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Paragraf 175

Noch bis Ende der Sechzigerjahre wurden Schwule kastriert

Der Historiker Jens Kolata entdeckte durch Zufall zwölf Fälle "freiwilliger Entmannung" in einem Gefängniskrankenhaus in Baden-Württemberg.


Eingangstor der Festung Hohenasperg, in der das gleichnamige Justizvollzugskrankenhaus bis heute untergebracht ist (Bild: (cc) Wagner Tobias (OnkelchenTobi) at wikipedia)

Zwischen 1945 und 1969 wurden im Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg bei Ludwigsburg mindestens zwölf Männer wegen ihrer Homosexualität kastriert. Über diesen "Zufallsfund" des Historikers Jens Kolata, der am Institut für Ethik und Geschichte der Universität Tübingen über Verbrechen im Nationalsozialismus recherchierte, berichtete am Mittwoch die "Stuttgarter Zeitung".

So hatte der Psychologe Nikolaus Heim im Jahr 1980 Nachuntersuchungen ehemaliger Häftlinge dokumentiert, die nach dem Paragraf 175 verurteilt worden waren. Durch den Ritus der sogenannten "freiwilligen Entmannung" hatten sich die Betroffenen in den Fünfziger- und Sechzigerjahren eine Strafmilderung erhofft. Nach den Aufzeichnungen Heims beklagten die Männer deutliche körperliche Beschwerden durch den Eingriff wie zum Beispiel Hitzewallungen, Ermüdbarkeit oder Gewichtszunahme.

Ein Opfer meldete sich bereits 1996 bei Domian

Bereits 1996 hatte sich beim ehemaligen Nighttalker Domian ein anonymes Opfer des Paragrafen 175 gemeldet, das angab, im Jahr 1968 "in der Nähe von Stuttgart" kastriert worden zu sein: "Mir wurde angedroht, dass man mich erst entlässt, wenn ich mich kastrieren lasse", sagte der Mann, der sich am Telefon "Gustav" nannte, in der Live-Sendung.

Das baden-württembergische Justizministerium erklärte gegenüber der "Stuttgarter Zeitung", man würde es überaus bedauern, sollten sich die Erkenntnisse bestätigen. "Wir wollen das unbedingt aufklären", so Sprecher Steffen Tanneberger.

Das aus dem Aktionsplan "Für Akzeptanz & gleiche Rechte Baden-Württemberg" geförderte Recherche- und Aufklärungsprojekt "Der Liebe wegen" will die zwölf durch Zufall entdeckten Kastrationsfälle nun einer größeren Öffentlichkeit zugänglich machen und gleichzeitig die Recherchen intensivieren. Projektleiter Ralf Bogen sprach gegenüber der "Stuttgarter Zeitung" von "komplett neuen Erkenntnissen".

Auswirkungen auf Debatte um Entschädigung?

Auch Martin Cüppers, der an der Universität Stuttgart ein Forschungsprojekt zur Verfolgung sexueller Minderheiten koordiniert, erwartet "einzigartige Ergebnisse, die für den internationalen Forschungsstand von großer Bedeutung sind". Die Geschichte der deutschen Schwulenverfolgung müsse umgeschrieben werden, glaubt der Historiker, was auch Auswirkungen auf die aktuelle Debatte um die Rehabilitierung und Entschädigung der Opfer des Paragrafen 175 habe könne.

Das Bundesjustizministerium von Heiko Maas (SPD) hatte Ende Oktober 2016 einen ersten Referentenentwurf für ein "Gesetz zur strafrechtlichen Rehabilitierung der nach dem 8. Mai 1945 wegen einvernehmlicher homosexueller Handlungen verurteilten Personen" (StrRehaHomG) vorgelegt, der eine individuelle Entschädigung von 3.000 Euro pro Urteil und je 1.500 Euro pro Jahr Freiheitsentzug vorsieht (queer.de berichtete). Unberücksichtigt bleiben Schaden aufgrund eines Ermittlungs- oder Strafverfahrens, in Beruf und Rente durch den häufigen Verlust des Arbeitsplatzes sowie durch medizinische Eingriffe.

