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Vom Brudermord an den alten "Spießern"

Gibt es "Sprechverbote" in der queeren Community?

So heftig und kontrovers wie Patsy l'Amour laLoves neuer Sammelband "Beißreflexe" wurde seit langem kein Buch mehr diskutiert. Eine Annäherung von Kevin Clarke.


Patsy l'Amour laLove hat mit 25 Autoren einen Sammelband herausgebracht, der sich als "Kritik an queerem Aktivismus und Sprechverboten" versteht (Bild: Dragan Simicevic Visual Arts)

Da hat die aktivistische "Polittunte" Patsy l'Amour laLove offensichtlich den Finger in eine klaffende Wunde gelegt: So viele leidenschaftliche Pro- und Kontra-Reaktionen gab's auf einen eher akademischen Sammelband mit Texten zur aktuellen LGBTIQ*-Szene wohl lange nicht.

Diese reichen von wüsten Beschimpfungen, Boykottaufrufen und kopfschüttelndem Unverständnis darüber, wie Patsy l'Amour laLove denn "so etwas" nur tun konnte, bis zu Applaus und Unterstützung der Gegenseite dafür, dass da "endlich mal jemand das ausspricht", was vielen (wie es scheint) am aktuellen Diskurs in der queeren Szene so tierisch auf die Nerven geht. Die im Titel angesprochenen "Beißreflexe" sind also in vollem Gange, auf allen Seiten.

Und es wird tatsächlich wild zugebissen. Die Folge: Veranstaltungen, wo Patsy oder eine_r ihrer diversen Autor_innen auftreten, sind bis auf den letzten Platz gefüllt, es gibt endlose Diskussionen auf allen Social-Media-Kanälen, Museen und andere Institutionen veranstalten Panels, große Tageszeitungen und Magazine berichten genüsslich über das diskursive Gemetzel. Andererseits formieren sich Protestgruppen vor Veranstaltungsräumen und verhindern Auftritte. Derweil die erste Auflage des Buchs vom kleinen Berliner Querverlag nach nicht einmal einer einzigen Woche ausverkauft war. Unmittelbarer Nachdruck erforderlich, weil so viele wissen wollen, worum es hier geht. Chapeau!

Die "Schuld" des weißen alten schwulen Cis-Mannes

Für viele Homosexuelle, die sich außerhalb aktivistischer Szenen bewegen und mit queerem Hochschulalltag wenig zu tun haben, muss der Krieg, der da tobt, erstaunlich wirken, wenn nicht gar befremdlich. Vielleicht wirkt die Debatte auf manche auch weit entfernt, als habe sie mit ihrem eigenen Leben wenig zu tun. Das stimmt aber nicht ganz, weil es um Fragen geht, die letztlich jeden direkt betreffen.

Vor allem steht die Frage zentral im Raum: Wie wollen wir innerhalb und außerhalb der LGBTIQ*-Community miteinander umgehen? Und: Gibt es überhaupt noch eine solche Community? Wollen wir, dass es eine gibt? Oder ist sie ein Relikt aus vergangenen Zeiten, das nicht mehr passt und möglicherweise mehr Schaden anrichtet als Menschen zu helfen, befreit und glücklich miteinander zu leben?

Als ich Patsy l'Amour laLoves 30-seitige Einleitung las und die dort skizzierte Ansammlung von Anfeindungen, die sie erlebt hat – mit Vorwürfen "rassistisch" zu sein, "weiß und priviligiert", "reaktionär" usw. usf. – erkannte ich viele Dinge, die ich selbst im letzten Jahr wiederholt hören durfte. Wobei auch ich mich gefragt habe, wieso mir, entgegen meinem eigenen Selbstverständnis, derartige Sachen um die Ohren fliegen, verbunden mit der Frage, wie ich damit nun umgehen will.

