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Interview mit queer.de

"Kreator würden auch auf dem CSD spielen"

Metal-Legende Mille Petrozza über sein Lied gegen Homophobie, eigene Jugendsünden und die Akzeptanz von LGBTI in der Metal-Szene.


Thrash-Metal aus dem Ruhrpott: Frontmann, Sänger und E-Gitarrist Miland "Mille" Petrozza ist Gründungsmitglied der Band Kreator (Bild: Robert Eikelpoth)

Apokalyptische Visionen, Satanismus oder Motive aus Fantasy- und Horrorfilmen – das sind die häufigsten Themen, die in den martialischen Texten der meisten Metal-Bands angesprochen werden. Wer an Metal denkt, denkt selten an progressive oder sogar LGBTI-freundliche Aussagen.

Auch insgesamt wirkt die Szene von außen betrachtet nicht wie ein Ort, an dem Menschen, die nicht heterosexuell sind, besonders willkommen geheißen werden. Im Gegenteil: Homophobe Aussagen sind in der häufig auf maximale Provokation setzenden Subkultur nach wie vor weit verbreitet. Erst vor wenigen Tagen äußerte sich Trump-Fan Tom Araya von der Band Slayer abwertend über Homosexuelle, indem er sie als "Fruits" bezeichnete, wovon sich die restlichen Bandmitglieder jedoch umgehend distanzierten.

Doch es geht auch anders. Die deutsche Band Kreator, ähnlich wie Slayer Pioniere des Thrash-Metal-Genres, überraschten auf ihrem kürzlich erschienenen Album "Gods of Violence" mit klaren Worten: "Side by side / To eternity and beyond / Side by side / As we chrush homophobia / Side by side / And we'll never let the shame turn our vision to ice / And I'll remain by your / Side by side."

Im Interview mit Philipp Meinert erklärte Sänger Mille Petrozza seine Motivation und seine Sicht auf die Szene.


Kreators 14. Studioalbum "Gods of Violence" ist auf Nuclear Blast erscheinen und seit dem 27. Januar erhältlich

queer.de: Mit dem Lied "Side by Side" haben Kreator sich, ungewöhnlich für eine Metalband, ziemlich deutlich gegen Homophobie ausgesprochen. Gab es dafür ein Schlüsselerlebnis?

Mille Petrozza: Als ich den Text geschrieben habe, gab es diese Schießerei in Orlando in Florida. Ich weiß aber nicht, ob ich das so gesehen als Motivation genommen habe. Wenn ich einen Text schreibe, ist das immer relativ spontan und das Wort "homophobia" hat einfach dahin gepasst. Ich habe schon sehr viele Lieder geschrieben, die sich mit anderen Themen beschäftigen. Dann ist mir aufgefallen, dass ich über Homophobie noch nie ein Lied gemacht habe. Und dann passt es sehr gut.

Gab es schon irgendwelche Reaktionen, ganz gleich ob positiv oder negativ?

Ja, ich habe auf meiner Facebook-Seite einen Bericht zu dem Lied gepostet. Daraufhin haben ganz viele Metalfans kommentiert, dass sie es super finden, dass das Thema mal jemand anspricht. So viele Reaktionen habe ich gar nicht erwartet, weil das Thema Homosexualität für mich viel selbstverständlicher ist. Ich gehe eigentlich davon aus, dass viele Leute eh wissen, wie wir uns positionieren.

Aber heute kam auch eine sehr negative Reaktion aus Russland auf unserer Facebook-Seite. Jemand greift mich damit an, dass ich mich ja jetzt an den Mainstream verkaufen würde, indem ich mich mit der Gay Community verbünde. Das fand er nicht so gut. Also, es gibt zu 99 Prozent sehr positive Reaktionen und diese eine blöde, die mich schon wieder total nervt.


Kreator gingen aus der 1982 gegründeten Schülerband Tyrant hervor (Bild: Robert Eikelpoth)

Glaubst du, es hätte vor zehn, zwanzig Jahren auch schon so viele positive Reaktionen auf so ein Lied aus der Metal-Gemeinschaft gegeben, oder siehst du auch eine Entwicklung innerhalb der Szene?

