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Sachbuch

Judith Butler fehlt der Kompass

Das jüngste Buch der Queertheoretikerin – "Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung" – gibt die falschen Antworten auf den globalen Rechtsruck.


Judith Butler ist Professorin für Rhetorik und Komparatistik an der University of California in Berkeley (Bild: Andrew Rusk / flickr)

Judith Butler ist die Ikone der Queertheorie. In ihrem neuesten Werk "Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung", erschienen Ende 2016 im Berliner Suhrkamp Verlag, widmet sie sich der Versammlung.

Versammlungen können vielfältiger Art sein – und sie bestimmen einen Zweck, der über sie hinaus weist. Sie wollen etwas bewegen und Macht beanspruchen. Das ist für Butler Performativität, die im Titel des Buchs benannt wird.

Die Philosophin hatte sich in den vergangenen Jahren zunehmend ethischen Fragen zugewandt. Mit diesem Werk führt sie die geschlechter- und sexualpolitischen Themen, mit denen sie ihren weltweiten Ruf als theoretische Begründerin der Queerbewegung erlangte, mit den ethischen Fragen zusammen. Butler verfolgt nach eigenem Anspruch damit das Ziel, daran mitzuwirken, dass sich "Allianzen zwischen verschiedenen als verfügbar erachteten Minderheiten oder Bevölkerungsgruppen" bilden.

Das Zeitalter der Prekarität

Diese Allianzen, also Bündnisse, seien Butler zufolge notwendiger denn je, da wir im Zeitalter der Prekarität lebten. "Dieser in der Regel von Regierungs- und Wirtschaftseinrichtungen angestoßene Prozess gewöhnt die Bevölkerung allmählich an Unsicherheit und Hoffnungslosigkeit, er gliedert sich in Institutionen der Leiharbeit, der gestrichenen Sozialleistungen und des Abbaus der noch letzten noch wirksamen Reste der Sozialdemokratie zugunsten unternehmerischer Modalitäten, für die, gestützt auf wilde Ideologien individueller Verantwortung, das höchste Lebensziel in der Verpflichtung liegt, den eigenen Marktwert zu maximieren."

Dieser voluminöse Satz zeigt eine stärkere Beschäftigung mit ökonomischen Fragestellungen an, die Butler mit Fragen zur Bestimmung von Subjektivität im Sinne Foucaults verbindet. Hatte sie mit ihrem Queeransatz zu Beginn der Neunzigerjahre noch konsequent ökonomische Fragen vermieden, gesellschaftliche Strukturen ideengeschichtlich umschifft und sprachtheoretische Vorstellungen in den Vordergrund gerückt, so wendet sie sich nun einem Thema zu, dass zu Ende des vorvorletzten Jahrhunderts zur Bildung einer politisch geschulten Arbeiterklasse führte.

Viel Richtiges steht neben sehr viel Unkonkretem


Judith Butlers Buch ist auf Deutsch im Berliner Suhrkamp Verlag erschienen

Doch gerade das spricht Butler so nicht aus. Sie diskutiert im vorliegendem Band diese Thematik in Auseinandersetzungen mit anderen Philosoph_innen wie Emmanuel Levinas, Agnes Heller oder Hannah Arendt. Dabei streift sie viele Themen – vom Einsatz des Körpers im Hungerstreik über den Bezug auf ein "Volk" und die damit ausschließenden Momente bis zur Beschreibung, dass die "tägliche Erfahrung des Neoliberalismus das Gefühl eines beschädigten Lebens hinterlässt".

Judith Butler versteht dieses Buch und ihr Engagement als einen "radikaldemokratischen" Eingriff. Sie möchte wachrütteln und zum Handeln anregen. Doch der hier vorgelegte Versuch einer Synthese ihrer Ansätze verbleibt für mich im Nebulösen. Viel Richtiges steht neben sehr viel Unkonkretem, und obwohl sie zu Beginn des Buches sogar auf die Pegida-Demonstrationen verweist, fehlt ihr ein präziser Blick für die Gefahr einer Massenmobilisierung von Rechts. Denn gerade rechte und extrem rechte Parteien und Bewegungen kritisieren heutzutage ebenso den Neoliberalismus und spielen gegenüber den Abgehängten die soziale Karte. Ökonomiekritik muss präziser werden und kann nicht nur eine vage Kritik am Neoliberalismus sein.

