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Literatur

Mauern der Schande: Homosexualität im Nahen Osten

In seinem Roman "Guapa" fragt Saleem Haddad, was es bedeutet, in der arabischen Welt schwul zu sein – ohne sich einem westlichen Konzept von Homosexualität anzupassen.


Saleem Haddad wurde 1983 als Sohn einer irakisch-deutschen Mutter und eines libanesisch-palästinensischen Vaters in Kuwait-Stadt geboren. "Guapa" ist sein erstes Buch (Bild: Sami Haddad)

Ja, es wird derzeit viel geredet über Islam, Islamismus und Islamfeindlichkeit. Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Und es wird heftig geschossen von einem fundamentalistischen ideologischen Lager aufs andere.

Auch innerhalb der LGBTI-Community wird im Zusammenhang mit queeren Flüchtlingen aus dem Nahen Osten leidenschaftlich gestritten, ob das "westliche" Konzept von Homosexualität – als eigene Identität mit eigenen Lebensformen und -ritualen – zur "arabischen" Welt und Menschen aus dieser Welt passe. Oder ob wir als weiße privilegierte Westler da nicht, mit der uns eigenen Überheblichkeit, den "anderen" unser vermeintliches Erfolgskonzept aufdrängen, als späte Form des Kolonialismus?

Genau in diese Debatte platzt nun das Buch "Guapa" von Saleem Haddad herein, ein Autor, der 1983 in Kuwait-Stadt geboren wurde als Sohn einer irakisch-deutschen Mutter und eines libanesisch-palästinensischen Vaters. Haddad wuchs in Jordanien, Kanada und Großbritannien auf und lebte viele Jahre in Syrien, Jemen und dem Irak.

Coming-of-Age im Arabischen Frühling

Sein 390-Seiten-Roman handelt von einem jungen Mann, der in einer namenlosen Stadt im Nahen Osten lebt, die sich in einer revolutionären Übergangsphase befindet: der mit brutaler Unterdrückung herrschende Präsident und seine Junta sollen abgesetzt werden, an seine Stelle will die revolutionäre Jugend treten. Es ist der Traum vom Arabischen Frühling, der hier durchgespielt wird. Wobei die Anonymität des Ortes es erlaubt, die Schilderung auf jedes beliebige Land der Region zu beziehen, was dem Buch eine beklemmende Universalität gibt.

Aus schwuler Sicht sind an "Guapa" zwei Dinge bemerkenswert: Der 27-jährige Protagonist Rasa sucht einen Weg, wie er in dieser revolutionären Umbruchstimmung mit seiner Liebe zu einem anderen Mann namens Taymour umgehen soll, der aus der besseren Gesellschaft stammt und von dem erwartet wird, dass er eine Frau heiratet. Was von Rasa ebenfalls erwartet wird, egal ob er Sex mit Männern hat oder nicht.

Ist er ein Homosexueller, ein Sodomit, ein Perverser, ein Unglücklicher, jemand wie George Michael? Lange bleibt Rasas "schreckliches Unglück" ohne Namen. Lange glaubt er, dass "Schwulsein" nichts für ihn sei: "Meine Homosexualität würde mich nur immer wieder in die Entfremdung zurückführen, egal wohin ich ging." Und Rasa will kein Fremder sein, er will als Mensch in der Gemeinschaft leben und akzeptiert werden.

Doppelleben und Geheimpolizei


Der Roman "Guapa" ist im Berliner Albino Verlag erschienen

Zum anderen wird im Roman eindrucksvoll beschrieben, wie die Revolution zunehmend von denjenigen übernommen wird, die nach dem Umsturz einen islamisch geprägten Staat erbauen wollen, wo an jeder zentralen Stelle des Landes Moscheen stehen und wo sich alle den moralischen Regeln einer strengen Koranauslegung unterwerfen müssen. Für "Perverse" mit gleichgeschlechtlichen Sehnsüchten ist da kein Platz. Diese Situation stürzt Rasa in eine existenzielle Krise, von der der Roman als Coming-of-Age-Story erzählt.

Von Rasa wird erwartet, dass er sich den gesellschaftlichen Regeln der arabischen Welt anpasst: Männerfreundschaften sind möglich, Sex unter Männern wird stillschweigend toleriert, aber es darf nicht die Fassade der Wohlanständigkeit gestört werden. Alle – egal ob schwul oder lesbisch – müssen heiraten und Kinder in die Welt setzen. Falls sie homoerotische Bedürfnisse haben, sind sie verdammt, diese in einem geheimen und verborgenen Doppelleben auszuleben. Bei dem wiederum die Gefahr besteht, dass die Geheimpolizei jederzeit zuschlagen kann und mit einer Verhaftung wegen unmoralischen Verhaltens in der Öffentlichkeit (zum Beispiel in einem Sexkino oder Nachtclub) Existenzen vernichtet.

