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Siegfried Wagner im Schwulen Museum*

Das Kreuz mit den schwulen Nazis

Dr. Kevin Clarke vom Schwulen Museum* über die Ausstellung "Siegfried Wagner: Bayreuths Erbe aus andersfarbiger Kiste" und die politische Dimension des Lebens von Richard Wagners einzigem Sohn.


Ein strammer Deutschnationaler, der der braunen Wagner-Ideologie nichts entgegensetzte: Dass Siegfried Wagner (1869-1930) homosexuell war und ein für die Zeit erstaunlich offenes schwules Leben führte, war der Familie bekannt und wurde weitgehend toleriert (Bild: Internationale Siegfried Wagner Gesellschaft / Schwules Museum*)

queer.de: Letzte Woche wurde bei euch im Schwulen Museum* in Berlin die große Ausstellung zu Richard Wagners schwulem Sohn Siegfried eröffnet…

Dr. Kevin Clarke: …mit einer fulminanten Rede von Dr. Sven Friedrich, Direktor des Richard Wagner Museums in Bayreuth. Der wies auf die politische Relevanz des Themas hin in unseren Rechtsruck- und "alternative facts"-Zeiten. Er sagte, man sollte nicht versuchen, aus Siegfried Wagner posthum einen "verkappten Widerstandskämpfer" zu machen, wie das manche tun, sondern fragen, wie es sein konnte, dass ein schwuler Mann begeisterter Anhänger von Hitler und den Nazis sein konnte – obwohl er wissen musste, dass die ihn wegen seiner sexuellen Orientierung ablehnen.

Das ist nach wie vor eine brisante Frage: Was zieht Schwule hin zu rechten Gruppierungen und Ideologien? Endgültig klären können wir das natürlich nicht in einer Musikausstellung. Aber wir versuchen wenigstens, darauf einzugehen und die entsprechenden Fakten zu präsentieren.

Was für Fakten sind das denn?

Es geht explizit um Siegfried Wagners Antisemitismus, den er aus seinem extrem "national" gesinnten Elternhaus übernommen hat. Zur Erinnerung: Sein Vater hatte schon 1850 das berüchtigte Pamphlet "Das Judentum in der Musik" geschrieben und damit die Marschrichtung vorgegeben. Siegfrieds Schwager war der notorische Rassentheoretiker Houston Stewart Chamberlain, dessen Buch "Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts" von 1899 von den Nazis zu einer geradezu prophetischen Schrift stilisiert wurde.

Außerdem behandeln wir an einer Wand das Thema "Bayreuth und der Nationalsozialismus". Es geht ja bei den Festspielen nicht erst 1933 mit den Nazis los, sondern Hitler wird bereits 1923 in die Villa Wahnfried zum Frühstück eingeladen. Siegfried ist von ihm begeistert und meint, Hitler würde Deutschland von der "Schmach von Versailles" erretten.

In den Folgejahren bleibt die völkische Bewegung ein bestimmender Faktor für die weitere Entwicklung der Festspiele. Hitler kommt 1925 mit anderen schwulen Nazis nach Bayreuth: Ernst Röhm vor allem, aber auch Hans Severus Ziegler, der 1938 die Ausstellung "Entartete Musik" macht und nach 1945 nie zur Rechenschaft gezogen wurde. Ansonsten weisen wir an den entsprechenden Stellen darauf hin, wie Intimfreunde Siegfrieds politisch einzuordnen sind, etwa der Maler Franz Stassen, der 1930 der NASAP beitrat und später für Hitlers Reichskanzlei die Wandteppiche entwarf. Oder Otto Daube, der 1926 in Weimar die ersten Siegfried-Wagner-Festwochen veranstaltete im direkten Umfeld des ersten Parteitags der NSDAP.


Kurator Dr. Kevin Clarke bei der Eröffnung der Ausstellung (Bild: Jan Schnorrenberg)

Wer ist an der Ausstellung beteiligt?

Die Idee dazu hatte Achim Bahr von der Internationalen Siegfried Wagner Gesellschaft. Er hat Peter P. Pachl mitgebracht, der 1988 die Biografie "Genie im Schatten" veröffentlichte. Daraus ergab sich mit mir als musikwissenschaftlichem Vertreter von Museumsseite ein Dreigespann, das die Ausstellung konzipiert und umgesetzt hat.

