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Einzelkommentar zu:
Gibt es "Sprechverbote" in der queeren Community?


#1 Anonym_erAnonym
  • 16.04.2017, 08:14h
  • Ich war am 10.4. bei der Buchpräsentation im rappelvollen "Café KOZ" in Frankfurt. Das Buch selbst konnte ich noch nicht lesen, da ich es gleich nach Erhalt zunächst an eine andere Person weitergegeben habe - mittlerweile ist es ja vergriffen, und -ich denke- viele Leute warten auf die Neuauflage.

    Da ich vorher das von Patsy herausgegebene Buch "Selbsthass & Emanzipation"

    www.querverlag.de/books/selbsthass.html

    gelesen hatte, war ich sehr gespannt und auch sicher, dass mir da seriöse Erkenntnisse vermittelt werden.

    Ich wurde nicht enttäuscht. Was Patsy aus dem Buch vorlas, was sie anschließend dazu vortrug, und was sich am Ende noch in der Diskussion ergab, deckt sich mit meinen -teils sehr persönlichen- Erfahrungen hinsichtlich Sprechverboten in der Community. So z.B. auch mit den persönlichen Erfahrungen des Autors dieses Artikels hier. Ich zitiere: "Wobei auch ich mich gefragt habe, wieso mir, entgegen meinem eigenen Selbstverständnis, derartige Sachen um die Ohren fliegen, verbunden mit der Frage, wie ich damit nun umgehen will."

    "Habe ich einfach den Zug der Zeit verpasst und hänge antiquierten Weltbildern nach, die von einer nachgerückten Generation über den Haufen geworfen wurden? Sollte ich mich besser zurückziehen in harmlose Bereiche [...] und die politischen Debatten und den politischen Aktivismus anderen überlassen? Will ich das?"

    Meine Antwort darauf: ein klares Nein.

    Es kann und darf nicht sein, dass nur Personen zu Wort kommen dürfen, die sich selbst für "betroffener" und somit für "berechtigter" halten, innerhalb der Community das Wort zu ergreifen. Das widerspricht jedem Demokratieverständnis, das ich mir als derzeit 51jährige_r erarbeitet habe.

    Ich zitiere weiter:
    "Ich will mich nicht schuldig dafür fühlen, dass es mir möglicherweise besser geht als anderen, ich will auch nicht unterstellt bekommen, dass ich mir nicht vorstellen könne, was es heißt, als "Person of Color" (PoC) oder "Frau" ausgegrenzt zu werden, ich will auch nicht darauf verzichten, an Diskussionen über die Lage von Flüchtlingen und anderen Gruppen teilzunehmen, nur weil ich selbst nicht direkt zu diesen Gruppen gehöre und deshalb nicht "sprechberechtigt" sein soll, als sogenannter "Nichtbetroffener" und "Unterdrücker"."
    und unterschreibe dies 1:1.

    Ich finde es absolut skandalös, wie heutzutage Menschen in der Community ausgegrenzt und angefeindet werden. Ich selbst habe das erlebt und erlebe das - die Details sind hier nichts für die Öffentlichkeit; ein wichtiger Aspekt dessen sind jedoch m.E. Machtspielchen (was ich nicht annähernd so verniedlichend und verharmlosend meine, wie es klingt).

    Es gibt Menschen, die in der Position sind, Anderen Hausverbote, Sprechverbote etc. zu erteilen und dies dann auch tun, was teilweise zum sozialen Tod dieser Personen führt, weil sie an Orten der Community zur Persona non grata geworden sind. Ich glaube, manche mögen nicht erahnen, was für einen massiven persönlichen und psychischen Schaden sie diesen Personen damit zufügen, bis hin zu Suizidgedanken.

    Das Ganze aus einer Machtposition heraus, die sie weidlich auskosten; können sie dadurch doch unerwünschte Stimmen verstummen lassen und damit ihre eigene Macht- und Meinungsposition massiv stärken.

    Für mich ist das alles andere als Demokratie und ein zutiefst verachtenswertes Verhalten.

    Auch dieser Aspekt wurde in Frankfurt ausführlich besprochen. Als Rat für derart ausgegrenzte Menschen wurde u.a. erteilt, man könne sich ja dann aus diesen Bereichen der Community zurückziehen. Dumm nur, wenn es an vielen Orten keine Alternative dazu gibt. Dann bleiben nur Umzugsgedanken, oder man muss sich eben damit abfinden, dass man keine Veranstaltung der Community mehr besuchen darf. Als politisch denkende Person, die Aktivismus als eine ihrer wichtigen Aufgaben sieht, hat mensch es damit nicht sonderlich leicht.

    Leider sehe ich die Perspektive ähnlich pessimistisch wie hier zitiert:
    ""Grundsätzlich wollen alle sicher gehen, dass sie nach der Revolution auf der richtigen Seite der Macht stehen!"
    Dumm nur, wenn man vorher schon ausgeschaltet wurde.

    Ich zitiere weiter:
    "Im Fall von "Beißreflexe" geht es genau darum: Welche Institutionen und ihre Vertreter_innen werden gefördert, welche nicht? Wer bekommt Posten an Universitäten, in Zeitungen, in politischen Stiftungen? Wer wird in Kuratorien gewählt und wer bleibt draußen? Wer kann dann bestimmen, wessen Anhänger_innen Aufträge bekommen? Wer bekommt die Deutungshoheit und definiert künftig die Geschichte? Mit anderen Worten: Es geht ums Eingemachte."

    Also Machtpolitik allerersten Ranges.

    Einer demokratisch agieren wollenden Community absolut unwürdig.

    Und für manche Menschen sozial tödlich.

    Deshalb herzlichsten Dank an Patsy für dieses Buch. Ich empfinde persönlich Erleichterung dahingehend, dass über diese Thematik nun in größerem Maßstab diskutiert wird.

    Da ich persönlich keinen Wert auf Morddrohungen etc. lege (Hut ab vor Dir, Patsy, dass Du das aushältst), bleibe ich anonym. Ich werde auch nicht weiter auf meine konkrete persönliche Situation eingehen oder mich hier an den Pranger stellen lassen.

    Jedoch wollte ich nicht ungeschrieben lassen, was ich zu sagen hatte - und die Menschen wissen lassen, dass der soziale Tod grausam sein kann, wenn man an einem Ort weiter leben muss, an dem man von den wichtigsten Veranstaltungen ausgeschlossen wurde -
    obwohl man sich so gern konstruktiv an den emanzipatorischen Debatten der Community beteiligen würde.
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