Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse Tagesbild TV Termine
© Queer Communications GmbH
http://queer.de/?285
  • 18. November 2003, noch kein Kommentar

Es muss nicht immer Mallorca sein: In Charleston (South Carolina/USA) weiß man, wie man stilvoll und schwul feiert.

Von Dennis Klein

Auf den ersten Blick erscheinen die Südstaaten nicht gerade als schwules Traumziel: Konservativ, spießig und kleinbürgerlich ist das Image des so genannten "bible belt", des US-amerikanischen Bibelgürtels. Zudem standen bis vor wenigen Monaten im eigensinnigen Staat South Carolina laut Gesetz bis zu fünf Jahre Gefängnis auf jegliche Art von außerehelichem Sex. Dennoch gibt es dort schwule Oasen wie das gerade mal 100.000 Einwohner zählenden Küstenstädtchen Charleston. Schwule aus dem Umland ziehen in den Ort, der mit seinen alten Kolonialstilhäusern besticht und das ganze Jahr über Touristen vor allem aus den USA anzieht. Diese Mischung sorgt für ein äußerst liberales Klima.

Charleston unterscheidet sich positiv von den amerikanischen Retortenstädten. Die Stadtmitte ("downtown") liegt auf einer nicht einmal fünf Kilometer breiten Halbinsel direkt am Atlantischen Ozean und hat ihr Aussehen in den letzten 200 Jahren nur minimal geändert. In den engen Straßen wirken die in den Vereinigten Staaten jetzt so beliebten Geländewagen reichlich deplaziert. Das Leben pulsiert um die Haupteinkaufsstraße, die King Street. In einer kleinen Seitenstraße (Ann Street) befinden sich gleich zwei schwule Locations direkt neben dem Fremdenverkehrsverein: Zum einen Dudley's, eine urige Bar, in der man sehr leicht mit Einheimischen in Kontakt kommt. Als Neuankömmling mit europäischem Akzent gibt es zudem gute Aussichten, den Abend lang sowohl Drinks als auch eine Schlafgelegenheit gesponsert zu bekommen. Nicht umsonst wurde Charleston letztes Jahr von US-Reiseführern zur "freundlichsten Stadt Amerikas" gewählt. In der Jukebox von Dudley's befindet sich übrigens auch Marianne Rosenbergs Tuckenschlager "Er gehört zu mir", falls das Heimweh ruft.

Gleich gegenüber liegt der Club Pantheon, der von Freitag bis Sonntag ab 22 Uhr geöffnet ist. Immer gegen 0:30 Uhr gibt es hier entweder Strip-, Amateur-Strip oder Drag-Queen-Shows mit der bezaubernden Miss Brooke Collins. Etwa zehn Autominuten außerhalb Charlestons befindet sich der schwul-lesbische Club Patrick's (1377 Ashley River Road) mit einzigartigen Kabarett-Shows und einer großen Tanzfläche. Ärgerlich: Es gibt bei allen Lokalen ein Einlassverbot für unter 21-Jährige. Viele junge ausländische Besucher passen sich daher den Gepflogenheiten der einheimischen Jugend an, die mit Vorliebe US-Führerscheine fälscht – eine Bahnfahrkarte in fremder Sprache wirkt auch manchmal Wunder. Trotz der Verteufelung von berauschenden Mitteln in den USA werden Alkohol, Tabak und auch weniger legale Mittel gerne und eher in Massen als in Maßen eingenommen. Besonders wenn man von Bier auf das Leibgetränk der Südstaatler, Bourbon Whisky, umsteigt, sei Vorsicht angeraten, um zumindest einige Urlaubserinnerungen an die Nächte zu behalten. Vorsicht auch beim nächtlichen Spaziergang: Es fahren abends grundsätzlich nur betrunkene Autofahrer durch die Stadt – die Polizei drückt hier, wie auch bei vielen anderen illegalen Verhaltensweisen, beide Augen zu, um die Touristen – die die größte Einnahmequelle darstellen – nicht zu vergraulen.

Auch tagsüber bietet Charleston viel. Die ganze Innenstadt ist ein großes Altstadtmuseum, das in den USA einzigartig ist. Ebenso wie die lokale Küche, die sich wohltuend vom Mc Donald's-Einerlei abhebt, basiert hauptsächlich auf Schrimps, Fisch und Steak. Ein sehr gutes Beispiel für "Southern Soul Food" – und zudem sehr preiswert – ist Alice's Fine Food and Southern Cooking (470 King Street). Es gibt starke Einflüsse der Gullah, ehemaliger Sklaven aus Afrika, die viel von ihrer ursprünglichen Kultur und Sprache bewahrt haben. Ganz in der Nähe von Alice's befindet sich das älteste Museum Nordamerikas, das 1773 gegründete Charleston Museum (360 Meeting Street), in dem neben der Stadtgeschichte – immerhin begann hier 1861 der amerikanische Bürgerkrieg – wechselnde Sonderausstellungen zu sehen sind. Das Highlight im Sommer ist das Spoleto Festival. Hier kommen einige der besten Künstler aus dem ganzen Land in die Stadt.

Wer von Kunst und Kultur nichts wissen möchte, kann sich auch einfach an eine der vielen Strände legen. Am ehesten ist Folly Beach zu empfehlen, das nur wenige Autominuten von Charleston entfernt liegt. Am südlichen Ende des Strands gibt es auch eine schwule Cruisingarea direkt am Folly Beach County Park. Am Strand kann man bei subtropischem Klima fast ganzjährig liegen. Die Durchschnittstemperatur im Juli beträgt schwüle 32 Grad, selbst jetzt im November steigt das Thermometer noch weit über 20 Grad. Da es hier so viele Strände gibt, entbrennt selbst in der Hauptsaison im Frühjahr und Herbst nie Streit um einen Liegeplatz.

Charleston hat einen eigenen Flughafen ein paar Kilometer außerhalb der Stadtmitte und ist auch mit dem Greyhound-Bus oder der Bahn (Amtrak) zu erreichen. So gut wie ausnahmslos alle Hotels und Bed and Breakfasts gelten als "gayfriendly". Besonders empfehlenswert ist das historische und zentral gelegene Fulton Lane Inn. Die Alternative ist – wie gesagt – der Besuch bei Dudley's.

18. November 2003, 13:36 Uhr