Die beiden Vertreter der Siegfried Wagner Gesellschaft (ISWG) sind heterosexuell. Wie verlief die Zusammenarbeit?

In Bezug auf die Darstellung von Siegfrieds schwul-lesbischen Freundeskreisen gab es keinerlei Probleme. (lacht) Da war ich eher erstaunt, wie leichtfertig Peter Pachl viele Persönlichkeiten, die in der Ausstellung vorkommen, als "homosexuell" klassifizierte, obwohl die sexuelle Orientierung im Fall von Biografien vor 1969 schwer zu verifizieren ist, wenn es nicht Verfahren wegen Paragraf 175 gab. Solche Verfahren gab es allerdings im Fall von zwei Bayreuth-Superstars, nämlich Heldentenor Max Lorenz und Bariton Herbert Janssen. Siegfried hat sie beide zu den Festspielen geholt. Ansonsten ist man auf Gerüchte und versteckte Hinweise angewiesen, von denen es aus dem Umfeld Siegfrieds etliche gab, u. a. von Kurt Söhnlein in seinen "Erinnerungen an Siegfried Wagner" und von Franz Stassen.

Mehr Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit mit der ISWG gab es bezüglich der politischen Dimension von Siegfrieds Leben. In seiner schon erwähnten Rede wandte sich Dr. Friedrich explizit an Peter Pachl und warf ihm und der ISWG vor versammeltem Publikum vor, à la Donald Trump "Fake News" zu produzieren, die Siegfrieds Nazi-Nähe umdeuten zu aktivem Widerstand und Zivilcourage. Man muss hier allerdings erwähnen, dass Siegfried weder privat noch politisch eindeutig zu fassen ist. Denn es gibt widersprüchliche Aussagen von ihm und über ihn. Wir haben uns schließlich darauf geeinigt, nach sehr nervenaufreibenden Diskussionen, beide Seiten darzustellen und es den Besuchern zu überlassen, selbst zu entscheiden, welche Sicht der Dinge ihnen glaubhafter erscheint.

Was auf alle Fälle vermieden werden sollte, war einfach nur hübsche historische Aufführungsfotos und Besetzungszettel auszustellen, mit ein paar imposanten Ölgemälden von Stassen & Co. drum herum, unter völliger Ausblendung von Politik. Das wollte die ISWG – aber ich finde das kann das Schwule Museum* nicht verantworten. Außerdem wäre das nur die halbe Geschichte und langweilig.


Karikatur von Siegfried Wagner in typischer Dandy-Pose (Bild: Internationale Siegfried Wagner Gesellschaft / Schwules Museum*)

Wie nachweisbar ist Siegfried Wagners Homosexualität?

Wir gehen mit der größtmöglichen Selbstverständlichkeit mit den schwulen Aspekten in Leben und Werk Siegfried Wagners um. Es ist ja niemand "nur" schwul, sondern schwule Menschen leben ein Gesamtleben, in dem es dann entsprechende Punkte gibt, die darauf verweisen, wie sie begehren. Bei uns gibt es eine Wand zu "Oper als Autobiografie", eine Abteilung zu "Erpressung" und zu Siegfrieds Begegnungen und Beziehungen mit Oscar Wilde, dem Komponisten Clement Harris, dem Maler Ludwig von Hofmann und vielen anderen. Wir zeigen auch erstmals Liebesbriefe, die sich erhalten haben, in diesem Fall an den Gymnasiasten Werner Franz, den Siegfried in den Zwanzigerjahren kennenlernte und als Mitarbeiter nach Bayreuth holte.

Das meiste Material ist aber unter Verschluss bei einer Enkeltochter Siegfrieds. Die bei uns gezeigten Briefe sind eine Ausnahme, weil sie erst nach dem Tod von Siegfrieds Witwe Winifred von Dritten in den Handel gebracht und von Peter P. Pachl aufgekauft wurden. Das ist also eine Art Weltpremiere, die wir am 9. März mit einer Lesung kombinieren. Der Schauspieler Manfred Callsen wird sie bei uns vortragen.

Was die Nachweisbarkeit angeht: Im Gegensatz zu Peter Tschaikowsky hat Siegfried Wagner keine überlieferten Dokumente verfasst, in denen er von seinen sexuellen Eskapaden berichtet oder über seine sexuelle Orientierung sinniert. Es gab auch kein Gerichtsverfahren nach Paragraf 175, aus dessen Akten Details hervorgehen würden. Man muss also mit Andeutungen arbeiten, etwa der Formulierung des Journalisten Maximilian Harden, der Siegfried 1914 als "Heiland aus andersfarbiger Kiste" bezeichnete. Zur Erinnerung: Harden war derjenige, der mit einer ähnlichen Formulierung den Eulenburg-Skandal ausgelöst hatte.