Judith Butler fehlt ein Kompass. Gerade dort, wo sie auf konkrete Initiativen Bezug nimmt, muss man ihr vehement widersprechen. Mehrfach nimmt sie positiven Bezug auf Kampagnen zum Boykott israelischer Waren, bezeichnet das israelische Engagement für Lesben und Schwule als "Pinkwashing", während sie den palästinensischen Widerstand auf geradezu skurrile Weise lobt. Während Butler in der westlichen Welt Rassismus brandmarkt, ist ihr der Rassismus und die Homosexuellenfeindschaft von Muslimen keine Silbe wert. Antisemitismus blendet sie wieder einmal komplett aus. Schlimmer noch, sie bedient indirekt antisemitische Stereotype. Wie kann man das Engagement von Hannah Arendt ohne deren Antisemitismus-Analysen verstehen?

Die Leistungen von Judith Butler zur kritischen Hinterfragung von Geschlecht und Sexualität sind groß. Ihr Aufruf, sich ökonomischen Fragen zuzuwenden und Bündnisse zu schließen, ist gut. Doch die in ihrem neuen Buch anklingenden politischen Implikationen sind halbgar bis gefährlich.

Infos zum Buch

Judith Butler: Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung. Aus dem Amerikanischen von Frank Born. 312 Seiten. Suhrkamp Verlag. Berlin 2016. 28 €. (ISBN 978-3-518-58696-9). E-Book: 23,99 €


#1 NeckermannAnonym
  • 29.04.2017, 10:49h
  • Danke für die Besprechung!

    Ich lese ja normalerweise vorzugsweise Werke aus dem Bruno Gmünder Verlag, aber das klingt doch insgesamt recht ansprechend und spannend! Endlich mal was anderes!
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#2 PlaneDaffyEhemaliges Profil
#3 Frone1988Anonym
#4 Herr BresskesAnonym
  • 29.04.2017, 12:49h
  • Antwort auf #3 von Frone1988
  • Na dann ist die feministische Diskurstheorie ja jetzt endgültig im Mainstream angekommen!

    Ich hör schon die Sprechchöre im Stadion: "Ihr könnt nach Berkeley fahrn, ihr könnt nach Berkeley fahrn ..."
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#5 markusbln11Anonym
  • 29.04.2017, 14:36h
  • Gute Besprechung. Danke für die klare und ausgewogene analyse.

    Nur noch ein paar sätze zum pinkwashing. Dieser begriff ist doch ein totschläger. LGBT-freundliche politik dürfen also nur die reinen tun, die aus einer ideologischen perspektive unfehlbaren. Die guten. Die unbestechlichen.

    Bereits homofreundliche projekte des bürgermeisters von kiew, klitschko, seien pinkwashing, habe ich gelesen. "Der passt uns nicht, weil nicht links, weil die ukraine der falsche staat ist, weil gegen die euroasiatische union gerichtet, weil es in der ukraine rechtsextremisten gibt" .... Oder warum?

    Mir kommt das vor wie die ideologie der 20er Jahre. Zuerst die weltrevolution, dann der nebenwiderspruch der homophobie, wenn überhaupt. Mit den bekannten verheerenden folgen.

    Meine forderung ist vielmehr anerkennung der menschenrechte durch alle und überall, durch putin, die hamas, netanjahu, klitscko, trump, merkel, wagenknecht, kadyrow.

    Dazu brauche in den begriff pinkwashing nicht. Dazu brauche ich keine sippenhaft für ein ganzes land. Dazu brauche ich nur die internationale erklärung der menschenrechte. Oder so etwas wie den kantschen imperativ. Oder .... Aber keine gut-böse, schwarz-weiss ideologie.
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#6 Rechts belltAnonym
  • 29.04.2017, 15:23h
  • Dann muss (auch) dieses Buch von Judith Butler auf jeden Fall lesenswert sein.