Das ist eine Situation, die vielen älteren Europäern noch einigermaßen bekannt vorkommen dürfte: so funktionierten (und funktionieren teils noch immer) Gesellschaften in Irland oder Italien, die stark von religiösen Institutionen wie der katholischen Kirche geprägt sind. So funktionierte bis weit ins 20. Jahrhundert auch schwul-lesbisches Leben in Deutschland. Das ist also nicht per se ein Phänomen, das ausschließlich die islamisch geprägte Welt betrifft.

Regelwerk ewiger Scham

Die Folge der gesellschaftlichen Zwänge ist für Rasa, dass er mit niemandem über seine Beziehung mit Taymour sprechen kann. Jahrelang nicht. Er muss sich nachts heimlich mit ihm treffen, und als seine Großmutter die beiden im Schlafzimmer erwischt, kann er nicht einmal in seinem eigenen Haus offen über seine Gefühle reden, sondern wird verstoßen. Weil er umgeben ist von einem "Regelwerk ewiger Scham", das alles dominiert, auch das Denken seiner Großmutter. Ihr sind die Gefühle ihres Enkels gleichgültig, wenn es darum geht, was "die Gesellschaft" denken könnte über ihre Familie – und über sie selbst. Auf Arabisch sagt man "eib", es ist ein Wort, das den Roman von Anfang bis Ende durchzieht. Ein Begriff, der dehnbarer ist als das im Islam streng Verbotene: "haram".

Das Interessante am Roman ist, dass die Großmutter Teta explizit keine gläubige Muslima ist. Sondern einfach die Denkstrukturen des Nahen Ostens verinnerlicht hat. Homosexualität ist da nur in einem hermetisch abgeschotteten Raum möglich. Sobald sie "durch einen winzigen Spalt im Schlüsselloch" nach außen dringt, bricht alles zusammen. Auch der Familienfrieden und -zusammenhalt.

Im mittleren Teil des dreiteiligen Buchs beschreibt Haddad, wie sein Protagonist Rasa in den USA studiert und dort als Araber im Campusleben eine "neue Kategorie des Andersseins" erlebt nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Er wird als "Araber" beäugt und als Gefahr wahrgenommen, als jemand, vor dem man sich in Acht nehmen muss.

Das macht es für Rasa auch im Westen schwer, seine Homosexualität auszuleben. Er zieht sich zurück in die Keller einer Bibliothek. Trotzdem lernt er schließlich in einem Kurs einen anderen Mann kennen, der auch aus dem Nahen Osten stammt, aber schon als Kind in die USA gekommen ist. Zwischen den beiden bahnt sich eine Beziehung an. Aber ein Kuss scheitert eklatant, weil der Liebhaber Rasa erklärt, Homosexualität sei "unarabisch" und "verwestlicht".

Rasas Kommilitonin Leila erklärt daraufhin: "Diese arabischen Amerikaner sind noch schlimmer als die Weißen. Sie sehen dich immer an, als würden sie dich kennen, als könnten sie sich mit den Klischees in ihren Köpfen und den uralten Erinnerungen ihrer Eltern ein Bild von dir machen. Und wenn du diesem Bild dann nicht entsprichst, sind sie geschockt. Für sie ist ihre arabische Kultur reine Fassade – dahinter sind sie weiß wie Schnee."

Der ungeküsste amerikanische Araber beginnt daraufhin eine Beziehung mit Leila, lässt sie aber irgendwann fallen und radikalisiert sich: als eine Form der Bewältigung und Unterdrückung eigener Homosexualität?

Ticket in die Freiheit

Das ist eine von vielen bemerkenswerten Fragen, die Saleem Haddad aufwirft. Auch die, was Rasas endloses politisches Protestieren eigentlich bewirken soll, wenn er nach der Revolution als Homosexueller noch mehr unterdrückt würde als vorher? Haddad beschreibt auch, wie einzelne Araber sich in dem titelgebenden Nachtclub Guapa an homosexuelle Westler heranmachen, weil sie in ihnen ein "Ticket in die Freiheit" sehen, um ein Visum fürs Ausland zu bekommen. Homosexualität wird hier als Tauschmittel eingesetzt und ausgespielt, Menschen ordnen sich einem westlichen Konzept aus Not unter. Und müssen dann alle Brücken zu ihrer eigenen Kultur hinter sich abbrennen. Nur um sich dann im Ausland noch fremder zu fühlen?