Die Konsequenz? Siegfried heiratet überstürzt die 18-jährige Winifred Marjorie Williams-Klindworth, mit der er sofort vier Kinder zeugt: Wieland und Wolfgang werden später die Nachfolger als Festspielleiter. Siegfrieds Enkeltochter Katharina Wagner leitet heute die Festspiele. Ihre Generation ist die erste, die offen und weitgehend unverkrampft über Fragen der sexuellen Orientierung spricht, vorher war das unmöglich. Wolfgang Wagner leugnete bis zu seinem Tod, dass sein Vater homosexuell veranlagt gewesen sei. Während Wieland immer fürchtete, die homoerotische Neigung des Vaters und Großvaters könnte sich auf ihn vererben. Als würde man morgens aufwachen und plötzlich schwul sein. Ich finde diese Angst fast belustigend, aber typisch für Denkmuster der Vierziger- und Fünfzigerjahre.


Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, u.a. mit Essays zu den schwul-lesbischen Sängern der Bayreuther Festspiele und zu den homoerotischen Elementen in den Opern Siegfrieds

Wie ist Musik eines schwulen Komponisten darstellbar als "schwule" Musik?

Das ist ein Riesenthema, das wir in der Ausstellung nur streifen, indem wir auf inhaltliche Aspekte der Opern Siegfried Wagners eingehen. Etwa darauf, dass er in "Der Friedensengel" (1914) homoerotische Sehnsüchte anspricht. Dort singt Reinhold im zweiten Akt: "Einmal mindest der Genuss / Eines Burschen Lieb' und Kuss! / Schau! Das wäre das Paradies!" Darauf antwortet Mita entsetzt: "Aber Reinhold! Was sprichst du da aus!"

Man könnte sagen, der schwule Aspekt zeigt sich bei Siegfried Wagner in der Wahl der Opernsujets. Und teils darin, dass er seine symphonischen Dichtungen seinem Liebhaber Clement Harris widmete ("Sehnsucht" 1892 und "Glück" 1923). Rein musikalisch ist Siegfried Wagner – anders als beispielsweise Tschaikowsky – kein "typischer" schwuler Komponist, der besonders "gefühlsbetonte" Musik schreibt oder extrem zerrissene Seelengemälde schuf, wie die Symphonie Pathétique. Er versuchte in seiner Musik, wie im echten Leben, seine sexuellen Neigungen zu verstecken.

Interessanterweise hat er zwar Oscar Wilde persönlich kennengelernt und war von dem irischen Schriftsteller schwer beeindruckt. Aber er hat nie ein Werk Wildes vertont. Das tat stattdessen sein großer Konkurrent Richard Strauss. Der wählte Wildes homoerotischstes Werk, die vor schwüler Sinnlichkeit vibrierende "Salome" – und landete damit einen der größten Opernhits des 20. Jahrhunderts. Man kann das fast als Ironie der Geschichte bezeichnen, aber vermutlich konnte sich Strauss solch ein Wagnis leisten, weil er eindeutig heterosexuell war und niemand irgendwelche Hintergedanken bezüglich sexueller Orientierung hatte. Siegfried komponierte stattdessen mittelalterliche Geschichten im Stil der Märchenopern seines Lehrers Engelbert Humperdinck ("Hänsel und Gretel"). Die wurden dann in den Zwanzigerjahren von Vertretern völkischer Kreise als Alternative zur "entarteten" Musik der "jüdisch-bolschewistischen" Neutöner gesehen und aufgeführt, nach 1933 sowieso.

Wie steht es heute um Aufführungen von Siegfrieds Opern?

Wir zeigen viele Plakate und Aufführungsfotos von Produktionen ab Mitte der Siebzigerjahre, als dem britischen Dirigenten Leslie Head die Erstaufführung von "Der Friedensengel" in London gelang, trotz erheblicher Widerstände der Familie Wagner. Winifred hatte bekanntlich Ende des Zweiten Weltkriegs das Notenmaterial aller Siegfried-Opern nach Bayreuth bringen lassen und fortan Aufführungen untersagt. Genau wie sie 1930 die Gründung eines Siegfried-Wagner-Vereins ablehnte und 1972 versuchte, die Gründung der Internationalen Siegfried Wagner Gesellschaft zu unterbinden.