Was für Argumente gibt es, wie könnte ich mich verbal verteidigen, sollte ich mich überhaupt auf die Diskussion einlassen und wie viel "Schuld" liegt bei mir als weißem alten schwulen Cis-Mann, dass ich andere – offensichtlich – mit Worten und Verhaltensweisen so vor den Kopf stoße, allein schon durch meine Präsenz und meine "weiße Machtposition"? Habe ich einfach den Zug der Zeit verpasst und hänge antiquierten Weltbildern nach, die von einer nachgerückten Generation über den Haufen geworfen wurden? Sollte ich mich besser zurückziehen in harmlose Bereiche wie die Operettenforschung und die politischen Debatten und den politischen Aktivismus anderen überlassen? Will ich das?

Wie "sprechberechtigt" sind "Nichtbetroffene"?


Die erste Auflage von "Beißreflexe" war binnen einer Woche ausverkauft

Patsy l'Amour laLove hat eine Gruppe von 25 Autoren und Autorinnen versammelt, die primär für eine Sicht der Lage stehen, mit der ich mich persönlich stark identifizieren kann. Nicht unbedingt in jedem Einzelfall. Aber im Großen und Ganzen. Primäre Aussage: Ich will mich nicht schuldig dafür fühlen, dass es mir möglicherweise besser geht als anderen, ich will auch nicht unterstellt bekommen, dass ich mir nicht vorstellen könne, was es heißt, als "Person of Color" (PoC) oder "Frau" ausgegrenzt zu werden, ich will auch nicht darauf verzichten, an Diskussionen über die Lage von Flüchtlingen und anderen Gruppen teilzunehmen, nur weil ich selbst nicht direkt zu diesen Gruppen gehöre und deshalb nicht "sprechberechtigt" sein soll, als sogenannter "Nichtbetroffener" und "Unterdrücker".

Als Patsy l'Amour laLove bei einem Vortrag mit Podiumsdiskussion im taz-Café – veranstaltet von der Initiative Queer Nations ("Verein zur Förderung von queeren Wissenslandschaften sowie von gesellschaftlichen Debatten") – forderte, dass wir uns alle fair und mit Respekt behandeln sollten, konnte ich darin nichts Radikales erkennen, es ist für mich eher eine Selbstverständlichkeit. Dass in einem Sammelband, in dem Journalisten wie Elmar Kraushaar oder Dirk Ludigs mitschreiben, manche Dinge zugespitzt formuliert werden, ist mir als Leser ebenso selbstverständlich und willkommen. Deshalb gleich von reaktionärer Polemik zu sprechen, erschließt sich mir nicht. Aber ich bin ja offensichtlich auch im "falschen" Lager (oder "richtigen", je nachdem wie herum "Mann" die Sache betrachtet).

"Patsy redet doch auf allen Podien"

Und so geht die Schlacht weiter. Eine lesbische Bekannte sagte kürzlich zu mir: "Was heißt hier Sprechverbote? Patsy redet doch auf allen Podien… Nonstop!" Während andere Lesben sich beklagen, nicht genug zu Wort zu kommen und nicht ausreichend in "Beißreflexe" repräsentiert zu werden. Auf die Frage, warum sie nicht einen eigenen Essayband herausbringen und eine Gegenposition formulieren, kommt als Antwort: "So einfach ist das nicht, die Männer besetzen alle publizistischen Entscheidungspositionen!" Was krass ist, denn selbst der Querverlag hat mit Ilona Bubeck auch eine lesbische Chefin, die als Autorin in "Beißreflexe" vertreten ist, Special Media (wo die "Siegessäule" rauskommt) hat zwei lesbische Verlegerinnen, und der Konkursbuchverlag wird von Claudia Gehrke geleitet (die "Mein lesbisches Auge" herausbringt). Es ist nicht so, dass es keinerlei Optionen gäbe.

