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  • 24. Mai 2005, noch kein Kommentar

In Malaysia wird Homosex mit Knast und Auspeitschen bestraft. Doch in der Hauptstadt Kuala Lumpur boomt die Szene.

Von Micha Schulze

Öffentliches Auspeitschen und bis zu zwanzig Jahre Gefängnis für schwulen Oral- oder Analsex – Malaysia ist nicht unbedingt ein Traumziel, wenn man in die dortigen Gesetzbücher schaut. Zu neun Jahren Knast wurde einst sogar der frühere Vize-Premierminister des südostasiatischen Landes verdonnert, weil man ihm eine Affäre mit seinem Chauffeur nachgesagt hatte. Und noch 2001 polterte der damalige Regierungschef Mohamed Mahathir: "England akzeptiert schwule Minister, aber wenn sie mit ihren Freunden hierher kommen, werfen wir sie aus dem Land."

Der Empfang in Kuala Lumpurs "BambuSa Spa" ist dagegen überaus freundlich. Nur 50 Ringgit (etwa zehn Euro) kostet die einstündige Massage inklusive Besuch der einschlägigen Sauna in Bukit Bintang, dem Shoppingviertel der malaysischen Hauptstadt. Der Schnauzbart am Tresen reicht die Schlüssel für das Schließfach, fünf Minuten später liegt man frisch geduscht in einer Kabine mit esoterisch angehauchter Pling-Plang-Musik. Die abgespeckte Version eines Sumo-Ringers betritt die kleine Kammer, haucht ein "Hello" und zieht sich das T-Shirt aus. Gekonnt walkt er los, von der Nackenmuskulatur bis zu den Unterschenkeln, vom Hintern bis zur Prostata. Zum Schluss gibt’s – überraschend, ungefragt und im Preis inbegriffen - eine Ölmassage für den Schwanz, die erst dann beendet ist, wenn man kommt.

Kaum ein muslimisches Land – der Islam ist Staatsreligion in Malaysia – dürfte wohl gegensätzlicher sein als der asiatische Tigerstaat. In der weltoffenen Hauptstadt Kuala Lumpur mit seinen 1,4 Millionen Einwohnern boomt trotz der Gesetzeslage die schwule Szene: Fast jeden Monat eröffnet ein neuer Club, auch auf der Straße flirten die Männer miteinander, was das Zeug hält, und die abendlichen Drag-Shows stellen selbst die thailändischen Entertainment-Schuppen in den Schatten.

Touristisch wird "K. L.", wie die Malaysier ihre aufstrebende Metropole nennen, immer noch von Bangkok im Norden und Singapur im Süden weit übertroffen. Allenfalls auf dem langen Weg nach Australien legen Reisende in Kuala Lumpur einen Stopover ein. Dabei hat die Stadt mehr zu bieten als die phallischen Twin Towers, die mit 452 Metern zweithöchsten Gebäude der Welt, oder die berühmte Formel-1-Rennbahn von Sepang. In K.L. treffen Ost auf West, Moderne auf Tradition. Während in den riesigen Shopping-Malls Markenklamotten zum Schnäppchenpreis zu bekommen sind, verkaufen Straßenhändler wie vor hundert Jahren Echsenblut gegen Rheuma, Asthma und Impotenz. Die Bevölkerung ist ein multikultureller Mix aus Malayen, Chinesen, Indern, Eurasiern und Filipinos, der friedlich zusammenlebt. "Das wahre Asien erleben", heißt denn auch der Slogan des malaysischen Fremdenverkehrsamts.

Die "Blue Boy Bar", nicht weit vom "BambuSa Spa" entfernt, ist ein dunkles muffiges Loch, aber ein sehr kommunikatives. Hinter der Theke regieren Transen mit großen Zähnen, die das aus Singapur importierte Tiger Beer großzügig bis an den Rand einschenken. Man darf nur nicht zu früh hier auftauchen, d.h. nicht vor elf, denn die Nächte sind lang in K.L., das keine Sperrstunde kennt. Während man an den meisten Geldautomaten aus Gründen der "Volkserziehung" nach Mitternacht nicht mehr abheben darf, beginnt die Showtime in der "Blue Boy Bar" frühestens um eins. Dann ist der Laden brechend voll, die Atmosphäre besonders cruisy und beim Gang auf die Toilette wird man zu schwerwiegenden Verstößen gegen das malaysische Strafgesetzbuch verführt.

"Kuala Lumpur ist eine große Ausnahme", sagt Irwan, der von der Insel Penang im Norden des Landes in die Hauptstadt gezogen ist, "nur hier kann man als Schwuler ohne Versteckspiel leben". Die Zugezogenen aus Malakka, Negeri Sembilan oder Sabah genießen ihre gewonnene Freiheit sichtlich und schaffen die besondere Atmosphäre, die auch Touristen in ihren Bann zieht – bei der Tunten-Show jeden Mittwoch, Freitag oder Samstag im "Liquid"-Club, beim "Catwalk", wie das abendliche Cruising auf der Jalan Bukit Bintang genannt wird, oder im Saunatempel "Uptown Mirage", der rund um die Uhr geöffnet hat.

Anders als im Nachbarland Thailand gibt es in Malaysia keine Gogo-Bars und auch keinen schwulen Prostitutions-Tourismus. Gerade das macht Kuala Lumpur für viele schwule Asien-Fans erst richtig attraktiv. Auf Ausländer wirkt die schwule Szene von K.L. offen, freundlich und irgendwie ursprünglich. Zu keinem Zeitpunkt ahnt man, dass die einheimischen Homos – zusammengerechnet und natürlich rein theoretisch – mehrere tausend Jahre Knast und nicht endend wollende Auspeitschungen auf dem Buckel haben.

Auch einer Urlaubsaffäre steht nichts im Wege: In den Hotels gibt es keinen Stress, wenn man dort mitten in der Nacht zu zwei oder dritt auftaucht – mit der klaren Absicht, sich strafbar zu machen.

26. Mai 2005

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