Da kann ich jetzt nur von mir und meinem Umfeld sprechen. Wir haben ja alle ganz früh angefangen, Metal zu hören, und wussten alle irgendwie, dass Rob Halford von Judas Priest schwul ist. Meine Reaktion war immer eher gleichgültig: Ja gut, das machen die eben gern, wenn sie Freizeit haben. Ich habe nie darüber nachgedacht, ob das jetzt eine negative oder positive Sache ist. Das war für mich einfach so. Für mich waren Künstler eh immer extravagant.

Für jemanden, der keinen künstlerischen Beruf ausübt, ist es vielleicht etwas anderes, wenn sich jemand in seinem Umfeld outet. Der wird dann vielleicht am Arbeitsplatz gemobbt. Aber das kann man wohl nur wissen, wenn man da selber drin steckt. Ich glaube, es hat eine Entwicklung gegeben, weil viele dieser Mobbings auch öffentlich gemacht wurden und sich dann viele auch dagegen aussprechen. Und weil vieles nicht, wie noch in den Achzigerjahren, im Stillen stattfindet und sich niemand traut, was zu sagen, um nicht noch einmal gemobbt zu werden. Heute gibt es Internetforen und viele Leute, die sowas öffentlich machen. Dadurch hat wahrscheinlich eine Entwicklung stattgefunden.

Du hast die Achtziger schon angesprochen. Im Booklet eures dritten Albums "Terrible Certainty" von 1987 war der Satz zulesen: "No thanks to gays and faggots for spreading AIDS!" Davon habt ihr euch ja nachher distanziert. War es rückblickend nur Metal-typische Provokation oder gab es schon eine tiefsitzende Homophobie?

Die gab es auf gar keinen Fall. Wir haben jahrelang in Essen in der Zeche Carl geprobt, meine Freundin hat bei der dortigen Schwulenparty "Mandanzz" gearbeitet und ich kannte zum Beispiel den Veranstalter gut. Homophobie gab es bei uns nicht.

Was es bei uns gab, war dieser Poser-Thrasher-Kampf. Und im Prinzip war es ein Übersetzungsfehler: Da in den meisten Fanzines Poser auch als "faggots" und "gays" bezeichnet wurden, dachten wir, dass es ein Synonym für Poser ist. Wir wussten nicht, dass diese Worte auch diskriminierend für "echte" Schwule benutzt wurden. Das haben wir damals nicht so auf dem Schirm gehabt und nicht darüber nachgedacht. Als wir diese "Special Thanks List" zusammengestellt haben, wollten wir halt so wie die aus den amerikanischen Fanzines sein.

Das war auch vor Political Correctness und eher eine Provokation Richtung L.A. Glam als in Richtung der Schwulenszene. Mich hat es noch nie interessiert, was jemand im Schlafzimmer macht, beziehungsweise dann nicht, wenn ich nicht selber dabei bin. In der Neuauflage der "Terrible Certainty" haben wir das auch sofort rausgenommen. Es war quasi ein dummer Metal-Kindersatz.

Man kann wohl sagen, dass Kreator eine Autorität in der Szene sind. Ist es für euch leichter, deshalb so ein Thema anzusprechen?

Ich möchte mich nicht als Autorität sehen. Wenn man so etwas anspricht, dann polarisiert man. Das habe ich jetzt an der Reaktion gemerkt. Vielen ist es egal, so wie es mir egal ist, ob jemand homosexuell ist. Für mich ist natürlich jemand, nur weil er achwul ist, kein besserer Mensch. Ich sehe Menschen sehr neutral. Auf der anderen Seite möchte ich auch nicht mit dem erhobenen Zeigefinger vorgehen und alle Schwulen in Schutz nehmen. Das wäre auch blöd und die können sich wahrscheinlich schon selbst wehren.

Noch mehr als Sticheleien und dumme Sprüche stellt für mich ein Problem dar, wenn Angela Merkel vor kurzen noch in einem Interview gar nicht begründen konnte, warum sie dagegen ist, dass Schwule und Lesben heiraten können. Ich finde es eher fragwürdig, dass die Frau, die Deutschland regiert, so eine Einstellung vertritt. Das gießt natürlich auch wieder Öl ins Feuer irgendwelcher Stumpfbirnen, die dann sagen können: Unsere Bundeskanzlerin findet ja auch, dass das nicht normal ist! Da muss man eher dran arbeiten. Natürlich ist es auch wichtig, im Kleinen anzufangen und da Stellung zu beziehen. Aber anderes hat monumentalere Ausmaße. Von mir wissen die Leute ja eh, dass ich aus dem linken Spektrum stamme und gegen Homophobie bin.

