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  • 29. Mai 2005, noch kein Kommentar

Traumhafte Strände, spritziger Wassersport und knackige Männer: Key West ist die "schwulste Republik der USA".

Von Bernd Rosenbaum

1. Tag: Welcome To Miami

Die wahrhaft unchristliche Abflugszeit um 7.30 Uhr in der Früh hat auch ihr Gutes. Wer sich zeitig aus dem Bett quälen kann, wird mit einem gewonnenen halben Tag Urlaub belohnt: Dank Zeitverschiebung (sechs Stunden zurück) lande ich mittags auf dem Miami International Airport. Beim Verlassen des Flugzeugs schlägt mir Sonne und heißer Wind ins Gesicht. Sofort ist das Ferienfeeling da.

Mit einem Mietwagen geht es zum ersten Stopp der Reise: Marathon ist die mittlere der sieben großen und unzähligen kleinen Inseln ("keys"), die sich rund 125 Meilen tief nach Südwesten erstrecken und die Florida Bay und den Golf von Mexiko vom Atlantik trennen. Adressen werden (mit Ausnahme von Key West) nur mittels Mile Marker (MM) angegeben, zusammen mit einem Hinweis, auf welcher Seite des Overseas Highway das gesuchte Haus zu finden ist ("bay-" bzw. "gulfside" oder "oceanside").

Das Ziel meiner ersten Etappe liegt bei MM 49,5 gulfside. Das Banana Bay Resort ist ein malerisches Hotel im Bambushaus-Stil mit komfortablen Zimmern. Manager Del präsentiert mir per Bootsausflug stolz sein exklusivstes Apartment: Es liegt einige hundert Meter in die Bucht hinein auf einer Miniinsel namens Pretty Joe Rock. Für schlappe 5.000 Dollar pro Woche kann man hier wohnen, ist dafür allerdings auch garantiert ungestört.

2. Tag: Marathon

Es gibt zwei gute Gründe, nicht gleich von Miami nach Key West durchzufahren. Erstens haben die wenigsten Lust, sich nach elf Flugstunden gleich für weitere vier Stunden ins Auto zu setzen. Und zweitens würde man sich um ein paar interessante Ausflugsmöglichkeiten bringen. So zum Beispiel um ein Bad mit Delfinen im berühmten Dolphin Research Center (MM 59, Grassy Key). Hier entstanden in den Sechzigern viele Nahaufnahmen für die TV-Serie "Flipper". Für 17,50 Dollar gibt es eine informative Führung und eine 20-minütige Show mit den intelligenten Meeressäugern.

Ein Stückchen weiter im Crane Point Hammock (MM 50,5 bayside), einem ehrenamtlich geführten Heimatkundemuseum, geben Fundstücke von Tauchgängen vor den Keys Zeugnis aus den letzten 500 Jahren Seefahrt. Im angeschlossenen Naturkundemuseum gibt’s neben Muscheln auch lebende Fische zum Anfassen und Streicheln.

3. Tag: Auf nach Key West!

Meine Fahrt führt mich über die neue Seven Mile Bridge, die seit 1982 vier baufällig gewordene Brückenabschnitte aus dem Jahre 1912 ersetzt. Knapp zwei Stunden später bin ich am Ziel, im Zentrum von Key West (Mile Marker 0) – und platze mitten hinein in ein schwules Straßenfest, das die Einheimischen für die Teilnehmer einer "Gay Cruise" organisiert haben, die kurz zuvor von ihrem Kreuzfahrtschiff an Land gespült wurden. An diesem Nachmittag ist die komplette Duval Street, die Haupt-Geschäftsstraße, für den Autoverkehr gesperrt. An jeder Ecke stehen braungebrannte, durchtrainierte Männer mit nacktem Oberkörper und feiern ausgelassen.

"Ein voller Erfolg", bestätigt mir Steve Smith, der hinter einem Klapptisch steht, Flyer und Cruising Packs verteilt und die Key West Business Guild vertritt, Amerikas ältesten Verband schwuler Unternehmer. Smith ist die treibende Kraft bei den Anstrengungen, Key West als schwules Urlaubsparadies weltweit bekannt zu machen. Dabei sollte das gar nicht so schwer sein, denn die Voraussetzungen sind ideal: Im Stadtzentrum gibt es Dutzende schwul-lesbische Geschäfte, Bars und Kneipen sowie zahlreiche "gayfriendly" oder gar "men only" Guesthouses. "Hier guckt niemand schräg, wenn zwei Männer Händchen halten oder sich auf offener Straße küssen", so Smith.

Mit Steve ziehe ich abends um die Häuser. Los geht’s im One Saloon, der einzigen Leder- und Jeansbar der Stadt. Wer es lieber kulturell mag, bekommt dies um die Ecke in der 801 Bourbon Bar mit allabendlichen Drag Shows. Zielgerichteter geht es ein paar Häuser weiter im Bourbon Street Pub zu. Hardcore-Filme flimmern von den Fernsehern über der Bar und stimmen ein auf das, was einen hinter der Tür zum Darkroom erwartet. Praktisch: Alle Läden liegt dicht beieinander, ein Auto oder Taxi braucht man in Key West nicht.