Dass es für PoC und Menschen mit Migrationshintergrund schwieriger ist, sich entsprechend publizistisch Verhör zu verschaffen, mag stimmen, es mag auch stimmen, dass diese Gruppen derzeit andere Sorgen haben, als einen Essayband mit gesellschaftspolitischen Positionierungen herauszubringen. Aber sollte deshalb Patsy keinen Band rausbringen? Ist das die Schlussfolgerung? Und ist es Patsy l'Amour laLoves Verantwortung, in ihrem Buch dafür zu sorgen, dass alle Gruppen gleichberechtigt vorkommen? Seit wann funktioniert so Publizistik?

Okay, wenn dieser Band als Titel hätte "Die aktuelle LGBTIQ* Szene im Überblick" und bei einem Großverlag wie der Oxford University Press erschienen wäre, dann hätte ich erwartet, dass alle Gruppen mit Quotenregelung fair verteilt zu Wort kommen. Aber dann wäre es ein mit viel Geld gefördertes Projekt gewesen. So ist es ein leidenschaftlicher Aufschrei einer Herausgeberin und damit ein Beitrag zur aktuellen Debatte., neben dem viele andere Beiträge Platz haben.

Eine Wiederholung der Kämpfe aus den Siebzigern?

In einem anderen neuen Sammelband mit dem Titel "Politiken in Bewegung. Die Emanzipation Homosexueller im 20. Jahrhundert", herausgegeben von Andreas Pretzel und Volker Weiß (Männerschwarm Verlag), berichtet der Historiker Jens Dobler davon, wie die Schwulenbewegung der Siebzigerjahre mit damals neuen Formen des Protests aufwartete: "das Laute, das Provokante, das Unversöhnliche" wurde dem "Spießigen" der Vorgängergeneration gegenübergestellt, die versucht hatte, versöhnlicher die politischen Ziele zu erreichen. Damit entpuppten sich die jungen Protestler als "Brudermörder" der "spießigen älteren Brüder". Und: Ihr Verhalten "zeitigte Erfolg".

Ist die leidenschaftlich geführte "Beißreflexe"-Debatte, mit ihren Morddrohungen, Denunziationen, Rufmordkampagnen und all dem, was Patsy und ihre Mitautor_innen beschreiben, eine Wiederholung dessen, was wir in den Siebzigern mit dem Aufstand studentischer Gruppen erlebt haben, denen der gesellschaftliche Wandel nicht schnell genug ging? Sind die Autorinnen in "Beißreflexe" und alle, die sich mit deren Thesen identifizieren können, die spießigen älteren Brüder und Schwestern, gegen die die progessiven Jüngeren sturmlaufen?

Wohin die Reise geht, muss sich noch zeigen. Und ob sich die aktuellen radikalen Queerfeministinnen durchsetzen werden oder irgendeine andere Gruppe, bleibt abzuwarten. Unlängst sagte ein junger Philosophiestudent zu mir, als wir von Revolution und ideologischen Schlachten sprachen: "Grundsätzlich wollen alle sicher gehen, dass sie nach der Revolution auf der richtigen Seite der Macht stehen!"

Im Fall von "Beißreflexe" geht es genau darum: Welche Institutionen und ihre Vertreter_innen werden gefördert, welche nicht? Wer bekommt Posten an Universitäten, in Zeitungen, in politischen Stiftungen? Wer wird in Kuratorien gewählt und wer bleibt draußen? Wer kann dann bestimmen, wessen Anhänger_innen Aufträge bekommen? Wer bekommt die Deutungshoheit und definiert künftig die Geschichte?

Mit anderen Worten: Es geht ums Eingemachte; und unabhängig von Einzelpositionen in "Beißreflexe" ist das der wunde Punkt, in den Patsy l'Amour laLove den Finger gelegt hat. Weswegen die Reaktionen so extrem ausfallen. Und weswegen es nötig ist, dass alle mitdiskutieren.