Würdest du die Metal-Szene als homophober als die Restgesellschaft sehen?

Nein, auf gar keinen Fall! Das war ja das Schöne, als wir das Posting gemacht haben, dass wir so viele positive Reaktionen bekommen haben, wo sich viele bedankt haben, dass man das auch mal so anspricht. Viele haben auch gesagt, dass sie mit ihrem Freund seit Jahren auf Konzerte gehen und viele Bands lieben und sie nur manchmal blöd angemacht werden.

Die berichteten auch, dass die Diskriminierung eher außerhalb der Metal-Szene stattfindet und nicht innerhalb der Subkultur. Das findet wohl eher auf Volksfesten in Bierzelten statt. Geh da mal als Homopärchen Hand in Hand durch, da bekomm man bestenfalls böse Blicke! Natürlich kann ich nicht für die ganze Metal-Szene sprechen, aber würde es so ausdrücken: Die denkende Metal-Szene ist sehr tolerant.

Auf der anderen Seite sind aber auch sehr wenige Metal-Musiker geoutet. Rob Halford hast du schon genannt, dann gibt es noch Gaahl, den Ex-Sänger von Gorgoroth. Meinst du, mehr Musiker werden sich in Zukunft outen?

Das hoffe ich! Es hat auch immer eine persönliche Geschichte. Ich sehe die Kunst von Gaahl nicht anders, weil der schwul ist. Ich fand ihn schon immer gut, auch immer extravagant und das ändert nichts an seinem Werk. Ich hoffe es auch, weil es für die Leute besser ist, wenn sie sich outen. Auch weil es dann leichter ist, andere Schwule und Lesben kennenzulernen und überhaupt einmal ins Gespräch zu bekommen. Vielleicht wollen es aber auch einige privat halten. Bestimmte sexuelle Präferenzen sind bei mir auch privat und ich würde sie nicht öffentlich machen.

Gibt es eigentlich so etwas wie LGBTI-Metal-Strukturen? Also eigene Organisationen, FanclubS für lesbische, schwule, bisexuelle und transsexuelle Metalheads?

Das weiß ich nicht. Aber es wäre eine gute Sache. Wenn man in die größeren Szenen geht, zum Beispiel nach Köln, wird man da bestimmt einige Metaller treffen. Aber ob es eine Unterbewegung gibt, kann ich dir nicht sagen.

Letzte Frage: Wird es in absehbarer Zeit einen Metalwagen auf einem Christopher Street Day geben?

Ja, das wäre was, oder? Ich wäre auf jeden Fall dabei. Das fände ich super! Viele Metalbands würden da vielleicht auch gar nicht spielen, weil sie denken, sie müssten schwul sein, um da zu spielen. In der Richtung sollte man sich vielleicht mal öffnen. Also wenn wir gefragt werden würden, wäre ich sofort dabei. Das wäre doch cool.

Kreator auf Tour

03.02.2017 München, Tonhalle
04.02.2017 Hamburg, Mehr! Theater
16.02.2017 A-Wien, Gasometer
17.02.2017 Wiesbaden, Schlachthof
18.02.2017 Berlin, Columbiahalle
19.02.2017 CH-Pratteln, Konzertfabrik Z7
04.03.2017 Essen, Grugahalle


#1 Patroklos
#2 hanna girlAnonym
  • 02.02.2017, 09:29h
  • Meine Lieblingsband! :)
    Absolut sympathisch und autentisch, die auf dem csd wären der Hammer :D
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#3 thysonrexProfil
  • 02.02.2017, 09:41hKöln
  • Gerade die deutsche Metal- und Gothic-Szene ist besonders progressiv und sehr entspannt. Das mag viele Ursachen haben. Zum einen stechen natürlich Jungs mit Schwarzen Eye-Liner und Mädels mit Leder-Korsett auf dem Dorf hervor, und erleben als Teenager wie es ist, anders zu sein. Zum andern gibt es auf Festivals immer eine breites Spektrum an Ausdrucksformen und Schrillen Vögeln (na ja, in Schwarz). Dazu hebt sich die Musik vom Mainstream ab, erlaubt mehr tiefe als typischer Pop und Hip-Hop.

