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Vorgeschobene Toleranz

"Die dürfe so lebe wie sie wolle, aber nicht in der Öffentlichkeit"

Videoexperiment in der Stuttgarter Innenstadt: So reagieren Passanten auf das Bild eines küssenden Männerpaares.


Die Dame in Rot findet Homosexualität "irgendwie nicht ganz natürlich" (Bild: Screenshot)

Eine interessante Videoumfrage hat Marcel Albig vor einigen Tagen in der Stuttgarter Innenstadt gemacht. Er zeigte Passanten erst das Bild eines jungen küssenden Heteropaares, dann ein Foto von zwei knutschenden Männern – und fragte jeweils, was sie davon halten.

Natürlich sind die Antworten nicht repräsentativ, aber sie zeigen das Phänomen, dass selbst diejenigen, die sichtlich angewidert auf das Homofoto reagieren, sich für unglaublich tolerant halten. So wie eine ältere Dame, die meinte: "Die dürfe so lebe wie sie wolle, aber nicht in der Öffentlichkeit."

Auch jüngere Menschen reagierten peinlich berührt

"Es ist schon sehr ersichtlich, dass die ältere Generation noch ein bisschen mehr traditionell denkt", zieht Marcel Albig am Ende seines sechseinhalbminütigen Videos Bilanz. Doch selbst ein jüngerer Mann, der sich für die Gleichstellung homosexueller Paare aussprach, meinte: "Ich finde die Ehe zwischen Mann und Frau immer noch schöner." Ein anderer war beim Anblick der küssenden Männer sichtbar peinlich berührt, traute sich aber nicht, etwas Negatives zu sagen.

Symptomatisch auch die Reaktion einer jüngeren Passantin, die beim Anblick des Heterofotos meinte: "Sehr romantisch! Ein junges verliebtes Pärchen, Glück, Sonne, Zufriedenheit." Als ihr anschließend das Homofoto gezeigt wurde, entfuhr es ihr spontan: "Das ist das krasse Gegenteil." Erst im nächsten Satz ergänzte sie: "Aber diese zwei Menschen sind auch glücklich und verliebt." (mize)



#1 OrthogonalfrontAnonym
  • 17.04.2017, 09:51h
  • Ich finde das Ergebnis der Umfrage gar nicht so schlecht. Das Video macht doch schon Hoffnung.

    Allerdings hätte man vielleicht wirklich zwei küssende Homos nehmen können, dann würde das Bild auch natürlicher und nicht so gestellt wirken. Die Leute merken das und finden auch deshalb das zweite Bild nicht so schön. Auf den Bildern zu sehen sind nämlich die Schauspieler Ken Duken und Kostja Ullmann - beides verheiratete Heteros - die dieses Foto im Rahmen der Kampagne "Mundpropaganda" des Magazins GQ neben anderen Promis aufgenommen haben. Ein Bild wirklich verliebter Schwuler wäre hier passender gewesen und hätte meiner Meinung nach auch positivere Reaktionen erzeugt. Menschen merken immer mindestens unbewusst, wenn etwas gestellt ist, dass so tiefgreifend ist. Die ganze Haltung der beiden deutet darauf hin, dass sie sich zumindest ein wenig überwinden mussten. Und wenn man nicht zu den TOP Schauspielern gehört, ist es kaum möglich das zu verbergen.
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#2 andreAnonym
  • 17.04.2017, 09:55h
  • Bis auf ein paar "Ausreißer" ist das ein gutes Umfrageergebnis und eine ehrliche Umfrage. Die Leute vom Land meinten daß es noch etwas gewöhnungsbedürftig ist. Das ist OK so. Und "Ich finde die Ehe zwischen Mann und Frau immer noch schöner", sagt ja nichts aus, ob das akzeptiert wird, oder nicht. Vor 20 Jahren wäre das Ergebnis noch krasser gewesen.
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#3 SanottheEhemaliges Profil
  • 17.04.2017, 10:15h
  • Das "schwule Paar" ist zunächst einmal kein echtes. Es handelt sich um die heterosexuellen Schauspieler Ken Duken und Kostja Ullmann, die sich für eine Aktion des Magazins GQ küssten.

    www.gq-magazin.de/unterhaltung/videos/mundpropaganda-ken-duk
    en-und-kostja-ullmann-im-interview


    Auch wenn sich da zwei sehr schöne Männer durchaus glaubhaft küssen, erhebt sich am Rande die Frage, weshalb kein Bild eines echten schwulen Paares verwendet wurde.

