Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse Tagesbild TV Termine
© Queer Communications GmbH
http://queer.de/?28096

Zwischen Coming-out und Spionage

Ein schwuler "Republikflüchtling" in den Fängen der Stasi

Siggi Koenigs Roman "Menschen und Männer" erzählt von einer deutschen Biografie, die alles andere als geradlinig verläuft.


DDR-Wachturm an der deutsch-deutschen Grenze (Bild: Metropolico.org / flickr)

Alle mal aufzeigen, wer kann sich noch an das zweigeteilte Deutschland erinnern? Ja, nicht wenige. Moment, die anderen nicht weglesen, das Buch "Menschen und Männer" von Siggi Koenig ist auch etwas für Leser, die sich nicht an die DDR erinnern oder sie nicht erlebt haben. Aber diejenigen, die im "Realsozialismus" leben, werden vielleicht das ein oder andere Kribbeln im Nacken wieder spüren, das sie seit der Einheit vermisst haben.

Ralph Veltin, eines von drei Kindern einer ledigen Mutter, wurde in einer Zeit geboren, in der es wenig gab. Nach dem Zweiten Weltkrieg wächst er zwar in Berlin auf, aber auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. So erlebt er seine ersten Jahre durchaus auf eine Art und Weise als anstrengend. Aber vor der Mauer gab es ja noch den offenen Grenzverkehr, und so konnte man als Ostberliner durchaus Verwandte im Westen besuchen, musste aber halt auch zeitig wieder heim.

Die "Republikflucht" von Mutter und den Kindern geschieht getarnt als Kaffeebesuch bei der Tante, die im Westen wohnt. Unter dem Kuchen waren alle notwendigen Papiere versteckt. Ohne weiteres Gepäck lassen sie das alte Leben hinter sich.

Bestechung in der DDR, heimlich schwul in Köln


"Menschen und Männer" ist im Selbstverlag tredition erschienen

Ralph wächst weiter im Westen heran und macht eine Lehre. Er geht die ihm vorbestimmte Bahn. So heiratet er auch irgendwann die Tochter aus gutem Haus und richtet sich mit ihr in München sein Leben ein. Er steigt die Karriereleiter hinauf und wird Verkaufsleiter in einem Unternehmen für Möbelbeschläge, das auch mit dem Osten gute Geschäfte macht.

Natürlich funktionierte auch im Arbeiter- und Bauernstaat einiges nur gut geschmiert, und so gerät Ralph durch einige dubiose Umstände in die Fänge der Stasi. Er kann sich gar nicht vorstellen, was die denn wohl von ihm wollen könnten. Als aber seine Tante in Binz plötzlich als Druckmittel herhalten muss, bekommt er eine Vorstellung davon, was diese Menschen wohl bereit sein könnten zu tun, nur um ihr Ziel zu erreichen.

Immer mehr fühlt sich Ralph zu Männern hingezogen – da kommt der berufliche Wechsel in den Kölner Raum ganz gelegen. Zweiter Wohnsitz in Köln, wo bekanntlich schon in den Siebziger- und Achtzigerjahren das schwule Leben tobte. Die Familie immer noch schön in München, pendelt der Gute zwischen zwei Leben hin und her, bis irgendwann eine Entscheidung einfach fällig ist. Und ab da wird alles einfacher… oder auch nicht.

Sprunghaft ist wohl am ehesten der Erzählstil, den man Siggi Koenig bescheinigen kann. Liest man gerade noch vom erwachsenen schwulen Ralf, ist man plötzlich beim Jungen, der noch gar nicht sicher weiß, was er will, und dann wieder beim Musterehemann. Das führt leider dazu, dass sich in dem ganzen Buch kein rechter Spannungsbogen aufbaut und man den Handlungsstrang nicht einfach nachverfolgen kann.

Der Leser muss immer wieder umdenken

Zwar arbeitet sich Koenig im Laufe der Zeit immer weiter durch das Leben seines Protagonisten, aber wirklich in einem durch erzählt er nicht. Man ist als Leser gefordert, immer wieder umzudenken und muss sich immer wieder orientieren, wo der Autor denn nun mit einem hingesprungen ist.

Gerade die außerordentlichen Momente, in denen ein Mord verübt wird oder sich leibhaftige Spionage vor den Augen des Lesers abspielt, gehen dadurch etwas unter. Der Weg bis dahin hat den Leser so viel Kraft und Beherrschung gefordert, dass es fraglich ist, wie viele das Buch tatsächlich zu Ende bringen.

Das an sich ist eigentlich schade, denn auf den 324 Seiten schildert Koenig vor allem eines: ein Leben, das nicht gradlinig verläuft, und allein dadurch spannend zu begleiten ist. Positiv zu erwähnen ist auch, dass sich der Autor nicht ziert und deutlich beschreibt, wenn's mal im Bett zur Sache geht. "Menschen und Männer" ist ein schwer zu lesendes, aber irgendwie auch genau deswegen sehr lesenswertes Buch.

