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Nach Kritik an schwuler Oper

Deutscher Bühnenverein wirft "Zeit" Homophobie vor

Eine Glosse von Musikkritikerin Christine Lemke-Matwey über das "jämmerliche" Stück "Edward II." an der Deutschen Oper Berlin schlägt hohe Wellen.


Die Oper über den schwulen Mittelalter-Monarchen wurde mit sehr aktuellen Bezügen inszeniert – für "Zeit"-Kriikerin Christine Lemke-Matwey ein "erstaunlich vitaler Opfersinn in der emanzipierten Gemeinde" (Bild: Monika Rittershaus)

Der Präsident des Deutschen Bühnenvereins, Ulrich Khuon, hat mit einem Offenen Brief auf eine Glosse der Musikkritikerin Christine Lemke-Matwey in der Wochenzeitung "Die Zeit" reagiert, die zuvor bereits in sozialen Netzwerken heftig kritisiert wurde. Er sei "verblüfft und erschrocken", wie die Journalistin "die von ihr beanstandete mangelnde Qualität der Oper 'Edward II.' in der Deutschen Oper Berlin kurzschließt mit der Homosexualität des Regieteams".

Unter der Überschrift "Dann doch lieber eine Kreuzfahrt!" hatte Lemke-Matwey das Stück über den homosexuellen englischen Monarchen aus dem 14. Jahrhundert komplett verrissen – nach einigen Ausführungen über die für April geplante "Rainbow Cruise", mit der sie das Stück als Angebot "für die schwule Community" vergleicht.

In dem Text, der bislang nur in der Printausgabe veröffentlicht wurde, heißt es: "Der Komponist der Oper: schwul. Der Librettist: schwul. Der Regisseur: schwul. Der Dirigent: wissen wir nicht. Der Intendant: schwul. Der Chefdramaturg: auch. So weit, so gut und schon deshalb kaum erwähnenswert, als sich Oper und Homosexualität von Haus aus nahe sind, nicht nur in Berlin. Man fragt sich allerdings, wie die geballte schwule Bühnenkreativwirtschaft ein derart jämmerliches Stück hervorbringen kann."


Schwule Küsse in der Deutschen Oper: König Edward (Michael Nagy, re.) und sein Liebhaber Piers de Gaveston (Ladislav Elgr) (Bild: Monika Rittershaus)

"Heiligt der Zweck – die Männerliebe als große repräsentative Oper – wirklich alle seichten Mittel?", fragt die "Zeit"-Autorin weiter. "Jedes Brustwarzenpiercing, jeden Federfummel, jedes Papp-Demo-Schild ('Homos raus!') und jedes Schlagzeugklöppeln und Synthesizerjaulen im Orchestergraben?"

In Bonn vor 30 oder 40 Jahren hätte man die Aufführung "für ihren Mut bewundert", so Lemke-Matwey, im Berlin des Jahres 2017 sei sie "aus der Zeit" gefallen: "Sicher ist auch in über 400 Jahren heterosexuell grundierter Operngeschichte nicht alles Gold, was glänzt. Mozart, Verdi und Alban Berg aber ging es nie nur um Sex, so wie es der Berliner Edward jetzt für sich reklamiert."

Khuon: "homophobe Bilder und Zuschreibungen"

Bühnenvereins-Präsident Ulrich Khuon wirft Lemke-Matwey in seinem Offenen Brief vor, "alte, homophobe Bilder und Zuschreibungen" zu reproduzieren: "'Schwul' wird hier als Zuschreibung benutzt, die Menschen auf ein einziges Merkmal reduziert – als wäre klar, welche Träume, Haltungen, Wünsche, Geschmäcker der Komponist, Librettist, Intendant haben, weil sie schwul sind; als wäre damit schon gesagt, um was für Menschen es sich handelt. Das ist ein Merkmal diskriminierender Diskurse."

Die "Zeit"-Glosse passe "in eine Tendenz forcierter normativer Normalitätswünsche und einen sich schon wieder auflösenden Respekt vor Diversität", schreibt Khuon weiter. "'Man wird doch mal sagen dürfen', lautet die Devise."

Theater als Ort der Kollaboration könne sich jedoch nicht auf verkürzte Antworten beschränken, so der Präsident des Deutschen Bühnenvereins: "Vielmehr kann hier ein gelebter Universalismus, der Differenzen und unterschiedliche Bedürfnisse anerkennt, sie aber nicht wertet, als Entwurf erprobt werden. Das macht viel Arbeit und bedeutet ständige Aushandlung, Reibung, Überprüfung der eigenen Perspektiven und Zusammenhänge – ist aber ein Weg, über sich und die eigenen Horizonte und Begrenzungen hinauszuwachsen."

