Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse Tagesbild TV Termine
© Queer Communications GmbH
http://queer.de/?28644

EBU enttäuscht

Eurovision: Russland zieht sich zurück

Nach dem Einreiseverbot für die Sängerin Julia Samoilowa will das russische Staatsfernsehen den Wettbewerb aus Kiew auch nicht übertragen.


Die Ukraine blieb stur: Julia Samoilowa darf nicht einreisen

Genau einen Monat vor dem Finale des diesjährigen Eurovision Song Contest 2017 in Kiew hat der russische Staatssender Perwy Kanal am Donnerstag angekündigt, nicht am Wettbewerb teilzunehmen und die Sendung auch nicht auszustrahlen.

Der Entscheidung vorausgegangen war eine wochenlange Propagandaschlacht: Erst kurz vor Ende der Deadline hatte der russische Sender die Sängerin Julia Samoilowa, die seit ihrer Kindheit wegen einer seltenen Erkrankung des Rückenmarks im Rollstuhl sitzt, als seine Vertreterin bekannt gegeben (queer.de berichtete). Vermutlich wusste er da schon, dass diese 2015 auf der kurz zuvor von Russland annektierten Krim aufgetreten war.

Direktlink | Bis heute streiten Fans, ob Russland ernsthaft vorhatte, Julia Samoilowa wirklich nach Kiew zu schicken oder ob sie als Schachfigur in einer Propagandaschlacht genutzt wurde. Ihrem Song selbst räumten jedenfalls nur wenige Fans hohe Punktzahlen ein.

Die ukrainischen Behörden verhängten ihren Gesetzen entsprechend ein dreijähriges Einreiseverbot für die Sängerin, und Russland empörte sich recht kalkuliert über die Behandlung einer behinderten Sängerin bei einem Wettbewerb, der in diesem Jahr unter dem Motto "Celebrate Diversity" (Feiert die Vielfalt) steht (queer.de berichtete). Die angebliche Diskriminierung der Sängerin verstoße gegen die Regeln und Prinzipien des Wettbewerbs, kommentierte der Perwy Kanal so auch am Donnerstag.

EBU legte sich für Russland ins Zeug

Ungeschickt verhielt sich bei dem Streit vor allem die EBU: Erst brachte sie eine bislang nie praktizierte Satellitenzuschaltung des Live-Auftritts Samoilowas ins Gespräch (was Russland mit dem Hinweis ablehnte, man wolle keine Sonderbehandlung durch neue Regeln). Während man dann die ukrainischen Behörden zumindest um eine Verschiebung oder temporäre Aufhebung des Einreiseverbots bat, erhoffte man sich ebenso vergebens einen Ersatzkandidaten aus Russland.

Letztlich drohte die scheidende EBU-Chefin Ingrid Deltenre der Ukraine gar mit einer mehrjährigen Teilnahmesperre, sollte sie der Russin keine Möglichkeit für einen Auftritt bieten – die Frage, auf welche ESC-Regelungen sich Deltenre bei der Drohung überhaupt berufen will, blieb dabei ebenso unklar wie bei einem später aufgetauchten Telefonat von ihr mit russischen TV-Komikern. Die Männer, die in der Vergangenheit bereits Elton John reingelegt hatten (queer.de berichtete), entlockten ihr gar die Drohung gen Ukraine, den Wettbewerb in letzter Sekunde nach Berlin zu verlegen, sollte das Land nicht einlenken.

Deltenre hatte in dem Gespräch auch betont, dass aus ihrer Sicht der Vorjahresbeitrag der Ukraine politisch gewesen sei und nicht erlaubt hätte werden dürfen: Jamala hatte den Wettbewerb mit einem Lied über die Behandlung von Krimtartaren durch die Sowjetunion gewonnen. Russland, bei Wettbüros lange Favorit und am Abend Gewinner des Televotings, wurde in einem spannenden Abstimmungsprozedere letztlich nur Dritter. Danach hatten es einen wochenlangen russischen Shitstorm gegen den Contest und die abstimmenden Jurys gegeben.

Direktlink | Jamalas Lied ließ sich zweifellos als eine Anklage gegen Russland deuten, auch deswegen gewann sie den Contest. Der Einsatz der EBU eher auf russischer Seite überrascht nun doch etwas.

In den Jahren zuvor waren bereits russische Vertreter in den ESC-Hallen ausgepfiffen worden, wegen des Gesetzes gegen Homo-"Propaganda" wie auch aufgrund der Krim-Krise. Das Land hatte aber bei Televoting und Jurystimmen immer wieder weit oben abgeschnitten.