    ***

    Ihr verweist unter "Mehr zum Thema" auf den Artikel "Die brüchige Toleranz der Heteros". Auch ich halte diese für sehr brüchig, wenn dabei eine Aussage wie in der Schlagzeile hier herauskommt. Eigentlich ist das ja gar keine Toleranz, sondern nichts weiter als übelste Doppelmoral. Von der eigentlich erforderlichen (und uns auch geschuldeten) Akzeptanz ist das noch Lichtjahre entfernt.

    Hierzu fallen mir zwei Artikel des Bloggers der zaunfink ein, die nichts an Aktualität verloren haben:

    derzaunfink.wordpress.com/2015/01/22/draussen-nur-heten/

    derzaunfink.wordpress.com/2015/02/14/ich-habe-nichts-gegen-t
    olerante-heteros-aber/


    ***

    Manchmal ist auch mir ein wenig nach Verspottung der Doppelmoralist_innen und Zurückgebliebenen. Oliver Kalkofe hat das vor einer Weile in seiner pointierten Weise gemacht:

    www.youtube.com/watch?v=mVGIiHOFlBE

    Die Original-Ausschnitte entstammen der Reportagereihe "Die Schwulenheiler":

    www.youtube.com/watch?v=MUP_O4gFNkk

    www.youtube.com/watch?v=pNFHpq0OWaM

    in der über Aktivitäten berichtet wird, die auch heute noch nicht von der Bundesregierung unterbunden oder sanktioniert werden.

    ***

    Wir sollen also immer noch ausgelöscht, und wenn das nicht vollständig möglich ist, doch zumindest unsichtbar gemacht werden. Man will uns nicht sehen, weil man uns nicht haben will.

    Diese Ressentiments sind in unserer Gesellschaft nach wie vor sehr stark (wie gezeigt, selbst z.B. bei dem jüngeren Mann, der die heterosexuelle Verbindung "doch schöner" findet). Und heute darf man das auch wieder sagen.

    Es ist noch ein sehr weiter Weg.
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#4 krakalaAnonym
  • 17.04.2017, 10:19h
  • Meine Theorie:
    Junge Kinder finden sexuelle Zuneigungen zwischen Menschen generell eklig, ihnen fehlt die Erfahrung und die sexuelle Zuneigung noch. Mit der Pupertät und der häufigen Wahrnehmung aus Film und Werbung ändert sich dieses Bild.
    Menschen die psychische Schwierigkeiten haben wenn sie homosexuelle Zuneigung sehen, sind in dieser Kindphase stecken geblieben wenn sie zwei küssende Männer erleben. Das Gehirn hat noch nicht gelernt Zuneigung zwischen zwei Männern richtig zu verarbeiten oder einzuordnen.
    Die Vernunft kennt vielleicht sogar das Ergebnis, aber die psychische Verarbeitung dessen was man sieht, muss man noch lernen. Ekel scheint häufig zu entstehen, wenn das Gehirn wahrgenommen Bilder schwierig berechnen oder einordnen kann, was wahrscheinlich auch ein Grund ist warum wir beispielsweise Vielgliederfüßler häufig ebenfalls eklig finden: Die vielen Füßen verwirrt das Gehirn, vor allem wenn sich auch noch schnell bewegen.
    Ängste (Ekel ist auch eine Angst), kann man nur auf eine Art bekämpfen: Der Konfrontation.