Kritik auch von der "neuen musikzeitung"

Einen "Rückfall in einen Schreibstil, den man ansonsten in der Adenauerzeit verorten würde", kritisierte auch der Komponist Alexander Strauch in einem Beitrag für die "neue musikzeitung": "Verfolgt man andere Kritiken zur Premiere, wird zwischen Musik, Text, musikalischer, bildnerischer und szenischer Interpretation differenziert, mal das eine, mal das andere besser bewertet. Die Zeit ist hier im Ergebnis nur eines: homophob."

Strauch warf Lemke-Mattwey unzulässige Outings und "rosa Listen" vor: "Statt in der Kürze handwerklich einigermassen mit ihrem Zorn zurecht zu kommen, werden die Künstler auf eine einzige Facette ihrer Existenz reduziert und darin zu Versagern abgestempelt. Vor 10, 20, 30 Jahren, je nach Land, Metier und Schicht, genügte dies, um damit Karrieren komplett zu ruinieren."

Noch drei weitere Aufführungen

"Edward II." hatte am 19. Februar in der Deutschen Oper Berlin Premiere. Komponiert wurde die Oper von dem Schweizer Andrea L. Scartazzini, nach einem Libretto von Thomas Jonigk. Im Mittelpunkt steht die Dreiecksbeziehung zwischen König Edward (Michael Nagy), seiner Frau Isabella (Agneta Eichenholz) und seinem Liebhaber Piers de Gaveston (Ladislav Elgr). Weitere Vorstellungen gibt es am 1., 4. und 9. März. (cw)



#1 RobinAnonym
#2 markusbln11Anonym
  • 25.02.2017, 10:24h
  • Die zeit tut sich eben schwer, ihr journalistisches erbe hinter sich zu lassen. Diese wochenzeitung habe ich aus lgbt sicht über die jahre ihres erscheinens kaum, und früher nie, als empanzipatorisch wahrnehmen können.

    Alte muster flackern bei der zeit immer mal wieder auf.

    Jetzt mit dem pauschalurteil - schwule seien künstlerisch unfähig. Das ist, wie es geschrieben wurde, eine unhaltbare verallgemeinerung, eine beleidigung für die lgbt-community.

    Ich würde da schon eine klarstellung erwarten.
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#3 Tommy0607Profil
  • 25.02.2017, 10:26hEtzbach
  • Wenn es den Homophobe und Konservative nicht passt ; brauchen die nicht da hin gehen .
    Denn Kunst und Kultur ist immer vielseitig .
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#4 Patroklos
#5 goddamn liberalAnonym
  • 25.02.2017, 11:27h
  • Antwort auf #2 von markusbln11
  • "Diese wochenzeitung habe ich aus lgbt sicht über die jahre ihres erscheinens kaum, und früher nie, als empanzipatorisch wahrnehmen können."

    War das Blatt mit seinem hanseatisch-hohlköpfigen Snobismus auch in anderer Hinsicht nie.

    Marcel Reich-Ranicki erinnert sich in seiner Autobiographie daran, wie dort auch jüdische Kollegen nur mit spitzen Fingern angefasst wurden.

    Die Musikkritik in der 'Zeit' erinnert mich mit ihrer enthemmten Gehässigkeit gegenüber einer NS-Opfergruppe an die Tradition des deutschen Musik-Antisemitismus, der Juden genetische künstlerische Unfähigkeit vorwarf.

    Richard Wagner war das nicht der einzige und nicht einmal der schlimmste.
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#6 Ralph
  • 25.02.2017, 12:13h
  • Frau Lemke-Matwey hat doch völlig recht. Seht euch die schwulen Künstler der Vergangenheit an: Michelangelo, Marlowe, Tschaikowsky usw. - lauter sexbesessene Versager, deren Werke sang- und klanglos durchgefallen sind und nach denen heute kein Hahn mehr kräht... äh... oder ist das doch eher ihr Wunschdenken? Nachdem jedenfalls Homosexualität eher für als gegen künstlerische Fähigkeiten spricht, bleibt offenkundig nur eine Erklärung: Die Dame hat und verbreitet klare homofeindliche Gesinnung. Falls ihr die Oper nicht gefällt -was ihr gutes Recht ist-, dann kann sie sich mit ihr auf sachlicher Ebene auseinandersetzen, den Text und die Musik und die Inszenierung unter künstlerischen Gesichtspunkten angreifen. Was aber tut sie? Sie giftet gegen die verantwortlichen Menschen, und das nicht, weil sie schlechte Arbeit gemacht hätten, sondern allein weil sie schwul sind. Ich kann mir nicht helfen, irgendwie erinnert mich das an Zeiten, als Kunst nicht nach ihren Inhalten, sondern danach beurteilt wurde, welcher sozialen Gruppe ihre Schöpfer entstammten.
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#7 LarsAnonym
  • 25.02.2017, 13:12h
  • Ich halte die Glosse von Frau Lemke-Mathey auch für etwas verunglückt, weil der flapsige Ton doch allzu flott darüber hinweggeht, dass auch hinter einer nicht überzeugenden künstlerischen oder melodramatischen Leistung ein echtes Anliegen stehen kann.