Infos zum Buch

Siggi Koenig: Menschen und Männer. Romanhafte Biografien. Taschenbuch. 324 Seiten. tredition Verlag. Hamburg 2016. 16,99 € (E-Book 6,99 €, gebundene Ausgabe: 25,99 €). ISBN: 978-3-7345-2466-0


#1 HahahahahaAnonym
  • 28.01.2017, 17:21h
  • Wieder so eine schöne Story. In Zeiten zunehmender Überwachung muss man natürlich hetzen, am besten gegen die DDR.

    Sicher, die DDR war kein Paradies aber das Märchen der Lückenlosen Überwachung ist längst widerlegt worden.

    Aber, die NSA, der BND etc können heute Lückenlos überwachen, dank Kameras, Handys, Internetanschlüssen, Drohnen, etc. Blöderweise wird jeder, der vor dem Orwellschen 1984 warnt als "Spinner" verunglimpft und die jenigen, die es wagen das ganze aufzudecken als "Hochverräter" gejagt.
  • Antworten » | Direktlink »
#2 TheDadProfil
  • 28.01.2017, 21:09hHannover
  • Antwort auf #1 von Hahahahaha
  • ""Wieder so eine schöne Story. In Zeiten zunehmender Überwachung muss man natürlich hetzen, am besten gegen die DDR.""..

    Oder man mach sich analog dazu einmal Gedanken zum Heutigem Überwachungsstaat..

    Die Möglichkeiten die allein die von Herrn Schäuble erstmals eingeführten "Vorratsdatenspeicherung" hätten einen Herrn Mielke im Büro im Dreieck hüpfen lassen..

    Das Ausspähen des Kanzlerinnen-Handys wäre "der Coup" von Herrn Wolf gewesen, der einen Günter Guillaume in Vergessenheit geraten ließe..

    Die Story klingt jedenfalls interessant..
  • Antworten » | Direktlink »
#3 saltgay_nlProfil
  • 29.01.2017, 15:54hZutphen
  • Ach ja, das böse Ministerium für Staatssicherheit. Das ist doch als literarische Vorlage immer gut geeignet für Berufsostzonenflüchtlinge, notorische Westberliner und erklärte Westdeutsche, die allenfalls mit der Schule nach Westberlin fuhren zu "Vier Tage Berlin incl. Mauerschau".

    Dennoch muss zugegeben werden, dass das MfS nicht so langweilig war wie der BND und dennoch war es zunächst eine Behörde. Behörden verströmen keine Erotik und literarisch sind sie eher zur Satire geeignet.

    Interessanter sind die Menschen, die dort gearbeitet haben. Nennen wir ihn IM Leo. Er war schwul, alkoholkrank und sein Führungsoffizier ein echter Berliner Prolet mit Datscha, Bootsteg und zugehöriger Jolle am Schermützelsee. IM Leo, im Dienst der Kirche, wurde nach der Wende plötzlich auf offener Straße vor seiner Kirche im schönen Sachsen überfahren. Angeblich war er stockbesoffen. Das ist auch sehr wahrscheinlich. Da könnte man eine Geschichte draus machen, aber von diesem Muster gibt es doch schon viele Erzählungen.

    Es ist die Normalität dieses Ministeriums, ihre kleinbürgerlichen Mitarbeiter, die eben durch und durch sozialistische Spießer waren, welches viel näher an der Wirklichkeit eines solchen Geheimdienstes ist, als die Medien uns Glauben machen wollen.

    In der DDR konnte man sich schnell unsichtbar machen, wenn man eben einige Sicherheitsregeln befolgte. Genau das widerspricht aber dem narzisstischen Selbstdarstellungswahn einer jungen Generation. Aus diesem Grunde sind sie erpressbar, nicht weil es einen bösen Geheimdienst gibt, der Fallen stellt. Tatsächlich wusste das MfS nicht alles. Ehrlich gesagt, hätte man solche Datenmengen auch gar nicht auswerten können. Die klassischen Ermittlungswege sind kürzer und vielversprechender. Das ist der einzige Trost, in dem immer mächtiger werdenden Überwachungsstaat BRD, der den Zeitzeugen noch bleibt.
  • Antworten » | Direktlink »
#4 seb1983
  • 29.01.2017, 18:42h
  • Antwort auf #1 von Hahahahaha
  • Es war ja auch nicht alles schlecht damals, die Mauer zum Beispiel..

    Offenbar ist der Autor Siggi Koenig also Teil der Systempresse die inzwischen schon Schwule infiziert hat.

    Tapfer dass du dich in die Gefahr begibst darüber aufzuklären.
  • Antworten » | Direktlink »
#5 TheDadProfil
  • 29.01.2017, 18:51hHannover
  • Antwort auf #4 von seb1983
  • ""Es war ja auch nicht alles schlecht damals, die Mauer zum Beispiel..""..

    Nicht nur die ehemaligen DDR-Bürger haben mit der Wiederverinigung ihr kleines Idyll verloren, auch die Westdeutschen haben ihren Staat ihrer Prägung mit dieser Wiedervereinigung verloren..

    Dieses Trauma scheint also immer noch nicht überwunden..

    Offensichtlich vor allem von Leuten, die von beiden Staaten aus eigener Ansicht nicht besonders viel kennengelernt haben, weil sie sich Dank der Gnade der späten Geburt gar nicht weiter damit befasst haben..
  • Antworten » | Direktlink »