Auch hier muss man über die Motive spekulieren. Fürchtete sie, eine zu genaue Beschäftigung mit den Opern ihres Mannes und mit dessen Biografie könnte ihn und die Familie kompromittieren? Sie nahm ja nach 1945 die komplette "Nazi-Schuld" auf sich, auch um ihren Sohn Wieland zu schützen und ihm den Weg als Festspielleiter zu ebnen. Da wäre ein zweiter politischer "Problemfall" ungelegen gekommen. Obwohl es dann Wolfgang Wagner war, der Brigitte Hamann mit der Winifred-Biografie beauftragte, in der es im ersten Drittel extrem detailliert um Siegfried geht.


Büste von Siegfried Wagner in der Ausstellung im Schwulen Museum* Berlin (Bild: Jan Schnorrenberg)

Jedenfalls ist das Copyright der Siegfried-Wagner-Werke 2001 erloschen, so dass seither Aufführungen der Werke rein rechtlich unproblematisch sind. Leider hat Siegfried keinen Regisseur wie Barrie Kosky gefunden, der so Mainstream-tauglich und begeisternd ist, dass ein internationales Revival in Gang gekommen wäre, wie das Kosky mit diversen vergessenen Operetten geschafft hat. Aber vielleicht ändert unsere Ausstellung daran etwas und macht Regisseure oder Theaterdirektoren auf Siegfried Wagners Oeuvre neugierig?

Barrie Kosky kommt jedenfalls am 4. Mai zu uns ins Museum, um über Wagner und Homophobie im Opernbetrieb zu sprechen, kurz bevor er im Sommer 2017 in Bayreuth die "Meistersinger von Nürnberg" inszenieren wird. Obwohl das Stück, das viele Homosexuelle magisch anzieht, der "Tannhäuser" ist. Als Geschichte zwischen Sinnestaumel im Venusberg und keuscher Ritterwelt wurde das Werk von Schwulen gern als Metapher auf ihr eigenes Leben interpretiert. Auch von Oscar Wilde in "Das Bildnis des Dorian Gray" (1890/91). Und nicht zufällig war "Tannhäuser" 1930 die erste echte große Neuproduktion Siegfried Wagners in Bayreuth, mit Toscanini als erstem Ausländer am Pult und dem schon erwähnten Herbert Janssen als Wolfram. Dazu ein mit homoerotischen Elementen durchsetztes Bacchanal, choreografiert von Rudolf von Laban. Dagegen gab es massive Proteste von konservativen Wagnerianern. Trotzdem war es einer der größten Triumphe der Festspielgeschichte.

Siegfried erlebte das nicht mehr, er starb am 4. August 1930 in einem Bayreuther Krankenhaus. Aber dieser "Tannhäuser" ist auf Tonträger erhalten, ebenso der "Tristan" aus dem Jahr zuvor mit einem schwulen Titelrollensänger. Das sind akustische Dokumente, die – zusammen mit den vielen Wagner-Aufnahmen mit Siegfried als Dirigent – einen Eindruck geben vom künstlerischen Vermächtnis, das durchaus spannend ist, auch wenn man sich überhaupt nicht für Siegfrieds eigene Opern erwärmen kann.

Woher kommen eure Exponate?

Die Mehrzahl stammt aus dem Privatarchiv von Peter P. Pachl. Die großen Ölgemälde kommen aus dem Richard Wagner Museum in Bayreuth; daher stammen auch einige sehr seltene und wenig bekannte Fotos, zum Beispiel die, die Siegfried 1908 in der Bayreuther Badeanstalt zeigen. Diese vier Fotos sind ursprünglich aus dem Besitz von Dirigent Hans Knappertsbusch, und man muss sich fragen, was der damit wollte? Man sieht Siegfried umringt von jungen Männern, teils in unvorteilhafter Pose mit einer geradezu abenteuerlich-knappen Badehose. Hat Knappertsbusch diese Bilder benutzt, um Druck aus die Familie Wagner (oder Siegfried) auszuüben, damit man ihn in Bayreuth als Dirigent einsetzt? Er war ja schwer verärgert, dass Fritz Busch als überzeugter Demokrat zur Wiedereröffnung auf den Grünen Hügel 1924 engagiert wurde und nicht er.