Bald beginnen die Proben

Derweil kritisierte die EBU am Donnerstag erneut vor allem die Ukraine: Man verurteile die Entscheidung zu einem Einreiseverbot für die Sängerin, sagte Frank Dieter Freiling vom ZDF, der als Mitglied der "Reference Group" die Geschicke des ESC mitbegleitet. Diese Entscheidung untergrabe "die Integrität und nicht-politische Natur des Eurovision Song Contests und seine Mission, alle Nationen in einem freundschaftlichen Wettbewerb zusammenzubringen".

Zu möglichen Strafen verlor Freiling kein Wort – auch nicht gen Russland, dass durch den späten Rückzug samt Nichtausstrahlung immerhin einen tatsächlichen Regelverstoß begeht. Man hoffe dennoch auf einen "spektakulären" Wettbewerb, so die EBU.

Immerhin: Nachdem die Produktion vor wenigen Wochen noch wochenlang hinter dem Zeitplan lag und zwischenzeitlich einige Verantwortliche zurückgetreten waren, gibt es inzwischen erste Bilder vom Aufbau der Bühne. Die beiden Halbfinale des ESC finden am 9. und 11. Mai statt, am 13. Mai folgt das Finale.

Instagram / eurovision | Erste Bilder aus der Halle

Nach dem Rückzug Russlands, der in der Hoffnung aller Beteiligten nicht zu weiteren direkten und indirekten Provokationen und Störaktionen führt, treten 42 Länder in Kiew an; Italien, Bulgarien, Schweden und Portugal führen derzeit bei den Wettbüros die Rangliste an. Deutschland mit der Sängerin Isabella Levina Lueen liegt wie in den letzten Jahren weit hinten.



#1 Patroklos
  • 14.04.2017, 00:03h
  • Das war zu erwarten. Es hätte noch zwei andere Möglichkeiten gegeben:

    1. Anderer Interpret, aber gleicher Titel
    2. Anderer Interpret mit anderem Titel

    So gibt es nun endlich Gewißheit und das ist auch gut so.
  • Antworten » | Direktlink »
#2 LorenProfil
  • 14.04.2017, 00:32hGreifswald
  • Die EBU und auch Herr Schreiber (NDR) agieren in dieser Sache so empathielos, dass ein Zyniker auf die Idee kommen könnte, sie hätten zu lange eine "Überdosis Frieden" genossen (wo doch Nicole seinerzeit nur ein "bisschen" wünschte). Die Legende von diesem Wettbewerb als "politikbefreiter Insel der Seligen" ist doch seit 1968 obsolet (Massiel: "La la la", mit Grüßen des spanischen Diktators Franco).
  • Antworten » | Direktlink »
#3 BuntUndSchönAnonym
  • 14.04.2017, 01:00h
  • Tut mir leid für die Sängerin.
    Was ich dennoch von Russland höre über den Umgang mit Homosexuellen, ist es nur fair, dass Russland nicht mitdabei ist.
    Irgendwo siegt Gerechtigkeit!

    Und der ESC ist eh nur show. Alle strahlen sie in die Kamera, und einen Monat später ist die ach so mega diversity vergessen und sie passen sich wieder ihrer Abneigung an, so nach dem Motto: Ich habe ja nix dagegen, aber....

    Wer nur einmal im Jahr meint, diversity hochzuhalten, hat die realen Probleme der LSBTTIQ noch nicht wirklich verstanden!
  • Antworten » | Direktlink »
#4 AlexAnonym
  • 14.04.2017, 01:53h
  • Jetzt kann sich Russland als Opfer inszenieren. Kein schönes Ergebnis, aber ich kann mir auch kein Besseres vorstellen.

    Es war eine kalkulierte Provokation und jetzt tragen sie eben die Konsequenzen. Vermissen werden Russland wohl eher weniger. Solange Mitglieder aber meinen, ihre Differenzen auch auf der Musikbühne austragen zu müssen, solange ist das Konzept Eurovision ebenfalls gescheitert.

