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Appell an die Politik

Liberale Muslime fordern Öffnung der Ehe für Schwule und Lesben

Der Liberal-Islamische Bund sieht weder im Koran noch im deutschen Grundgesetz ein Hindernis für die Gleichbehandlung von Schwulen und Lesben im Ehe-Recht.


Die liberalen Muslime können nicht erkennen, warum die Ehe für alle ihrem Glauben widersprechen sollte (Bild: Liberal-Islamischer Bund)

Der Vorstand des Liberal-Islamischen Bundes hat sich am Dienstag in einer Erklärung für die Öffnung der Ehe für Schwule und Lesben ausgesprochen. Es gebe weder theologische noch politische noch juristische Gründe dafür, Schwulen und Lesben weiterhin die Eheschließung zu verbieten.

So zitierte der Vorstand den zentralen Vers im Koran, der sich mit Partnerschaft beschäftigt: "Zu Seinen Zeichen gehört, dass Er für euch Partner aus euch selber geschaffen hat, damit ihr bei ihnen Ruhe findet, und Er hat zwischen euch Liebe und Barmherzigkeit bewirkt. Darin sind fürwahr Zeichen für Leute, die nachdenken."

Der Vorstand kommentiert diesen Vers mit den Worten: "Der Koran spricht im arabischen Originaltext nicht von 'Mann und Frau', sondern verwendet das Wort azwadsch, welches 'Paare'/'Teile eines Paares'/'Partner'/'Gatten' bedeutet. Der Vers ist so formuliert, dass die jeweils gemeinten Personen sowohl männlich als auch weiblich sein können." Das Zeugen von Nachkommenschaft werde in dem Vers nicht als erstrangiger Zweck von Partnerschaft angeführt. So heiße es etwa: "Reichtum und Kinder sind Schmuck des diesseitigen Lebens. Was bleibenden Wert hat, (nämlich) gute Taten, werden bei deinem Herrn besser belohnt und lassen (bei Ihm) eher Gutes erhoffen."

Grundlage für Partnerschaft in ihrem Glauben sei "die Liebe sowie eine Beziehung auf Augenhöhe, in der sich beide Beteiligten als Subjekte begegnen und ihrer Verantwortung und Pflichten einander gegenüber bewusst sind", argumentieren die liberalen Muslime. Daher unterstütze der Bund Muslime bei der Eheschließung "unabhängig von der sexuellen Orientierung der Partner*innen, sofern die genannten Kriterien erfüllt sind und mindestens eine Person geschlechterunabhängig Muslim ist". Es sei zu wünschen, "dass solche Ehen durch den Gesetzgeber auch säkular-rechtlich als Ehen anerkannt werden".

Politische Gründe für die Ehe-Öffnung

Auch politisch stehe der Aufhebung das Ehe-Verbots für Schwule und Lesben nichts im Wege. "Sofern argumentiert wird, dass Sinn und Zweck der Ehe Nachkommenschaft sei, müsste die Ehe auch z.B. für Senioren oder zeugungsunfähige Heterosexuelle verboten werden", so der Vorstand des Liberal-Islamischen Bundes. "Sofern argumentiert wird, dass Kinder mit beiden Geschlechtern als Eltern aufwachsen müssten, müsste auch Alleinerziehung untersagt werden." Schon heute würden Kinder von homosexuellen Paaren großgezogen. "Dass hierdurch das Kindeswohl gefährdet würde, ist durch keine Studie belegt. Kinder benötigen v.a. Liebe, Geborgenheit und Fürsorge – all dies kann auch von homosexuellen Eltern geleistet werden."

Ebenso seien juristische Einwände nicht überzeugend, wie sie im Wahlkampf etwa vom designierten NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) geäußert wurden (queer.de berichtete). Der Politiker hatte argumentiert, dass das Grundgesetz ein verschlüsseltes Ehe-Verbot für gleichgeschlechtliche Paare enthalte. Dagegen argumentieren die liberalen Muslime: "Der Wortlaut des Artikels 6 Grundgesetz ist offen. Zwar verstand der Verfassungsgeber 1949 unter 'Ehe' wohl eine Gemeinschaft von Mann und Frau. Darin liegt aber noch keine bewusste Entgegensetzung zur Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehen." Der Vorstand verwies dabei auf ein Gutachten der Verfassungsrechtlerin Friederike Wapler aus dem Jahr 2015 (queer.de berichtete).