Infos zum Buch

Patsy l'Amour laLove (Hrsg.): Beißreflexe. Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten. 272 Seiten. Querverlag. Berlin 2017. 16,90 €. ISBN 978-3-89656-253-1
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#1 Anonym_erAnonym
  • 16.04.2017, 08:14h
  • Ich war am 10.4. bei der Buchpräsentation im rappelvollen "Café KOZ" in Frankfurt. Das Buch selbst konnte ich noch nicht lesen, da ich es gleich nach Erhalt zunächst an eine andere Person weitergegeben habe - mittlerweile ist es ja vergriffen, und -ich denke- viele Leute warten auf die Neuauflage.

    Da ich vorher das von Patsy herausgegebene Buch "Selbsthass & Emanzipation"

    www.querverlag.de/books/selbsthass.html

    gelesen hatte, war ich sehr gespannt und auch sicher, dass mir da seriöse Erkenntnisse vermittelt werden.

    Ich wurde nicht enttäuscht. Was Patsy aus dem Buch vorlas, was sie anschließend dazu vortrug, und was sich am Ende noch in der Diskussion ergab, deckt sich mit meinen -teils sehr persönlichen- Erfahrungen hinsichtlich Sprechverboten in der Community. So z.B. auch mit den persönlichen Erfahrungen des Autors dieses Artikels hier. Ich zitiere: "Wobei auch ich mich gefragt habe, wieso mir, entgegen meinem eigenen Selbstverständnis, derartige Sachen um die Ohren fliegen, verbunden mit der Frage, wie ich damit nun umgehen will."

    "Habe ich einfach den Zug der Zeit verpasst und hänge antiquierten Weltbildern nach, die von einer nachgerückten Generation über den Haufen geworfen wurden? Sollte ich mich besser zurückziehen in harmlose Bereiche [...] und die politischen Debatten und den politischen Aktivismus anderen überlassen? Will ich das?"

    Meine Antwort darauf: ein klares Nein.

    Es kann und darf nicht sein, dass nur Personen zu Wort kommen dürfen, die sich selbst für "betroffener" und somit für "berechtigter" halten, innerhalb der Community das Wort zu ergreifen. Das widerspricht jedem Demokratieverständnis, das ich mir als derzeit 51jährige_r erarbeitet habe.

    Ich zitiere weiter:
    "Ich will mich nicht schuldig dafür fühlen, dass es mir möglicherweise besser geht als anderen, ich will auch nicht unterstellt bekommen, dass ich mir nicht vorstellen könne, was es heißt, als "Person of Color" (PoC) oder "Frau" ausgegrenzt zu werden, ich will auch nicht darauf verzichten, an Diskussionen über die Lage von Flüchtlingen und anderen Gruppen teilzunehmen, nur weil ich selbst nicht direkt zu diesen Gruppen gehöre und deshalb nicht "sprechberechtigt" sein soll, als sogenannter "Nichtbetroffener" und "Unterdrücker"."
    und unterschreibe dies 1:1.

    Ich finde es absolut skandalös, wie heutzutage Menschen in der Community ausgegrenzt und angefeindet werden. Ich selbst habe das erlebt und erlebe das - die Details sind hier nichts für die Öffentlichkeit; ein wichtiger Aspekt dessen sind jedoch m.E. Machtspielchen (was ich nicht annähernd so verniedlichend und verharmlosend meine, wie es klingt).

    Es gibt Menschen, die in der Position sind, Anderen Hausverbote, Sprechverbote etc. zu erteilen und dies dann auch tun, was teilweise zum sozialen Tod dieser Personen führt, weil sie an Orten der Community zur Persona non grata geworden sind. Ich glaube, manche mögen nicht erahnen, was für einen massiven persönlichen und psychischen Schaden sie diesen Personen damit zufügen, bis hin zu Suizidgedanken.

    Das Ganze aus einer Machtposition heraus, die sie weidlich auskosten; können sie dadurch doch unerwünschte Stimmen verstummen lassen und damit ihre eigene Macht- und Meinungsposition massiv stärken.