Der Gesetzentwurf befindet sich noch immer in der Abstimmungsphase zwischen den Ministerien. Im Bundeshaushalt für 2017 wurden allerdings bereits 4,5 Millionen Euro für individuelle Entschädigungszahlungen eingeplant (queer.de berichtete).

Als erstes deutsches Bundesland hat Rheinland-Pfalz die Schwulenverfolgung in der Nachkriegszeit aufgearbeitet (queer.de berichtete). In dem am Montag vorlegten Forschungsbericht wurden keine Kastrationsfälle in diesem Bundesland dokumentiert. Im Hinblick auf medizinische "Fachliteratur" zur Homosexualität heißt es jedoch: "Empfohlen wurden Therapien zur Heilung und in 'hartnäckigen Fällen' gelegentlich auch die Kastration." (cw)



#1 TheDadProfil
  • 25.01.2017, 10:56hHannover
  • Wer ernsthaft denkt die Nazi-Tradition der Kastration hätte mit der Strafrechtsreform von 1969 ihr Ende gefunden, wird sich über kurz oder lang durch Auffinden von Krankenhaus-Akten eines Besseren belehren lassen müssen..

    Diese Praxis, die ihren "Höhepunkt" in der Geschichte Jürgen Bartsch fand, gehörte zum Standard-Repertoire der deutschen Justiz, und hier muß man sagen einer deutschen Unrechts-Jusitz, die Häftlinge denen die Sicherungsverwahrung drohte mit Folter gefügig machte..
    Bartsch starb 1976, und die für ihn verwendete Bezeichnung des ""pädosexuellen Serienmörders"" geht wegen der Jugendlichkeit des täters Bartsch vollständig an der Thematik vorbei..

    de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_Bartsch

    Da muß nicht nur Entschädigung und Rehabilitation erfolgen, hier müssen auch die Täter in der Justiz Dingfest gemacht werden..
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#2 wer schützt unsAnonym
  • 25.01.2017, 10:57h
  • Wer schützt uns vor diesem Staat, wer schützt uns vor der CDU wenn der Wind mal wieder rauher wird? So rauh hoffentlich nie wieder aber dennoch...
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#3 SebiAnonym
  • 25.01.2017, 11:07h
  • Das Land des rosa Winkels ist noch perverser als gedacht....

    Auch noch Jahrzehnte nach Ende des Dritten Reichs herrschten in der Bundesrepublik Deutschland die Zustände des Dritten Reichs. Und teilweise ist das sogar HEUTE noch so.
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#4 Janana
#5 LinusAnonym
  • 25.01.2017, 13:21h
  • >> "Mir wurde angedroht, dass man mich erst entlässt, wenn ich mich kastrieren lasse" <<

    Das ist Rechtsstaat auf deutsch...

    Staatliche Erpressung und staatliche Verstümmelung "im Namen des Volkes".

    Und es geht ja bis heute weiter:
    oder was meint ihr, wieso unsere schwarz-rote Bundesregierung sich weigert, die Gehirnwäsche-Therapien religiöser Fanatiker nicht zu verbieten, obwohl deren Gefärhlichkeit für Leib und Leben bewiesen ist...

    Heute macht sich der Staat halt nicht mehr selbst die Hände schmutzig, schaut aber tatenlos zu, wenn andere das tun.
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#6 JadugharProfil
  • 25.01.2017, 14:06hHamburg
  • Man sollte die Verantwortlichen wegen Erpressung, Nötigung und schwerer Körperverletzung zur Rechenschaft ziehen und hart bestrafen und die Opfer angemessen entschädigen. Die Ärzte , Juristen, Geistliche und verantwortlichen Politiker müssten für den Rest ihres Lebens für solche Taten büßen!
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#7 GerritAnonym
  • 25.01.2017, 14:54h
  • --------------------------------------------
    Auswirkungen auf Debatte um Entschädigung?

    Heiko Maas (SPD) [...], der eine individuelle Entschädigung von 3.000 Euro pro Urteil und je 1.500 Euro pro Jahr Freiheitsentzug vorsieht.