Der 2010 gegründete Liberal-Islamische Bund setzt sich für eine liberale Auslegung des Islams ein und hat sich bereits wiederholt gegen die Diskriminierung von sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten engagiert. 2013 veröffentlichte der Bund ein Positionspapier zum Thema "Homosexualität und Islam", in dem die homosexuelle Orientierung als "weder sündhaft noch krankhaft" beschrieben wird (queer.de berichtete). Im vergangenen Jahr trat die Berliner Gemeinde des Liberal-Islamischen Bundes dem Bündnis gegen Homophobie bei (queer.de berichtete).

Laut einer Bertelsmann-Umfrage aus dem Jahr 2015 spricht sich rund die Hälfte der in Deutschland lebenden Muslime für die Ehe für alle aus (queer.de berichtete). (dk)



#1 SebiAnonym
  • 16.05.2017, 12:58h
  • Ich danke den liberalen Muslimen, dass sie sich so offen und deutlich auf unsere Seite stellen.

    Damit stellen sie sich nicht nur gegen ewiggestrige Deutsche, sondern auch gegen erzkonservative Muslime.

    Danke.
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#2 schwarzerkater
  • 16.05.2017, 12:59h
  • a) wer ist dieser verband? und wer unterstützt diesen Verband (auch finanziell)?
    b) sollte der verband denn nicht zuerst einmal innerhalb seiner religionsgemeinschaft ein vorzeigbares/repektables ergebnis seiner arbeit vorweisen können?
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#3 JustusAnonym
  • 16.05.2017, 13:05h
  • Leider wird auch dieser Appell bei unserer schwarz-roten Bundesregierung auf taube Ohren stoßen.

    Union und SPD ignorieren solche Forderungen einfach. Genau wie sie ignorieren, dass mehr als zwei Drittel der Deutschen für die volle Gleichstellung sind.

    Dennoch ist jeder solcher Appelle natürlich Gold wert. Denn er zeigt den Opportunisten von Union und SPD, dass wir nicht locker lassen und dass wir nicht vergessen...
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#4 Homonklin44Profil
  • 16.05.2017, 13:38hTauroa Point
  • ""Auch politisch stehe der Aufhebung das Ehe-Verbots für Schwule und Lesben nichts im Wege. "Sofern argumentiert wird, dass Sinn und Zweck der Ehe Nachkommenschaft sei, müsste die Ehe auch z.B. für Senioren oder zeugungsunfähige Heterosexuelle verboten werden", so der Vorstand des Liberal-Islamischen Bundes. "Sofern argumentiert wird, dass Kinder mit beiden Geschlechtern als Eltern aufwachsen müssten, müsste auch Alleinerziehung untersagt werden.""

    Endlich mal einer, der logisch denken kann.
    Im Rahmen der Konfession ist das schon 5 Schritte vorwärts gegenüber den bocksturen Argumenten der Christoformen, aber man muss auch erkennen, wie gering die Gruppe liberaler Muslime gegenüber dem Denken des Gros dasteht.

    Große Dinge haben einen kleinen Anfang. Vielleicht wird das mal eine Vernunftbewegung, ähnlich, wie es manche Protestantengruppen gegenüber den Katholiken und Evangelikalen sind.
    Hoffentlich vom übrigen Islam nicht gleich als "Häretiker" gebrandmarkt.
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#5 Paulus46Anonym
  • 16.05.2017, 13:40h
  • "Der 2010 gegründete Liberal-Islamische Bund setzt sich für eine liberale Auslegung des Islams ein und hat sich bereits wiederholt gegen die Diskriminierung von sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten engagiert. "

    Ich begrüße dies; aber immer noch warte ich darauf, dass zumindest einmal eine einzige Trauung eines homosexuellen Paares in einer Moscheegemeinde stattfindet. Vielleicht ist dies ja endlich einmal möglich, dass sich dort ein schwules/lesbisches Paar in einer der vier Moscheegemeinden des Liberal-Islamischen Bundes meldet.