    Eigentlich müsste man auch die Ukraine sanktionieren, was aber nicht geht, da sie ja Gewinner und damit Gastgeber sind. Den Wettbewerb ganz abzusagen, das ist dann auch nicht drin, selbst wenn es moralisch richtig wäre.
  • Antworten » | Direktlink »
#5 schwarzerkater
  • 14.04.2017, 08:29h
  • EBU - das ist doch ein Verein der Heuchler:
    - die Ukraine gewinnt mit einem Titel, der ganz gezielt gegen Russland gerichtet ist/war.
    - natürlich wird dann die Ukraine, in der in Teilen Krieg herrscht, nächster Austragungsort sein.
    - Russland provoziert die Ukraine mit einer Sängerin, die sie gezielt auf der Krim haben auftreten lassen.
    Und nun wird der Schwarze Peter hin- und hergeschoben und Russland und EBU fühlen sich als Opfer. Sehe ich anders.
  • Antworten » | Direktlink »
#6 Homonklin44Profil
  • 14.04.2017, 10:40hTauroa Point
  • Ich habe da keine gesonderte Meinung dazu, weil ich diesen Contest schon seit Längerem nicht mehr verfolge.
  • Antworten » | Direktlink »
#7 SebiAnonym
  • 14.04.2017, 14:26h
  • Dass ausgerechnet Russland das Diversity-Argument bemüht, um den Ausschluss der Sängerin zu kritisieren, ist schon ein Hohn...

    Mir tut es für die Sängerin persönlich sehr leid, dass sie nicht teilnehmen darf. Aber gerade Russland interessiert sich ansonsten ja auch keinen Pfifferling für Diversity.
  • Antworten » | Direktlink »
#8 orchidellaProfil
  • 15.04.2017, 21:10hPaderborn
  • Der Begriff der angeblichen Enttäuschung der EBU scheint mir unangebracht, denn das Einreiseverbot gegenüber Julia Samoilowa war für alle Beteiligten absehbar, nachdem sie die Krim unter Mißachtung der ukrainischen Einreisebestimmungen über russisches Staatsgebiet betreten hatte und damit den Tatbestand der illegalen Einreise erfüllt.

    Zur Erinnerung: Die UN-Vollversammlung hat das von Russland initiierte Referendum auf der Krim für "ungültig" erklärt. Die Krim gehört damit völkerrechtlich weiterhin zur Ukraine, dass sie wird derzeit faktisch von Russland kontrolliert wird, bedeutet nicht, dass es nicht ausschließlich Angelegenheit der Ukraine ist, Einreisebestimmungen für die Krim festzulegen. Soweit ich weiß, hat die EBU diese Vorschriften zu keinem Zeitpunkt in irgendeiner Weise problematisiert.

    Ebenso eindeutig gehört es zu den Pflichten der teilnehmenden Sender, vor einer Entsendung zu überprüfen, ob die zur Auswahl stehenden TeilnehmerInnen nach den Gesetzen des Gesetzgeberlandes einreisen dürfen oder nicht. Die EBU kann kein
    Gastgastgeberland dazu nötigen, TeilnehmerInnen einreisen zu lassen, die gegen die dortigen Gesetze verstoßen haben. Die einschlägige Rechtslage besteht schon seit Juni 2015 und wurde auch nicht "nachträglich" herbeigeführt, um Frau Samoilowas Auftritt zu verhindern.

    Fazit: Während die Ukraine sich an die Rechtslage hält, verlangt die EBU von ihr, über einen Rechtsbruch hinwegzusehen.

    Dass die Ukraine in das Dilemma gerät, einer rollstuhlfahrende Sängerin die Einreise zu verweigern oder aber über einen Gesetzesverstoß hinwegzusehen, der in unmittelbarem Zusammenhang mit der Verletzung ihrer territorialen Integrität steht, wurde vom russischen Staatsfernsehen wie auch von Frau Samoilowas Management von vorneherein einkalkuliert, wenn es nicht der für die - ohne Publikumsbeteiligung zustande gekommene - Auswahlentscheidung ohnehin der ausschlaggebende Faktor war. Dieser Fall, der vom Kreml auch weiterhin propagandistisch ausgeschlachtet werden wird, ist leider symptomatisch für das heutige Russland, dessen Machthaber so unfassbar zynisch, provokativ und menschenverachtend agieren, dass es einem fast die Sprache verschlägt.
  • Antworten » | Direktlink »
#9 LordWilliamByronAnonym
  • 17.04.2017, 11:51h
  • Wenn man sich die Kommentare so durch liest , fragt man sich wirklich wie blind viele eigentlich sind. Mit dem Siegerlied " 1944" hat die Ukraine die Reaktion doch praktisch provoziert. Egal wo man politisch, menschlich oder sexuell steht ist auch die Aussage zu Russlands Anti Homopolitik unsinnig, dann müßten wir auch die Ukraine und zahlreiche andere Oststaaten( + einige Weststaaten ) sofort vom Eurovisionsspektakel ausschließen. Beide Länder, die EBU und auch die hier einseitig Position beziehen tuen dem Musikfestival damit einen Bärendienst - eben einen schlechten.
  • Antworten » | Direktlink »
#10 The Wicked LordAnonym