    Künstlerisch kann ich die Kritik schon verstehen. Ich habe es auch nicht gern, wenn ich in ein Stück gehe, wo ich deutlich fühle, dass hier eine klischeehafte Heteromänner- oder Heterofrauensicht auf die Welt naiv und ohne jegliche Transzendenz aus-gestellt wird. (Im Gegensatz zu einer Dar-stellung, die mir das für mich nicht sichtbare einer anderen Erlebniswelt vor Augen führt). Der heteronormative Tunnelblick ist häufiger der Fall, als es ein Hetero wahrnimmt. Es muss also keine Verfehlung sein, sondern könnte auch als ironische oder provozierende Pointe verstanden werden, wenn in einer Oper mal eine Ästehtik gezeigt wird, die Homoklischees bedient und sich um die Meinungen anderer nicht schert, quasi die Haltung, die auch Edward zu seiner Umwelt einnimmt.

    Allerdings: Ob eine Figur glaubhaft und berührend ist, ob sie mich berührt, hängt nicht davon ab, welches Geschlecht oder sexuelle Orientierung die Figur hat und erst recht nicht, welche der sie darstellende oder verkörpernde Künstler hat, sondern einzig allein, ob menschliches Empfinden vermittelt wird.

    Man könnte auf dem Theater die Liebe eines alten Mannes zu einem Kaffeepott mit Sprung ergreifend und sinnlich darstellen, dass man es akzeptieren und nachfühlen kann. Dazu müssen weder die Darsteller noch das Publikum alt oder Kaffeetrinker sein. Hauptsache, der Funke springt über.

    Festzuhalten ist: Der Funke zwischen dem Uraufführungsteam und Frau Lemke-Mathwey ist nicht übergesprungen.
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#8 Dont_talk_aboutProfil
#9 schwarzerkater
  • 25.02.2017, 13:58h
  • " ... Man fragt sich allerdings, wie die geballte schwule Bühnenkreativwirtschaft ein derart jämmerliches Stück hervorbringen kann."
    a) das Scheitern gehört in der Kunst auch dazu
    b) schwul oder hetero haben noch nie den qualitativen Unterschied gemacht, sondern die Qualität der Kunst
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#10 LorenProfil
  • 25.02.2017, 14:52hGreifswald
  • Eine Oper hinsichtlich ihres Librettos, ihrer musikalischen Gestaltung und/oder ihrer Inszenierung zu kritisieren und als nicht gelungen zu bewerten ist das eine. Wer allerdings, wie hier geschehen, die eigene Ablehnung eines Werkes in einen Zusammenhang bringt mit der sexuellen Orientierung der daran kreativ Beteiligten, darf sich nicht wundern, wenn Ressentiments (oder das Schüren derselben) gegen diese sexuelle Orientierung bei der Kritikerin zumindest vermutet werden. Auch eine polemisierende G(l)ossenkritik schützt halt nicht davor, immanente homophobe "Spuren" zu entdecken und auf die Urheberin zurückzuführen.
    Ob es sich hier um eine Retourkutsche handelt, nachdem der Regisseur der Berliner Inszenierung, Christoph Loy, die Kritikerin in der Vergangenheit mal zu einem anderen Thema hart anging (siehe:
    www.christof-loy.de/zeitartikel.htm),
    mag die Dame selbst am besten wissen. Sollte das der Fall sein, wäre es tatsächlich jämmerlich und bösartig.

    P.S. zu #5
    Ob R. Wagner nun der schlimmste Protagonist des "deutschen Musik-Antisemitismus" war oder andere, lasse ich mal dahingestellt. In Anbetracht seiner Hassschrift "Das Judentum in der Musik" spielte er in diesem Zusammenhang zumindest eine bedeutende Rolle, wie dieses hässliche Zitat abschließend belegen soll:
    "Unsere ganze europäische Zivilisation und Kunst ist aber für
    den Juden eine fremde Sprache geblieben (...) In dieser Sprache,
    dieser Kunst kann der Jude nur nachsprechen, nachkünsteln, nicht
    wirklich redend dichten oder Kunstwerke schaffen."

    Wenn Hass und Resssentiments die Feder diktieren, kam schon immer Widerwärtiges und Unzutreffendes dabei heraus. Von einem jüdischen Komponisten geschaffen und von einem jüdischen Kollegen, Dirigenten und Pianisten interpretiert:

    www.youtube.com/watch?v=cH2PH0auTUU
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