    Unberücksichtigt bleiben Schaden aufgrund eines Ermittlungs- oder Strafverfahrens, in Beruf und Rente durch den häufigen Verlust des Arbeitsplatzes sowie durch medizinische Eingriffe.
    ---------------------------------------------

    Das kann so nicht weitergehen.

    Nicht nur, dass die von Heiko Maas geplanten Entschädigungsgelder ein schlechter Witz sind und nur ein Zehntel dessen betragen, was heterosexuelle Justizopfer bekommen.

    Sondern der Schaden durch körperliche und/oder seelische Folter und Verstümmelungen wird auch kein bisschen wiedergutgemacht.

    Ebenso wie die jahrzehntelangen Verdienstausfälle und damit verbundenen Rentenausfälle, die mit einer Veurteilung verbunden waren/sind, weil die Opfer stigmatisiert waren und keinen vernünftigen Job mehr gefunden haben.
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#8 stromboliProfil
  • 25.01.2017, 15:06hberlin
  • Antwort auf #6 von Jadughar
  • ja schön wärs.. strafe für die handelnden und manipulierenden verursacher..
    Leider, alle geschützt vor dem "gesetz".
    Und wenn schuldig im rechtlichen sinne.. "leider verjährt".

    Diese juristischen, medizinischen täter unmenschlicher verbrechen, haben sich ihren "rechtsstaat geschaffen.
    So sie auch heute noch in abgewandelter form recht nach ihren gusto sprechen können, und ärztliche "hilfe" ja dem wohl des "kranken" diene.

    Selbst in der dimension des entsetzlichen wie in dem bericht der Ulrike Meinhof über jürgen bartsch lesbar, scheint die kontinuität des faschistischen denken und handelns der behörden und verwahrer alle zeit überdauernd durch.
    Faschismus ist eben nicht erst eine erfindung der nazis , sondern ein überbegriff für alles unmenschliche, dass menschen anderen menschen antun können/wollen!

    Die kastration heute ist nicht mehr eine operative, sie wird in form der chemischen behandlung erforscht und vorangetrieben.
    Und sie wird in der selben weise ( operativ wie chemisch!) auch bei als triebtätern bezeichneten päderasten angewendet oder als alternative fürs lebenslange wegsperren offen angeboten.
    Unter dem beifall der "öffentlichen meinung!
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#9 EmpfehlungAnonym
  • 25.01.2017, 15:27h
  • Antwort auf #7 von Gerrit
  • Das ist volle Absicht der schwarz-roten Bundesregierung:

    Die wissen ganz genau um die wirtschaftliche Not vieler §175-Opfer und wollen sie deshalb mit Almosen abspeisen. Die wollen Deutschland mit unverschämt niedrigen Zahlungen von seiner Schuld freikaufen, weil sie wissen, dass viele Opfer nicht mehr warten können und deshalb jedes noch so niedrige Angebot annehmen.

    Und nebenher kann man den Opfern mit der Entschädigung gleich nochmal ins Gesicht spucken und zeigen, wo sie immer noch stehen.

    Deswegen kann ich nur jedem Opfer empfehlen, nach der Rehabilitierung auch auf Ausgleich entgangener Löhne und Rentenzahlungen (inkl. Zinsen und Zinseszinsen) zu klagen und Schmerzensgeld für körperliche und seelische Schäden einzuklagen.

    Das steht den Opfern zu!! Das ist deren Recht!!

    Alleine schon der Selbstachtung wegen und um zu zeigen, dass man sich nicht mit ein paar Almosen abspeisen lässt und dann auch noch dankbar den Bückling macht, sondern dass man sich wehrt!!
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#10 YevgiAnonym
  • 25.01.2017, 15:38h
  • Ich fürchte eh, dass die Rehabilitierung gar nicht kommen wird, sondern dass deren Ankündigung wieder mal nur Wahlkampfgetöse der SPD ist.

    So machen die SPD'ler das doch immer:
    ein paar Monate vor Wahlen, fangen die mit dem Versprechen an, weil immer wieder ein paar Leute darauf reinfallen. Aber die wirkliche Umsetzung ist von Anfang an nicht geplant.

    Wer hat uns verraten? - Sozialdemokraten!
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