    Dass Freiheit, Demokratie und (effektiv gleiche) Menschenrechte im globalen Krisenkapitalismus immer noch mehr nur das Privileg für eine kleine Minderheit von Kapitalbesitzern werden, die sich auf Kosten der überwältigenden Mehrheit "alternativlos" bereichern und mit den so geschaffenen, immer tieferen sozialen und ebenso "alternativlosen" Verwerfungen nicht nur den Nährboden für den mehr oder weniger neu verpackten Faschismus des 21. Jahrhunderts schaffen, sondern neofaschistische Kräfte auch gezielt fördern, um ihre Ordnung aufrechtzuerhalten und die Untertanen gegeneinander auszuspielen, sollte inzwischen jede_r halbwegs aufmerksame Beobachter_in gemerkt haben. Dasselbe gilt für die sich eigengesetzlich immer weiter brutalisierende globale Konkurrenz - auf die alle Menschen im Namen von "Nation", "Markt" usw. von kleinauf getrimmt werden - der kapitalistischen Zentren, mit ihren gigantischen Kriegsapparaten und von ihnen geführten Raub-, Kontroll- und Einflusskriegen, die ganze Weltregionen ins Chaos stürzen, die Welt mit Waffen überfluten und den so produzierten Terrorismus mit kulturalistisch-rassistischen "Clash of civilizations"-Diskursen (Christentum vs. Islam, Westen vs. Osten usw.) wiederum für noch mehr Krieg, Chauvinismus, Unterdrückung nach außen wie im Inneren nutzen.

    Zu diesen zentralen Menschenrechts- und Demokratiefragen gerade auch für LGBT-Menschen lese ich hier höchstselten etwas.
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#7 abboudAnonym
  • 29.04.2017, 17:39h
  • Die Texte von Judith sind ja schon was älter und zu einer Zeit geschrieben worden als das Thema "Arbabischer Frühling" aktuell war, ein Umstand, der vielleicht manche der vom Rezensenten zu Recht als kritisch eingestuften Äusserungen erklären mag.

    Das Buch kommt im übrigen aus Harvard, nicht aus Berkeley.

    Jedenfalls Danke für den Review, ich werd's mir gleich mal bei iTunes ziehen. Es kann ja nicht sein das ich 700 Euro für dieses Handy ausgebe aber mir damit nur Billig-Schrott im Web anschaue. *grin*

    Wenn ich an dem Buch zirka 25 Stunden lese sind das nur 1 Euro pro Stunde. Plus der intellektuelle Gewinn, der sich erst später in der Reflexion und in Gesprächen mit Freunden, Bekannten und Arbeitskollegen zu entfalten beginnt.
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#8 seb1983
#9 BerstendAnonym
  • 29.04.2017, 18:42h
  • Wichtig ist vielleicht die Ergänzung, das man solche Bücher nicht nur aus intellektuellen Gründen liest, oder um Gesprächsthemen für Bekannte zu haben, sondern auch, weil man sich bei der Lektüre anspruchsvoller Bücher als Mensch bildet, sich seelisch und geistig entwickelt, Fragen aufwirft, die man zuvor nicht hatte, und Antworten auf Fragen finden kann, die andere Menschen stellen.

    Das ist zumindest der klassische Ansatz.

    de.wikipedia.org/wiki/Dichter_und_Denker

    Das Buch kann man auch über die Bücherei bestellen, falls man kein iPhone hat, das kostet ca. 50 Pfennig.

    Die Jahresgebühr für die Bücherei ("Book-Flatrate") liegt in etwa bei dem Preis für dieses eine Buch.
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#10 goddamn liberalAnonym
  • 30.04.2017, 10:21h
  • Antwort auf #6 von Rechts bellt
  • So einfach ist das nicht:

    Was links scheint, ist heute sehr ofr rechts.

    Judith Butler kehrt als amerikanische Jüdin vor ihrer eigenen Tür und das ist auch gut so.

    Deutsche mit bestimmten Uniform-Trägern im Familienalbum sollten da vorsichtiger sein. Zum Homonationalismus besteht hier ohnehin kein Anlass.

    Der Begriff wird von Frau Puar geprägt:

    en.wikipedia.org/wiki/Jasbir_Puar

    Die könnte als Sikh allerdings auch mal vor ihrer eigenen Tür kehren:

    de.wikipedia.org/wiki/Legion_Freies_Indien

    Merke: Auch Turbanträger können Nazis sein.

    Frage:

    Sind Nazis etwa nicht rechts?
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