    ---

    Ein wenig wirkt die Gründung des Liberal-Islamischen Bundes auf mich die historische Parallele, als Troy Perry 1968 in Kalifornien die protestantisch ausgerichtete Metropolitan Community Church gründete und damit dann die anderen "mainline" Kirchen wie die Presbyterian Church (USA), die United Church of Christ, die anglikanische Episkopalkirche der USA und die Christian Church (Disciples of Christ) sowie die Moravian Church (Herrnhuter Brüdgermeine) unter Liberalisierungsdruck in den darauf folgenden Jahrzehnten setzte.

    Ich wünsche dem Liberal-Islamischen Bund viel Erfolg innerhalb der Liberalisierungsbestrebungen im Islam, aber ich befürchte, das dies sehr sehr schwierig sein wird, denn gerade die grossen Islamverbände (DITIP, usw.) in Deutschland sind sehr, sehr reaktionär/rechtskonservativ ausgestaltet und es gibt eine ganze Reihe an islamischen Moscheen auch hier in Deutschland, die islamistisch/salafistisch geprägt sind und wo homosexuelle Menschen regelrecht als "Feindbild" gelten. Und an diesen islamistischen Moscheen wurde Hunderte von Deutsche so radikalisiert, das sie für die IS in Syrien in den Märtyrertod gezogen sind: das muss man sich erstmal klar vor Augen halten, was dort an diesen Moscheen selbst hier in Deutschland gepredigt wird !!!!
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#6 Sven100Anonym
  • 16.05.2017, 13:43h
  • "Laut einer Bertelsmann-Umfrage aus dem Jahr 2015 spricht sich rund die Hälfte der in Deutschland lebenden Muslime für die Ehe für alle aus "

    Man kann ja mal den Test machen und zwei schwule Männer nach Neukölln schicken, die die dortigen Muslims fragen, was sie davon halten würden, wenn sie heiraten würden.

    Ich glaube, die meisten Muslims wüssten gar nicht, um was es bei dieser Frage geht...
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#7 userer
#8 ursus
  • 16.05.2017, 15:00h
  • natürlich ist es irgendwie schöner, wenn man bei einem angeblich heiligen buch, das von homohass bis queerfreundlichkeit alle möglichen deutungen zulässt, die netteren interpretationen wählt.

    die eigene würde und freiheit erst in höchst widersprüchliche und teilweise menschenverachtende texte aus bronzezeit bis mittelalter hineindeuteln zu müssen, um beides für ethisch gerechtfertigt zu halten, hat mit wirklicher freiheit freilich nicht das allergeringste zu tun.
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#9 goddamn liberalAnonym
  • 16.05.2017, 15:21h
  • Antwort auf #2 von schwarzerkater
  • "sollte der verband denn nicht zuerst einmal innerhalb seiner religionsgemeinschaft ein vorzeigbares/repektables ergebnis seiner arbeit vorweisen können?"

    Nö.

    Ich freue mich über jede Solidaritätsgeste.

    Sowas wie kirchliche Strukturen gibt es bei Sunniten und Aleviten ohnehin nicht.
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#10 GronkelAnonym
  • 16.05.2017, 16:00h
  • Es stellt sich nur die Frage, warum zum Teufel Staatsverträge mit Erzkonservativen oder direkt vom Ausland gesteuerten Vereinen wie die Ditip geschlossen werden?
    Warum wird der Liberal-Islamische Bund nicht zum Aufbau von Islamunterricht genutzt? Wieso hat er kaum Einfluss bei Politikern und Parteien?
    Warum werden liberale Imane nicht für Moscheen zur Voraussetzung gemacht?
    Bei unseren Politikern liegt der Hund begraben, denn dass es liberale Moslems in großer Zahl gibt ist unbestritten, sie werden nur nicht beachtet.
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