Mit solchen Identitätsfragen steuert der Roman im dritten Teil seinen Höhepunkt an. Nach dem Krach mit der Großmutter geht Rasa als Gast zur Hochzeit von Taymour – der Leila heiratet. In einem arabischen Traumpalasthotel wie aus einem Disney-Film, wo die gesamte feine Gesellschaft des anonymen Landes anwesend ist. Dabei wird durchexerziert, was es bedeutet, wenn man sein Leben den Normen und der Fassade anpasst – am Beispiel vieler Schul- und Studienfreunde Rasas, die sich alle wiedertreffen.

Rasa muss sich angesichts der Lebensgeschichte dieser Bekannten fragen, ob es das ist, was er für sich selbst will. Wobei die Hochzeit von Taymour und Leila natürlich die zentrale Rolle einnimmt. Rasa kommt nach (zu) vielen Gin Tonics zu dem Schluss, dass eine Revolution bei ihm selbst anfangen muss. Dass er die Mauern der Scham durchbrechen und zu sich selbst stehen muss, um seine Liebe zu wem auch immer frei leben zu können. Der sich daraus ergebende Showdown mit Taymour, Leila, Großmutter Teta und sich selbst ist das bewegende Finale.

Gesellschaftliche Umbrüche

Man könnte jetzt lange über die literarischen Qualitäten von "Guapa" streiten: Nein, das Buch ist bei weitem nicht so brillant konstruiert wie Garth Risk Hallbergs "City on Fire" oder so einfühlsam in den Porträts wie "A Little Life" von Hanya Yanagihara. Die Sprache ist einfach gehalten in der Übersetzung aus dem Englischen von Andreas Diesel, aber flüssig und angenehm zu lesen.

Die Wucht der Erzählung ergibt sich aus dem Inhalt. Natürlich gibt es bereits tausende von Coming-out-Geschichten. Eine solche jedoch in den Kontext der gesellschaftlichen Umbrüche in der aktuellen arabischen Welt zu stellen – auch in den Kontext der entsprechenden Communitys im Westen – ist neu. Und macht dieses Buch so lohnend.

Saleem Haddad ist in seinem Debütroman nicht belehrend. Er tut auch nicht so, als wüsste er die Antworten auf alle Fragen. Aber er dekonstruiert viele Argumente, dass offen gelebte Homosexualität nach westlichem Vorbild nicht zur arabischen Kultur passe, indem er im Detail schildert, was es bedeutet, Homosexualität im Nahen Osten nicht (!) offen zu leben und sich vermeintlich unumstößlichen kulturellen Verhaltensnormen der Region zu unterwerfen. Das ist besonders beklemmend, wenn man an die post-revolutionären Alternativen denkt, die im Roman aufscheinen. Sie machen verständlich, warum Saleem Haddad heute in London lebt.

Infos zum Buch

Saleem Haddad: Guapa. Roman. Deutsche Übersetzung von Andreas Diesel. Klappenbroschur. 390 Seiten. Albino Verlag. Berlin 2017. 16,99 € (ISBN 978-3959850841). E-Book: 9,99 €


#1 OrthogonalfrontAnonym
  • 13.05.2017, 10:15h
  • "ohne sich einem westlichen Konzept von Homosexualität anzupassen"

    Stopped reading right there!
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#2 goddamn liberalAnonym
  • 13.05.2017, 10:32h
  • Antwort auf #1 von Orthogonalfront
  • Na ja, man kann ja ruhig weiterlesen.

    Die Frage ist ja, ob die Kategorien im Jahr 2017 noch taugen.

    Ist der Westen noch westlich, wenn es im Weißen Haus zugeht ,wie im Kreml?

    Ist der Westen immer böse (wie z. B. der Putinismus es sieht)?

    Ist Deutschland mit seinen islamischen und indischen SS-Divisionen überhaupt ein westliches Land?

    Ist z. B. der kurdische Nationalismus nicht westlich?

    Kann man Freiheit mit einer Himmelsrichtung gleichsetzen?
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#3 TamakAnonym
  • 13.05.2017, 11:03h
  • Antwort auf #1 von Orthogonalfront
  • Ich finde diesen linksextremen Ansatz in der Tat auch verstörend. Erinnert mich ein wenig an den vor einigen Wochen bei queer.de erschienen Artikel über ein Sachbuch, in dem die lesbische Rezensentin "schwulen Weißen" abspricht, sich in der Öffentlichkeit zu küssen, weil damit people of color unterdrückt würden. Da kann man sich auch nur an den Kopf fassen.

