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Bibliothek rosa Winkel

Ein verschollenes Stück queerer Emanzipationsgeschichte

Im Männerschwarm Verlag ist ein Reprint der zwischen 1930 und 1932 erschienenen Transvestiten-Zeitschrift "Das 3. Geschlecht" erschienen.


Der Reprint mit rund 100 Abbildungen ist in der Bibliothek rosa Winkel des Männerschwarm Verlags erschienen

Der Verleger Friedrich Radzuweit gab zwischen 1930 und 1932 fünf Ausgaben der Zeitschrift "Das 3. Geschlecht" heraus. Diese fünf Ausgaben richteten sich an vornehmlich an Transvestiten. Also Männer oder Frauen, die ihr Erscheinungsbild ihrem geschlechtlichem Empfinden anpassten oder die sich zumindest zeitweise in diesem Erscheinungsbild wohler fühlten.

Der Reprint ermöglicht einen Blick auf die Kultur von Transvestiten vor dem Faschismus in Deutschland. Es handelt sich um erste Formen der Verständigung. Populärwissenschaftliche Beiträge sollten die Leser aufklären. Zumeist männliche Transvestiten berichteten über ihr Leben. Kurzgeschichten von unterschiedlicher literarischer Qualität berichteten über Mühsal, aber auch Stolz.

Erstaunlich ist die Offenheit und der Mut, wie in "Das 3. Geschlecht" Transvestiten an die Öffentlichkeit treten und vieles vorweg nehmen, was erst Jahrzehnte später wieder an die Öffentlichkeit treten sollte. So schreibt Dr. Wegner in der ersten Ausgabe, "daß die Abweichungen von der Norm keineswegs als unnatürlich anzusehen ist (…) Denn die Norm ist nicht etwas von Natur gegebenes, sondern von uns berechnetes, von unserem Geist geschaffenes."

In Anlehnung an den Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld, der das Credo "Mit Wissenschaft zur Gerechtigkeit" prägte, möchte Dr. Wegner "bei der großen Masse Verständnis wecken." Garniert sind die Ausgaben mit zahlreichen Porträts und Akten von Transvestiten und "Zwittern", also intergeschlechtlichen Menschen

Berthe Dietrich – die Dr. Sommer der Weimarer Republik

Ein aufklärerischer Geist weht durch die Ausgaben der Zeitschrift. Der Leser erfährt ebenfalls einiges über weitergehende sexuelle Praktiken, wie zum Beispiel Sado-Masochismus, der einen besonders breiten Raum in der Zeitschrift einnimmt und als legitim dargestellt wird. Im Stile eines vorweggenommenem Dr. Sommers der "Bravo" rät Berthe Dietrich: "Man muß alles viel leichter machen, sich besser mit seiner Veranlagung abzufinden versuchen. […] Vielleicht sehe ich es als Frau alles mit anderen Augen, darum will ich versuchen zu helfen und zu raten."

Die Ausgaben sind spannende Zeitdokumente. So wird zu Beginn der Dreißigerjahre vor Transsexualität generell abgeraten, denn die Operationen zur Angleichung des Geschlechts an die Geschlechtsidentität waren damals wenig ausgereift und oft lebensbedrohlich. Hingegen verrät Friedrich Radzuweit in der vierten Ausgabe viel über seine wohl zeitlosen Schwierigkeiten als Aktivist: "Die Transvestiten möchten gerne öffentlich respektiert werden, aber sie möchten weder persönlich mitarbeiten und auch keinen Groschen für den Kampf hergeben."

Häufig wird in Anlehnung an die Psychoanalyse Sigmund Freuds auf einen Trieb Bezug genommen, der alle Sexualität bestimmen würde. Die Artikel zum Sado-Masochismus konterkarieren dabei oft das Engagement, die Natürlichkeit von Geschlecht zu hinterfragen, denn hier wird masochistisches und sadistisches Verhalten wieder quasi natürlichen Rollenbildern zugeordnet.

Herausgeber Rainer Herrn liefert mit dem Reprint und seiner historischen Einordnung zum Ende des Buchs einen Einblick in eine Trans*-Kultur, die der Faschismus zerstörte. Und er zeigt eindrucksvoll, dass in Deutschland die Ursprünge einer Kultur der geschlechtlichen und sexuellen Vielfalt liegen. "Das 3. Geschlecht" ist ein beeindruckendes Dokument einer frühen Selbstverständigung von Menschen, die unter den Normen der geschlechtlichen und sexuellen Zwänge der Gesellschaft litten. Ein starkes, ein wichtiges Buch.

Infos zum Buch

Rainer Herrn (Hrsg.): Das 3. Geschlecht. Reprint der 1930 -1932 erschienen Zeitschrift für Transvestiten. Bibliothek rosa Winkel. 306 Seiten. Männerschwarm Verlag. Hamburg 2016. 28 €. ISBN 978-3-86300-217-6


#1 ZeroAnonym
  • 14.04.2017, 13:23h
  • Gabs da nicht vor kurzem schon mal was aehnliches? Ich meine war auch ein Reprint oder so von Anfang 20. Jhdt. mit aehnlicher Thematik. Hab in der Suche und in der Buch-Kategorie leider nichts gefunden. Meine aber es hier in einem Artikel gelesen zu haben
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#2 WillieAnonym
  • 14.04.2017, 14:18h
  • Einerseits super, dass es den Reprint gibt. Andererseits schade, dass Rainer Herrn selbst nicht besonders trans-freundlich ist.
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