    Für mich ist das alles andere als Demokratie und ein zutiefst verachtenswertes Verhalten.

    Auch dieser Aspekt wurde in Frankfurt ausführlich besprochen. Als Rat für derart ausgegrenzte Menschen wurde u.a. erteilt, man könne sich ja dann aus diesen Bereichen der Community zurückziehen. Dumm nur, wenn es an vielen Orten keine Alternative dazu gibt. Dann bleiben nur Umzugsgedanken, oder man muss sich eben damit abfinden, dass man keine Veranstaltung der Community mehr besuchen darf. Als politisch denkende Person, die Aktivismus als eine ihrer wichtigen Aufgaben sieht, hat mensch es damit nicht sonderlich leicht.

    Leider sehe ich die Perspektive ähnlich pessimistisch wie hier zitiert:
    ""Grundsätzlich wollen alle sicher gehen, dass sie nach der Revolution auf der richtigen Seite der Macht stehen!"
    Dumm nur, wenn man vorher schon ausgeschaltet wurde.

    Ich zitiere weiter:
    "Im Fall von "Beißreflexe" geht es genau darum: Welche Institutionen und ihre Vertreter_innen werden gefördert, welche nicht? Wer bekommt Posten an Universitäten, in Zeitungen, in politischen Stiftungen? Wer wird in Kuratorien gewählt und wer bleibt draußen? Wer kann dann bestimmen, wessen Anhänger_innen Aufträge bekommen? Wer bekommt die Deutungshoheit und definiert künftig die Geschichte? Mit anderen Worten: Es geht ums Eingemachte."

    Also Machtpolitik allerersten Ranges.

    Einer demokratisch agieren wollenden Community absolut unwürdig.

    Und für manche Menschen sozial tödlich.

    Deshalb herzlichsten Dank an Patsy für dieses Buch. Ich empfinde persönlich Erleichterung dahingehend, dass über diese Thematik nun in größerem Maßstab diskutiert wird.

    Da ich persönlich keinen Wert auf Morddrohungen etc. lege (Hut ab vor Dir, Patsy, dass Du das aushältst), bleibe ich anonym. Ich werde auch nicht weiter auf meine konkrete persönliche Situation eingehen oder mich hier an den Pranger stellen lassen.

    Jedoch wollte ich nicht ungeschrieben lassen, was ich zu sagen hatte - und die Menschen wissen lassen, dass der soziale Tod grausam sein kann, wenn man an einem Ort weiter leben muss, an dem man von den wichtigsten Veranstaltungen ausgeschlossen wurde -
    obwohl man sich so gern konstruktiv an den emanzipatorischen Debatten der Community beteiligen würde.
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#2 GronkelAnonym
  • 16.04.2017, 13:40h
  • Antwort auf #1 von Anonym_er
  • Aus dem Artikel
    "Ich will mich nicht schuldig dafür fühlen, dass es mir möglicherweise besser geht als anderen, ich will auch nicht unterstellt bekommen, dass ich mir nicht vorstellen könne, was es heißt, als "Person of Color" (PoC) oder "Frau" ausgegrenzt zu werden, ich will auch nicht darauf verzichten, an Diskussionen über die Lage von Flüchtlingen und anderen Gruppen teilzunehmen, nur weil ich selbst nicht direkt zu diesen Gruppen gehöre und deshalb nicht "sprechberechtigt" sein soll, als sogenannter "Nichtbetroffener" und "Unterdrücker"."

    Übliche Muster, kann man auch hören, wenn Islamisten über den Islam und den Koran reden: Nein du kannst das nicht verstehen und mitreden, da du kein Moslem bist und kein Arabisch kannst. Billige Masche um sein eigenes Süppchen zu kochen. Hier an der Stelle entstehen sich selbst und zu Anderen abschottende Gemeinschaften, die genau so wenig Verständnis für Andere aufbringen wie sie den Anderen vorwerwerfen, dass ihnen kein Verständnis entgegengebracht wird.
    Wenn man diesen Gedanken weiterverfolgen würde, könnte es keinen unabhängigen Journalismus geben. Die Argumentationslinie ist eine komplette Sackgasse und anmaßend.