Siegfried Wagner und sein Liebhaber Henry Thode am Lido (Bild: Internationale Siegfried Wagner Gesellschaft / Schwules Museum*)

Die Bühnenbildentwürfe kommen aus der Theaterwissenschaftlichen Sammlung der Uni Köln in Schloss Wahn, Briefe von Söhnlein an Siegfried aus dem Theatermuseum Hannover. Und von der Bayerischen Theaterakademie kommt das Gemälde "Kampf der Zentauren" von Emil Preetorius. Wir zeigen auch viele handschriftliche Partiturseiten und Briefe bzw. Tagebücher Siegfrieds, die aus dem Richard Wagner Museum in Bayreuth kommen.

Aus Bayreuths berühmtem Lokal "Eule" kommen außerdem zwei riesigen Stassen-Bilder mit Motiven aus Siegfried-Wagner-Opern. Die "Eule" gehört heute der GEWOG Wohnungsbau- und Wohnungsfürsorgegesellschaft der Stadt Bayreuth. Sie haben für uns eine große Ausnahme gemacht und diese Highlights aus ihrem Lokal abgehängt. Ach ja, einen echten Steingraeber-Flügel haben wir auch aus Bayreuth bekommen, fürs musikalische Rahmenprogramm. Das alles nach Berlin zu holen mit Kunst- und Klaviertransporten war eine ziemliche logistische und finanzielle Herausforderung; besonders weil wir nur ein Budget von 5.000 Euro hatten. Aber es hat geklappt – und jetzt kann man die Resultate im Schwulen Museum* genau unter die Lupe nehmen, bis zum 26. Juni.

Infos zur Ausstellung

Siegfried Wagner: Bayreuths Erbe aus andersfarbiger Kiste. Ausstellung noch bis zum 26. Juni 2017 im Schwulen Museum*, Lützowstraße 73, 10785 Berlin. Öffnungszeiten: So, Mo, Mi, Fr 14-18 Uhr, Do 14-20 Uhr, Sa 14-19 Uhr, Di geschlossen.


#1 LarsAnonym
  • 23.02.2017, 09:56h
  • "Der wählte Wildes homoerotischstes Werk, die vor schwüler Sinnlichkeit vibrierende "Salome"

    Es trifft sicher zu, dass "schwüle Sinnlichkeit" für viele Schwule anziehend ist, (und als Ventil zum offensiven Ausdruck für verbotene / unterdrückte Begehrlichkeit wichtig war und ist, wozu wiederum die Oper ein gutes Forum bietet) aber gleichsetzen würde ich Homoerotik und schwüle Sinnlichkeit heute nicht mehr. Erotik ist Erotik, punkt. Die kann auch bei Schwulen viele Facetten haben.
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#2 LorenProfil
  • 23.02.2017, 10:24hGreifswald
  • Antwort auf #1 von Lars
  • Wilde schrieb "Salome" Ende des 19. Jahrhunderts.
    Die Gegenwartsbedeutung von "schwüler SInnlichkeit" (was immer damit auch gemeint sein soll) wird im Interview nicht behauptet.

    Ansonsten bestimmt eine interessante Ausstellung, die leider mit einem Minibudget gestemmt werden muss, was angesichts des Interesses an den Wagners und der öffentlichen Förderung der Wagner-Rezeption via Steuergeldern erstaunlich ist.
    Offenbar erscheinen nicht alle Aspekte des "Wagnerianismus" förderwürdig, wenns um die entsprechende Pflege der "Erinnerungskultur" geht.
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#3 LarsAnonym
  • 23.02.2017, 11:56h
  • Antwort auf #2 von Loren
  • Die Gleichsetzung von verschwurbelter "schwüler Sinnlichkeit" und Homoerotik wird aber auch nicht hinterfragt. Sie war damals auch mehr Camouflage und Klischee als soziale Alltagswirklichkeit. Wildes Salome ist eine typische Frauenfigur des späten 19. Jahrhunderts, in dem die zu der Zeit stark verdrängte und tabuisierte Sexualität oder die irrationalen, triebhaften Aspekte des Menschen gerne noch mit dem Wesen des Weibes oder der weiblichen Sexualität gleichgesetzt wurde. In dem Männer ihre Sexualität auf die Heiligen und Huren projezierten, war "mann" fein raus - bis Freud kam.

