausließ und dabei das N-Wort nutzte. Seine öffentliche Entschuldigung und ein Bekenntnis, nicht rassistisch zu sein, konnte Protestaufrufe und weitere Anspannungen in der Szene nicht verhindern.

Die städtische Kommission für Diskriminierungsfragen erhielt zugleich etliche Beschwerden aus der Community und beschloss, im Oktober eine öffentliche Anhörung abzuhalten, an der fast 400 Menschen teilnahmen – darunter die Besitzer von elf Szeneeinrichtungen, die zur Aussage vorgeladen wurden.

Vernichtender Bericht

"Die meisten Gayborhood-Unternehmen werden betrieben von weißen Cisgender-Männern, die Umgebungen bevorzugt für weiße Cisgender-Männer schaffen", fasst der Bericht (PDF) nun zusammen. Das führe zu Diskriminierung und Ausgrenzung. "Farbige Transfrauen sind besonders anfällig für Diskriminierung, Belästigung und körperliche Gewalt."

Der Bericht hält fest, dass willkürliche Türsteherpraktiken, die formal mit Fragen wie Dresscode oder Ausweisen begründet würden, ein "Klima des Nichtwillkommenseins" geschaffen hätten. Viele People of Color, Frauen und Transpersonen hätten von Problemen am Einlass berichtet. "Auch wenn diese Beschwerden nie formell untersucht worden, verleiht ihnen ihre schiere Anzahl Glaubwürdigkeit."

Nur eine der elf Einrichtungen habe ein Handbuch zur Frage des Dresscode vorzeigen können, berichtet die Kommission. "In Abwesenheit schriftlicher Richtlinien gilt das Ermessen der Mitarbeiter, was zu Ungleichbehandlungen führen kann." Entsprechende Probleme zeigten sich auch in der Einstellungspraxis von Szeneunternehmen und gar Organisationen wie dem Mazzoni Center und "Philadelphia FIGHT".

Viele Organisationen zeigten nur geringfügige Vielfalt in ihren Leitungsebenen und Vorständen, beklagt der Report weiter. Mitarbeiter der Gruppen und Organisationen, die Diskriminierung oder eine Fehlbehandlung erfuhren, seien zu eingeschüchtert gewesen, ihre Beschwerden öffentlich zu machen.

Zwar hätten Gruppen und Aktivisten immer wieder auf Mängel hingewiesen und Gegenstrategien entwickelt, die aber nie gänzlich implementiert worden seien, so der Bericht. Die Kommission halte daher einen klar definierten Erzwingungsplan für erforderlich.

Stadt greift hart durch


Philadelphias Bürgermeister Kenney hatte bereits im letzten Herbst Berichte über Rassismus in der Szene verurteilt (Bild: Philadelphia City Council / flickr)

Rassismus und Diskriminierung in der Szene seien vielleicht nicht mehr so fühlbar wie früher, sagte Bürgermeister Kenney am Montag, aber immer noch vorhanden. "Wir müssen als Verwaltung alles tun, um dagegen vorzugehen." Er hat die zahlreichen Empfehlungen der Kommission als Anweisungen aufgenommen.

Einrichtungen der Szene müssen innerhalb von 30 Tagen ihre klar definierte und nicht diskriminierende Tür- und Einstellungspolitik sowie städtische Antidiskriminierungsregelungen aushängen. Leitung, Vorstand und Mitarbeitschaft der kommerziellen wie nicht-kommerziellen Einrichtungen müssen innerhalb von drei Monaten an Diversity-Trainings teilnehmen. Zudem wurde die Kommission beauftragt, die Unternehmen heimlich zu testen sowie Beschwerden ausführlich zu prüfen. Wer Richtlinien weiter verletzt, dem drohen Strafzahlungen oder der Verlust städtischer Fördermittel.

"In jeder Bewegung startet Veränderung in der Community selbst", sagte Rue Landau, die Direktorin der Kommission, zu Vertretern der Minderheiten innerhalb der Minderheit. "Wir wollen, dass ihr wisst: Wir haben euch gehört und die Zeit für Wandel ist gekommen."

Auch in Deutschland gibt es immer wieder Diskussionen über Diskriminierung in der Szene. So berichteten queere Flüchtlinge mehrfach, von Bars in der Kölner Schaafenstraße abgewiesen worden zu sein.