    "Ich finde es absolut skandalös, wie heutzutage Menschen in der Community ausgegrenzt und angefeindet werden. Ich selbst habe das erlebt und erlebe das - die Details sind hier nichts für die Öffentlichkeit; ein wichtiger Aspekt dessen sind jedoch m.E. Machtspielchen (was ich nicht annähernd so verniedlichend und verharmlosend meine, wie es klingt).

    Es gibt Menschen, die in der Position sind, Anderen Hausverbote, Sprechverbote etc. zu erteilen und dies dann auch tun, was teilweise zum sozialen Tod dieser Personen führt, weil sie an Orten der Community zur Persona non grata geworden sind. Ich glaube, manche mögen nicht erahnen, was für einen massiven persönlichen und psychischen Schaden sie diesen Personen damit zufügen, bis hin zu Suizidgedanken."

    Mobbing gibt es überall und nichts anderes ist das, wovon du redest. Da hat man nur noch die Wahl sich einen loyalen Freundeskreis aufzubauen bzw. eine liberale Community zu suchen oder zu buckeln und zu hoffen, dass man unter dem Radar der Mobber bleibt.
    So traurig es ist, bleibt in letzter Konsequenz wohl nur die räumliche Trennung, wenn die Mobber auch noch relevanten Einfluss besitzen. Aber wer will sich in einer Umgebung aufhalten, wo man nur geduldet wird, wenn man sich selbst verleugnet und genau weiß, dass es anderen dort genau so geht?
    Für den Seelenfrieden muss man da raus, man würde sich das stille Ertragen der Umstände ein Leben lang vorwerfen. Vielleicht schafft man es noch Weitere daraus herzuholen aber in letzter Konsequenz hat man relativ schnell einen Überblick wer wirklich ein Freund ist und wer nicht.
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#3 MahmoudProfil
  • 16.04.2017, 15:21hDuisburg
  • Am wichtigsten wäre es wohl, zunächst Konstrukte wie "queere Community" beiseite zu schieben, denn: Es gibt keine. Es gibt nur Kneipenwirte, Schundverlage und Veranstaltungsmanager, die eine leicht zu erreichende und lukrative Zielgruppe benötigen.

    Dennoch gibt es Gruppen, die sich von der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden. Als schwuler Mann lebe ich in einer anderen Erfahrungswelt als ein heterosexueller Mann oder eine Frau (egal welcher geschlechtlichen Orientierung). Und das gilt es aufzugreifen.

    Durch die allmähliche Ausdehnung (ausgehend von Schwul, zu zunächst rein aus Höflichkeit mitgedachten Lesben, bis hin zu LesBiSchwul und dann auf LGBTTI zusteuernd) der mitgemeinten und mitgedachten Gruppen, die ja auch noch aus In­di­vi­du­en bestehen sollten, ist eine Situation der Beliebigkeit eingetreten.

    Das ist eine Situation, in der Twitter-Feministen, politisch radikale Strömungen und schlichweg Fantasiepositionen leichtes Spiel haben,

    Die einzige Lösung, die ich sehen kann, besteht darin, das man sich sehr gründlich darauf besinnt, wer man ist, woher man stammt, und: Für wen man eigentlich tätig sein möchte.

    Und das bedeutet in vielen Fällen: Jeder kann kommen, jeder ist Willkommen, aber man richtet sich in erster Linie an schwule Männer, die im übrigen auch im Jahr 2017 in Deutschland noch eine Minderheit mit Leidensdruck, abweichenden Sozialisationserfahrungen und Diskriminierungserlebnissen sind.