    Die blonde Frau bei 3:56min sagt sehr ehrlich: "Es ist noch etwas gewöhnungsbedürftig für mich, aber stören würde mich das eigentlich nicht." Da steckt die Selbsterkenntnis dahinter: Ich weiß dass es richtig ist, aber ich selber muss mich noch daran gewöhnen. Sie kommt aus dem Land und sieht sowas nicht so häufig.

    In der Pubertät entsteht bei Menschen das sexuelle Interesse das bisher so eklig befundene Bild genauer zu erforschen. Aber das betrifft halt nur das heterosexuelle Bild. Schwule lernen von Beginn an durch Film und Fernsehen heterosexuellen Austausch ebenfalls als normal zu empfinden.

    Viele Menschen verwechseln ihre psychische Angst vor Homosexualität auch mit schlechten Sitten, oder sie nehmen das als passenden Vorwand um mit den eigenen Gedanken vor sich selbst besser dar zu stehen. Das Gehirn sagt zu sich selbst: "Ach das finde ich nur deshalb abstoßend weil es schlechte Manieren sind."
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#5 Janana
  • 17.04.2017, 10:37h
  • "Es ist schon sehr ersichtlich, dass die ältere Generation noch ein bisschen mehr traditionell denkt"

    Ok, Homophobie ist also Tradition? Ist Homophobie damit etwas Schützenswertes? Nun, die AfD scheint zumindest so zu denken, sowie die CxU.

    Nein, Tradition und Homophobie haben nichts miteinander zu tun. Hat die Unterdrückung von Frauen und das Halten von Sklaven etwas mit Tradition zu tun?

    Wenn der Erhalt von Machtstrukturen und Privilegien zur Tradition erklärt wird und über Menschenrechte gestellt wird, dann hat diese Argumentation ein riesiges Problem. Deswegen habe ich auch mit dem Resümee des Filmautors ein Problem.

    Das Herbeiführen von Gleichberechtigung, Abschaffung von Menschenrechtsverletzungen - das ist doch kein Bruch mit Traditionen.

    Genausowenig ist es "modern" und genausowenig war es früher "okay" oder "zeitgemäß". Deswegen war ja auch §175 z.B. rückwirkend Unrecht und deswegen gibt es Entschädigungen.

    Genauso wie das TSG nach einhelliger Expertenmeinung eine Menschenrechtsverletzung ist, genauso war das eigentlich bereits 1980 klar.

    Es ist meine Beobachtung, dass in Deutschland die Menschen irgendwie nicht in der Lage sind, in Rechten zu denken. Die Begriffe der Menschenwürde und unveräußerlicher Menschenrechte scheinen ihnen abstrakt. Sie denken entweder nur in konkreten Handlungsanweisungen oder in Traditionen, "das haben wir schon immer so gemacht", "wo kämen wir denn da hin" und "das gab's ja noch nie" oder in "zeitgemäß". Das Umsetzen von neuen Erkenntnissen geht nicht mit einem Fingerschnippen - es geht nur durch mühsame zähe jahrzentelange Prozesse - nicht selten erst durch das "Herauswachsen" der alten Generationen. Das schlimme noch - nicht einmal die Politik will Erkenntnisgewinn in Gesetze umsetzen - stattdessen komplette Blockadehaltung trotz blauer Briefe von allen möglichen internationalen Organisationen und Totschweigen. Andere Menschen haben sich den persönlichen Befindlichkeiten der Menschen in privlegierten Positionen unterzuordnen. Man ruht sich aus, da wo man ist und mag sich nicht mit den Mückenstichen der "Veränderung" befassen. Man beruft sich auf das Recht - auch wenn man es nicht so ausdrückt - zu diskrimineren. Aus Tradition.

    ...
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#6 SanottheEhemaliges Profil
  • 17.04.2017, 10:44h
  • Antwort auf #4 von krakala
  • Gegenthese:
    "Ekel als ein sozialer Mechanismus [...], der kulturell bedingt und pädagogisch vermittelt, sich den primitiven Brech- und Würgereflex zunutze macht [...]"