4. Tag: Schnorcheln und Showtime

Beim Frühstück im Blue Heaven Restaurant verrät mir Steve mit einem Augenzwinkern, dass sich die Keys im Jahr 1982 von den Vereinigten Staaten lossagten – als Reaktion auf eine Blockade, die von den Grenzpatrouillen des Festlandes ausging. Die selbstständige "Conch Republic" (gesprochen "Konk") wurde ausgerufen, benannt nach der Tritonshornschnecke. Diese große Muschelart gilt als Wahrzeichen der Keys. Heute sei die einheimische Community stolz darauf, in der "schwulsten Republik Amerikas" zu leben, betont Steve.

Mittags besteige ich den kleinen Segelkatamaran "Blue Q", um an einem rein schwulen Schnorcheltrip zu der sechs Meilen vor Key West liegenden Mangroven-Sandbank teilzunehmen – rein schwul deshalb, weil die fünf bis sieben Passagiere an Bord die Freiheit haben sollen, sich nach Lust und Laune auch gänzlich textilfrei an Deck und im Wasser zu tummeln.

Am Abend steht das "La te da" auf dem Programm, ein Hotel-Restaurant mit angeschlossener Drag Show im Crystal Room. Erstklassige Travestie und Trümmertrash gehen hier Hand in Hand und sorgen für überaus kurzweilige Unterhaltung den ganzen Abend lang.

5. Tag: Kultur und Kwest

Zeit für Kultur und Sightseeing: Nach dem Frühstück in Big Ruby’s Guesthouse, umschwirrt von zahllosen Hähnen, Hühnern und Küken, die dort frei im Garten herumlaufen, gibt’s eine Rundfahrt mit dem Gay Trolley, einer Art schwul-lesbischer Straßenbahn-Tour. Betsy, Fahrerin und Schaffnerin in Personalunion, führt vorbei am südlichsten Punkt der USA, markiert von einem fast zwei Meter hohen, bunt bemalten "Butt Plug" und dem "Dick Dock" am Higgs Beach, an dem sich abends die Männer zum Cruisen treffen. "In der 60er und 70er Jahren gab es hier keine expliziten Schwulenbars", erzählt Betsy, "es gab nur gemischtes Publikum überall." Fanden Navy-Offiziere jedoch heraus, dass in bestimmten Bars vorwiegend Schwule verkehrten, bekamen die Seeleute dort sofort Hausverbot.

Das Nachtleben beginnt bereits am frühen Abend: Im Aqua Nightclub tanzen die Männer zu 80er-Jahre-Pop, während ich noch meinen ersten Campari Orange bestelle. Die Stimmung dort ist ausgelassen und zwanglos, der Flirtfaktor sehr hoch. Und doch zieht es mich in das vergleichsweise winzige Kwest Men zwei Häuser weiter. Hier räkeln sich sechs Tänzer auf ihren Podesten und nehmen schnell Blickkontakt auf mit Neuankömmlingen. Wer Interesse signalisiert, hat kurz darauf Gesellschaft und wird verführerisch zu einem Lap Dance unter vier Augen animiert. Der rothaarige Shane aus Irland erklärt mir die Spielregeln: Jeder Privattanz im Separée kostet 20 Dollar pro Song. Dabei zeigen die Jungs fast alles, lassen sich aber nicht anfassen – es sei denn, sie fordern ausdrücklich dazu auf.

6. Tag: Dry Tortugas & Island House

Meinen letzten Tag nutze ich zu einem Ausflug auf die Dry Tortugas, einer Inselgruppe aus sieben Korallenriffen rund 113 Kilometer westlich von Key West entfernt. 1846 entstand hier Fort Jefferson, das während des Bürgerkrieges als Militärgefängnis benutzt wurde. Heute sind die "trockenen Schildkröten" als Nationalpark ein beliebtes Ausflugsziel. Die Tauch- und Schwimmbedingungen hier sind ideal. Ein Tagesausflug mit dem Schnellkatamaran auf die Dry Tortugas kostet pro Person 115 Dollar – Verpflegung, Schnorchelausrüstung, Eintrittspreis und Führung durch das Fort inklusive.

Anschließend noch ein Besuch im Island House: Eigentlich ein luxuriöses Gay-Hotel, stehen die Sauna (das einzige schwule Dampfbad auf den Keys), Pools und ein Hardcore-Kino auch Tagesgästen offen.

7. Tag: Rückreise

Am Morgen heißt es dann Abschied nehmen von den idyllischen Inseln vor Florida. Der Key Shuttle fährt mich für 70 Dollar vom Hotel direkt zum Flughafen in Miami, von wo aus mich der Flieger wieder nach Deutschland zurückbringt. An Bord mache ich Kassensturz und stelle fest, dass ein Urlaub in Key West eine kostspielige Angelegenheit ist. Flug, Unterkunft, Ausflüge und Essen summieren sich – je nach Saison und Anspruch – schnell zu einem bis zwei Monatsgehältern auf. Dafür bekommt man allerdings ein paar unvergessliche Tage voller Erholung und Abenteuer bei paradiesischem Klima.

Die wichtigsten Events auf Key West:
PrideFest, 4. bis 12. Juni 2005
FantasyFest, 21. bis 30. Oktober 2005
Tropical Heat, 4. bis 7. Mai 2006

30. Mai 2005