#1 Patroklos
#2 olfwobAnonym
  • 24.01.2017, 12:39h
  • Ich werde wohl nie verstehen, wie es sein kann, dass Leute - die selber einer Minderheit angehören - anderen Minderheiten nicht die Akzeptanz entgegenbringen die sie für sich selbst verlangen.
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#3 JustusAnonym
  • 24.01.2017, 12:53h
  • "Diskriminierung von Nicht-Weißen, Frauen und Transpersonen sei im Gayborhood seit Jahrzehnten ein Problem"

    Das ist leider nicht nur in Philadelphia ein Problem, sondern auch hierzulande.

    Ich weiß nicht warum, aber unter LGBTI gibt es extreme Gruppenbildung und regelrechte Feindschaften zu anderen Gruppen.

    Da muss man als Schwuler gar nicht erst auf Lesben, Transmenschen, Schwule mit anderer Hautfarbe, o.ä. gucken. Es genügt schon, dass man zu "tuckig" ist oder optisch nicht dem Schönheitsideal entspricht (zu dick, zu wenig Haare, zu kleiner Schwanz oder was auch immer) und schon steht man außerhalb und ist Opfer von Lästerei und Mobbing, das Homohasser nicht besser hinkriegen würden.

    Es muss ja nicht jeder Schwule mit jedem anderen Schwulen ins Bett wollen, aber kann man nicht dennoch Kumpel sein? Und gemeinsam für unsere Sache kämpfen?

    Wie sollen andere uns akzeptieren, wenn wir uns nicht mal untereinander akzeptieren?

    Solange wir uns gegenseitig bekämpfen, statt GEMEINSAM gegen die GEMEINSAMEN Feinde zu kämpfen, wird das nie was mit Gleichstellung. Die Homohasser lachen sich derweil ins Fäustchen, weil wir deren Arbeit übernehmen und nur mit halber Kraft kämpfen können.
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#4 RobinAnonym
  • 24.01.2017, 13:10h
  • Das muss dann aber auch in alle Richtungen gelten.

    Ich kann mich z.B. noch erinnern, dass ich mal als Neuling an einem falschen Tag in meiner schwulen Kneipe war und da fast zerfleischt wurde, weil dienstags immer Lesben-Tag war, was ich aber nicht wusste.

    Wenn Lesben in schwule Kneipen, etc. wollen, müssen sie umgekehrt auch Schwule bei sich ertragen und dürfen sich dann selbst auch nicht isolieren.
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#5 JadugharProfil
  • 24.01.2017, 13:31hHamburg
  • Antwort auf #2 von olfwob
  • In der ach so toleranten Stadt Hamburg ist mir oft der Zutritt zu einigen schwulen Einrichtungen verwehrt worden, da ich als reinrassiger Deutscher wie ein Pakistani aussehe (bräunliche Haut, rußschwarze Haare , braune Augen und schwarzer Vollbart). Doch sind diese Einrichtungen in der Minderheit. Zum Glück gibt es auch in Hamburg auch viele schwule Einrichtungen, wo südländisch aussehende Gäste sehr willkommen sind. Die mich ablehnenden Einrichtungen haben mich als abartig beschrieben oder sagten mir, es sei eine geschlossene Gesellschaft, was nicht stimmte. Das ist sehr erstaunlich, da Homophobie und Rassismus die gleichen Ursachen haben und gleiche Reaktionen hervorrufen. Da LGBTI oft dadurch schikaniert werden, müsste man erwarten, daß sie als Betroffene durch solche Handlungsweisen sensibler reagieren würden. Aber auch sonst werde ich angepöpelt und als Muslim beschimpft, obwohl ich Atheist bin und man mich früher katholisch zwangsgetauft hatte. Andrerseits gibt es auch blonde und blauäugige Pakistanis, die in Deutschland wegen ihres Aussehens nicht auffallen. Als ich einmal in der S-Bahn angepöpelt wurde, mußte mein persischer Freund sehr lachen, da die Pöpelei nicht ihm galt, sondern mir und er wußte, daß ich Deutscher bin.
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#6 seb1983
  • 24.01.2017, 13:32h
  • Antwort auf #3 von Justus
  • Ist halt etwas wenig Gemeinsamkeit wenn einen einzig die Diskriminierung durch andere verbindet...