    "Ein Forschungsansatz geht davon aus, dass die menschliche Ekelfähigkeit in den Genen angelegt ist, die Objekte des Ekels jedoch von der jeweiligen Kultur festgelegt werden und variabel sind. Da die Ekelreaktion kein angeborener Instinkt ist, wird sie im Laufe der Sozialisation nach dem Vorbild von anderen, vor allem den Eltern, erlernt und ist kulturell beeinflusst. Das Prinzip lautet: Ekele dich vor den Dingen, die in der Gesellschaft, in der du lebst, als ekelhaft gelten!

    Dies und mehr dazu:

    de.wikipedia.org/wiki/Ekel
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#7 LaurentProfil
  • 17.04.2017, 10:47hMetropolregion Rhein-Neckar
  • >>Es traut sich ja kaum einer - leider.<< (2:20)

    Ist das der Schlüsselsatz, warum das nach wie vor als ungewohnt, fremd und damit als "anders, nicht vergleichbar..." empfunden wird?
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#8 johannbAnonym
  • 17.04.2017, 10:48h
  • Für mich ist das genau der springende Punkt: egal ob das Paar auf dem Foto Hetero oder Homo ist, egal ob das Foto aus nem Film ist oder nicht (ist das Foto der "Heteros" eigentlich ein Paar oder ein Filmfoto?). Entscheidend ist, wie es auf die Allgemeinheit wirkt und wie die damit umgehen! Ich war zu Zeit von Olympia 2014 in Sochi. Dort hatte ich den Eindruck, dass die Allgemeinheit, wohl die Leute überhaupt in den östlicheren Ländern, Not hatte, besonders Hetero zu wirken - um ja nicht in den Ruf von homo zu kommen. Dieses ganze Machogehabe. Was halt bei uns noch ist, dass man als Mann ja nicht Männer küsst, dass man Männer besonders "männlich" umarmt und ja nicht seine "vermeintlich" weibliche Seite (das was die Allgmeinheit als weiblich sieht) zeigt. In den östlichen Ländern zählt dazu wohl auch zum "guten" Ton, Frauen schwach anzumachen, nicht als gleichwertig anzusehen und innerhalb der Ehe zu unterdrücken. Einfach mal das Video wirken lassen. Ich hoffe mal für die Interviewten und auch für die Leute, welche bei dem Männerpaar nicht an Liebe, Schmetterlinge im Bauch, Herzlichkeit denken...., dass Sie Ihre Gedanke sortieren und einfach drauf kommen, dass Ihre negativ behafteten Gedanken einfach nur noch ohne Grund in ihren Köpfen rumschwirren!
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#9 krakalaAnonym
  • 17.04.2017, 10:55h
  • Antwort auf #6 von Sanotthe
  • Damit ist der Ekel den Grundschulkindern den sie zeigen wenn sie küssende Erwachsene sehen aber schwieriger zu erklären. Wo sollten die Kinder diese Art der Gegenreaktion erlernt haben, von den Eltern? Noch dazu in der kurzen Zeit in der sie existieren.
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#10 stephan
  • 17.04.2017, 11:26h
  • "Die dürfe so lebe wie sie wolle, aber nicht in der Öffentlichkeit."

    Insbesondere diese Aussage ist natürlich krass. Mit welcher Borniertheit sich da eine Person das Recht zu nehmen versucht, darüber zu bestimmen, was man in der Öffentlich tun oder nicht tun darf!

    Aber natürlich ist es auch immer wieder schockierend, wenn selbst jüngere Menschen Probleme mit dem Anblick sich küssender Personen gleichen Geschlechtes haben, zeigt diese Reaktion doch, wie stark und massive anerzogene Empfindungen und Verhaltensweisen tradiert werden!

    Wir müssen dringend sichtbarer werden!
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