    Wenn man sich als schwuler Mannn für anderer Erfahrungswelten interessiert: Das ist nicht sehr schwer. Man kann sich über die Situation von Schwulen in anderen Ländern informieren und aktiv werden. Meist reichen ja schon Schilderungen von Schwulen aus anderen Bundesländern, die unter Umstanden bereits ganz andere Erfahrungen und Erlebnisse gemacht haben.

    Das ist ganz reale und konkrete emanzipatorische Arbeit. Und weitaus konkreter als eine "queere Community" herbeizureden
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#4 SanottheEhemaliges Profil
  • 16.04.2017, 16:47h
  • Antwort auf #3 von Mahmoud
  • Ach wie einfach kann das Leben sein!

    Die schwule Fee macht einmal "Pling!" mit ihrem Zauberstab, und schon sind all die hier geschilderten Personen und Probleme entweder irrelevant oder inexistent.

    Naja: wir leben nun mal im postfaktischen Zeitalter der Simplifikation und der vereinfachten Gesellschaftsbilder.

    Was Du als "Situation der Beliebigkeit" bezeichnest, ist aber nun mal die Realität, Schätzchen. Es gibt nicht nur Deine Welt der schwulen "Kneipenwirte, Schundverlage und Veranstaltungsmanager".

    Es gibt Menschen darüber hinaus, es gibt Orientierungen darüber hinaus, es gibt Identitäten darüber hinaus.

    Diese nicht zur Kenntnis zu nehmen, ist Ausgrenzung.

    Die hier geschilderten Probleme (Ausgrenzung von Menschen z.B. auf Grund ihrer politischen Einstellung oder Identität) ausgerechnet mit Ausgrenzung auf Grund von Identität beantworten zu wollen, zeugt von einer Gedankenwelt, die mich verdächtig an die simplen Rezepte rechter Strömungen erinnert.

    Du empfiehlst allen Ernstes das Beschäftigen mit Schwulen aus anderen Bundesländern, um "andere Erfahrungswelten" zu erleben? Na schön. Wenn Dein Erfahrungsrahmen dadurch schon erweitert wird, sei's Dir gegönnt.

    Was aber, wenn Menschen feststellen, dass ihnen "schwul" nicht reicht? Dass das ihre Identität entweder gar nicht oder nicht ausreichend beschreibt?

    Konkrete emanzipatorische Arbeit kann m.E. nur sein, sich auch mit Dingen zu beschäftigen (und Menschen!), die weit über den eigenen Tellerrand hinaus existieren, UND sich mit ihnen solidarisch zu erklären -
    statt deren Existenz zu leugnen und geradezu krampfhaft deren Nichtexistenz herbeireden zu wollen.

    Das sagt einem_einer dann nämlich auch sehr viel über sich selbst.
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#5 MahmoudProfil
  • 16.04.2017, 17:18hDuisburg
  • Antwort auf #4 von Sanotthe
  • Diversität war immer ein Grundbestandteil schwuler Identitäten, und das ist das genaue Gegenteil von Ausgrenzung.

    Ein Problem ist es aber, wenn man die Grundanliegen schwuler emanzipatorischer Arbeit so weit erweitert, dass sie die ursprüngliche Zielgruppe klar aus den Augen verliert und sich andere Interessen und Belange dort einnisten.

    Ansonsten arbeitest Du mit Unterstellungen und Fehldarstellungen des von mir Aufgeschriebenen.

    Ich hoffe, das geschah bewusst - mit Lust an polemischer Zuspitzung. Dann sei's Dir gegönnt, mein Originalbeitrag steht zum Vergleich ja darüber.

    Man könnte jedoch auch den Eindruck gewinnen, dass es Dir schlicht an Lese- und Verständniskompetenz mangelt, wenn man bemerkt, dass es Dir nicht gelingt, fremde Positionen wiederzugeben.