    Was ich schon mit schwulen Bekannten die eben nicht dem "Twink mit Iphone" Ideal entsprechen in der Szene erlebt habe schlägt jedem Fass den Boden aus und würde so in keinem normalen Club passieren.

    Sagen wir es mal so: Durch diese schwere, schwere Last der offenbar täglichen Diskriminierung meinen so einige Schwule nach vermeintlich weiter unten treten zu müssen.
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#7 Homonklin44Profil
  • 24.01.2017, 17:34hTauroa Point
  • Vermutlich steckt da so etwas wie eine psychologische Problemverlagerung dahinter, das selbst Erfahrene nach außen abstreifen zu wollen, indem man andere so behandelt, wie man selbst schlecht behandelt wurde.
    In der Tat also heruntertreten, um selbst oben zu bleiben, auch wenn's nur Einbildung ist.

    Nirgendwo wird man so in passabel / nicht passabel abgeurteilt wie unter Schwulen. Es scheint so, als hätten für etliche die Regeln der Partnerpräferenz auch über den Bekanntenkreis hinweg und alle sozialen Kontakte Gültigkeit.

    Diskriminierung, weil man nicht zur richtigen Gruppe gehört, zum Beispiel etwas von einem fetisch erwähnt, oder es vorzieht, nicht geouted zu leben, oder bisexuell interessiert zu sein ect ist relativ üblich.

    Das scheint die Schwachstelle der Minderheiten zu sein. Je kleiner die Gruppe, umso krasser gestalten sich die Bedingungen für Angehörige.

    Diskriminierung aufgrund von Hautfarben und ethnologischer Herkunft aber hängt mit einem viel größeren Wahn zusammen -- dem von der Qualität eines Menschen und seiner Charakters anhand phänotypischer Merkmale. Dieser Wahn scheint selbst unter denen, die wegen ihrer Orientierung und Geschlechtsidentität Diskriminierung erfahren, grade ebenso weiter betrieben zu werden, wie in der Allgemeinheit.

    Das kann nur die Bereitschaft dazu aushebeln, unvoreingenommen auf einander zuzugehen.

    @Jaghudar: Wenn die mich vor einem Hamburger Club wegen südländischem Aussehen als "abartig" bezeichnen, hätte ich drauf bestanden, den Geschäftsführer zu sprechen, oder eine Anzeige wegen Beleidigung aufgegeben.
    Sowas geht ja wohl gar nicht!

    An das mit den komischen Haartracht und Kleidungsregeln hier in D konnte ich mich auch schlecht gewöhnen. So verstehe ich nicht, warum schlanke Männer in ähnlicher Kleidung eingelassen werden, Dicke aber nicht.

    Das ist hier alles etwas eigenartig, kompliziert, unter welchen genauen Umständen man am Clubgeschehen teilnehmen darf. Ein Freund wurde früher sogar als DJ abgewiesen, obwohl er an dem Abend dort auflegen sollte. Osteuropäischer Akzent. Darum feiert man lieber zuhause und hört Musik von der Anlage.
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#8 markusbln11Anonym
  • 24.01.2017, 19:37h
  • Leider ist in den usa nicht nur die gesamtgesellschaft, sondern vielfach auch die schwule szene - gewollt oder ungewollt - nach ethnien abgegrenzt.

    Ich gehe davon aus, dass die stadt philadelphia mit einer klaren gesellschaftlichen vision des diskriminierungsabbaus und der sozialen inklusion auch in anderen stadtvierteln, innerhalb der politischen parteien und anderer communities ähnlich klar gegen ethnische ausgrenzung stellung bezieht.

    Wenn dadurch die diskriminierung wegen hautfarbe und herkunft immer mehr aus den köpfen verschwindet, dann ist das nur gut so.
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#9 daVinci6667
  • 24.01.2017, 20:00h
  • Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe ist echt das Allerletzte. Da muss hart durchgegriffen werden.

    Was die Einlasskontrolle aufgrund des Geschlechts anbelangt habe ich jedoch ein gewisses Verständnis. In einer schwulen Bar möchte man halt auch gerne unter sich sein, heisst möglichst ohne Frauen und ohne Heten. In einer Lesbenbar gilt das genauso. Da kann ich doch verstehen dass ich dort unerwünscht bin!

    Es geht im Kern darum das unsere Nischen in denen wir geschützt und unter uns sein können nicht gefährdet werden und nicht "heterosexualisiert" werden.
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#10 Miguel53deProfil