    Ich musste meinen Freund zu seinem ersten Konzertbesuch sehr überreden. Die Szene wirkt ja martialisch und böse. Aber spätestens wenn man zwischen 5 Brechern in Leder-Kutte steht, die ihre Freundin Knuddeln, während der Sänger vom Kleid aus Rosen sing, wird man eines besseren belehrt. Der Höhepunkt war bei 25 Jahre InExtremo, als mein Freund vom Getränke holen kam, und entgeistert berichtete »Unfassbar! Die sind alle so nett hier! Die helfen dir eher noch beim Tragen, als sich in der Schlange vorzudrängeln«.

    Lange Rede, kurzer Sinn: ich bin eigentlich erstaunt, dass die beiden Szenen so wenig Berührungspunkte haben. Gerade auf eine Leder- und Fetisch-Party passt nach meinem empfinden doch Industiral und Metal-Musik wesentlich besser, als dumpfes Haus-Gestammel und Marianne Rosenberg. Ich fände es Großartig, wenn endlich mal Clubs und Parties ihre Fühler etwas weiter ausstrecken würden.
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#4 tomtomAnonym
  • 02.02.2017, 09:43h
  • Das ganze schwarze Getue wird immer überbewertet- Ich habe noch NIE auf einem Metal-Konzert oder Festival eine Schlägerei gesehen- auch die Crews der METAL-CRUISE und "70thousand Tonns of Heavymetal" Kreutzfahren werden das bestätigen- alles liebe Kerle!
    Neben bei möchte ich erwähnen dass, Bruce Dickensen von Iron Maiden beim Rockavaria2016 in München sich auch für uns ausgesprochen hat.
    Den Wortlaut kann ich leider nicht wiederholen, ich hätte es zu gerne aufgenommen....
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#5 Robby69Ehemaliges Profil
  • 02.02.2017, 19:04h
  • Nur Rob Halford soll in der Metal-Szene als schwul geoutet sein? Das stimmt so nicht!
    Was ist mit den Metal-Sängern Matt Barlow und Dee Snider?! Die sind ebenfalls beide offen schwul und haben noch nie ein Geheimnis aus ihrer Homosexualität gemacht. - Sie haben nur - im Gegensatz zu Rob Halford - ihr Schwulsein schon immer auch in der Öffentlichkeit (nicht nur in der Musik-Szene) offen ausgelebt. Von Dee Snider ist z.B. schon seit 1971 allgemein bekannt, dass er schwul ist...
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#6 der JörgAnonym
#7 TheDudeEhemaliges Profil
  • 04.02.2017, 21:07h
  • Ich fahre seit 10 Jahren auf Metal-Festivals und habe noch nie irgendetwas in Richtung Homophobie erlebt. Ich liebe Metal und habe Kreator auch bestimmt schon 6 mal live gesehen.
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#8 ThorAnonym
  • 06.02.2017, 15:06h
  • Ich kann auch nur sagen, dass Toleranz und Akzeptanz in der schwarzen wie Metal-Szene sehr groß geschrieben werden.
    Ich bin schon seit über zehn Jahren dabei, auch auf Mittelaltermärkten, dem Mera Luna etc.
    In etwas mehr als zehn Jahren habe ich niemals auch nur ein homophobes Wort gehört, ganz im Gegenteil, die Metalheads und Gruftis setzen sich sehr vehement für Toleranz und Gleichberechtigung durch und auch ein.
    Ab und an, speziell in Leipzig, wird man mal angegangen, wenn man Hand in Hand Festival geht und manche Besucher schauen auf Mittelaltermärkten komisch.
    Eine Reaktion des Marktvolkes (= der Schausteller) und der anderen Besucher lässt dann meist nicht auf sich warten.
    Zum Thema Konzerte kann ich meinen vorherigen Schreibern nur beipflichten: In etwas über fünfzig Konzerten habe ich noch niemals eine Schlägerei oder Hass erlebt, ganz im Gegenteil zu bestimmten anderen Musikrichtungen, wie z.B Hip-Hop.
    PS: Meine Affinität zu dieser Szene kommt vielleicht auch von meiner Vorliebe zu langhaarigen, behaarten Männern mit Bärten. Wer weiß :)
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