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"Verschwörung der Opernschwulen"

Die Macht von Minderheiten. Oder: Wer darf wie über wen sprechen?

"Zeit"-Autorin Christine Lemke-Matwey äußert sich erstmals zum Homophobie-Skandal, den ihre Glosse über die schwule Oper "Edward II." im Februar auslöste. Sie fordert mehr "homosexuelle Souveränität".


Nur noch Homostücke mit Homos? Szene aus dem Film "Die Florence Foster Jenkins Story" mit Joyce DiDonato, ab 19. Mai als DVD erhältlich (Bild: Philipp Baben der Erde)

Es kommt wahrlich nicht oft vor, dass eine kleine Glosse in "Die Zeit" zu einem derartigen Aufschrei in der schwulen Community führt – und sogar eine Rüge von Ulrich Khuon, dem Präsidenten des Deutschen Bühnenvereins, nach sich zieht. Vorwurf: Homophobie.

Zur Erinnerung: Im Februar 2017 veröffentlichte die Hamburger Wochenzeitung einen Text von Christine Lemke-Matwey, der oberflächlich betrachtet eine ironisch zugespitze Kritik an der Neuproduktion "Eduard II." an der Deutschen Oper Berlin, der aber – bei genauerem Hinschauen – ein Outing der gesamten Führungstruppe an eben jenem Opernhaus war. Wohlgemerkt: ein Outing, das vorher nicht mit allen Betroffenen abgesprochen war und im Fall des Chefdramaturgen jemanden traf, der nicht einmal namentlich an der Produktion beteiligt war und sonst nie zuvor mit seinem Partner in der Presse als "schwul" aufgetreten ist.

Die Wogen schlugen hoch. Viele schwule Opernfans kündigten ihr "Zeit"-Abo, es gab Leserbriefe ohne Ende, auch eine Gegenrede von Johannes Kram vom Nollendorf-Blog, der die Homophobievorwürfe von Ulrich Khuon vom Bühnenverein relativierte und aus anderer Perspektive beleuchtete.

Der homophobe Wahnsinn in deutschen Feuilletons

Und dann? Nichts. Weder "Die Zeit" noch Christine Lemke-Matwey nahmen je Stellung zu den Anschuldigungen. Und im Opernbetrieb regte sich kein vergleichbarer Sturm der Entrüstung, als die "FAZ" in ihrer eigenen "Eduard II."-Kritik noch weit krassere Schwulenressentiments befeuerte. ("Es ist in der Oper nicht viel anders als früher im Sportunterricht: Zuerst kommen die heterosexuellen Männer, dann die homosexuellen und am Ende die Frauen, ob hetero- oder homosexuell, ist dann auch schon egal.")

Einen Monat später verstieg sich "FAZ"-Kollege Jan Brachmann – angesichts eines weiteren neuen Stücks mit homosexuellem Inhalt – zu der These: "Frauen, sogar mit Sinn für wirklich alles Schöne, könnten als Publikum an der Deutschen Oper Berlin inzwischen den Eindruck gewinnen, sie seien nicht mehr gemeint. Männer, die Frauen mit Herz und Sinnen zugeneigt sind, dürfte es ebenso gehen. Die Premierenplanung an der Bismarckstraße verpflichtet sich mehr und mehr einer Zielgruppenzuspitzung auf Männer, die sich nur für ihresgleichen interessieren."


Szene aus der Oper "Edward II." (Bild: Monika Rittershaus)

Starker Tobak, wie ihn die "FAZ" gern verbreitet: Achtung, bald übernimmt die schwule Opernmafia die deutsche Kulturszene, dann gibt's nur noch Homo-Stücke mit Homos im Theater, und alle Nicht-Homos können sich nicht mehr reintrauen, weil sie "nicht gemeint" seien. Dagegen protestierte niemand beim Deutschen Bühnenverein oder Presserat oder sonstwo. Es war einfach wieder Alltag und der ganz normale homophobe Wahnsinn in deutschen Feuilletons.

Diskussion im Schwulen Museum*

Nun widmet sich das Schwule Museum* Berlin dem Thema im Kontext der Ausstellung über Siegfried Wagner, der als Leiter der Bayreuther Festspiele (1906-1930) und als schwuler Sohn Richard Wagners selbst schmerzvolle Erfahrungen mit Homophobie machen musste. Am 25. Mai findet in der Lützowstraße eine Diskussionsrunde statt zur "Verschwörung der Opernschwulen". Daran wird auch Christine Lemke-Matwey teilnehmen und sich erstmals überhaupt zur "Eduard II."-Affäre äußern.

Es gehe ihr, sagte die lesbische Kritikerin vorab, um "homosexuelle Souveränität": "Es geht um die Macht von Minderheiten und es geht um die Frage, wer im aktuellen gesellschaftlichen Klima wie über wen sprechen darf. Ich habe das Gefühl, dass sich linker wie rechter wie schwuler Diskurs derzeit auf eine höchst ungute Art gegenseitig verstärken. Humor wird da ebenso wenig verlangt wie freies Denken."

Wie es sonst in Kulturredaktionen zugeht, diskutieren desweiteren Manuel Brug von "Die Welt" und Johannes Kram vom Nollendorfblog. Sie versuchen einzuordnen, ob Glossen wie die von Lemke-Matwey und Artikel wie die in der "FAZ" ein typisch deutsches Phänomen sind oder ob die anglo-amerikanische Presse über LGBT-Aspekte im Opernbetrieb anders berichtet. Zur Erinnerung: Während Barrie Kosky mit seinen deutlich schwulen Inszenierungselementen in Großbritannien zum "Opera Director of the Year" gekürt wurde, mäkelten deutsche (auch schwule) Kritiker wiederholt über zu viel Crossdressing und Tuntengehabe auf der Bühne der Komischen Oper; als müsse man sich dafür schämen, wenn schwule Sichtbarkeit zu intensiv würde.

Wer mitdiskutieren will oder Frau Lemke-Matwey selbst zu ihrer Position befragen will, hat dazu am 25. Mai um 18.30 Uhr exklusiv Gelegenheit.



#1 LasseJProfil
  • 18.05.2017, 22:48hBerlin
  • Der Artikel von Jan Brachmann wird hier in sehr unfair verkürzter, weil sinnentstellender Weise wiedergegeben. Sein Fazit war nämlich sinngemäß, dass die Zielgruppenbevorzugung völlig in Ordnung ginge nach Jahrhunderten wo es andersrum war.
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#2 HabukazProfil
  • 18.05.2017, 22:49h
  • Man braucht nur auf die Seite der Zeit zu gehen und nach "schwul" oder "homosexuell" zu suchen, um zu sehen, dass die Zeit schon seit Längerem überaus homophobe Meinungen vertritt.
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#3 godamn liberalAnonym
  • 19.05.2017, 08:32h
  • Antwort auf #2 von Habukaz
  • Deutschland ist ein postfaschistisches Land, in den Familien weitergegebene Mentalitäten wirken nach.

    Das gilt für umgelenkten Antisemitismus ('Pinkwashing', Israelhass, Beschneidungsdebatte, Wall-Street-Fantasien etc.) und für Homophobie.

    Die jedoch kommt auch in der selbsternannten Qualitätspresse sehr direkt rüber.
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