    Was soll denn ein "westliches Konzept" von Homosexualität bitte sein?! Dass man (anders als vor 50 Jahren) inzwischen nicht mehr seine bürgerliche Existenz verliert, wenn man schwul ist? Dass man Homosexualität auch mit Liebe verbindet anstatt mit sexuellee Befriedigung?

    Paranoide Züge nimmt es an, wenn sich ein schwarzer schwuler Youtuber in den USA als "same-sex-loving" bezeichnet, weil "gay" ein "weißer Begriff" sei.
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#4 OrthogonalfrontAnonym
#5 goddamn liberalAnonym
#6 goddamn liberalAnonym
#7 LarsAnonym
  • 13.05.2017, 11:36h
  • Antwort auf #1 von Orthogonalfront
  • Wenn Du den Artikel nicht weiter lesen willst, dann lies ruhig den Roman. Der ist wirklich gut und differenziert.

    Am meisten hat mich beeindruckt, dass es in dieser Erzählung nicht einfach um "schwule" Identität geht, sondern um Identität in einer globalen Welt. So fühlt sich der Erzähler im Nahen Osten als "Schwuler", weil es das Merkmal ist, was ihn "anders" macht. In Amerika erkennt er plötzlich irritiert, dass er dort als "Araber" wahrgenommen wird und plötzlich steht seine arabische Identität für ihn im Mittelpunkt.

    Es wird auch herausgearbeitet, dass im Nahen Osten, wie früher auch in Deutschland, die Freiheit des Auslebens von Homosexualität und einer schwulen Identität sehr von der sozialen Stellung abhängt.

    Der Erzähler ist ein privilegierter, westlich geprägter Araber (so hat er eine verschollene amerikanische Mutter und einen arabischen Vater) und ist in der Lage eine schwule Identität aufzubauen. Die Schwulenrazzia, die geschildert wird, findet aber nicht in seinem schwulen Kellerlokal statt, sondern in einem Kino im Vorort, der einzige Ort, wo die unterprivilegierten Leute aus den sich islamisierenden Vorstädten hinbewegen können, weil sie zu Hause noch weniger Privatsphäre haben, als der Erzähler. So wird der Erzähler auch nicht verhaftet, sondern sein tuntiger Freund (auch er ein bürgerlicher, der Shows in Drag macht), der einfach die Regeln der soziale Abgrenzung nicht beachtet hat. Dieser Freund, erweist sich übrigens der heimliche Held oder leiser Hoffnungsträger des Buches.

    Insgesamt bekommt man eine Ahnung, warum und wie sich Menschen außerhalb Europas sich bedingt von ihren sozialen Situationen verhalten und Identitäten bauen.

    Dabei kommen weder der USA-Turbokapitalismus, der Islamismus und erst recht nicht die arabischnationalisitischen, halb spätstalinistischen Regime. Die zerstörten Hoffnungen nach der gescheiterten Revolution, in der die jungen Menschen ein echtes Gemeinschaftsgefühl in ihrer Gesellschaft erspürten, werde umso bitterer erfahrbar.

    Faszinierend übrigens, welche Art von Lyrik und Musik der Erzähler in seiner Kassette abspielt als Liebes- und Liebeskummermusik. Schwer zu verstehen für westliche Ohren, dass der gleiche Mensch ebenso in den Songs von George Michael zu Hause ist.
    youtu.be/CrNLKV2oMFQ
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#8 OrthogonalfrontAnonym
  • 13.05.2017, 11:40h
  • Antwort auf #3 von Tamak
  • Da hast du recht. Allein wenn ich solche Stilblüten des White Guilt Komplexes lesen muss wie diese hier "Oder ob wir als weiße privilegierte Westler da nicht, mit der uns eigenen Überheblichkeit, den "anderen" unser vermeintliches Erfolgskonzept aufdrängen, als späte Form des Kolonialismus?", kommt mir schon literweise die Galle hoch!
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#9 OrthogonalfrontAnonym
#10 goddamn liberalAnonym
  • 13.05.2017, 12:01h
  • Antwort auf #9 von Orthogonalfront
  • Ich rede von deutschen Traditionen.

    Die zivilisationsfeindlichen Ideologien des 2. Weltkriegs (Hass auf die 'westliche' Demokratie und Lebensweise, Antisemitismus, Liebe zum edlen Wilden) sind rechts wie links in Deutschland noch sehr lebendig.
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