    Das ist ein Eindruck, den die meisten Menschen wohl vermeiden möchten, weshalb es ratsam ist, gerade in Internetdiskussionen auf Unterstellungen und Zuschreibungen zu verzichten und einen vornehmlich sachlichen Ton einzuschlagen.
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#6 MarburgerinAnonym
  • 16.04.2017, 17:33h
  • Meanwhile in Marburg:
    "Die Politik der Angst verzehrt organisatorische, finanzielle und persönliche Ressourcen, um nichts als Wüsten der Häme, des Hasses und des Misstrauens zu hinterlassen."

    "Das Autonome InterTrans*-Referat der Universität Marburg sagt einen Vortrag mit dem feministischen Transaktivisten und Autor Till Amelung kurzfristig ab. Weil er sich kritisch mit dem Begriff der Definitionsmacht auseinandersetzt, wird ihm vorgeworfen, er sei transmisogyn. Der Vorfall sagt einiges aus über den Umgang mit Selbstreflexion in bestimmten queerpolitischen Kreisen."

    jungle.world/blog/jungleblog/2017/03/bangemachen-gilt-nicht-
    eine-politik-des-geruechts
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#7 SanottheEhemaliges Profil
  • 16.04.2017, 17:43h
  • Antwort auf #5 von Mahmoud
  • Meine sicherlich sehr geringe Lese- und Verständniskompetenz (ich bin halt nicht so schlau wie Du, tut mir leid) wittert bei Deiner Verwendung des Begriffs "einnisten" den gedanklichen Hintergrund, es könnte sich bei anderen als schwulen Identitäten, Interessen und Belangen um sowas wie "Parasiten" handeln.

    Auch wieder ein Begriff, der in letzter Zeit sehr gerne im rechten Spektrum verwendet wird.

    Aber sicher liege ich auch da wieder komplett falsch. Genau wie mit meiner Einschätzung, dass für Dich offenbar nur Schwule und Schwules irgendeine Relevanz besitzen.

    Ganz abgesehen davon, halte ich es für extrem blauäugig, anzunehmen, dass Probleme und Handlungsweisen wie hier geschildert in "rein schwulen" Zusammenhängen nicht auftreten würden.

    Du postulierst hier ganz wunderbar nachvollziehbar "Die Anderen sind schuld. Gäbe es nur die Schwulen, hätten wir diese Probleme nicht."
    Seltsamerweise schon wieder eine sehr gängige, rechte, eindimensionale und ausgrenzende Argumentationsweise.

    Aber, wie schon gesagt, ich bin halt nicht so schlau wie Du, gell.
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#8 LarsAnonym
  • 16.04.2017, 19:47h
  • Antwort auf #7 von Sanotthe
  • Wer "wittert" ist metaphorisch auch schon nahe am Beßreflex. Ich denke, so kommt ihr beiden mit Eurer Diskussion nicht weiter. An Deinem Post ist tatsächlich zu kritisieren, dass er über dem Aufnehmen der Witterung die Ebene der sachlichen reflektierten und höflichen Auseinandersetzung außer Acht lässt. Argumentativ kann ich Euch beiden folgen.
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#9 SanottheEhemaliges Profil
#10 LarsAnonym
  • 16.04.2017, 23:14h
  • Antwort auf #9 von Sanotthe
  • Eine Wortwahl, die mehrdeutig ist und verschiedene Konnotationen beinhaltet , disqualifiziert Dich nicht, aber das gilt eben auch für andere. darauf will ich ja heraus. Erst mal nachfragen, was der/die andere meint.

    Ich denke darüber hinaus, dass es 1. nützlich wäre,, zwischen abgrenzen und ausgrenzen zu unterscheiden. 2. möchte ich warnend darauf hinweisen, dass auch ein elaborierter oder fortschrittlicher Code dazu benutzt werden kann, andere, die sich weniger fein ausdrücken, auszugrenzen.
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