    Dass viele Schwule von Opern fasziniert sind, ist auch heute noch ein Fakt, macht aber aus "den Schwulen" keine Spezies mit einer besonderen, von Natur aus schwülen oder triebigen Erotik. Das Klischee hat sich aber erfolgreich von dem "Weib" des späten Jahrhunderts auf den Schwulen der Gegenwart übertragen. Meine Frage ist: Brauchen wir das noch, oder kann das weg? Daher mein kritischer Einwand zu einem im übrigen wirklich verdienstvollen Artikel.
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#4 LorenProfil
  • 23.02.2017, 12:52hGreifswald
  • Antwort auf #3 von Lars
  • Von mir aus kann das weg. Ich hänge nicht an Klischees. Kevin Clarke hat sich übrigens auch mit Homosexualität und Operette befasst ("Glitter and be gay") und sich darüber durchaus erhellend und amüsant ausgelassen.
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#5 saltgay_nlProfil
  • 23.02.2017, 15:44hZutphen
  • Schwuppen haben aus mir unerfindlichen Gründen immer einen Hang zum grässlichen Kitsch. Dazu gehören Operetten, die sämtlich unter das Jugendschutzgesetz fallen sollten, wegen des kulturellen Missbrauchs von Heranwachsenden.

    Zum Beispiel Staatsrat Hans-Severus Ziegler, dieser Altnazi, dessen muskalisches Können dem kulturellen Wert einer Schwarzwälder Kuckucksuhr aus dem Andenkenladen entspricht. Dahinter verbirgt sich eine komplette Garde dritt- bis viertklassiger Kulturschaffender, die sich unter den Nazis gut bezahlte Pöstchen verschafften. Die Kompositionen Siegfried Wagners kenne ich nicht. Mir reicht schon Richie Wagner, der eigentlich zu früh geboren wurde. Für Liebesfilme wäre seine Musik eine geeignete Untermalung gewesen.

    Psychologisch gesehen neigen Schwuppen vielleicht zu Tagträumereien, wo sie sich dann als Prinz fühlen dürfen, der einer Horde von Pagen befehlen darf. Damit lässt sich auch der Hang zu verschnörkelten Möbeln incl. Schoßhündchen und Wohnzimmer wie ein in der Waschmaschine eingelaufener Salon aus Neuschwanstein, erklären.

    Das Ganze dann als Komposition schreit geradezu nach Kaskaden verminderter Septimakkorde und schluchzendem Moll neben heldischen Dur brav tonal und bei dramatischer Steigerung wirds ein wenig chromatisch.

    Die Wagners stehen für die direkte Linie nach Verdun, für Todessehnsucht und Verehrung von Herrschern, die gern die einfache Bevölkerung auf dem Schlachtfeld für Konzerninteressen und Vaterland sterben lassen wollen.

    Im Grunde ist es ironischerweise gerade eine "geartete Kultur", die ausgerechnet die AfD den Bürgern gesetzlich vorschreiben möchte, während sie doch gleichzeitig die "Verschwulung" bekämpfen will.

    Aber nichtsdestotrotz: interessant bleibt die Person Siegfried Wagners samt seiner Meschpoke. So wie ein neugieriger Junge auf dem Speicher in eine Mottenkiste schaut. Alles nur gestrig.und sehr verstaubt.
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#6 Tommy0607Profil
  • 23.02.2017, 18:32hEtzbach
  • Leider gab es Schwule Nazis . Damals und heute ; sieht man ja schon bei der Alternative für Deppen . Man sagt nicht umsonst : Die Dümmsten Kälber suchen Ihren Schlächter selber aus
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#7 goddamn liberalAnonym
  • 24.02.2017, 13:05h
  • Antwort auf #5 von saltgay_nl
  • "Dazu gehören Operetten, die sämtlich unter das Jugendschutzgesetz fallen sollten, wegen des kulturellen Missbrauchs von Heranwachsenden. "

    Na ja, was Barrie Kosky in Berlin aus Operetten so herausholt, das kann sich doch sehen lassen.

    Operetten sind ein interessanter Teil der Kultur Mitteleuropas, auch und vor allem der jüdischen.

    Dass man es in den calvinistischen Niederlanden mit dem Musiktheater nicht so hat, ist nicht das Musiktheater schuld.

    Weniger ist eben nicht immer mehr.
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